Predigt vom Karfreitag 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Karfreitag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott sieht alles. Diese Wahrheit können wir bekräftigen, selbst ohne den Glauben. Wer durch die Betrachtung der Schöpfung zu Erkenntnis gekommen ist, dass es einen Schöpfer gibt, der weiß, dass der Schöpfer so groß sein muß, dass er alles, was er geschaffen hat, im Innersten kennt und sieht. Der Glaube bestätigt diese Wahrheit. Wir wissen, dass Gott in die Herzen sieht, dass er weiß, was wir tun, dass er weiß, wer wir sind und dass wir seinem Blick nicht entgehen können.

Das lässt uns jedoch ziemlich kalt. Obwohl wir genau wissen, dass es so ist, sündigen wir weiter. Wir versuchen nicht uns zu bekehren, wir sind oft genug gleichgültig und blasiert. Dass Gott uns sieht, bewegt uns offensichtlich wenig. Wie aber ist es, wenn plötzlich dieser Gott unter uns weilt? Wenn er nicht nur mit dem scheinbar fernen göttlichen Blick, sondern mit einem wirklich menschlichen Blick uns ansieht? Wie ist es, wenn dieser menschliche Blick uns durchschaut, uns erkennt und in unser Herz blickt? So ist es nämlich dem Petrus ergangen. Er hatte den Herrn dreimal verraten. Da heißt es bei Lukas, „der Herr wandte sich um und blickte Petrus an… und [Petrus] ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lk 22, 61-62).

Der Herr blickt Petrus an. In der Heiligen Schrift wird im griechischen Text für dieses Anblicken das Wort ἐμβλέπω [emblepo] gewählt, das viel tiefer geht als unser Ausdruck des Anblickens. Manchmal meint ἐμβλέπω [emblepo] sogar „anstarren“. Das bedeutet, dass der Herr den Petrus intensiv angeschaut hat. Der Herr hat ganz konzentriert auf den Petrus geblickt und hat ihm mitten ins Herz geschaut. Dieser Blick, wie der gewählte Ausdruck uns aus dem Zusammenhang begreifen hilft, ist aber ein persönlicher Blick, ein Blick der Liebe, ein Blick der Sorge, ein Blick, der denjenigen, der so angeblickt wird, der damit in das liebende Auge des Gottmenschen blicken darf, im Innersten berühren kann, ihm aber doch die Entscheidungsfreiheit lässt. Auch den reichen Jüngling blickt Jesus so an: „Er blickte ihn an und liebte ihn…“ (Mk 10, 21). Dieser Blick ist kein ferner kalter Blick, sondern ein Blick der Liebe und Barmherzigkeit, der bei Petrus zur Bekehrung geführt hat.

Der Herr blickt auf seinem Leidensweg viele Menschen an, die ihm begegnen. Wir könnten diese Menschen in Gruppen einordnen. Zunächst sind da die „Unverbesserlichen und Verstockten“, die er vom Kreuz herab anblickt und die eine johlende Menge bilden, aufgestachelt durch die Pharisäer. Mit unserem bloß menschlichen Blick würden wir urteilen: „Da ist nichts mehr zu machen“. Der Herr blickt sie an, aber auch dieser Blick ist noch voll Barmherzigkeit. Er wendet sich an den Vater und sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23, 24). Auch die verstockten Sünder haben noch immer eine Chance! Auch dann, wenn wir uns in der Sünde verlaufen haben und nicht herausfinden, blickt uns der gütige Menschensohn verzeihend an und betet für uns zum Vater. Sein Blick weist uns den Weg zur Gnade!

Darauf blickt er diejenigen an, die bereit sind, sich zu bekehren. Das ist der Blick, den Petrus trifft, und das ist der Blick, den er dem Schächer schenkt, der ihn bittet, für ihn einzutreten. Dieser Blick führt zu Bekehrung und Rettung! Der Herr kann dem Schächer vorhersagen: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ (Lk 23, 43). In diesen Tagen sind wir alle eingeladen zu dieser Umkehr. Der Herr blickt uns voller Liebe und Barmherzigkeit an. Wir sollen uns im Innersten bekehren. Wir sollen zu Ihm hinblicken, damit Er uns anblicken und unser Herz rühren kann, damit wir Tränen der Reue vergießen können wie Petrus und damit Er uns verzeihen kann zu einem neuen Anfang.

Schließlich blickt der Herr auf seinem langen Leidensweg die Gerechten an, er blickt die Frauen von Jerusalem an, die über ihn weinen. Er sagt ihnen, für sich selber zu beten. Der Blick, den der Herr dabei annimmt, ist ein Blick der Nächstenliebe, der uns alle auffordert zu beten, um gerettet werden zu können. Er blickt Veronika an, die ihm in einem einzigartigen Liebesdienst voller Mut das Schweißtuch hinhält. Dieser Blick ist für immer festgehalten als eine Liebesgabe Gottes an die Menschen in diesem Schweißtuch, das die Kirche noch heute verehrt. Der Blick Jesu Christi ist ein Blick der ewigen Liebe und wo dieser Blick einmal hingefallen ist, da bleibt dieser Blick tief im Herzen und in den Dingen verankert.

Endlich blickt er auf dem Weg zum Kreuz und vom Kreuz herab seine Mutter an und den Johannes; den Johannes, der weggelaufen war und zurückgekehrt ist, ein bereits Bekehrter und dadurch gerecht Gewordener. Ihn trifft ein Blick liebender Verzeihung des göttlichen Freundes, der ihm die Sorge für die Mutter anvertraut. Die jungfräuliche Mutter aber bedarf der Hilfe. Wohl ist sie immer gerecht und ohne Makel gewesen, braucht angesichts des schrecklichen Leidens ihres Sohnes auf dem Weg und unter dem Kreuz jedoch Beistand, Kraft und auch menschliche Hilfe, denn sie ist Mensch geblieben. Sie blickt der Herr mit der tiefsten Sohnesliebe an, bestärkt sie in der Kraft der Gnade und schenkt Ihr in Johannes eine menschliche Stütze. Sein Blick endlich gibt ihr die einzigartige Gnade, Miterlöserin zu werden an dem Heil, das Er uns am Kreuz sterbend erwirbt.

Der Blick des Herrn ist ein Blick, der immer in die Tiefe unserer Seelen geht. Wir müssen uns am heutigen Karfreitag entscheiden, zu welcher Gruppe wir gehören wollen. Wollen wir zu denen gehören, die nur noch der Barmherzigkeit des Vaters anheimgestellt werden können, weil sie sich von der Sünde nicht mehr trennen wollen oder können? Wollen wir zu denen gehören, die aufrichtig daran arbeiten, sich zu bekehren und die trotz ihrer Schwachheit umkehren? Oder möchten wir uns die besondere Gnade erbitten, zu den Gerechten zu gehören, die dem Herrn auf seinem Leidensweg folgen, schließlich sogar unter dem Kreuz bleiben und nicht mehr weglaufen? Die Entscheidung ist unsere! Der liebende und barmherzige Blick des Herrn ist auf uns gerichtet! Es ist kein ferner Blick, kein gleichgültiger Blick, aber es ist ein Blick, der eine Antwort erheischt. Zu welcher Gruppe wollen wir gehören?

Halten wir uns deswegen nicht nur an diesem Karfreitag ganz nah zu jener Gruppe, die sich um Maria geschart hat. Bei der leidenden Gottesmutter sind wir sicher! Bei ihr trifft uns der Blick der göttlichen Liebe nicht unvorbereitet. Wir sind vielleicht zurückgekehrt oder stehen kurz davor, aber bei Ihr werden wir davor beschützt, noch einmal vor der Gnade zu fliehen. Wenn wir uns ganz nah an Maria halten, dann wissen wir, dass der Blick Christi sich mit dem Blick der Gottesmutter vereint und uns hilft, in Zukunft unter dem Kreuz auszuharren und Christus mit jener Liebe anzublicken, die Ihn dazu gebracht hat, für uns zu sterben.

Das ist die Botschaft des heutigen Tages: Der Herr blickt uns an! Er blickt in unser Herz und wir sollen ihm antworten. Sehen wir den gekreuzigten Heiland an und rufen aus ganzem Herzen: „Sieh‘ mich an, o Herr, und sei mir barmherzig!“ Amen.

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