Predigt zum Sonntag nach Christi Himmelfahrt

Keiner mag Feiglinge. Feiglinge, die zwar den Mund vollnehmen, sich aber im entscheidenden Moment zu drücken wissen. Feiglinge, denen ihr eigener Vorteil wichtiger ist als Treue und Festigkeit. Feiglinge, die einfach ihre Ruhe haben wollen. Nur keine Stellung nehmen müssen. Nur keine Position beziehen. Nur nicht für die Wahrheit Opfer bringen. Wer so handelt, ist ein Feigling. Keiner mag ihn, weil er im entscheidenden Moment nur an sich selbst denkt.

Dass ist nicht der Weg, den der Herr seinen Jüngern weist. „Auch ihr werden Zeugnis von mir ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir ward“, heißt es im heutigen Evangelium. Wer ein Jünger des Herrn sein will, der muss bereit sein, Zeugnis für Ihn abzulegen. Christus weist sofort auf die Konsequenzen hin, die ein solches Zeugnis haben kann: „Sie werden euch aus den Synagogen stoßen; ja, es kommt die Stunde, da jeder, der Euch tötet, Gott einen Dienst zu tun glaubt.“ Der Grund für diese letzte Konsequenz des Zeugnisses für Jesus, das die Verfolger der Jünger nicht dulden, wird ebenso angegeben: „Das werden sie euch antun, weil sie weder den Vater noch mich kennen.“ (Johannes 15, 26-27; 16, 1-4)

Der Herr beschönigt nichts. Er verheimlicht nicht, was es bedeuten kann, Sein Jünger zu sein. Er konfrontiert die Jünger mit den Tatsachen: So wie Er für uns zu sterben bereit war, so sollen auch seine Jünger bereit sein zu sterben, wenn es das Zeugnis erfordert. Wenn es soweit ist, sollen sie nicht erstaunt sein. Sie sollen sich nichts vormachen hinsichtlich der Folgen des Zeugnisses für Ihn. Er warnt sie vor: „Ich sage euch das, damit, wenn jene Stunde kommt, ihr euch daran erinnert, dass ich es euch gesagt habe.“ (Johannes 16, 4)

Die Stunde aber ist gekommen. Die Vorhersage des Herrn ist eingetroffen. Nicht nur einmal, sondern viele Male in der langen Geschichte der Kirche. Zuerst sind die Apostel alle aus den Synagogen gestoßen worden und schließlich alle, bis auf Johannes, den Märtyrertod gestorben. Dann hat sich ihr Schicksal unzählige Male wiederholt. Christen, die Zeugnis für den Herrn gaben, sind zu abertausenden unter den römischen Kaisern gemartert worden. Katholiken, die den wahren Glauben gegen Arianer, die Monophysiten, die Bilderstürmer, den Islam und andere Häretiker und Heiden bezeugt haben, wurden nicht nur oft aus den kirchlichen Versammlungen der Schismatiker ausgestoßen, sondern erlitten vielfach Verfolgung und Martyrium. Tausende von katholischen Missionaren sind für das Zeugnis Jesu blutig gestorben. Die Gewaltherrscher der modernen totalitären Staaten und ihre Sbirren haben den Opfertod unzähliger Priester, Ordensschwestern und Laien verschuldet.

Die Stunde, die Jesus ankündigt, ist nicht vorüber. Man hat mit Recht das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert als die Jahrhunderte mit der systematischsten Christenverfolgung bezeichnet. Nicht nur in der Vergangenheit, sondern zu dieser Stunde werden Menschen für ihr Christuszeugnis im Sudan, in Syrien, in Pakistan, in China, in Nord-Korea, in Nigeria, in Indien und in vielen anderen Ländern verfolgt und sterben. Das wird oft verschwiegen, ist aber die harte Wirklichkeit. Menschen, die an Christus glauben und Ihn bezeugen, werden noch heute von denen gehasst und getötet, „die weder den Vater noch den Sohn kennen“, aber in ihrer Verblendung glauben, „Gott einen Dienst zu tun“, wenn sie die Christen und vor allem die Katholiken verfolgen.

Bereiten wir uns also vor, damit wir nicht zu den Verrätern und Feiglingen gehören, wenn die Stunde kommt. Wir sind vielleicht nicht unmittelbar gerufen, unser Leben blutig zu opfern, obwohl auch das schnell kommen kann, wie die Geschichte Deutschlands zeigt. Aber wir sind gerufen, Zeugnis zu geben. Zeugnis für unseren katholischen Glauben. Zeugnis für die eine, heilige, apostolische und katholische Kirche. Zeugnis für den Herrn, der den Glauben verkündet und die Kirche gestiftet hat. Dieses Zeugnis ist nicht in unser Belieben gestellt. Wir können uns nicht drücken. Wer nicht klar sagt und verteidigt, was er glaubt, wird leicht zu einem Verräter an der Wahrheit, die Mensch geworden ist.

Hören wir daher auf die Stimme des Herrn, der uns eindringlich mahnt: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater“ (Matthäus 10, 32-33). Heute beginnt das Zeugnis nicht erst vor den Gerichtshöfen der Heiden, sondern in der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz, in allen unseren Verantwortlichkeiten.

Dieses Zeugnis erfordert Mut. Es ist nicht immer einfach. Oft genug kostet es Überwindung. Als Katholiken können wir uns nicht anpassen. Wir können nicht einfach „tun, was alle tun“. Wir können uns angesichts der Glaubenslosigkeit und der Unmoral in unserem engsten Umkreis nicht mit dem billigen Spruch abseilen: „Die Zeiten haben sich geändert.“ Doch wir sind auch nicht allein. Der Herr ruft uns nicht zum Zeugnis für Ihn, ohne uns gleichzeitig beizustehen, damit wir dieses Zeugnis trotz unserer Schwäche und Menschenfurcht geben können.  Wenn er uns zu seinen Jüngern macht, dann gibt er uns auch alles, was es dazu bedarf.

Wir sind nicht allein. Durch die Gemeinschaft der Kirche erhalten wir die Kraft der ständigen Gegenwart des Herrn. Er verlässt uns nicht, sondern bleibt in Seiner Kirche bei uns „alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28, 20). Im Allerheiligsten Altarsakrament gibt er uns die Zuversicht, nicht allein zu sein, wenn die Stunde des Zeugnisses kommt. Vor den Tabernakeln unserer Kirchen betend können wir die Glaubensstärke finden, im Kleinen und im Großen Zeugnis zu geben. Dort wird er uns die Gnade der Festigkeit schenken, so wie er sie den Aposteln geschenkt hat, die erst furchtsam und zweifelnd waren, dann aber zu Helden des Glaubens geworden sind. Der würdige Empfang der heiligen Eucharistie ist für uns Quelle mutigen Zeugnisses, denn mit Jesus im Herzen wissen wir, dass „unser Glaube der Sieg ist, der die Welt überwunden hat“ (1 Johannes 5, 4).

Wir sind nicht allein. Mit uns gibt die Kirche Zeugnis für Christus. Die Kirche aller Zeiten steht uns vor Augen: Die Kirche der großen Päpste und Bischöfe, die Kirche der frommen und glaubenstreuen Priester, die Kirche der unzähligen Märtyrer, Bekenner, der heiligen Männer und Frauen. Die streitende Kirche hier auf Erden ist in allen Jahrhunderten von der triumphierenden Kirche des Himmels und der leidenden Kirche des Fegfeuers in ihrem großen Zeugnis für Christus unterstützt worden. Mag auch der Einzelne, sei er Papst, Bischof, Priester oder Laie, der Höhe dieses Zeugnisanspruches nicht immer gerecht werden, so stützt uns doch das Zeugnis der katholischen Kirche als Ganze. Ihre Lehre macht unser Zeugnis zu einem Zeugnis der Wahrheit, gestern, heute und bis zum Ende der Zeit.

Wir sind nicht allein. Der gute Umgang mit anderen gläubigen Katholiken stärkt und befähigt uns zum Zeugnis Christi gegenüber der Welt. Darum sollen wir uns gegenseitig stärken: „Vor allem liebet einander allezeit, denn die Liebe deckt viele Sünden zu“, sagt uns der Apostelfürst in der heutigen Epistel (1 Petrus 4, 2). Er ermahnt uns zur Gastfreundlichkeit und zu gegenseitigem Dienst. Wenn wir Katholiken uns untereinander stützen, wenn wir mit unseren jeweiligen Gnadengaben den anderen helfen, wenn zwischen uns ein gutes Einvernehmen herrscht, wenn wir einander verzeihen, einander ermutigen und uns gegenseitig in diesen schweren Zeiten trösten, dann gibt uns solche Gemeinschaft Kraft zum Zeugnis für den Herrn. Geben wir gemeinsam unser Zeugnis für Christus! Je mehr wir im wahren Glauben und in der Nächstenliebe einig untereinander sind, desto mehr bleiben wir für uns und andere „gute Verwalter der mannigfachen Gnade Gottes“.

Wir sind nicht allein. Der Herr bleibt bei uns, aber er schenkt uns auch Seinen Geist, der uns zum Zeugnis befähigt. Wir hören im Evangelium: „Wenn der Tröster kommt, den ich Euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird Er Zeugnis von mir ablegen!“ (Johannes 15, 26). Diesen Tröster hat der Herr schon gesandt. Der Heilige Geist ist die unsichtbare Seele der Kirche. Er trägt ihr unfehlbares Lehramt und wirkt mit seiner Kraft in den Sakramenten. Er ist in ihr als Geist der Wahrheit, der Nächstenliebe und der Einheit. Wir alle sind in Taufe und Firmung Tempel des Heiligen Geistes geworden. Deswegen sind wir niemals allein mit unserem Zeugnis.  In jedem Moment mutigen Zeugnisses geht seine Kraft uns voraus, begleitet unser Bekenntnis und schenkt uns die Frucht des Glaubens. Deswegen kann Petrus uns und den Amtsträgern in der Kirche zurufen: „Wer redet, rede Gottes Wort. Wer ein Amt hat, verwalte es mit der Kraft, die Gott gibt, damit in allen Dingen Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus unsern Herrn“ (1 Petrus 4, 11).

Wir sind in der Tat nicht allein. Wir finden den Mut zum Zeugnis, zu dem Jesus uns ruft, in der Gemeinschaft der Kirche. Der Herr selbst bleibt mitten in seiner Kirche im Sakrament des Altares und hilft uns, Ihm treu zu bleiben. Die unveränderte Lehre Seiner Kirche und ihre großen Bekenner geben mit uns Zeugnis. Der Herr ist es auch, der unter uns die Einheit der gelebten Nächstenliebe schafft, mit der wir uns gegenseitig zum Zeugnis stärken und ermutigen. In der Gemeinschaft der Kirche weht der Geist Gottes, der uns tröstet, wenn wir furchtsam sind, und uns Seine Kraft schenkt, wenn wir zum Bekenntnis gerufen werden.

Dieses bekennende Zeugnis ist jeden Tag aktuell. Unser Leben als Katholiken, unser Festhalten am Glauben unserer Väter, unser Bekenntnis für Christus und Seine Kirche wird niemals unmodern. Die Zeiten mögen sich geändert haben, aber das Gebot des Herrn, Zeugnis für Ihn zu geben, ändert sich nicht. Mit Milde und Güte, mit Geduld und Liebe, aber auch mit Kraft und Stärke, Wahrheit und Festigkeit bekennen wir den Herrn, wenn und wo immer unser Glaube gefragt ist. Wir sind keine Feiglinge, wir sind Katholiken. Jeder Katholik aber ist Jünger und Apostel! Amen.                                                             

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

PREDIGT ZU CHRISTI HIMMELFAHRT

„Wir haben doch sowieso alle denselben Gott“. Diese banale und vordergründige Aussage dient heute allenthalben zur Entschuldigung dafür, dass angeblich „jeder nach seiner Fasson selig werden kann“, wie es schon der Freimaurer Friedrich II. von Preußen formuliert hat. Haben wir wirklich alle denselben Gott? Können wir uns so einfach aus der Affäre ziehen? Was steckt hinter dieser leichtfertigen Behauptung?

Zunächst einmal müssen wir klar erkennen, dass in diesem Satz zwei ganz verschiedene Inhalte in einen Topf geworfen werden. Die Aussage „Wir haben alle denselben Gott“ ist nämlich richtig, wenn sie sagen will, dass es nur einen wahren Gott gibt, der die Welt, alle ihre Geschöpfe und auch alle Menschen geschaffen hat. Der wahre Gottesbegriff schließt logischerweise ein, dass es nur einen allmächtigen, allwissenden, allerhaltenden Gott geben kann. Wäre Gott nicht über alles erhaben und einzig in seiner Majestät, dann wäre er eben nicht Gott. Die Existenz eines höchsten Wesens, von dem alles abhängt und das alles regiert, schließt jede Vielgötterei aus. Es gibt in der Tat nur einen Gott. Von Gott aus gesehen stimmt es also, dass „wir alle denselben Gott haben“. Wäre es nicht so, gäbe es keinen Gott.

Das aber will die so oft wiederholte Banalität eigentlich gar nicht sagen. Sie meint vielmehr, dass „wir alle an denselben Gott glauben“. Das aber ist schlicht und einfach falsch. Gott hat sich nämlich auf eine ganz bestimmte Weise und ein für alle Mal offenbart. Das heißt, er hat uns gelehrt, was sein Wesen ist, was er tut und was nach seinem Willen unsere Bestimmung ist. Diese eine wahre Offenbarung hat Er in ihrer Gesamtheit der Kirche übergeben, die sie in Schrift und Tradition, also im Alten und Neuen Testament und ihrem Lehramt, bewahrt und überliefert. Durch den Heiligen Geist, der der Kirche darin beisteht, diese Überlieferung unversehrt zu erhalten, garantiert Gott selbst die bleibende und unveränderliche Wahrheit des offenbarten Gottesbildes.

Wer also nicht daran glaubt, dass Gott der Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt ist, wer nicht daran glaubt, dass Gott der Eine und Dreifaltige ist, wer nicht daran glaubt, dass die Zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit Mensch aus der Unbefleckt Empfangenen Gottesmutter Maria geworden ist, wer nicht daran glaubt, dass Er für uns den Erlösungstod starb und am dritten Tag von der Toten auferstand, wer nicht daran glaubt, dass Er am Ende der Zeiten als Richter wiederkommen wird, wer nicht an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und die Auferstehung des Fleisches glaubt, der glaubt nicht an denselben Gott wie wir. Kurz, wer das nicht bekennt, was wir im Glaubensbekenntnis beten, hat nicht den gleichen Gottesbegriff wie die Kirche und glaubt nicht an den wahren Gott.

Diese Wahrheit zu betonen, ist am heutigen Tag der Himmelfahrt Christi auch der Kirche immer besonders wichtig gewesen, wie die Messtexte zeigen. Sowohl die Epistel wie das Evangelium des heutigen Tages sprechen unumwunden von der einzigartigen Macht Gottes, die in der Himmelfahrt des Erlösers allen offenbar wird. Dieses Geschehen war zu der Zeit, als es geschah und aufgeschrieben wurde, bereits genauso außergewöhnlich wie heute. Die Reaktion der Pharisäer, die Reaktion der Bewohner Kapharnaums, die Reaktion der Zuhörer des heiligen Paulus auf dem Areopag gegenüber der Verkündigung Jesu und der Apostel zeigt, dass die Menschen immer schon gezweifelt haben. Wie wir im heutigen Evangelium hören, zweifelten sogar die Jünger. Trotzdem hat Jesus den Missionsauftrag gegeben. Trotzdem hat die Kirche im Auftrag Jesu zu allen Zeiten furchtlos die Größe Gottes verkündet, der in seiner Allmacht die Naturgesetze aufheben kann und uns in der Himmelfahrt seines Sohnes zeigt, dass er wirklich Gott ist. Hier offenbart sich die Majestät des einen wahren Gottes, der Himmel und Erde erschaffen hat, und dessen Heilswirken uns alle erlöst, wenn wir an ihn glauben und seinen Geboten folgen.

Deswegen verbindet Gott mit dem Beweis Seines göttlichen Wesens und Seiner Allmacht, der in der Himmelfahrt offenbar wird, auch einen klaren Auftrag: „Gehet hin in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Markus 16, 15) Weil der wahre Glaube zum Heil der vielen notwendig ist, darf er nicht verschwiegen werden. Weil das Glaubensbekenntnis uns den wahren Gott offenbart, der uns durch den Glauben an Ihn retten will, hat Gott selbst seiner Kirche den unmissverständlichen Auftrag gegeben, allen Menschen, ja der ganzen Schöpfung dieses Glaubensbekenntnis weiterzugeben. Dieser Auftrag Gottes besteht unvermindert fort. Bis zur Wiederkunft Christi sind wir gerufen, diesem Auftrag zu folgen und das Evangelium unverfälscht, „sei es gelegen oder ungelegen“ (2 Timotheus 4, 2), allen Menschen zu verkünden. Es gibt keine Kirche ohne Mission!

In der Erfüllung dieses Auftrages hat der Herr aber seine Kirche nicht alleingelassen. Er hat ihr vielmehr einen Beistand gegeben, der besonders den Trägern der heiligen Ämter in der Kirche verliehen ist. Wie uns die Apostelgeschichte berichtet, sagt er zu den Aposteln kurz vor seiner Himmelfahrt: „Doch werdet ihr Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf Euch herabkommt, und ihr werdet meine Zeugen sein…bis an die Grenzen der Erde!“ (Apostelgeschichte 1,8). Diese Kraft der Zeugenschaft hat die Apostel und ihre Nachfolger seit dem Pfingstereignis bis zum heutigen Tag nicht verlassen. Nicht alle sind dieser göttlichen Kraft und dem durch sie ermöglichten Auftrag immer gerecht geworden, auch nicht in der heutigen Zeit. Die Kraft Gottes aber bleibt durch den Geist bei der Kirche. Sie hat die Vollmacht, den wahren Gott und seine Großtaten zu verkünden, damit alle erfahren, wo der Weg zum Himmel zu finden ist.

Es ist also sehr wichtig, auch heute den Glauben an den einen wahren Gott, der sich in der Himmelfahrt von neuem als der Eine, Dreifaltige und Allmächtige offenbart, ohne Furcht zu verkünden. Es ist eben leider nicht wahr, dass „wir alle an denselben Gott glauben“. Viele falsche Gottesbilder existieren und selbst die Christen glauben nicht alle an die ganze Wahrheit des Evangeliums. Für solche, die ohne eigene Schuld irren, wird die Barmherzigkeit Gottes einen geheimnisvollen Heilsweg finden können, wenn sie seinem Gesetz in ihrem Herzen folgen. Nach der Lehre der Kirche könnte sie der implizite Wunsch nach der Taufe, der in der Suche nach dem wahren Gott eingeschlossen sein kann, durch die Güte Gottes doch zum Heile führen. Dieser Weg aber ist unsicher und verborgen. Wir dagegen haben unter der Leitung der Nachfolger der Apostel die Aufgabe, allen den klaren, sicheren, von Gott geoffenbarten Heilsweg der Kirche zu zeigen. Wir haben die Aufgabe, Zeuge für den einen wahren Gott zu sein, der Seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um die vielen zu retten.

Das ist die doppelte Botschaft von Christi Himmelfahrt: Gott in seiner Allmacht zu bekennen und allen Sein Heil zu verkündigen. Diese Botschaft ist unverändert. Der triumphierende Herr, Sieger über Tod und Teufel, hat uns den Auftrag zu ihrer Verkündigung gegeben. Wir sollen bekennen: Ja, es gibt nur einen Gott! Ja, er hat uns in Christus erlöst und die Fortsetzung dieses Erlösungswerkes Seiner Kirche bis zum Ende der Zeiten anvertraut! Ja, wir sind durch die Taufe geheiligt und haben den Auftrag, diese Freude zu verkünden bis an die Enden der Erde! Die Himmelfahrt Christi ist wie ein Siegel unter diesem feierlichen Auftrag des Herrn: „Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum fünften Sonntag nach Ostern

Worauf kommt es eigentlich in unserem Glauben an? Was müssen wir tun, um Gott wirklich zu gefallen? Was sind die wichtigsten Elemente in einem christlichen Leben? Diese Fragen, die sich angesichts der gegenwärtigen Situation von neuem stellen, können wir in den heutigen Messtexten beantwortet finden. Sie sprechen uns von drei Grundhaltungen, die jeder haben muss, wenn er Gott dienen will. Diese Grundhaltungen lassen sich zusammenfassen in den Aufforderungen des Herrn und des Apostels Jakobus: 1. In Jesu Namen zu beten und zu handeln; 2. Werke der Barmherzigkeit zu tun; 3. Sich von der Welt unbefleckt zu bewahren.

Die erste Grundhaltung, alles in Jesu Namen zu tun, führt uns wieder zum Thema der Wahrheit: Viele Menschen beten und handeln. Beides sind nicht etwa automatisch christliche Verhaltensweisen.  Gebet oder Aktion können ambivalent oder sogar falsch sein. Wenn nicht die richtige Intention dahintersteht und nicht das wahre Ziel das Motiv ist, bleiben diese Haltungen bestenfalls rein natürlich, oft sogar steril oder schädlich für den Einzelnen und das Gesamt der Gesellschaft.

Viele Menschen beten zu Götzen oder wenden sich an falsche Götter, oft mit großer Regelmäßigkeit. Es gibt Religionen direkt vor unseren Augen, deren Mitglieder in ihrem religiösen Leben von einer starken persönlichen Überzeugung getragen sind. Das aber macht ihr Gebet nicht heilswirksam, weil sie sich nicht an den einen wahren Gott wenden. Vergessen wir nicht, was die Schrift sagt: „Dii gentium daemonia sunt, die Götter der Heiden sind Dämonen!“ (Psalm 95, 5)

Ebenso gibt es Menschen, die sehr aktiv sind, sei es in sozialer, wirtschaftlicher, politischer oder humanistischer Hinsicht. Manche dieser Handlungen, wenn sie dem Naturrecht entsprechen, das Gott in das Herz aller Menschen geschrieben hat, tragen natürliche gute Früchte. Viele aber sind mehr von egoistischen oder rein materiellen Motiven getragen und führen auf die Dauer zu nichts Gutem. Jeder rein innerweltliche Aktivismus bleibt in jedem Fall ausschließlich in der Welt stecken. Bestenfalls dient dieser Aktivismus eine Zeitlang dem äußerlichen Wohl oder dem Funktionieren der Gesellschaft, niemals aber führt er aus sich selbst zum übernatürlichen Heil.

Um wirklich als Christen zu beten und handeln, um den Ansprüchen unseres katholischen Glaubens voll gerecht zu werden, bedürfen wir unseres Herrn Jesus Christus. Deswegen fordert er uns so dringend auf, in Seinem Namen zu beten (Johannes 16, 23). Deswegen auch sagt er uns: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Johannes 15, 5). Nur in Seinem Namen, im Namen der menschgewordenen Wahrheit, wird unser Gebet vom Vater erhört. Nur Er allein ist unser Mittler, der weiß, was gut für uns ist. Alles, was wir ohne ihn tun, bringt keine bleibende Frucht. Nur, was im Namen des Herrn geschieht, ist daher christliches Beten und Handeln. Es gibt kein anonymes Christentum! Nur das Beten und Tun „im Namen Jesu“ ist von der Gnade getragen und führt uns deshalb zu unserer ewigen Bestimmung bei Gott.

Daraus resultiert aber unmittelbar eine zweite wichtige Grundhaltung des Christen: Die Wahrheit will getan sein! Wer im Namen der menschgewordenen Wahrheit betet und handelt, der wird sich nicht mit einem bloßen Lippenbekenntnis des Glaubens begnügen wollen. Der heilige Apostel Jakobus sagt uns mit aller Deutlichkeit: „Wenn einer meint, er diene Gott, aber seine Zunge nicht im Zaum hält, sondern sein Herz betrügt, dessen Gottesdienst ist wertlos. Ein reiner und makelloser Gottesdienst ist es vor Gott, dem Vater: für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen…“ (Jakobus 1, 26-27).

Ein Glaube ohne Werke ist kein wirklicher Glaube. Gerade weil wir im Namen Jesu, des menschgewordenen Wortes, beten und handeln sollen, können wir uns nicht mit Worten allein begnügen. Christus hat uns mit klaren Worten die Wahrheit des Heils verkündet, aber er ist für unser Heil auch gestorben. Er war und ist unser Lehrer und Meister, aber auch unser Mittler und Heiler. Ohne seine Gnade können wir nichts tun, was zum Heil führt, aber wir müssen das, was Heil bringt, trotzdem tun. Wir sind deswegen nicht nur gerufen, um den göttlichen Gnadenbeistand zu beten, sondern auch mit diesem Beistand mitzuwirken.

Deswegen kann der heilige Jakobus im zweiten Kapitel seines Briefes hinzufügen: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben. Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern. Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?“  (Jakobus 2, 17-19) Damit will der Apostel unterstreichen, dass auch diejenigen, die verlorengehen, einen theoretischen Glauben haben können. Aber dieser bloße Glaube bleibt steril und fruchtlos. Nur wenn er sich mit Werken der Gnade verbindet, führt er zum ewigen Heil.

Deswegen hat die Kirche uns immer schon aufgefordert, unseren Glauben mit den Werken der geistigen oder körperlichen Barmherzigkeit zu verbinden. Nicht erst seit kurzem, sondern seit Ihren Anfängen hat sie sich um die Kinder und Jugendlichen, die Alten und Kranken, die Bedürftigen und Heimatlosen, die Waisen und Witwen, die Flüchtlinge und Gefangenen, die Einsamen und Verstoßenen gekümmert. Unzählige Schulen, Altenheime, Kindergärten, Krankenhäuser, Hospize, Armenspeisungen hat sie unterhalten und unterhält sie noch heute.

Die christliche Nächstenliebe, jenes große Zeichen eines gelebten Glaubens, ist keine Erfindung von heute. Wir dürfen stolz darauf sein, dass lange vor jeder staatlichen Fürsorge die Kirche sich um die Armen gekümmert hat. Die ersten wirklich systematischen Bemühungen um das Los der Arbeiterschaft stammen aus der Feder und der väterlichen Fürsorge der Päpste. Die christliche Soziallehre, die den sozialen Frieden in den europäischen Ländern solange bewahrt hat, ist eine Frucht kirchlicher Lehre und kirchlichen Wirkens. Wir sind die lebenden Steine dieser Kirche, die auf uns baut, wenn sie uns zuruft: „Es gibt keinen lebendigen Glauben ohne gute Werke!“

Das aber führt uns zu einer dritten, ebenso wichtigen Grundhaltung des Christen, die wir wieder aus der dem Jakobusbrief entnommenen Epistel lernen können: „Ein reiner und makelloser Gottesdienst ist es vor Gott, dem Vater… sich unbefleckt von der Welt zu bewahren!“ (Jakobus 1, 27). Obwohl unser Glaube ohne Werke tot ist, reichen die Werke alleine doch nicht aus, unseren Dienst vor Gott wohlgefällig zu machen. Wir haben gehört, dass die Werke, die wir ohne Jesus verrichten, wenig nützen. In jedem Fall bringen sie uns nicht zum ewigen Heil. Deswegen müssen wir uns vor dem Irrtum einer reinen Werkgerechtigkeit hüten. Nicht durch bloßen Aktivismus gelangen wir zu Gott, sondern nur mit Werken, die von einem tiefen Glauben getragen sind. Im Leben des Christen geht es nicht um hektisches Tun, sondern um den „reinen und makellosen Gottesdienst vor Gott“!

Wir Christen sind nicht weltfremd. Wir leben mitten in der Welt. Wir kennen die Welt nur zu gut. Doch wir dürfen uns nicht von ihr gefangen nehmen lassen. Für uns gilt, was der Herr von seinen Jüngern sagt, wenn er den Vater bittet, sie vor allem Übel zu bewahren: „Sie sind nicht von der Welt, so wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in Deiner Wahrheit…!“ (Johannes 17, 16). Jeder von uns kennt dagegen die Erfahrung, dass die Welt über die Wahrheit des Glaubens siegen will. Aus wirtschaftlichem Erfolg wird dann plötzlich schrankenlose Habgier, aus Nächstenliebe falsche Berechnung, aus Freundlichkeit aufgesetzte Heuchelei, aus Bemühung um Erfolg brennender Ehrgeiz, aus kluger Vorsorge schamlose Bereicherung, aus Hilfe für die Familie verfilzte Vetternwirtschaft oder aus vorsichtiger Staatskunst kalte Machtpolitik. Die Welt gewinnt die Oberhand über den Glauben! Das darf nicht geschehen!

Der Maßstab für uns Christen ist nicht der Erfolg in der Welt und auch nicht ihr Applaus. Das bedeutet nicht, dass ein Katholik nicht erfolgreich sein darf. Es gab und gibt viele katholische Frauen und Männer, die sich in Beruf, Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik ausgezeichnet haben.  Aber wenn sie sich ausgezeichnet haben, dann nicht, weil sie die Welt zum Maßstab des Glaubens machten, sondern den Glauben zum Maßstab der Welt. Die letzten Worte des heiligen Thomas Morus am Schaffott charakterisieren diese richtige Haltung zur Welt: „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber zuerst als Diener Gottes!“ Er hatte dem Staat immer treu gedient, aber der Maßstab dieses Dienens blieb Gott. Er opferte dieser Glaubenstreue ohne Zögern sein Leben.

In diesen Tagen haben wir gesehen, wie weit die Welt bereits der Handlungsmaßstab vieler geworden ist. Das Bruttosozialprodukt scheint in unserer Gesellschaft schon lange wichtiger als der Glaube. Materielles hat oft über Geistiges, Macht über Recht, Geld über Wahrheit, Panik über Vernunft, Willkür über Freiheit gesiegt. Ist daher diese Zeit nicht ein Aufruf, darüber nachzudenken, worauf es im Leben wirklich ankommt? Leben wir wirklich nur, um zu arbeiten? Oder sollten wir uns nicht wieder darauf besinnen, dass wir arbeiten um zu leben? Wir sind nicht geschaffen, um Sklaven der Welt zu sein. Der teilweise grenzenlose materielle Aktivismus der letzten Jahre ist gerade zu einem kreischenden Halt gekommen. Viele der Folgen dieser Unterbrechung werden erst noch zutage treten. Vielleicht warten Zeiten der Beschränkung oder gar der Not auf uns. Wir Christen sollten jetzt, ohne uns vor der Zukunft zu ängstigen, die Gelegenheit nutzen, um uns von den Fesseln der Welt zu lösen und uns Gott neu zuzuwenden.

Die Zeit, die wir durchleben, muss uns dazu bringen, unsere eigene Stellung zur Welt zu überprüfen. Leben wir für Gott oder für die Welt? Was ist wichtiger in unserem Leben: Erfolg, Geld, Ansehen, Macht, Gesundheit, Wohlleben oder der lebendige Gott? Was sind unsere wahren Absichten? Wem wollen wir zuerst dienen? Brauchen wir wirklich alles, was wir haben oder wünschen? Könnte Weniger nicht viel mehr sein? Jeder hat Verantwortung in der Familie, am Arbeitsplatz, im Gemeinwesen. Jeder hat seinen eigenen Platz in der Welt. Dieser Platz aber ist nur dann nicht „von der Welt“, wenn der wahre Glaube ihn bestimmt.

So schließt sich der Kreis. Wieder gilt: „Die Wahrheit wird euch freimachen!“ (Johannes 8,32). Frei von der Welt und frei für Gott: Frei dazu, „im Namen Jesu“ zu beten und zu handeln, frei dafür, unseren Glauben in Werken der Barmherzigkeit zu leben, frei von den Banden der Welt für den reinen Dienst vor Gott, dem Vater. Diese Zeit mit allen ihren Prüfungen kann uns helfen, diese drei wesentlichen christlichen Grundhaltungen wieder in den Vordergrund unseres Lebens zu stellen. Warten wir nicht darauf, dass andere den Anfang machen. Gott hat uns eine Mahnung geschickt. Lesen wir die Schrift, die er klar an die Wand unserer Zeit geschrieben hat. „Im Namen Jesu, kehren wir um zu Gott!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum vierten Sonntag nach Ostern

Was ist Wahrheit? Diese etwas blasierte Frage des Landpflegers Pontius Pilatus an den leidenden Heiland war schon zu seiner Zeit nicht neu. Dem Anspruch der Wahrheit gegenüber hat es immer schon Ausreden gegeben. Vielfach, wie schon Kain es vorgelebt hat und wie es immer wieder bis auf den heutigen Tag geschieht, besteht diese „Ausrede“ der Wahrheit gegenüber einfach in nackter Gewalt: „Willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein“! Subtiler, aber nicht weniger gewalttätig, ist die Unterdrückung der Wahrheit durch Manipulation, Propaganda und „politische Korrektheit“. Alles ist dann angeblich nur noch „Meinung“, aber nur eine „Meinung“ wird geduldet, alle anderen werden durch sozialen Druck, Zensur oder schamlose Lüge einfach ausgemerzt.

Demgegenüber hat die Kirche immer daran festgehalten, dass es eine objektive, erkennbare und weitergebbare Wahrheit gibt, die von allen gewusst und festgehalten werden kann, die guten Willens sind. Diese objektive Wahrheit liegt in den Dingen selbst. Unser Verstand ist in der Lage, sie aus diesen herauszulesen und so auszudrücken, dass auch andere sie verstehen können. Dass ein Baum ein Baum ist, ein Tisch ein Tisch und ein Mensch ein Mensch kann jeder erkennen und weitergeben, wenn er nicht verblendet ist. Das innere Wesen der Dinge ist nämlich bereits vor unserem Verstand vorhanden. Wir schaffen die Wahrheit der Dinge nicht, sondern wir erfassen sie und können sie weitergeben. Wenn sich unser Verstand einem Gegenstand öffnet, dann erkennen wir in ihm sein wahres Wesen und können es anderen weitergeben.

Dadurch sind wahre Aussagen möglich. Dadurch können wir uns einander verständlich machen. Dadurch können alle Menschen, gleich welcher Kultur, Erziehung oder sozialer Herkunft, wenn sie mit der Wahrheit konfrontiert werden, diese annehmen und erkennen. Dadurch ist es uns auch möglich, wahr von falsch zu unterscheiden. Weil die Wahrheit der Dinge immer gleichbleibt, kann auf die Dauer die Lüge vor der objektiven Wahrheit nicht bestehen. Der Volksmund sagt daher mit Recht: „Lügen haben kurze Beine.“ Am Ende, oft nach vielen Kämpfen und großem durch die Lüge verursachtem Leid, siegt immer die Wahrheit. Mag die Ideologie auch noch so mächtig sein und sich sogar der Ungerechtigkeit, der Rechtsverdrehung, der Diffamierung, der Unterdrückung und des Mordes bedienen, schließlich enthüllt sie sich, als was sie ist: Schamlose Lüge und brutaler Verrat an den Belogenen. Kommunismus und Nationalsozialismus sind nur zwei Beweise für die schließlich aufgedeckte Massenlüge.

Die Wahrheit setzt sich auf die Dauer gegen alle uralten Sophismen, gegen alle berechnete Massenbeeinflussung und sogar gegen die Gewalt durch. Sie ist letztendlich unbesiegbar und wird am Ende immer wieder offenbar. Sie ist wie ein Licht, das niemand löschen kann. Sie ist so stark, dass schließlich der gesunde Menschenverstand den Irrtum erkennt und die Wahrheit triumphieren lässt. Warum ist das so?

Diese einzigartige Kraft der Wahrheit rührt aus ihrem Ursprung in Gott. Gott ist die Wahrheit. In Ihm fallen Sein, Wahrheit, Güte und Schönheit in eins. Er stiftet die Wahrheit des Wesens der Dinge. Er legt eine unverwechselbare und eindeutige Seinswahrheit in alles Geschaffene. So kann schon der heilige Augustinus in seinen Confessiones sagen „«Wo ich die Wahrheit fand, da habe ich meinen Gott, die Wahrheit selbst, gefunden und ich habe sie nicht vergessen, seitdem ich sie gefunden habe». Gott ist die Wahrheit und alle Wahrheit ist aus Gott. Göttliche Kraft ist in der Wahrheit mitten unter uns anwesend. Daher ist sie immer stärker als Lüge und Irrtum.

Das wird besonders deutlich, wenn sich die göttliche Wahrheit uns direkt offenbart. Christus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ (Johannes, 14, 6). In Jesus Christus ist die göttliche Wahrheit Mensch geworden. Schon in der Verkündigung der alttestamentlichen Propheten hatte Gott die Wahrheit, und damit sich selbst, in Wort und Tat offenbart. Nun aber tritt das göttliche Wort selbst in die Geschichte der Menschen. Die Wahrheit selbst verkündet uns die Wahrheit! Alles, was Jesus tut und sagt, ist daher Offenbarung göttlicher Wahrheit. Er gibt uns Einblick in Geheimnisse der Wahrheit, die wir selbst niemals hätten erkennen können. Unser Glaube ist die von der Gnade geschenkte Erkenntnis und das Festhalten an dieser Wahrheit, mit der Gott uns zum Heil führt. Dabei bedient sich der Heiland menschlicher Sprache und menschlichen Handelns. Er zeigt damit, dass in unseren menschlichen Worten und dem entsprechenden Tun die Wahrheit unverwechselbar und ohne Irrtum ausgedrückt werden kann. Gott selbst bestätigt damit die Existenz objektiver Wahrheit und die Möglichkeit, diese unverfälscht weiterzugeben.

Das ist das Prinzip der katholischen Tradition. Tradition in diesem Sinn meint Überlieferung der aus der Offenbarung Gottes stammenden Wahrheit des Glaubens ohne Vermischung von Irrtum. Da die Wahrheit in den Dingen erkannt und formuliert werden kann, kann sie offensichtlich auch weitergegeben werden. Wenn wir Menschen das tun, etwa in der Erziehung unserer Kinder oder in den Wissenschaften, kann sich aber Wahrheit mit Irrtum vermischen. Wir Menschen sind beeinflussbar, wir irren uns, wir erkennen nicht immer die ganze Wahrheit, auch wenn sie erkannt werden könnte. Verblendung und Dummheit sind nicht selten. Lüge und Manipulation bedient sich dieser menschlichen Schwächen. Deswegen hat Gott die Wahrheit des Glaubens vor dem Irrtum geschützt. Wir sind in der Erkenntnis der Glaubenswahrheit nicht allein auf uns selbst gestellt.

„Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommt, dann wird er Euch in die ganze Wahrheit einführen.“ (Johannes, 16, 13) Diese Offenbarung des heutigen Evangeliums zeigt uns, dass Gott vorgesorgt hat, damit die Heilswahrheit vor Irrtum geschützt ist. Der Geist der Wahrheit, der Heilige Geist, ist der Kirche gesandt, damit die Wahrheit Gottes bestehen bleibt. Dieser Geist Gottes hat die Apostel und Evangelisten befähigt, die wahre Offenbarung Jesu so weiterzugeben, dass sie keinen Irrtum enthält. Der Geist der Wahrheit hat die mündliche Überlieferung der Offenbarung, die der schriftlichen vorausgeht, bereits so gestärkt, dass das Lehramt der Kirche durch die ersten Bischöfe und ihre Nachfolger die offenbarte Wahrheit Gottes unverfälscht enthielt.

Als dieses erste Lehramt dann teilweise schriftlich niedergelegt wurde, hat Gott dem, was wir heute das Neue Testament nennen, die gleiche Unfehlbarkeit in der Übermittlung der Heilswahrheit geschenkt wie vorher schon dem Alten Testament. Der Geist der Wahrheit hat die Evangelisten ebenso wie die Propheten davor bewahrt, Wahres mit Falschem zu vermischen. Rein menschliche Weitergabe der Wahrheit wäre immer vom Irrtum bedroht gewesen. Deswegen hat Gott selbst Seinen göttlichen Geist gesandt, damit er die Kirche in „die ganze Wahrheit“ einführe und darin erhalte. Nicht nur die Heilige Schrift, das Ergebnis der mündlichen Überlieferung, ist von diesem Geist der Wahrheit inspiriert. Auch die mündliche Überlieferung der Kirche selbst, das Lehramt, besitzt diesen göttlichen Beistand, wenn es um die Bewahrung der apostolischen Überlieferung der Offenbarung geht. Immer dann, wenn das Lehramt der Kirche eine Wahrheit des Glaubens feierlich als zur Offenbarung Gottes gehörig verkündet, garantiert der Geist der Wahrheit, dass die Kirche „die ganze Wahrheit“ spricht!

Das ist für die Kirche gleichzeitig Sicherheit und Verpflichtung. Sicherheit, weil wir wissen, dass Gott selbst die Wahrheit des Glaubens für immer garantiert. Wenn wir uns an diese Wahrheit halten, können wir nicht irren. Die ganze Wahrheit der Offenbarung, so wie sie in der Kirche fortbesteht, ist über menschliche Schwäche erhaben und bleibt bestehen, bis sie bei der Wiederkunft Christi von neuem allen sichtbar vor Augen tritt. Wir sind in Sicherheit vor den Irrtümern der Zeit, wenn wir am ganzen katholischen Glauben festhalten und ihn leben.

Diese Wahrheit verpflichtet aber auch. Einmal erkannt, müssen wir an ihr festhalten. Sie ist der einzige sichere Weg zum Heil. Wir müssen sie weitergeben, damit alle Menschen guten Willens sie erkennen können. Sie muss gegen allen Relativismus und alle Vorspiegelungen des Zeitgeistes verkündet werden. Papst, Bischöfe und Priester sind zu ihrer unverfälschten Verkündigung verpflichtet, wenn sie ihr von Christus verliehenes Amt nicht verraten wollen. Die Wahrheit des Glaubens, die durch den Geist Gottes die ganze Heilswahrheit wiedergibt, ist nicht bloße Meinung. Ihre Inhalte, die wir auch Dogmen nennen, müssen immer „eodem sensu eademque sententiae, im selben Sinn mit denselben Worten“ verkündigt werden, wie schon im fünften Jahrhundert Vinzenz von Lerin in seinem berühmten Commonitorium lehrte.  Die Kirche hat immer dieselbe Wahrheit gelehrt und muss es auch weiter tun, denn sie kann den Geist Gottes, der sie „in die ganze Wahrheit einführt“, nicht verleugnen.

Immer schon aber hat es deswegen Kämpfe und Auseinandersetzungen gegeben. Oft genug war der Staatsgewalt „die ganze Wahrheit“ des Glaubens unbequem. Oft genug hat es sogenannte Theologen und sogar Bischöfe gegeben, die den Herrschenden nach dem Mund reden wollten. Oft hat sich durch menschliche Schwäche Irrtum und Häresie in die Glaubensverkündigung eingeschlichen. Viele Male haben die Feinde der Wahrheit die Kirche angegriffen und behauptet, ihre Lehre sei nicht mehr „zeitgemäß“. Die Geschichte wiederholt sich. Der „Vater der Lüge“ wird nicht müde, die Wahrheit des Glaubens verdunkeln und verfälschen zu wollen. Er hasst die Wahrheit, die uns zum Heil führt.

Doch immer siegt schließlich die Wahrheit, denn sie kommt von Gott. Die Geschichte der Kirche zeigt, dass der Irrtum sich vielleicht manchmal lange halten kann, doch dass er schließlich verschwindet. Die Lüge ist an die Zeit gebunden, in der sie entsteht, die Wahrheit Gottes ist ewig. Haben wir also keine Angst, sondern bekennen wir klar und eindeutig die ganze Wahrheit des Glaubens. Halten wir an allen Dogmen der Kirche und am ganzen Glaubensbekenntnis mit großer Treue fest.

Dann haben wir eine Richtschnur in den Diskussionen der Zeit. Dann können wir wahr und falsch unterscheiden. Dann können wir die Wahrheit in den Dingen klarer erkennen. Dann werden wir nicht Opfer von Ideologie und Manipulation. Halten wir also an der Wahrheit fest, die die Kirche immer verkündet hat. Dann behalten wir nicht nur den gesunden Menschenverstand, sondern wir werden auch frei, wie der Herr es sagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Johannes 8, 31-32). Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Dritten Sonntag nach Ostern 2020

Liebe Gläubige,

„Gehorchen oder nicht gehorchen, das ist die Frage!“, so könnte man den bekannten Ausspruch Hamlets umformulieren, wenn man an die Situation denkt, in der wir in den letzten Wochen gestanden haben und teilweise noch stehen. Müssen die Christen in jedem Fall der Obrigkeit gehorchen und sich ihren Geboten und Verboten unterordnen? Welche Bereiche darf die weltliche und kirchliche Autorität reglementieren? Müssen wir jede Beschränkung unserer Freiheit einfach hinnehmen? Dürfen wir uns allen Zwangsmaßnahmen einfach beugen? Die überlieferte Lehre der Kirche gibt uns eine klare Antwort auf diese Fragen.

Der Apostel Petrus antwortet dazu in seinem ersten Brief, den wir heute in der Epistel gehört haben, zunächst eindeutig: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1 Petrus 2,13-14) Er geht sogar noch weiter und sagt zu den Sklaven seiner Zeit: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den bösartigen.“ (1 Petrus 2, 18) Im Römerbrief des heiligen Paulus finden wir dieselbe Lehre: „Jeder Mensch soll sich den übergeordneten Gewalten unterordnen. Denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott; die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt.“ (Römer 13, 1) Der heilige Paulus zieht zu Recht aus diesem Grundsatz weitreichende Schlussfolgerungen, die in der Folge die Beziehung der Christen zur Obrigkeit immer bestimmt haben: Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der Obrigkeit leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest! Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. ” (Römer 13, 2-4)

Damit ist zunächst klar, dass die Obrigkeit, deren Autorität im letzten von Gott kommt, noch vor allen Zwangsmaßnahmen, über die sie verfügt, von uns als Christen Gehorsam erwarten kann. In seinem Rundschreiben Divini Redemptoris vom 19. März 1937  (Nr. 29 und 30) gegen den Kommunismus hat Papst Pius XI. diesen Grundsatz nochmals erklärt: „Gott hat aber den Menschen auch auf die bürgerliche Gesellschaft hingeordnet als auf eine Forderung seiner Natur…, darum kann der einzelne sich niemals den gottgewollten Verpflichtungen der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber entziehen, und die Träger der Autorität haben das Recht, ihn im widerrechtlichen Weigerungsfall zur Erfüllung seiner Pflicht zu zwingen.“ Weil der Mensch durch die göttliche Ordnung auf die Gesellschaft hingeordnet ist, muss er sich also der Autorität bereitwillig unterwerfen. Gott hat nämlich diese Autorität in der Gesellschaft eingesetzt, um die Dinge zum besten des Menschen zu ordnen. Wenn der Mensch, sei er Christ oder nicht, sich dieser Ordnung verweigert, entzieht er sich dem Willen Gottes und schadet sich selbst und anderen.

Doch hier liegt auch die Grenze, innerhalb derer die der Gesellschaft vorstehende Autorität Gehorsam verlangen kann. Dieser Gehorsam hat nämlich seinen Ursprung im Wohl des Einzelnen und soll die Ausübung seiner ebenso gottgewollten und heilsnotwendigen Freiheit in das Gesamt der Gesellschaft einordnen und befördern. Pius XI. sagt mit der gesamten kirchlichen Tradition eindeutig: „die menschliche Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt“, denn „nur der Mensch, die menschliche Persönlichkeit, nicht irgendeine menschliche Gesellschaft ist Träger von Verstand und freiem sittlichen Willen.“ (Divini Redemptoris, 29) Das heißt, dass die Gesellschaft und die in ihr herrschende Autorität alles tun muss, damit die Freiheit des Menschen seinem gottgewollten Ziel entspricht. Zwar darf niemand seine Freiheit im egoistischen Sinn zum Schaden anderer oder des Gemeinwohls missbrauchen, doch noch weniger darf diese Freiheit im Namen irgendeines anonymen gesellschaftlichen Kollektivs in ihren Grundrechten beschränkt werden. Wenn die Autorität gottgegebene Freiheitsrechte zeitweise einschränkt, so kann der Grund nur eine eindeutige Notlage oder ein Verstoß des Individuums gegen die gottgewollte Rechtsordnung sein. Sonst sind diese der gleichen Rechtsordnung entstammenden Grundrechte, wie das Recht auf Leben, Privatbesitz und freie Religionsausübung, immer unantastbar.

Daher findet der christliche Gehorsam der Obrigkeit gegenüber auch klare Grenzen, vor allem, wenn Machthaber verlangen, ganz konkret und persönlich gegen Gottes Gebot und Auftrag zu handeln. Für einen solchem Fall sprachen Petrus und die Apostel zum Hohen Rat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apostelgeschichte. 5, 29) Missbrauch der Macht, der vom Einzelnen ein mutiges Bekenntnis zu den Gesetzen Gottes und im äußersten Fall zivilen Ungehorsam erfordert, liegt dann vor, wenn die Ausübung wesentlicher Grundrechte aus willkürlichen Gründen unterbunden wird. Die Gesellschaft kann nämlich niemals „den Einzelmenschen der ihm vom Schöpfer selbst verliehenen Persönlichkeitsrechte…berauben, noch ihm deren Gebrauch grundsätzlich unmöglich machen.“ (Pius XI., Divini Redemptoris, 30).

Diese Gefahr liegt aber vor allem vor, wenn die Rechtsordnung in einer Gesellschaft von ihrer Grundlage im Naturrecht getrennt wird. Dann wird Recht zur reinen Zwangsordnung, in der die willkürlich ausgeübte Gewalt die innere Begründung des Rechtes aus der menschlichen Natur und ihren Notwendigkeiten ersetzt. Alles kann dann durch Gewalt zum Gesetz werden und der in der menschlichen Natur eingeschlossene, deutlich erkennbare Wille Gottes wird missachtet. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag von neuem auf die unverzichtbare Bedeutung des Naturrechts hingewiesen.  Aber schon Papst Pius XI. sagt in seiner berühmten Enzyklika Mit brennender Sorge gegen den Nationalsozialismus, am 14. März 1937, also drei Tage vor seinem schon zitierten Rundschreiben gegen den Kommunismus: „An den Geboten dieses Naturrechts kann jedes positive Recht, von welchem Gesetzgeber es auch kommen mag, auf seinen sittlichen Gehalt, damit auf seine sittliche Befehlsmacht und Gewissensverpflichtung nachgeprüft werden.“ Nützlichkeitserwägungen des Staates haben daher an den im Naturrecht verankerten Freiheitsrechten des Menschen ihre klare Grenze. Der Grundsatz „Recht ist, was dem Volke nützt“, ist nur anwendbar, „wenn man unterstellt, dass sittlich Unerlaubtes nie dem wahren Wohle des Volkes zu dienen vermag“. (Pius XI., Mit brennender Sorge, 35) Schon Cicero sagt: „Nie ist etwas nützlich, wenn es nicht gleichzeitig sittlich gut ist. Und nicht weil nützlich, ist es sittlich gut, sondern weil sittlich gut, ist es auch nützlich.“ (De officiis, 3, 30) Die willkürliche und dauerhafte Einschränkung von Freiheitsrechten aber ist weder gut noch nützlich.

Als gläubige Katholiken haben wir in den letzten Wochen unter Einschränkungen unserer Freiheitsrechte gelitten, die das Grundrecht der freien Religionsausübung betreffen. Niemand zweifelt daran, dass manche dieser Einschränkungen im Sinne des Schutzes des Allgemeinwohls und des Wohls des Einzelnen notwendig waren. Jeder ist gehalten, sich und andere vor Ansteckungen mit gefährlichen Krankheiten zu schützen und dafür auch gegebenenfalls Opfer zu bringen, die die eigene Freiheit teil- und zeitweise begrenzen. Wie viele dieser Einschränkungen jedoch im Sinne der Ordnung Gottes wirklich gut und damit nützlich waren, ist sehr umstritten und wird sich vor der Kritik der Geschichte erst klarer herausstellen müssen.

Selbst das deutsche Bundesverfassungsgericht, dessen jüngstes Euthanasieurteil keinen großen Respekt vor dem Naturrecht zeigt, fühlte sich bemüßigt, in einer Entscheidung vom Karfreitag 2020, die Sicht, das Gottesdienstverbot für verfassungswidrig zu halten für nicht unbegründet, „vielmehr als offen“ zu erklären. In einer anderen Entscheidung vom 10. April mahnte das Bundesverfassungsgericht bei einer Fortschreibung des Gottesdienstverbots eine strenge Prüfung der Verhältnismäßigkeit an. Es sei zu prüfen, ob das Gottesdienstverbot „unter – gegebenenfalls strengen – Auflagen und möglicherweise auch regional“ gelockert werden könne. Diese Lockerung wird jetzt langsam Wirklichkeit. Dabei ist die Rolle der kirchlichen Obrigkeit nicht immer einheitlich und eindeutig. Ob der vorauseilende Gehorsam und das Schweigen gegenüber einem, wie das Bundesverfassungsreicht formulierte, „überaus schwerwiegenden Eingriff“ in die Religionsfreiheit, der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Autorität in der Verteidigung der göttlichen Ordnung genützt hat, kann sehr bezweifelt werden. Wenn die staatlichen Lockerungen noch nicht überall zur baldigen Wiedereinführung der öffentlichen Zelebration der heiligen Messe geführt haben, bleibt das vollends unverständlich. Die Enzyklika Mit brennender Sorge (Nr. 16) sagte von den Bischöfen stattdessen: „Ihre heilige Amtspflicht ist es, soviel an ihnen liegt, alles zu tun, damit die Gebote Gottes als verpflichtende Grundlage des sittlich geordneten privaten und öffentlichen Lebens beachtet und befolgt werden; dass …das Sühnegebet der Gläubigen nie erlahme, das wie Rauchwerk Stunde um Stunde zum Allerhöchsten emporsteigt und Seine strafende Hand aufhält.“

Diese Geschehnisse lehren uns, wachsam zu sein. Was Papst Pius XI. angesichts der Bedrohung des Glaubens während des Nationalsozialismus sagte, wiederholt sich vor unseren Augen: „Alle Versuche, die Sittenlehre und sittliche Ordnung vom Felsenboden des Glaubens abzuheben und auf dem wehenden Flugsand menschlicher Normen aufzubauen, führen früher oder später Einzelne und Gemeinschaften in moralischen Niedergang.“ (Mit brennender Sorge, 34) Dieser moralische Niedergang führt in unserer Gesellschaft bereits dazu, dass diejenigen, die sich ihm entgegenstellen, leicht in ihren Grundrechten geschmälert werden können. Die christlichen Kräfte in unserem Staatswesen werden schwächer, die kirchliche Autorität ängstlicher. Wie leicht in einer solchen Situation auch zunächst berechtigte staatliche Maßnahmen zum Vorwand weiterer und dauerhafterer Einschränkung des Glaubenslebens werden könnten, ist offensichtlich. Abtreibung und Euthanasie werden ebenfalls schon mit dem Verweis auf angebliche Rechtsgüter des Einzelnen oder der Gesellschaft toleriert. Wie schnell das Verbot der freien Religionsausübung gesellschaftsfähig werden kann, sehen wir in unserem Land nicht zum ersten Mal.

Bleiben wir also wachsam! Es gibt Kräfte in Staat und Kirche, die vor dem in unserer Natur eingeschriebenen Gesetz Gottes wenig Respekt haben. Es gab und gibt Kräfte, die jeden Vorwand nützlich finden, die Freiheit des Glaubens und seiner Ausübung zu verkleinern. Unter dem Mantel des vorgeblichen Gemeinwohls wird man auch weiter versuchen, eine größere Kontrolle über den Einzelnen durchzusetzen und seine Rechte einzuschränken. Das Recht auf Leben ist in unserer Gesellschaft schon bedroht und unterhöhlt. Man wird versuchen, auch unser Recht auf freie Ausübung unseres Glaubens zu vermindern. Wenn die Freiheit des Glaubens bedroht ist, steht die Freiheit des Menschen im Ganzen auf dem Spiel! Wir müssen uns gut überlegen, was wir tun können, um solche Übergriffe zu verhindern und unsere christliche Freiheit zu bewahren!

„Gehorchen oder nicht gehorchen, das ist die Frage!“ Wir wissen nun, dass der von uns der legitimen Obrigkeit als Christen zu leistende Gehorsam seine Grenzen hat. Wir dürfen nicht einfach alles akzeptieren. Wir müssen den Maßstab der göttlichen Ordnung an die Entscheidungen anlegen, die über uns getroffen werden. Wenn klar ist, dass die Obrigkeit die gottgewollte Ordnung nicht respektiert, müssen und dürfen wir entsprechend handeln. Die Märtyrer aller Zeiten, viele Bekenner gegen Gewaltherrschaft, große heilige Päpste wie Gregor VII. und Johannes Paul II. sind Beispiele dafür, dass das Gesetz Gottes über jeder Willkürherrschaft steht und letztlich über sie siegt.

Wir müssen daher wachsam sein, aber nicht ängstlich. Alle Zeit und jedes Ereignis liegt in Gottes Händen. Sollte unsere Glaubenstreue weiter geprüft werden, wird Gott uns auch die Gnade der Standhaftigkeit schicken. Sollten wir um die Freiheit des Glaubens kämpfen müssen, wird er uns Heilige senden, die diesen Kampf leiten. Wir sind nicht ängstlich! Wir teilen vielmehr auch heute die Glaubensüberzeugung der Enzyklika Mit brennender Sorge, die mutig schließt: „So wie andere Zeiten der Kirche wird auch diese der Vorbote neuen Aufstiegs und innerer Läuterung sein, wenn der Bekennerwille und die Leidensbereitschaft der Getreuen Christi groß genug sind, um der physischen Gewalt der Kirchenbedränger die Unbedingtheit eines innigen Glaubens, die Unverwüstlichkeit einer ewigkeitssicheren Hoffnung, die bezwingende Allgewalt einer tatstarken Liebe entgegenzustellen.“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum zweiten Sonntag nach Ostern

Liebe Gläubige!

Woran erkennt man den guten Hirten? Wir hören die Antwort auf diese Frage, die sich manche mit gutem Grund in diesen Wochen gestellt haben mögen, von Christus selbst. Er sagt mit vollem Recht: „I c h bin der gute Hirt!“ (Johannes 10, 11). Jesus nämlich erfüllt die drei Haupt-Kriterien für einen wirklich guten Hirten, die er in seiner Antwort aufstellt:

  1. Der gute Hirt gibt seine Leben für die Schafe (Johannes 10, 11): Von nun an gilt für alle, die gute Hirten sein wollen, was wir in der heutigen Epistel gehört haben: „…Christus litt für euch und hinterließ euch ein Vorbild, damit ihr Seinen Fußstapfen folgt.“ (1 Petrus 2,21). Christus hat Sein Leben nicht erst am Kreuz hingegeben. Sein gesamtes Leben auf Erden war ein Opfer für die Schafe, die Er erlösen wollte. Die Demut des Gottessohnes in Seiner bescheidenen Geburt, Seinem verborgenen Leben in Nazareth, Seiner unermüdlichen Tätigkeit als Heiler, Lehrer und Gnadenspender zeichnet die Gestalt des guten Hirten, der täglich sein Leben für die Schafe gibt.

Nicht das Suchen nach bürgerlicher Sicherheit, nicht das Ausweichen vor der Verantwortung, nicht die Flucht vor dem täglichen Kreuz noch die Anbiederung an Mächtige und Einflussreiche machen den guten Hirten aus. Es ist vielmehr die Ganzhingabe bis zum Kreuz, die den wirklich guten Hirten erkennen lässt. Deswegen ist der Priester, der im Auftrag Christi die Schafe hütet, zu dieser Ganzhingabe aufgerufen: Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, die tägliche Zelebration der heiligen Messe, das stellvertretende treue Gebet des Breviers, die furchtlose Verkündigung des wahren Glaubens, das Opfer aller Zeit und Energie für die ihm anvertraute Herde, das sichtbare priesterliche Zeugnis in Kleidung und Verhalten offenbaren den guten Hirten. Er ist geweiht, sein Leben für die Schafe zu geben und er lässt die Schafe nicht wie der Mietling im Stich, wenn der Wolf kommt (Johannes 10, 12-13).

  • Der gute Hirt kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn (Johannes 10, 14). Jesus, der gute Hirt, kennt uns durch und durch. Er hat jedes Haar auf unserem Haupt gezählt. Nichts geschieht den Schafen, was nicht in Seinem Plan beschlossen läge, entweder zu unserer Prüfung und heilsamen Buße, oder zu unserer Tröstung und stärkenden Gnade. Wir sind dem guten Hirten nicht egal wie dem Mietling. Der gute Hirt kennt unsere Schwächen, aber auch die Bedürfnisse unserer Seele und die Notwendigkeiten unseres Lebens. Deswegen dürfen wir ihn um alles bitten und er wird uns nach seiner Vorsehung gewähren, was gut für uns ist (vgl. Lukas 11, 11-13).

So sollen auch die guten Hirten, die Christus zu den Menschen gesandt hat, so wie er vom Vater gesandt worden ist (vgl. Johannes 20, 21), ihre Herde kennen. Diese Menschenkenntnis kommt dem guten Hirten aber von Christus, der allein wirklich „weiß, was im Menschen ist“ (Johannes 2, 25).  Nicht Ideologie lässt die Hirten die Herde kennen. Rationalistische, politische oder naturalistische Maßstäbe, psychologische Methoden oder kalte Statistiken geben keine Einsicht in die menschliche Seele und ihren Bedarf nach Gnade und Trost. Der gute Hirte weiß von Christus, was den Menschen fehlt, was sie brauchen und wann und wie er ihnen helfen muss.

Die Nahrung, die er ihnen bringt, weil er ihre wahren Bedürfnisse kennt, ist nicht nur materiell. Zwar hilft er ihnen, wie das die Kirche immer getan hat, auch in materieller Not, aber er weiß, dass ihre geistige Not größer ist. Wie Christus kennt der gute Hirte die Not der Seelen, denen er die Erlösungsgnade bringt, wenn sie sie am meisten brauchen. Deswegen ist es die vornehmste Aufgabe des guten Hirten, der Herde Christi Wahrheit und Gnade zu bringen. Wer nicht die frohe Botschaft unverfälscht verkündet und die Sakramente nicht spendet, der ist kein guter Hirte, weil er die tiefsten Bedürfnisse seiner Schafe gar nicht kennt.

  • Der gute Hirte muss die anderen Schafe zur einen Herde führen (vgl. Johannes 10, 16): Weil Christus aber die innere Not und den Zustand der Seelen vor Gott kennt, hat er Seiner Kirche einen wichtigen Auftrag hinterlassen: „Gehet darum hin und machet alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe.“ (Matthäus 28, 19-20). Der gute Hirte kümmert sich um alle. Nicht nur die Herde der Kirche ist Sein Anliegen, sondern auch die, die dieser Herde noch nicht oder nicht zur Gänze angehören. Er will nicht, dass Seine Schafe in die Irre gehen. Er geht jedem einzelnen Schaf nach.

So hat er auch uns gefunden und wir Ihn, wie es im Petrusbrief heißt: „Denn ihr wart wie irrende Schafe; jetzt aber seid ihr hingewendet zum Hirten und Hüter eurer Seelen.“ (1 Petrus 2, 25). Deswegen gibt Christus denen, die Er als gute Hirten aussendet, den ausdrücklichen, dringenden Auftrag der Mission. Alle sollen die Stimme Christi hören, damit „e i n e Herde“ sei und „e i n Hirt“ (Johannes 10, 16). Das ganze Leben Christi war von Anfang bis Ende  M i s s i o n. Er ist in die Welt gekommen und hat Sein Leben gegeben, um die Schafe in der einen Herde unter dem einen Hirten zu sammeln.

Jeder gute Hirt ist deswegen gerufen, apostolisch und missionarisch zu sein. Dieser Auftrag kommt niemals „aus der Mode“. Keiner kann sich einen guten Hirten nennen, der keinen Seeleneifer hat. Die Apostel haben ihr Leben als Märtyrer hingegeben, um den Missionsauftrag Christi zu erfüllen. Der große heilige Missionar Franz Xaver hat gebetet „Da mihi animas, cetera tolle: Gib mir Seelen und nimm alles andere!“ Er hat zehntausende getauft. Der heilige Franz von Sales hat in seinem apostolischen Leben über 50.000 Menschen zum katholischen Glauben bekehrt. Die Wahrheit, die hinter diesem unverzichtbaren Auftrag der Hirten der Kirche steht, ist von der Kirche selbst unter dem heiligen Papst Johannes Paul II im Jahre 2000 nochmals klar formuliert worden: “Deshalb muss in Verbindung mit der Einzigkeit und der Universalität der Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Einzigkeit der von ihm gestifteten Kirche als Wahrheit des katholischen Glaubens fest geglaubt werden. Wie es nur einen einzigen Christus gibt, so gibt es nur einen einzigen Leib Christi, eine einzige Braut Christi: ‚die eine alleinige katholische und apostolische Kirche‘.“ (Erkl. der Glaubenskongr. v. 6. August 2000: Dominus Iesus, 16).

Weil es aber nur einen einzigen Hirten und eine einzige Herde gibt, die das Heil vermitteln, müssen die Hirten versuchen, alle zu diesem Schafstall führen, damit viele gerettet werden. Deswegen müssen sie durch ihr priesterliches Leben, die Verkündigung der ganzen Wahrheit und die Spendung der Sakramente in erster Linie die Verwalter jener heiligen Geheimnisse sein, die sie selbst zu guten Hirten gemacht haben. Die Heilsinstrumente der Kirche sind im letzten für alle bestimmt. Ist der Priester heute auch oft ein Rufer in der Wüste, so darf er doch niemals aufhören, die „anderen Schafe“ zu Christus zu rufen!

Das also ist ein guter Hirt nach dem Beispiel Christi: Er gibt sein ganzes Leben für die Schafe, er kennt sie und ihre Not durch und durch und er wird niemals müde, auch den verlorenen Schafen nachzugehen, um sie zur einen Herde Christi zu führen. Der gute Hirte gleicht Christus, so wie Christus der wahre und einzige Hirt der Herde ist. Kein geringerer Maßstab darf an den guten Hirten angelegt werden, wenn wir dem Auftrag Christi folgen wollen.

Das aber zeigt, was wir heute brauchen. Wir brauchen keine strukturellen Reformen, wie brauchen keine geweihten Frauen oder verheiratete Priester, wir brauchen keine Demagogen und Ideologen, wir brauchen keine neue Kirche. Was wir brauchen, sind heilige und gute Hirten! Hirten, die wirklich ihr ganzes priesterliches Leben für die Menschen geben, die ihnen anvertraut sind; Hirten, die diese Menschen kennen und ihnen nachgehen, um ihnen die Wahrheit und die Gnade zu bringen; Hirten, die nicht müde werden, auch den Fernstehenden und Ungläubigen Christus zu verkünden. Diese Hirten müssen Männer des Gebetes und des Altares sein, denn ihr Leben ist ein Opfer. Diese Hirten müssen für die Spendung der Sakramente leben, vor allem der heiligen Eucharistie und der heiligen Beichte. Diese Hirten müssen den Glauben gut kennen und klug verkündigen können. Die Hirten müssen mutig, dienstbereit und entschlossen sein. Sie dürfen keine Angst vor der Welt haben. Beten wir also um viele Berufungen und heilige Priester!

In jeder großen Krise sind der Kirche große heilige Priester und seeleneifrige gute Hirten erwachsen: Athanasius, Benedikt, Gregor VII, Petrus Canisius, Pius IX, um nur ganz wenige zu nennen. Große, mutige, entschlossene Priester, bereit mit Christus zu leiden! Zu jeder Zeit schenkt der Eine Gute Hirt der Kirche heilige Hirten, wenn Seine Herde darum ruft.  Rufen wir also, rufen wir ohne Unterlass zu Gott, damit er uns gnädig schenkt, was wir brauchen: Nicht eine neue Kirche, sondern eine in ihren guten Hirten sichtbar heilige Kirche, damit wieder „eine Herde und ein Hirte“ werde! Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Weißen Sonntag (Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit) 2020

Liebe Gläubige!

Weiß ist für uns die Farbe der Unschuld, der Reinheit, der Frische, des Lichtes, der Helligkeit. Weiß ist gleichzeitig die Farbe der sogenannten drei katholischen Weiß-heiten: des Allerheiligsten Altarsakramentes, der jungfräulichen Gottesmutter und des Stellvertreters Christi auf Erden. Die Farbe Weiß erinnert uns an das, was uns fehlt: Durch die Erbschuld mangeln wir der Unschuld, der Reinheit und des inneren Lichtes. Anderseits deutet sie aber ebenso auf die Mittel hin, diese Geschenke Gottes wieder zu erlangen: Die Kirche, ihre Sakramente und ihre himmlische Königin.

In alter Zeit legten am Weißen Sonntag die an Ostern Neugetauften ihre weißen Kleider, Zeichen der durch die Taufgnade empfangenen Unschuld, dankbar in der Kirche dem Herrn zu Füßen. Später empfingen fast alle Kinder am gleichen Sonntag die Erste Heilige Kommunion. Der Heiland, gegenwärtig unter der Gestalt der weißen Hostie, wird damit seit alters her als Quelle der Reinheit und Unschuld, als Ursprung des Lichtes in unseren Seelen bekannt.

Diese Gnadengeschenke sind aber alle Folgen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes. Die Gnade der Taufe, die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, ja alle Sakramente der Kirche, wie auch die Kirche selbst, ihr Priestertum und ihre Hierarchie sind nichts anderes als Instrumente der göttlichen Barmherzigkeit. Daher ist es mehr als angebracht, dass die Kirche nun auch am Weißen Sonntag besonders der Barmherzigkeit Gottes gedenkt und für sie dankt.

Diese Barmherzigkeit hat aber, ebenso wenig wie Taufe und Eucharistie, an denen sie sichtbar wird, etwas bloß Symbolisches an sich. Die Taufe ist eben keine „Jugendweihe“, kein bloßer Anlass zu einem Familienfest, keine gesellschaftliche Konvention. Sie ist vielmehr der notwendige Schlüssel zum Heil. Sie ist der Strom des Lebens, durch den jene Ursünde abgewaschen wird, deren Folgen wir alle merken und deren Spuren uns immer nach unten ziehen. Die Taufe ist gerade nicht Konvention, sondern dramatisches Heilsgeschehen, ohne das wir verloren sind. Durch sie und das Wirken Gottes in ihr werden wir den Krallen Satans entrissen.

Ebenso ist die Eucharistie kein leeres Symbol. Sie ist nicht irgendein Stückchen Brot, das zum Zeichen kirchlicher Gemeinschaft jedem verteilt wird, der sich in die Schlange stellt. Sie ist nicht Erinnerung, sondern machtvolle Gegenwart. Die neue Wirklichkeit der Heiligen Hostie umschließt den Himmel. Der Heiland selbst thront durch sie mitten unter uns. Die Majestät Gottes ist in ihr der Kirche dauernd anwesend. Die geopferte Menschheit Christi setzt ihr Heilswerk im Opfer der Eucharistie andauernd fort. Wenn irgendwo die Fülle umgestaltender gott-menschlicher Majestät die Welt erreicht, dann in der heiligen Eucharistie.

Deswegen ist die Barmherzigkeit, die die Kirche heute feiert, auch nur auf dem Hintergrund der göttlichen Majestät wirklich zu begreifen. Wir haben keinen Großvater-Gott, der nicht mehr anders kann, als über unsere Schuld hinwegzusehen. Wir verehren auch keinen göttlichen Uhrmacher, der sich nach getanem Werk unbeteiligt die Welt von weitem ansieht. Die Urgewalt, die Schöpfermacht, die Allwissenheit Gottes ist vielmehr seit Ewigkeit und für immer unverändert. „Rot wie Scharlach“ (vgl. Isaias 1,18) steht unsere Schuld vor der unendlichen Größe des majestätischen Gottes und schreit nach Vergeltung!

Er aber macht sie „weiß wie Schnee“! Er entäußert sich seiner Majestät, wird ein Mensch wie wir, um für uns zu sterben und uns zu erlösen. Seine göttliche Kraft, unvermindert in seiner leidenden Menschheit, macht aus dem durch unsere Sünden verursachten Verbrechen an einem Unschuldigen das endgültige Erlösungsopfer unseres Heils. Der Allmächtige, Ewige Gott wird in Jesus Christus zum Opferlamm für uns, simul sacerdos et hostia: gleichzeitig Priester und Opfer. Das göttliche Drama unserer Erlösung ist das Wirklichkeits-Drama der unendlichen, liebenden Barmherzigkeit Gottes. Weil Gott so unendlich groß ist, besitzt er die grenzenlose Macht, Tod und Teufel und Sünde zu besiegen. Wer nicht an die Majestät Gottes glaubt, kann auch die göttliche Barmherzigkeit nicht begreifen.

Das Drama der Barmherzigkeit ist aber nicht zu Ende. Der Strom der von Christus teuer erkauften Barmherzigkeit fließt weiter in der Taufe. Deswegen ist dieses Sakrament auch das Sakrament der Majestät Gottes, das uns zu dem macht, was wir ursprünglich werden sollten: Kinder des großen Königs! Jeder, der gerettet werden will, bedarf des Stromes der Gnade, der die Ursünde und alle persönlichen Sünden hinwegspült. Ohne diese Gnade können wir der Barmherzigkeit nicht teilhaft werden, weil Hindernisse, die von der gebrochenen Freiheit des Menschen kommen, nur von der größeren Freiheit Gottes behoben werden können: „Erhebt Euch, ihr uralten Pforten, es kommt der König der Herrlichkeit!“ (Psalm 24, 9 auch 7-10).

Dasselbe Drama widerholt sich unblutig auf unseren Altären bei jeder heiligen Messe. Gottes Majestät lässt sich herab, sich unser zu erbarmen. Da ist nichts bloß äußerlich Symbolisches. Der barmherzige Gott ist in Christus für immer Mensch geworden. Er bleibt für immer der Geopferte. Für immer ist dieses Opfer gegenwärtig, wenn der Priester die Worte der Wandlung in der Person Christi spricht: Er ist wirklicher Stellvertreter des einzigen Hohepriesters Christus, der das Opfer von Golgotha über die Zeiten hinweg mitten unter uns sakramental vollzieht. Im „heiligen Opfer der Eucharistie, ‚vollzieht sich‘ ‚das Werk unserer Erlösung‘“, zitiert die Liturgiekonstitution des Vaticanum II (SC 2) die Sekret des 9. Sonntages nach Pfingsten. Im heiligen Opfer vollzieht sich das göttliche Drama der Barmherzigkeit des Allmächtigen zugunsten der ohnmächtigen Sünder.

Zur Wiederherstellung unserer Unschuld, ja zum noch größeren Geschenk der Gotteskindschaft an seine menschlichen Geschöpfe hat der Gottmensch sich wie ein Lamm schlachten lassen. Deswegen müssen wir alles tun, um die Frucht dieser Barmherzigkeit nicht zu verlieren. Angesichts des blutigen Lösegeldes, das Christus für die vielen bezahlt hat (vgl. Matthäus 20, 28), sollen wir die Erlösung nicht „auf die leichte Schulter nehmen“. Barmherzigkeit ist nicht selbstverständlich. Sie ist nicht garantiert. Sie ist nicht automatisch. Sie hat einen hohen Preis gefordert und sie fordert von jedem einen Preis. Gott hat den Preis für alle auf sich genommen. Er lässt seiner nicht spotten (vgl. Galater 6,7). Wer Gottes Barmherzigkeit leicht nimmt, der sündigt gegen sie. Wer die Gnaden der Taufe und der Eucharistie nicht ernst nimmt, dem können sie nicht helfen. Wer auf die Barmherzigkeit Gottes hin weiter sündigt, an dem ist sie verloren.

Der Apostel Thomas hat erst geglaubt, als er den Finger in die Seitenwunde des Herrn legen konnte, wie uns das heutige Evangelium sagt. „Selig, die nicht sehen, und doch glauben!“ (Johannes 20, 29), sagt der Herr zu ihm. Wir aber sollten wenigstens so glauben, wie der heilige Thomas. Denn wir haben gesehen! Wir haben gesehen und sehen es noch, wie die Majestät Gottes niedersteigt, wie sie sich im Gottmenschen für uns opfern lässt, wie aus der geöffneten Seitenwunde die Gnadenströme in Taufe und Eucharistie auf die Kirche herabfließen. Wir können gleichsam täglich unseren Finger in die offene Wunde der geopferten Barmherzigkeit legen. Glauben wir also an die Majestät dieser Barmherzigkeit, damit sie an uns nicht verloren geht. Dieser Glaube, der Glaube der Kirche, der Glaube unserer Väter, der wahre katholische Glaube an die erlösende Kraft des Dramas der göttlichen Barmherzigkeit wird uns freimachen. Denn dieser unser Glaube, so sagt der heilige Johannes, „besiegt die Welt!“ (1 Johannes 5, 4). Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Osterwünsche von S. Eminenz Raymond Kardinal Burke

Liebe Freunde,

            am Ostermorgen finden wir uns zusammen mit den heiligen Frauen, die unserem Herrn in seiner Passion und bei seinem Tod treu zur Seite standen, vor seinem leeren Grab wieder. Das Grab erinnert an die tiefe Qual des Todes und des Begräbnisses Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, der die grausamsten Leiden und die schändlichste Hinrichtung erleiden wollte, die zu dieser Zeit bekannt war, um uns für immer von der Sünde und von ihrer giftigsten Frucht, dem ewigen Tod, zu befreien. Aber das leere Grab ist voller Licht, und in ihm befindet sich der Osterengel. Es ist nicht mehr das Grab, sondern das Heilige Grab, das Zeugnis eines Geheimnisses, des Geheimnisses aller Geheimnisse: das Geheimnis der göttlichen Liebe, die unser Heil ist. Das Grab ist nicht leer, weil jemand den Leib des Erlösers weggenommen hat.

Der Osterengel verkündet den heiligen Frauen – und uns – das Geheimnis, von dem das Heilige Grab Zeugnis ablegt:   

Wundert euch nicht, ihr sucht Jesus von Nazareth, der gekreuzigt wurde. Er ist auferstanden, er ist nicht hier; seht den Ort, wo sie ihn hingelegt haben. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch nach Galiläa geht; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat (Mk. 16,6-7).

Gott hat in seiner unermesslichen und unaufhörlichen Liebe zu den Menschen seinen eingeborenen Sohn in unser menschliches Fleisch gesandt, um in demselben Fleisch den Sieg über die Sünde, den Sieg des ewigen Lebens, zu vollbringen. Der auferstandene Herr geht in der Kirche immer vor uns her und ist in der Kirche immer an unserer Seite, um uns auf dem Weg zu führen, der zum ewigen Leben führt.

Unser menschliches Leben ist daher für immer und auf die tiefgreifendste Weise verändert worden. Vom Tag der Auferstehung des Herrn an leben wir, die wir durch die Taufe in Ihm wiedergeboren sind, in Ihm. Wir, die wir von Gott dem Vater in Seinem eingeborenen Sohn adoptiert wurden, der gestorben und von den Toten auferstanden ist, leben in Christus. Wir sind in Christus lebendig. Er, der durch die Innewohnung des Heiligen Geistes in unseren Seelen lebt, geht vor uns her, führt uns, damit unsere irdische Pilgerreise ihre wahre Bestimmung erreicht: das ewige Leben in der Gegenwart Gottes – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – und in der Gemeinschaft der Engel und aller Heiligen.

Aus diesem Grund ermahnt uns der hl. Paulus mit aller Konkretheit und großem Realismus und gebietet: „Fegt den alten Sauerteig hinaus, damit ihr ein neuer Teig seid; ihr seid ja ungesäuert“ (1 Kor. 5,7). Er gibt uns keine abstrakte oder idealistische Ordnung, die außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Allein können wir nicht frei von „dem Sauerteig der Bosheit und der Schlechtigkeit“ leben (1 Kor. 5,8). Es ist der Heilige Geist, den der auferstandene Herr aus seinem glorreich durchbohrten Herzen in unsere Herzen sendet. Er ist es, der uns verwandelt, damit wir „mit dem ungesäuerten Brot der Aufrichtigkeit und Wahrheit“ (1 Kor. 5,8) leben können. Wir sind nicht länger die Sklaven unserer Sünden und des Fürsten der Finsternis. Wir sind wahre Söhne Gottes, Brüder und Schwestern des auferstandenen Christus, freie Mitarbeiter mit Seiner Gnade, die immer reichlich vorhanden ist und an der es nie mangelt. Unsere Bestimmung in Christus, als adoptierte Söhne und Töchter in Ihm, ist nicht das Grab, sondern das ewige Leben. Wenn wir sterben, wird unser Leib in das Grab gelegt, um auf den Tag der Auferstehung des Leibes bei der endgültigen Ankunft Christi zu warten. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, macht uns zu dem fähig, was uns sonst unmöglich wäre: in Übereinstimmung mit der Wahrheit und in der Liebe Christi zu leben, jetzt und in der Ewigkeit.

Sicherlich stehen wir vor den schwierigen Herausforderungen des täglichen christlichen Lebens, der Täuschungen des Bösen und unserer eigenen Schwachheit. Sicherlich durchleben wir in der Welt gerade eine turbulente Zeit. Wir befinden uns in einer internationalen Gesundheitskrise, über die wir so wenig wissen und über die wir täglich verwirrende und sogar widersprüchliche Berichte erhalten; und diese turbulente Zeit durchleben wir selbst in der Kirche, die von so viel Verwirrung und Irrtum geplagt ist. Aber blicken wir auf das Heilige Grab, und wir werden die Wahrheit erkennen, die es bezeugt. Bleiben wir fest und stark, in der Zuversicht, dass der Herr tatsächlich von den Toten auferstanden ist und dass er vor uns hergeht und im täglichen Kampf an unserer Seite steht, damit wir ihm treu bleiben und in Übereinstimmung mit der Wahrheit und in der Liebe leben, die ihre reiche und unerschöpfliche Quelle im Heiligsten Herzen haben. Unsere Herzen werden, wenn sie in Sein Heiligstes Herz gelegt sind, die Weisheit und den Mut empfangen, unsere Identität als wahre Söhne und Töchter Gottes in Ihm treu zu leben.

Schauen wir, vereint mit der jungfräulichen Muttergottes, mit den heiligen Frauen, mit dem hl. Petrus und den anderen Zeugen der Auferstehung unseres Herrn durch die christlichen Jahrhunderte hindurch, kurzum, mit der ganzen Gemeinschaft der Heiligen, auf das leere Grab des Herrn, das Heilige Grab, und nehmen wir mit Zuversicht die Verkündigung des Osterengels auf, der uns versichert, dass Christus auferstanden ist und dass er vor uns hergeht, um uns immer in der Kirche zu begegnen, vor allem im Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie. Erheben wir heute und jeden Tag unsere Herzen, vereinigt mit dem unbefleckten Herzen Mariens, zu Seinem Heiligsten Herzen. Weihen wir unsere Herzen Seinem Heiligsten Herzen, um immer in Seiner Gemeinschaft, in Herzensgemeinschaft mit Ihm zu leben.

Es wird eine Geschichte über den heiligmäßigen Kardinal Stefan Wyszyński, Erzbischof von Gnesen und Warschau und Primas von Polen, erzählt, der zunächst inhaftiert und dann ab September 1953 von der kommunistischen Regierung unter Hausarrest gestellt wurde. Er und diejenigen, die ihm in jener Zeit beistanden, wurden Zeugen der unmenschlichen Behandlung, ja Folter und Hinrichtung, so vieler Gefangener. Einer von jenen, die ihm während seines Hausarrests zur Seite standen, äußerte eines Tages die Angst davor, wer an die Tür kommen könnte. Die Angst war nicht unbegründet. Der Kardinal soll geantwortet haben, dass, wenn die Angst an die Tür klopft, der Mut die Tür öffnet – und es ist niemand da. Mit anderen Worten: in Zeiten des Leidens und sogar des Todes müssen wir den Mut derer haben, die in Christus leben. Wir dürfen der Furcht nicht nachgeben, die zwar ein natürliches Gefühl in Zeiten der Gefahr ist, die Satan aber dazu benutzt, uns unseren christusähnlichen Mut zu nehmen. Vielmehr müssen wir immer größeres Vertrauen in unseren Herrn haben, der uns nie verlassen wird. Wenn wir mutig voranschreiten, wird es zwar Leid geben, aber keine Niederlage. Wenn der Mut die Tür öffnet, wird das, was wir so sehr gefürchtet haben, nicht da sein, weil Christus mit uns ist. Vielmehr wird es den Sieg Christi in unserem menschlichen Fleisch geben. In der gegenwärtigen und sehr ernsten Situation für die Welt und für die Kirche, sollten wir uns an das Beispiel des ehrwürdigen Kardinals Wyszyński erinnern. Wenn uns Furcht überwinden will, dann lasst uns mutig sein in Christus, der wirklich auferstanden ist und in uns lebt.

Setzen wir all unser Vertrauen auf unseren auferstandenen Herrn und machen wir uns das Gebet des Psalmisten ganz zu eigen, das an diesem Tag der Auferstehung unseres Herrn so schön gesungen wird:

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat;

Freuen wir uns und seien wir froh darüber.

Rette uns, wir bitten dich, o Herr!

Herr, wir flehen dich an, gib uns den Sieg (Ps. 118 [117], 24-25).

Ich bete für Sie und mit Ihnen. Mögen wir gemeinsam starke, feste und mutige Zeugen für das Geheimnis der Wahrheit und Liebe Gottes sein, die in uns wirken. Bitte beten Sie für mich.

            Möge die Feier der Auferstehung unseres Herrn bleibende Freude und Frieden in Ihr Heim bringen sowie festes Vertrauen und Mut in Ihr Herz.

Raymond Leo Kardinal BURKE

12. April 2020

Ostersonntag

Predigt Ostermontag

Liebe Gläubige!

“Bleib bei uns Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt!“ Diese Worte der Emmausjünger scheinen uns aus dem Herzen gesprochen. Während aber die Jünger an den Herrn dachten, dem der lange Heimweg nicht mehr zuzumuten war, dürfen wir Ihn bitten zu bleiben, weil uns die Schatten unserer Zeit selbst furchtsam machen. Während die Emmausjünger nämlich noch nicht wussten, wer bei ihnen einkehrte, haben wir den Herrn schon am Brotbrechen erkannt. Wir wissen, dass er mit uns auf dem Weg ist, ja noch mehr, dass er in jeder heiligen Messe mit uns das Brot des Lebens bricht, in dem Er selbst sich uns schenkt.

Daher dürfen wir ihn bitten zu bleiben, wenn es Abend wird und der Tag sich neigt. Leben wir nicht am Abend unserer Kultur? Hat sich der Tag unserer christlichen Gesellschaftsordnung nicht schon lange geneigt? Sind die Schatten nicht so lang geworden, dass sie nun wie bedrohliche Gespenster auf uns wirken? Unsere Institutionen scheinen schwach und hinfällig, Recht und Gesetz oft beliebig interpretierbar, persönliche Interessen derer, die uns leiten, nicht selten im Vordergrund und allerlei Ideologien, die wir lange überwunden glaubten, sind zurück.

In der Kirche scheint es nicht besser auszusehen. Mut, Frömmigkeit und Liebe zur Wahrheit scheinen selten geworden. Statt klarer Worte trifft man bestenfalls auf Schweigen; nur, wenn sich angepasst werden muss, wird Stärke simuliert. Es wird viel von Reformen gesprochen, doch die Maßstäbe solcher Verbesserungen bleiben zweifelhaft. Menschenfurcht und Medienwirkung gewinnen vor Treue zur katholischen Lehre und Moral. Ist das auch der Abend der Kirche? so hört man ängstlich fragen.

Dass wir in einer Zeitenwende leben, steht außer Diskussion. Vielleicht werden die bürgerlichen Institutionen, so wie wir sie in einer außergewöhnlich langen Friedenszeit erlebt haben, bald so ausgehöhlt sein, dass sie tatsächlich zerfallen. Kein Staatswesen ist ewig, so lehrt die Geschichte. Die klassische Kultur, so wie sie noch unsere Väter gekannt haben, hat sich tatsächlich längst verabschiedet. Unwissenheit und Unbildung steigen. Ob der Frieden, den uns Gott so lange erhalten hat, dauern wird, weiß Er allein. Europa hat sich öffentlich und privat von seinen christlichen Wurzeln losgerissen und sie verleugnet. Wie können wir erwarten, dass alles so weitergeht wie bisher?

Für einen Staat und eine Gesellschaft ohne Gott kann niemand die Garantie übernehmen. Für die Kirche aber hat sie Christus seit ihrer Gründung übernommen. Die Kirche hat alles überlebt und wird es auch in Zukunft tun. Durch göttliche Stiftung und Willen ist sie unzerstörbar. Sie hat den Verrat Petri und die Feigheit der Apostel überlebt, und das nicht nur einmal! Sie hat den Untergang großer Reiche und Kulturen überlebt, und zwar schon viele Male. Sie hat Verfolgungen, Seuchen, Barbarei, Völkerwanderungen, Unterdrückung, Martyrium, Häresie und Irrtum überlebt, so oft, dass ihre dauernde Existenz in sich selbst ein Wunderwerk der göttlichen Allmacht geworden ist.

„Du bist Petrus: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!“ (Matthäus 16, 18), hat der Herr dem Petrus bei Cäsarea Philippi gesagt. Damals wusste er schon, dass Petrus ihn im Stich lassen würde, dass er als Mensch feige und großsprecherisch war, dass man sich nicht auf ihn verlassen konnte. Trotzdem hat er ihm die Schlüssel des Himmelreiches gegeben und seither nie mehr entzogen.

Große Heilige, gewaltige Fürsten, weise Theologen haben das Schiff Petri durch die Stürme der Zeiten gesteuert, aber es hat wohl auch einige Feiglinge, Opportunisten, Weltlinge und Scharlatane auf dem Thron Petri gegeben. Die Zahl der guten Päpste ist weit höher, aber die anderen haben doch für kurze Zeit großes Übel anrichten können. Die Kirche hat sie alle überlebt!

Warum ist das so? Weil der Herr die Bitte der Emmausjünger schon erhört hat. In dem Evangelium des heutigen Tages heißt es: „Er stellte sich so, als wollte Er weitergehen.“ (Lukas 24, 28) In Wirklichkeit aber hatte er schon entschieden zu bleiben, um die Jünger über die Wahrheit der Auferstehung zu belehren. Er hat sich für immer entschieden, in der Kirche zu bleiben. Daher nennt er sie „meine Kirche“. Daher fragt er den die junge Kirche verfolgenden Paulus: „Warum verfolgst du Mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4) Er identifiziert sich mit Seiner Kirche! Manchmal stellt er sich allerdings in der Kirchengeschichte so, als wolle Er nicht bleiben. So scheint es heute, wie schon viele Male vorher. Aber er bleibt immer. Er will nur, wie damals, dass wir Ihn bitten, damit unsere Herzen offen werden, seine Gegenwart zu erkennen.

Bitten wir ihn also dringend um seine Gegenwart, wie der Emmausjünger. Wenn wir uns Sorgen machen um die Zukunft, wenn wir an der Gesellschaft verzweifeln, wenn wir die Vertreter der Kirche nicht mehr verstehen: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden!“ Wenn wir ihn so demütig bitten, dann wird er uns alles erklären. Dann wird er uns die Schrift verstehen lassen. Dann wird er die Kirchengeschichte erleuchten. Dann wird er seiner Kirche wieder Männer mit brennenden Herzen schenken, die offene Augen für seine Gegenwart haben.

Wenn wir Ihn nur bitten, dann werden auch uns mitten im Dunkel der Zeit die Augen aufgehen für das, was wirklich in der Kirche wichtig ist: Seine Heilsgegenwart im Altarsakrament, die uns niemals verlässt. Und wie die Jünger werden wir aufstehen und herausgehen ohne Angst vor der Zukunft, damit wir allen anderen sagen können, was heute und für alle Zeiten in der Kirche wirklich zählt: „Christus, gestern, heute und in Ewigkeit!“ Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt Ostersonntag

Liebe Gläubige!

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!“ So sangen wir in guten Zeiten in unseren Kirchen am Ostermorgen. Das Grab ist leer! Dieser kurze Satz ist für unseren Glauben von enormer Bedeutung. Unser Glaube ist kein Mythos. Wir glauben keine phantastischen Göttergeschichten, keine verworrenen Erzählungen von ewiger Wiederkehr und Neugeburt, keine Fabeln und Sagen, die niemand je nachprüfen kann. Der Inhalt unseres Glaubens übersteigt zwar die Grenzen unserer Vernunft, denn sein Ursprung ist im unendlichen Gott. Doch die Gründe dafür, dass wir die Offenbarung Gottes für wahr halten, beruhen auf unumstößlichen Tatsachen. Einige der wichtigsten darunter sind wesentlich für unsere Glaubensfreude an diesem Ostermorgen: Jesus hat unter uns gelebt, Er hat für uns gelitten und ist gekreuzigt worden, Er ist leiblich von den Toten erstanden!

Das leere Grab bezeugt die Wahrheit dieser historischen Tatsachen. Jesus ist nicht „in das Kerygma auferstanden“, seine Auferstehung ist also nicht eine bloße Glaubenserzählung der nachösterlichen Gemeinde, wie uns manche in verwässerter Wiederholung altmodischer Irrtümer oft protestantischen Ursprungs weismachen wollen. Seine Auferstehung ist ein Faktum, das wie jede andere Tatsache, deren persönliche Zeugen wir nicht gewesen sind, durch Zeugen, Beweise und Indizien erhärtet werden kann. Denken wir doch an die berühmte Schlacht Alexanders des Großen gegen Darius III von Persien bei Issos im Jahre 333 vor Christus. Dafür gibt es nur vier teilweise stark voneinander abhängige Quellen, die sämtlich erst 300 bis 400 Jahre später die Schlacht erwähnt haben.  Trotzdem zweifelt niemand an der Existenz dieser Schlacht!

Für die Auferstehung Christi jedoch gibt es Zeugen, die noch am Morgen selbst das leere Grab gefunden haben. Dass es sich dabei unzweifelhaft um das Grab Jesu handelte, war schon an der außergewöhnlichen Art der Bestattung eines „Verbrechers“ in der Grablege eines Vornehmen zu erkennen. Das Grab des Joseph von Arimathaea, selber Mitglied des Hohen Rates, war den jüdischen Hohepriestern und Pharisäern bekannt. Deshalb konnten sie es bewachen lassen und sie hätten sofort die Behauptung vom leeren Grab widerlegt, falls das möglich gewesen wäre.

Aber das Grab war leer! Deswegen sahen sie sich rasch gezwungen, die Fabel in die Welt zu setzen, seine Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Der Evangelist Matthäus berichtet das (Matthäus 28, 13-15) zu einer Zeit, in der noch viele lebten, die von den Geschehnissen gehört hatten. Wäre sein Zeugnis über die Fabel des Hohen Rates nicht wahr, hätten ihn die Zeitgenossen leicht widerlegen können. Offensichtlich haben also die Feinde der Christen tatsächlich diese beschuldigt, den Leichnam Christi gestohlen zu haben. Damit werden diese Feinde selbst zu Zeugen des leeren Grabes.

Nun waren aber die ersten Zeugen für das leere Grab die frommen Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gegangen waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Das ist doppelt bedeutsam. Erstens haben sie offensichtlich nichts vorbereitet oder erwartet, was auf ein leeres Grab hindeutet. Sonst wären sie ja nicht mit ihren Salbölen zum Grab gegangen. Maria Magdalena hält den Herrn in ihrer Überraschung sogar für den Gärtner, den sie fragt, wo er den Leib Jesu hingelegt habe. Die Frauen waren also auf die Auferstehung und die Tatsache des leeren Grabes in keiner Weise vorbereitet, ebenso wenig wie die Jünger, die den Frauen zunächst gar nicht glauben wollen. Es handelt sich also nicht um eine abgesprochene Lüge, sondern um Wahrheit!

Zweitens ist es sehr ungewöhnlich, dass die Evangelisten die Frauen überhaupt als Zeugen anführen. Frauen waren zur Zeit Jesu keine vollwertigen Zeugen im Prozessgeschehen und wurden auch sonst als glaubwürdige Zeugen nicht ernst genommen, was man an der zweifelnden Reaktion der Emmausjünger schon zu Genüge sieht. Wenn also die Tatsache des leeren Grabes nur eine Erfindung wäre, hätten die Evangelisten sich einen Bärendienst erwiesen, als erste und zunächst wichtigste Zeugen Frauen aufzuführen. Wenn sie es doch tun, zeigt sich, dass sie nichts zu verbergen oder zu beschönigen waren, weil ihr Bericht einfach wahr ist!

Die Apostel machen in diesen Zeugnissen für die Auferstehung ohnehin keine gute Figur. Während die Frauen wenigstens mutig zum Grab gehen, um den Leichnam des Herrn zu salben, bleiben sie furchtsam zurück und trauen sich nicht aus dem Haus, bis ihnen die Frauen von dem Geschehen berichten. Daraufhin glauben sie ihnen zunächst nicht, denn es sind ja „nur“ Frauen, aber schicken doch zwei Repräsentanten vor, während die anderen sich immer noch verstecken. Hätten sie diese für sie doch sehr peinlichen Umstände nicht verschwiegen, wenn sie eine schöne Phantasiegeschichte zurechtgemacht hätten? Sie haben nichts verschwiegen, und das zeigt wiederum, das alles wahr ist, was sie sagen.

Als dann der Lieblingsjünger Jesu auf das Zeugnis der Frauen hin dem zögerlichen Petrus vorauseilt und zuerst am leeren Grab ankommt, sieht er vom Eingang aus die Leinenbinden liegen, geht aber nicht in das Grab herein, sondern lässt dem Apostelfürsten Petrus den Vortritt. Dieser sieht ebenfalls die Leinenbinden liegen, findet aber das Schweißtuch säuberlich gefaltet an einem anderen Platz. Das ist weder das Werk von Grabräubern noch ein Produkt der Phantasie. Hier werden akribisch historische Einzelheiten wiedergegeben, die schon über das leere Grab hinausdeuten auf das Geschehen um den auferstandenen, den lebenden Jesus. Johannes, der Verfasser dieses Berichtes (Johannes 20, 1-10), ist selber der Zeuge und von allem, was er dazu schreibt, sagen die Indizien dasselbe wie er: „und wir wissen, sein Zeugnis ist wahr“ (Johannes 21, 24).

Doch dabei endet es ja nicht. Die historische Tatsache des leeren Grabes ist nur der erste Anfang der vielen glaubhaften Zeugnisse für die Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer, weil der Tod den Gottmenschen nicht halten konnte. Die göttliche Kraft sprengt die menschliche Wirklichkeit des Todes: Der auferstandene Herr erscheint viele Male als Lebender, um seinen Triumph über den Tod unter Beweis zu stellen. Jesus hat nicht nur das Grab leer hinterlassen, sondern er erscheint auch einer Vielzahl an Einzelpersonen (Lukas 24,34) und Gruppen (Matthäus 28,9; Johannes 20,26–30; 21,1–14; Apostelgeschichte 1,3–6; 1. Korinther 15,3–7). Paulus berichtet in einem für ihn nicht vorteilhaften Kontext, dass der Herr sogar 500 Brüdern auf einmal erschienen ist, als letztem auch ihm, der Fehlgeburt (1 Korinther 15, 6-8). Der Hebräerbrief spricht daher nicht zu Unrecht in einem weiteren Zusammenhang von einer „Wolke von Zeugen“ für die Wahrheit des Glaubens (Hebräer 12, 1).

Würden rein historische oder literarkritische Maßstäbe wie in den profanen Wissenschaften an die Tatsache der Auferstehung angelegt, dann würde die Vielzahl der Zeugnisse, ihre Verschiedenheit, ihr glaubwürdiger Zusammenhang und ihre zeitliche Nähe zum Geschehen mehr als ausreichender Beweis für die Tatsächlichkeit des Geschehens sein. Wenn alle überzeugt sind, dass die Schlacht bei Issos stattgefunden hat, für die gerade einmal vier Zeugnisse mit einem geschichtlichen Abstand von wenigstens dreihundert Jahren bestehen, warum glauben dann nicht alle der „Wolke von Zeugen“, die aus unmittelbarer zeitlicher Nähe das leere Grab und die Auferstehung Christi als Tatsache bezeugen?

Warum nicht? Weil die Existenz der Schlacht von Issos keine Ansprüche an uns stellt. Ihre Wirklichkeit ändert heute nichts mehr. Sie kann uns allen ganz egal sein. Die Tatsache der Auferstehung aber verlangt eine Antwort. Sie ändert unser Leben. Sie ist ein direkter Eingriff Gottes in diese Welt. Ihre Wahrheit ist nicht neutral, sondern eine Herausforderung. Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur Gott kann den Tod überwinden. Also ist Jesus Gott und alles was er sagt, hat göttliche Autorität und Anspruch auf unseren Glaubensgehorsam. Deswegen wollen, wie der Apostel Thomas, viele nicht glauben, und sogar das nicht, anders als Thomas, was sie gleichsam mit Händen greifen können, denn, „wenn das wahr ist, müsste ich ja mein Leben ändern“.

Doch nichts führt an der historischen Tatsache des leeren Grabes und der überaus zahlreichen Direktzeugnisse für den lebenden Jesus vorbei. Wer daran glauben will, der fällt keinem irrationalen Phantasiegebilde, keinem Mythos und keiner Erfindung zum Opfer. Wer glauben will, hat dafür seit dem Ostermorgen gute Gründe. Unser Glaube beruht auf Tatsachen. Das Geheimnis des Glaubens bleibt immer größer als diese, weil wir an Gott glauben und nicht an den Menschen. Aber weil wir an Gott glauben, der der Herr der Geschichte und der Wirklichkeit ist, täuscht er uns nicht mit einem leeren Mythos. Aus dem Grabe auferstehend zeigt er uns vielmehr, dass er der souveräne Herrscher über Anfang und Ende der Geschichte ist. Ihre Wahrheit gründet sich auf sein Handeln. Diese geschichtliche Wahrheit offenbart sich sichtbar für uns am Triumph des Gottmenschen über das Dunkel des Grabes. Darin besteht unsere Hoffnung auch in schwieriger Zeit. Deswegen singen wir mit der Kirche auch heute noch zurecht:

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!

Da sieht man Seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden.

Ihm kann kein Siegel, Grab noch Stein, kein Felsen widerstehn.

Schließt Ihn der Unglaub´ selber ein, er wird Ihn siegreich sehn!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz