Predigt vom Zweiter Sonntag nach Pfingsten 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Zweiter Sonntag nach Pfingsten 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Schönheitsreparaturen reichen nicht“, das sind die Worte eines hohen Kirchenvertreters in einem sogenannten Interview während einer der besten Sendezeiten unseres Fernsehens.

„Schönheitsreparaturen reichen nicht“, darin und nur darin mag der hohe Herr Recht haben. Was er dann als Heilmittel für die jetzige kirchliche Situation angekündigt hat, waren, was wir im Rheinland nicht zu Unrecht „Olle Kamelle“ nennen würden. Denn Frauenordination, Priesterehe, Segen und Kommunion für alle Arten von öffentlichen Sünden sowie die Kontrolle der Priester durch die Laien werden teilweise schon seit der sogenannten Reformation in Deutschland verkündet und sind vor allem seit den letzten 50 Jahren gar nichts Neues. Man möchte sich wünschen, dass diejenigen, die solche „alten Kamellen“ fordern, einmal über die ökumenische Mauer blicken wollten und sehen würden, welche Früchte diese Dinge in den Gemeinschaften getragen haben, die das alles schon lange eingeführt haben. Dort, wo es schon lange keinen Zölibat mehr gibt, dort wo Frauen Pastoren sein können, dort wo alle unterschiedslos zur Kommunion zugelassen werden, dort herrscht in den Kirchenbänken öde Leere. All diese Dinge helfen nämlich nicht, weil sie nicht wirklich eine Reform sind, noch weniger eine „systemische Reform“, sondern nur dem Zeitgeist schmeicheln.

Der heilige Paulus sagt im 12. Kapitel des Römerbriefes dagegen: „Nolite conformari huic saeculo“, passt euch nicht dieser Welt an. Dieses Wort hat die Kirche während der letzten 2000 Jahre sehr ernst genommen. Schon von Anfang an haben sich die Apostel, nachdem sie durch die Auferstehung des Herrn Jesus Christus und seine Erscheinungen zum Glauben zurückgefunden hatten, nicht der Welt angepasst. Sie hätten leicht Kompromisse eingehen können und behaupten können, der Herr sei nicht auferstanden. Das hätte ihnen den Märtyrertod erspart. Sie aber waren dann treu bis zum Tod. Tausende und abertausende anderer Christen sind ebenso als Märtyrer für die Wahrheit des Glaubens gestorben. Wenn nicht viele Heilige gegen die Stimme der Welt mutig verkündet hätten, worum es wirklich geht, dann wäre die Kirche gar nicht bis ins dritte Jahrtausend gelangt.

Wenn wir nur den großen Heiligen des gestrigen Tages, Bonifatius, den Patron Deutschlands, ansehen, der auch für seinen kompromisslosen Glauben gestorben ist, dann können wir, wie beim zweiten Patron Deutschlands, dem heiligen Petrus Canisius, der die Kirche in Deutschland nach der Reformation wieder katholisiert hat, genau erkennen, was man tun muss, um sich nicht der Welt anzupassen. Beide haben nämlich das einzige System verteidigt, das der Kirche wirklich helfen kann, nämlich das göttliche „System“. Dieses „System“ ist unveränderlich und ihm müssen wir die Zeit anpassen, nicht uns der Zeit!

Wie diese Heiligen und alle Christen, die dem Glauben treu geblieben sind, uns vorgelebt haben, dürfen wir uns nicht verblendet der Welt anpassen. So hören wir heute den heiligen Johannes sagen, „Wundert euch nicht, wenn euch die Welt euch hasst.“ (1 Jo 3,13) Was immer für Konzessionen die Kirche macht, sie wird trotzdem von der Welt gehasst werden. Die Welt hat lange nach der Verweltlichung des Priestertums gerufen. Nun, wo viele Priester verweltlicht sind, da zeigt sie mit den Fingern auf die Priester. Die Welt wird immer die Kirche hassen, weil sie die Wahrheit und Jesus Christus hasst.

Deswegen müssen wir nicht auf die Welt schauen, nicht dem System der Welt folgen, sondern dem „System“ Gottes, lebendig im göttlichen Wesen der Kirche. Wie seinerzeit der heilige Bonifatius und der heilige Petrus Canisius, so sollen auch wir das Eigentliche in den Vordergrund stellen, nämlich die feierliche Anbetung Gottes in der Liturgie. Gott ist im Mittelpunkt aller Dinge – nicht der Mensch! Wir müssen die Heilige Eucharistie, die wir am Fronleichnamsfest feierlich durch unsere Straßen getragen haben, wieder mehr verehren. Wir müssen das Priestertum und die Berufungen durch unser Gebet und unsere Ermutigung stärken. Wir müssen die Gottesmutter und die Heiligen, die uns ein erfülltes christliches Leben beispielhaft vorgelebt haben, mit wahrer Frömmigkeit ehren, wir müssen uns vor allem an das Heiligste Herz Jesu halten, dessen Monat wir begehen und seinen Geboten und seinen Worten genau folgen. Daher müssen wir der dauernden Lehre der Kirche, wie sie von allen Päpsten unverändert verkündet worden ist, auch heute in allem treu bleiben!

Dann, Geliebte, und nur dann wird das „System“ Gottes in dieser Kirche wieder herrschen und nur dann werden die Menschen zurückkehren, denn sie werden sehen, dass wir an das, was wir verkünden, auch glauben. Die Krise, die wir sehen, ist nämlich keine Krise der Frauenordination, ist keine Krise der Priesterehe, ist keine Krise der öffentlich tolerierten Sünden, sondern ist eine tiefe Krise des Glaubens. Wenn wir nicht mehr glauben, dass der Herr Gott ist, wenn wir nicht mehr glauben, dass er uns Worte des ewigen Lebens mitteilt, wenn wir seinen Geboten und seinen einfachen Heilsvorschriften, die er der Kirche hinterlassen hat, nicht folgen wollen, auf welcher Ebene auch immer, dann wird das System der Welt uns zerstören.

Folgen wir also, jeder in seinem eigenen Leben, jetzt ganz besonders eifrig dem großen, dem herrlichen Gnadensystem Gottes. Wir sind zum Gastmahl Gottes eingeladen, wie wir im heutigen Evangelium hören (vgl. Luk 14, 16-24). Der Herr hat in seiner großen Liebe zu uns den Tisch reicht gedeckt, alles was wir brauchen, ist bereits da. Der üppig gedeckte Tisch der Gnaden Gottes hat über Jahrtausende die Menschen genährt und sie nicht nur zu Christus hier in dieser Welt geführt, sondern zu Ihm in das ewige Leben gebracht. Der Tisch ist überreich gedeckt! Seien wir nicht wie Menschen, die vor einem reich gedeckten Tisch verhungern, weil sie den Glauben verloren haben, weil sie aus Verblendung die Gaben Gottes nicht mehr erkennen können, weil sie der Welt nachlaufen wollen und denen, die sie am Ende doch auslachen.

Wir haben eine andere Richtung zu gehen, die Richtung Gottes, die Richtung Christi! Er ist der liebende Herr, der uns vorangeht. Er gibt uns in der Kirche schon lange alle Gnaden, die wir brauchen. Seinen Reichtum haben wir empfangen!  Ihn müssen wir wieder entdecken, ihn müssen in unserem eigenen Leben sichtbar werden lassen! Dann wird das „System“ Gottes, das System der Gnade, das System der Rettung stärker sein als die Welt! Diese „systemische Reform“ ist in der Tat keine „Schönheitsreparatur“, sondern umfasst die Rückkehr zum Wesentlichen. Wenn wir das wirklich Wesentliche des Glaubens mit der ganzen kirchlichen Überlieferung leben, dann sind wir des Hohngelächters der Welt und manchmal auch ihrer Verfolgung sicher. Aber nur dann dürfen wir auch hoffen, mit der Gottesmutter, den Heiligen und all denen, die immer mutig und ohne Abstriche den Glauben bekannt haben, in den Himmel einzuziehen um Christus zu loben und zu preisen für immer. Amen.

Predigt vom Fronleichnam 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Fronleichnam 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Wollt auch ihr gehen?“ Das ist eine entscheidende Frage, die der Herr heute den Aposteln und jedes Mal aus dem Allerheiligsten Sakrament des Altares auch uns stellt: „Wollt auch ihr gehen?“ Diese Frage kam aus dem Mund des Herrn in dem Moment, als er ganz offen seine Gegenwart unter den heiligen Gestalten von Brot und Wein verkündet hatte, als er gesagt hatte, ja, mein Leib ist eine wahre Speise und mein Blut ist ein wahrer Trank. Kurz nachher begannen selbst seine Jünger zu murren; es heißt in der Heiligen Schrift ganz offen: „Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.“ (vgl. Jo 6, 48-71).

Deswegen stellt er seinen Jüngern diese Frage: „Wollt auch ihr gehen?“ Wenn wir heute in die Kirche blicken, dann haben viele den Glauben an die wahre Gegenwart des Herrn verloren, weil sie den Glauben an die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus verloren haben. Darum verlassen sie den Herrn in Seiner Kirche.

Angesichts dieser Krise müssen wir uns ebenfalls fragen, ob unser Glaube an die Gegenwart des Herrn in der Heiligen Eucharistie vielleicht etwas Überholtes ist, etwas, das wir besser loswerden? Oder ist dieser Glaube so eng mit Gott und unserem Gottesglauben verbunden, dass, wer glaubt, dass Christus Gott ist, auch weiß, dass er in der Heiligen Eucharistie gegenwärtig sein kann?

Zunächst lehrt uns die Kirche dazu die Tatsache der Wesensverwandlung, die das Konzil von Trient Transsubstantiation genannt hat. Das wahre Wesen, das Seiende, das unter dem liegt, was bloß dem Auge erscheint, kann in der Tat von Gott geändert werden, denn Gott hat alles erschaffen. Er, der der Schöpfer aller Dinge ist, hätte nicht die Kraft, die Dinge in ihrem eigentlichen Wesensstand, in ihrem Sein zu ändern?  Der Sonne und Mond geschaffen hat, der, auf dessen Wort hin alles entstanden ist, sollte nicht die Kraft haben, aus Brot den Leib des Herrn und aus Wein sein Blut zu machen?
 Wer das bezweifeln wollte, würde im gleichen Moment sein ganz kleines Gottesbild offenbaren. Ein Gottesbild eines nicht allmächtigen Gottes, eines Gottes, der nicht alles tun kann, was schon logisch in der göttlichen Macht steht.

In Wirklichkeit aber glauben wir und wissen wir, dass Gott der Schöpfer aller Substanzen ist und die Dinge somit in ihrem innersten Wesen bildet und erhält. Daher kann Er in das Innere der Dinge eingreifen und es ändern. Weil aber die Kraft der Gottheit in Jesus Christus wohnt, in dem die zweite Person des dreifaltigen und allmächtigen Gottes Mensch geworden ist, kann der Herr in dem Moment der heiligen Wandlung die Substanz des Brotes in Seinen Leib und die Substanz des Weines in sein Blut verwandeln. Er wird uns so Speise und Trank zum ewigen Leben. Wer das leugnete, würde in Wahrheit leugnen, dass Christus Gott ist.

Doch das Geheimnis geht noch weiter, denn in der Heiligsten Eucharistie wird uns ja nicht nur die Gegenwart des Herrn, sein Leib und sein Blut, geschenkt, es wird uns vielmehr die Gegenwart des geopferten Herrn geschenkt. Es wird uns geschenkt, dass wir im Moment der heiligen Wandlung mit Maria, den frommen Frauen und Johannes unter dem Kreuz stehen dürfen. Es wird uns geschenkt, dass die Zeit, die Gott geschaffen hat, gleichsam unterbrochen und alles Gegenwart wird, was er uns in seinem Opfer geben wollte. Wir wissen, Gott ist der Herr der Zeit, alles liegt in seinen Händen. Er ist Anfang und Ende der Schöpfung, Anfang und Ende aller Dinge, Anfang und Ende unseres eigenen Lebens. Er ist der König der Zeit!

Daher kann er, gegenwärtig in der heiligen Menschheit Jesu, die Zeit aufbrechen, er kann sie anhalten, er kann in ihr alles gegenwärtig machen, was Er ist und will, nämlich sein ganzes Sein und Handeln. So ist es auch mit dem Opfer Christi, das in dem Moment zeitlos wird, als der Gottmensch seinen Geist aufgibt und seinen Leib und sein Blut für uns opfert. Diese Zeitlosigkeit ist eine Eigenschaft Gottes: Daher ist die Gegenwart des Heiligen Opfers in der Heiligen Eucharistie ein Wunder, das Gott aus seiner zeitlosen Größe jederzeit zu unserem Heile wirken kann. Seit dem letzten Abendmahl tut er dies in jeder Heiligen Messe!

Schließlich aber – und das hat den Jüngern den größten Anstoß gegeben – gibt uns der Herr seinen geopferten Leib und sein vergossenes Blut zur Speise und zum Trank. Er sagt ganz ausdrücklich im 6. Kapitel des Johannes Evangeliums, das wir heute gelesen haben: „Mein Leib ist eine wahre Speise und mein Blut ist ein wahrer Trank.“ Der Herr, der uns alles gibt, der Herr, der uns geschaffen hat und von dem wir in jedem Moment unseres Lebens völlig als Geschöpfe abhängen, kann uns immer geben, was er will: Er gibt uns manchmal Dinge, die wir schwer tragen können, als heilsame Prüfung und Sühne für unsere Sünden. Doch in seiner Barmherzigkeit gibt er uns meistens gute Dinge: Er gibt uns Nahrung für unseren Geist in seinem unveränderlichen Wort und er gibt uns Nahrung für unseren Körper und unsere Seele in der Schöpfung, die uns immer wieder in ihrem Reichtum und ihrer Schönheit vor Augen steht.

Die größte Gabe, die er uns aber gibt, ist diese wahre Speise und dieser wahre Trank, die Speise und Trank zur Ewigkeit sind. Wie könnte man leugnen, dass der Herr aller Dinge, dass der Herr der Zeit, dass derjenige, der uns als liebender Gott alles gibt, wessen wir bedürfen, uns nicht geben könnte, was uns zum ewigen Leben gereicht? Gott ist kein so ein kleiner Gott, dass er uns nicht in dem Leib und dem Blut unseres Herrn Jesus Christus geben könnte. Diese einzigartige Gabe empfangen selbst die Engel nicht. Wir aber empfangen sie, weil wir sie nötig brauchen, um gerettet zu werden und in den Himmel zu kommen. Würde er nicht in der Lage sein, uns die Speise des Ewigen Lebens zu geben, dann wäre er nicht der rettende Gott, als der er uns erschienen ist.

Deswegen muss unsere Antwort auf seine Frage eindeutig sein.  Wir müssen wie die zwölf Apostel den Glauben an die Eucharistie und die Gegenwart des Herrn klar bekennen. Wir wissen, dass, wenn wir diesen Glauben nicht bekennen, wir an Gott selber zweifeln, der sich uns so großartig offenbart hat. Deswegen können wir heute mit Petrus sagen: „Herr du allein hast Worte des ewigen Lebens.“ Wenn der Herr uns aus der Eucharistie heraus immer wieder fragt: „Wollt auch ihr gehen?“, dann müssen wir vor der Welt Zeugnis ablegen wie die Apostel. Bekennen wir also heute und allezeit dankbar und mutig unseren Glauben an die Heiligste Eucharistie und an Christi dort substantiell gegenwärtige geopferte Menschheit und allmächtige Gottheit.

Der heilige Papst Leo der Große hat schon im 5. Jahrhundert gegen die zahlreichen Irrlehren seiner Zeit folgendes gesagt: „Eine mächtige Schutzwehr ist ein Glaube, der rein, ein Glaube, der wahr ist, zudem niemand etwas hinzufügen, von dem niemand etwas wegnehmen kann. Bleibt der Gaube nicht ein und derselbe, so ist das kein Glauben… An dieser [Glaubens]Einheit, Geliebteste, haltet unerschütterlichen Sinnes fest. In ihr erstrebet eure ganze Heiligung. In ihr befolgt die Gebote des Herrn!“ (Vierte Predigt auf Weihnachten)

Wenn wir also die Frage des Herrn an uns gerichtet hören: „Wollt auch ihr gehen?“, dann antworten wir Ihm klar und eindeutig: „Herr, wir bleiben bei Dir!“. Wir halten an der überlieferten Glaubenseinheit fest und zweifeln nicht an der Gottheit des Herrn! Entgegen aller Irrlehren der Zeit, entgegen aller Irrtümer, die man uns nahelegt, bekräftigen wir: Wir wollen bleiben! Wir wollen glauben! Wir wollen mit der Kirche aller Zeiten mutig bekennen, wenn wir die Eucharistie anbeten: „Wahrer Gott, wir glauben dir, du bist mit Gottheit und Menschheit hier!“ 

Amen.

Predigt vom Ostersonntag 2021

Kloster Maria Engelport
Predigt von
Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz
Ostersonntag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
„Je’hî ôr wajehî ôr“ – „es werde Licht und es ward Licht“, das sind die ewigen Worte, mit denen vor vielen tausenden von Jahren der inspirierte Schriftsteller des Buches Genesis den ersten Schöpfungsakt Gottes beschrieben hat.
Es werde Licht und es ward Licht. Alles Licht kommt von Gott. In der Schöpfung sehen wir, dass dieses Licht bis in die allertiefsten Tiefen des Universums reicht, so weit, dass wir es selbst mit den größten menschlichen Instrumenten nicht verfolgen können. Gott ist der Ursprung auch dieses geschaffenen Lichtes.
Aber ebenfalls alle Erkenntnis, alles Licht unseres Verstandes kommt von Gott. Wer Gott nicht kennt, wer Gott nicht gefunden hat, wer Ihn nicht aufrichtigen Herzens sucht, lebt im Dunkel. Die Menschen, die Gott nicht anerkennen, haben Schwierigkeiten, ihr eigenes Leben und die Welt zu begreifen. Das wahre Licht der Erkenntnis kommt aus dem Glauben, den uns Gott schenkt.
Schließlich ist das Licht der Gnade ein Geschenk Gottes. Gott schenkt alle Gnaden, Er schenkt uns jenes Licht, das mitten in unser Herz leuchtet und das uns Wegweisung gibt und uns zu ihm führt selbst in den Wirren der Zeit. Für die Menschen guten Willens erlischt das Licht der Gnade niemals.
„Je’hî ôr“ – „es werde Licht“. Das sind die Worte, die uns am heutigen Ostermorgen auch am leeren Grab entgegenklingen. Das Licht des Ostermorgens ist ein Symbol für das Licht, das durch die Neuschöpfung in Jesus Christus wieder in die Welt kommt. Weil Er Gott ist, hat Er die Dunkelheit unseres Lebens durchdringen können, weil Er Gott ist, ist es Ihm gelungen, den dem Tode verfallenen Menschen eine neue Schöpfung zu schenken. Er hat den menschlichen Leib, der dem Tod anheimfallen muss, durch göttliche Kraft wiederbelebt, uns zu zeigen, dass es eine Macht gibt, die das Dunkel verjagen kann und das Licht auch in den Moment des Todes bringt.
Derjenige aber, der der Lucifer noctis, der ehemalige Lichtträger, der Herr der Dunkelheit ist, der Satan also, will in unserer Zeit dieses Licht wieder zerstören, indem er Lüge und Verwirrung stiftet. Er nimmt den Menschen die Hoffnung auf das Licht Christi und den Glauben an Ihn, damit sie unter die endgültige Herrschaft des Todes fallen. Er versucht, das Licht der Schöpfung, das Licht des Geistes und das Licht des Herzens zum Verlöschen zu bringen.
Gegen diese Hoffnungslosigkeit unserer Zeit ist die reiche Lichtsymbolik der Osternacht für uns ein Hoffnungsträger: Das Osterfeuer, das Licht der Gottheit, wird hell brennend gesegnet. Auf einem dreifachen Leuchter, dem arundo, wird dieses Licht als Symbol der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung in die dunkle Kirche getragen, während des großen Osterlobes, des Exsultet, entzündet der Diakon dann die Osterkerze an diesem dreifaltigen Licht und das Licht Christi leuchtet in der Dunkelheit. Deswegen nennt das Exsultet, Christus den lucifer, qui nescit occasum – den „Lichtträger, der keinen Untergang kennt“, weder den Untergang der Sonne noch den Fall des bösen Lichtträgers in die sündhafte Dunkelheit dieser Welt.
Das Licht Jesu Christi ist immer triumphierend, das Licht Jesu Christi wird immer siegen, das Licht Jesu Christi hält nicht vor Tod und Teufel inne! Dieses göttliche Licht durchdringt auch die größten Steine der Dunkelheit unserer Herzen und der Dunkelheit unserer Gräber. Der Herr ist der Herr einer neuen Schöpfung, er gibt uns auch eine neue Erkenntnis und ein neues Herz. In allen Schwierigkeiten, in allen Nächten unseres Lebens gibt er uns jene Zuversicht und jenes Wissen, die uns stark machen und uns davon überzeugen, dass das Licht zuletzt immer siegen wird.
Das Licht der neuen Schöpfung, das Licht, das aus dem Glauben kommt, das Licht, das uns mit der Gnade Jesu Christi geschenkt worden ist, leuchtet hell an diesem Ostermorgen. Christus ist der wahre lucifer, der Morgenstern, der aufgeht, aus dem Grabe steigt und mit seinem Licht alles erleuchtet. Darum sind wir mit der ganzen Kirche am Ostermorgen von Freude erfüllt. Wir wissen: Die Schöpfung hat sich in Christus und durch Ihn erneuert! Er ist die Sonne der Gerechtigkeit!
Das große Wort des Anfangs „je’hî ôr“ – „es werde Licht“, wird an Ostern wieder Wirklichkeit. Ostern wird es Licht, Licht in unseren Herzen, Licht in der Kirche, Licht am Ende auch in unserer Gesellschaft. Christus wird den Tod besiegen, wie er ihn immer besiegt hat. Er wird die Hoffnungslosigkeit besiegen, wie er sie immer besiegt hat. Sein Grab ist leer, er ist auferstanden, sein Licht leuchtet uns. Das Osterfest hat am Morgen der Auferstehung begonnen, setzt sich fort in den österlichen Feiern der Kirche bis zum Ende der Welt und wird im Himmel niemals enden. Am Anfang wurde Licht! Dieses Licht ist von neuem erschienen! Es wird nie mehr vergehen! Amen.

Predigt vom Pfingstsonntag 2021

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Geistlos! Von allen guten Geistern verlassen! Das ist der Eindruck, den das kirchliche Leben in Deutschland manchmal geben kann.

Doch dieser Eindruck ist oberflächlich oder unzureichend. Wenn wir nämlich die Kirche beurteilen wollen, müssen wir weiter blicken als nur auf das aktuelle Tagesgeschehen, das von der Schwäche der Menschen bestimmt ist. Wohl ist die Begrenztheit und Sündhaftigkeit der Glieder der Kirche, seien sie Bischöfe, Priester oder Weltlaien, nicht selten für Geistloses und Unbedachtes verantwortlich. Auf der Ebene des rein Menschlichen wirkt auch in der Geschichte der Kirche das Tun vieler Kirchenglieder tatsächlich hier und da von allen guten Geistern verlassen.

Wenn wir aber auf das Ganze der über zweitausendjährigen Kirchengeschichte blicken, sehen wir gerade an der menschlichen Schwäche und Kurzsichtigkeit, die immer wieder alles durcheinanderbringen kann, dass die Kirche niemals geistlos oder geistverlassen ist. Trotz aller Schwierigkeiten, die menschliche Beschränktheit über die Kirche gebracht haben, ist die Kirche immer wieder erstarkt! Nach der Überwindung mancher Wirrnisse hat sie immer
von neuem mutig Zeugnis für die ganze, überlieferte Wahrheit Gottes gegeben.

Der Geist Gottes verlässt die Kirche nämlich nie! Auch dann, wenn sich einzelne oder Gruppen von der Wahrheit abwenden,  bleibt der Heilige Geist das Prinzip der lebendigen Wahrheit Christi in der Kirche. Dieses göttliche Prinzip zeigt sich immer von neuem auf dreifache Weise.

1. Zunächst ermöglicht der Geist Gottes, dessen Hochfest wir heute begehen, die Offenbarung der verborgenen Wahrheit Gottes an die Kirche: Christus ist diese ‚Menschgewordene Wahrheit‘. Er ist eins mit Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist. Durch seine geistdurchflutete Menschheit, in ihrem Tun und Reden, erkennen wir die Heilswahrheiten, die zu unserer Rettung notwendig sind.  Durch den Heiligen Geist, der die Einheit zwischen Gottheit und Menschheit bewirkt, ist Christus für uns „der Weg, die Wahrheit und das Leben“! Christus bleibt durch den Geist Gottes immer der Mittelpunkt der Kirche!  Er sendet uns den Geist, damit diese Heilswahrheiten nicht verloren gehen.

2. Die Geistsendung an die Apostel, die mit Maria versammelt waren, bestätigt die Wahrheit, die Christus seiner Kirche hinterlassen hat. Er gibt den Aposteln  die Vollmacht, im Namen des Heiligen Geistes zu reden und zu schreiben. Bestätigt und getragen vom hl. Geist, geht die aktive Offenbarung der Heilswahrheiten bis zum Tod des letzten Apostels weiter. Der Heilige Geist führt diese, so wie Christus gesagt hat, in die „ganze Wahrheit“ ein. Trotz aller persönlichen Schwächen, die selbst bei den Apostelfürsten Petrus und Paulus nicht verschwiegen werden, setzt der Heilige Geist die Wahrheit durch und beschützt sie. Die göttliche Inspiration der Evangelien und Apostelbriefe durch den Geist Gottes garantiert deren völlige Wahrheit und Fehlerlosigkeit. Obwohl jeder der heiligen Schriftsteller auf seine Weise und nach seiner Erfahrung schreibt, gibt es keinen Widerspruch und keine Irrtümer in der schriftlichen und mündlichen Überlieferung der Offenbarung durch die Apostel und Evangelisten. Gott der Heilige Geist bleibt auch in der Überlieferung der Kirche die Garantie und das Prinzip göttlicher Wahrheit und Unfehlbarkeit.

3. Dieses wunderbare Wirken des Gottesgeistes hört aber mit dem Tod des letzten Apostels nicht einfach auf, sondern wandelt sich in einen dauernden Beistand des Geistes für die Kirche hinsichtlich der Überlieferung der geoffenbarten Wahrheit. Zwar hat es in der langen Geschichte der Kirche viele Irrtümer und Häresien gegeben, doch ist die Wahrheit Christi schließlich immer siegreich.

Der Heilige Geist steht zunächst Petrus und seinen Nachfolgern bei, damit sie „die Brüder in der Wahrheit stärken“. Der Gottesgeist hat noch immer zu verhindern gewusst, dass der Irrtum auf Dauer siegt, auch wenn Petrus kleingläubig wurde. Das feierliche Lehramt des Papstes aber, das dieser von der erhabenen Höhe seines Amtes in Glaubens- und Sittenfragen an die gesamte Kirche richtet, ist durch die Assistenz des Heiligen Geistes mit der Gabe dauernder Unfehlbarkeit ausgestattet. Selbst schwache und verwirrte Päpste, von denen es einige wenige gegeben hat, haben niemals gewagt, an diesem Grundbestand göttlicher Wahrheit zu rütteln. Würde dies doch wider Erwarten einmal geschehen, würde der Geist Gottes der ganzen Kirche eindeutig zeigen, dass das hohe Amt des Stellvertreters Christi auf einen anderen übergeht.

Der Geist Gottes aber ist stärker als der Irrtum und lässt niemals zu, dass die Braut des Herrn, deren Seele er ist, des Glanzes der Wahrheit verlustig geht. Neben den Sakramenten, deren Wirkmächtigkeit der Heilige Geist ebenso garantiert, ist nämlich der Glanz der unverfälscht überlieferten Wahrheit der herrlichste Schmuck der Kirche!

So sehen wir deutlich: Der Geist des Herrn hört niemals auf in der Kirche zu wehen! Er schenkt uns in Christus die göttliche Offenbarung, er garantiert ihre Wahrheit in der schriftlichen und mündlichen Überlieferung, er steht dem Lehramt bei, die Offenbarung immer besser zu verstehen und ohne Irrtum bis zum Ende der Welt zu bewahren.

Weil der Geist Gottes – der Geist der Stärke, der Liebe und der Wahrheit -, die Kirche auch in schweren Zeiten belebt, muss die Kirche in ihrer überlieferten Lehre auch heute noch mit der ‚Stimme der Ewigkeit‘ sprechen. Es ist daher nicht der Zeitgeist, der die Sprache der Kirche bestimmen kann. Wie die Worte ihres Herrn, so müssen auch die Worte der Kirche „Worte des Ewigen Lebens“ sein. Wenn daher Vertreter der Kirche nicht mehr mit der Stimme der Überlieferung, also nicht mehr mit der ‚Stimme der Ewigkeit’ sprechen würden, hörten sie auf, wirklich im Namen Christi und seiner Kirche die Wahrheit zu verkünden.

Bitten wir also heute den Geist der Wahrheit, die Kirche neu zu beleben, damit die Stimme der Ewigkeit in der Welt ganz  deutlich und ohne Fehl ertönen kann. Nur so können die Menschen das Wort Petri, des Felsens der Kirche, wieder verstehen, der – vom heiligen Geistes erfüllt –  klar bekennt: „Wohin sollen wir gehen? Du allein, o Herr,
hast Worte des Ewigen Lebens!“ Amen.

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Predigt vom Karfreitag 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Karfreitag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott sieht alles. Diese Wahrheit können wir bekräftigen, selbst ohne den Glauben. Wer durch die Betrachtung der Schöpfung zu Erkenntnis gekommen ist, dass es einen Schöpfer gibt, der weiß, dass der Schöpfer so groß sein muß, dass er alles, was er geschaffen hat, im Innersten kennt und sieht. Der Glaube bestätigt diese Wahrheit. Wir wissen, dass Gott in die Herzen sieht, dass er weiß, was wir tun, dass er weiß, wer wir sind und dass wir seinem Blick nicht entgehen können.

Das lässt uns jedoch ziemlich kalt. Obwohl wir genau wissen, dass es so ist, sündigen wir weiter. Wir versuchen nicht uns zu bekehren, wir sind oft genug gleichgültig und blasiert. Dass Gott uns sieht, bewegt uns offensichtlich wenig. Wie aber ist es, wenn plötzlich dieser Gott unter uns weilt? Wenn er nicht nur mit dem scheinbar fernen göttlichen Blick, sondern mit einem wirklich menschlichen Blick uns ansieht? Wie ist es, wenn dieser menschliche Blick uns durchschaut, uns erkennt und in unser Herz blickt? So ist es nämlich dem Petrus ergangen. Er hatte den Herrn dreimal verraten. Da heißt es bei Lukas, „der Herr wandte sich um und blickte Petrus an… und [Petrus] ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lk 22, 61-62).

Der Herr blickt Petrus an. In der Heiligen Schrift wird im griechischen Text für dieses Anblicken das Wort ἐμβλέπω [emblepo] gewählt, das viel tiefer geht als unser Ausdruck des Anblickens. Manchmal meint ἐμβλέπω [emblepo] sogar „anstarren“. Das bedeutet, dass der Herr den Petrus intensiv angeschaut hat. Der Herr hat ganz konzentriert auf den Petrus geblickt und hat ihm mitten ins Herz geschaut. Dieser Blick, wie der gewählte Ausdruck uns aus dem Zusammenhang begreifen hilft, ist aber ein persönlicher Blick, ein Blick der Liebe, ein Blick der Sorge, ein Blick, der denjenigen, der so angeblickt wird, der damit in das liebende Auge des Gottmenschen blicken darf, im Innersten berühren kann, ihm aber doch die Entscheidungsfreiheit lässt. Auch den reichen Jüngling blickt Jesus so an: „Er blickte ihn an und liebte ihn…“ (Mk 10, 21). Dieser Blick ist kein ferner kalter Blick, sondern ein Blick der Liebe und Barmherzigkeit, der bei Petrus zur Bekehrung geführt hat.

Der Herr blickt auf seinem Leidensweg viele Menschen an, die ihm begegnen. Wir könnten diese Menschen in Gruppen einordnen. Zunächst sind da die „Unverbesserlichen und Verstockten“, die er vom Kreuz herab anblickt und die eine johlende Menge bilden, aufgestachelt durch die Pharisäer. Mit unserem bloß menschlichen Blick würden wir urteilen: „Da ist nichts mehr zu machen“. Der Herr blickt sie an, aber auch dieser Blick ist noch voll Barmherzigkeit. Er wendet sich an den Vater und sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23, 24). Auch die verstockten Sünder haben noch immer eine Chance! Auch dann, wenn wir uns in der Sünde verlaufen haben und nicht herausfinden, blickt uns der gütige Menschensohn verzeihend an und betet für uns zum Vater. Sein Blick weist uns den Weg zur Gnade!

Darauf blickt er diejenigen an, die bereit sind, sich zu bekehren. Das ist der Blick, den Petrus trifft, und das ist der Blick, den er dem Schächer schenkt, der ihn bittet, für ihn einzutreten. Dieser Blick führt zu Bekehrung und Rettung! Der Herr kann dem Schächer vorhersagen: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ (Lk 23, 43). In diesen Tagen sind wir alle eingeladen zu dieser Umkehr. Der Herr blickt uns voller Liebe und Barmherzigkeit an. Wir sollen uns im Innersten bekehren. Wir sollen zu Ihm hinblicken, damit Er uns anblicken und unser Herz rühren kann, damit wir Tränen der Reue vergießen können wie Petrus und damit Er uns verzeihen kann zu einem neuen Anfang.

Schließlich blickt der Herr auf seinem langen Leidensweg die Gerechten an, er blickt die Frauen von Jerusalem an, die über ihn weinen. Er sagt ihnen, für sich selber zu beten. Der Blick, den der Herr dabei annimmt, ist ein Blick der Nächstenliebe, der uns alle auffordert zu beten, um gerettet werden zu können. Er blickt Veronika an, die ihm in einem einzigartigen Liebesdienst voller Mut das Schweißtuch hinhält. Dieser Blick ist für immer festgehalten als eine Liebesgabe Gottes an die Menschen in diesem Schweißtuch, das die Kirche noch heute verehrt. Der Blick Jesu Christi ist ein Blick der ewigen Liebe und wo dieser Blick einmal hingefallen ist, da bleibt dieser Blick tief im Herzen und in den Dingen verankert.

Endlich blickt er auf dem Weg zum Kreuz und vom Kreuz herab seine Mutter an und den Johannes; den Johannes, der weggelaufen war und zurückgekehrt ist, ein bereits Bekehrter und dadurch gerecht Gewordener. Ihn trifft ein Blick liebender Verzeihung des göttlichen Freundes, der ihm die Sorge für die Mutter anvertraut. Die jungfräuliche Mutter aber bedarf der Hilfe. Wohl ist sie immer gerecht und ohne Makel gewesen, braucht angesichts des schrecklichen Leidens ihres Sohnes auf dem Weg und unter dem Kreuz jedoch Beistand, Kraft und auch menschliche Hilfe, denn sie ist Mensch geblieben. Sie blickt der Herr mit der tiefsten Sohnesliebe an, bestärkt sie in der Kraft der Gnade und schenkt Ihr in Johannes eine menschliche Stütze. Sein Blick endlich gibt ihr die einzigartige Gnade, Miterlöserin zu werden an dem Heil, das Er uns am Kreuz sterbend erwirbt.

Der Blick des Herrn ist ein Blick, der immer in die Tiefe unserer Seelen geht. Wir müssen uns am heutigen Karfreitag entscheiden, zu welcher Gruppe wir gehören wollen. Wollen wir zu denen gehören, die nur noch der Barmherzigkeit des Vaters anheimgestellt werden können, weil sie sich von der Sünde nicht mehr trennen wollen oder können? Wollen wir zu denen gehören, die aufrichtig daran arbeiten, sich zu bekehren und die trotz ihrer Schwachheit umkehren? Oder möchten wir uns die besondere Gnade erbitten, zu den Gerechten zu gehören, die dem Herrn auf seinem Leidensweg folgen, schließlich sogar unter dem Kreuz bleiben und nicht mehr weglaufen? Die Entscheidung ist unsere! Der liebende und barmherzige Blick des Herrn ist auf uns gerichtet! Es ist kein ferner Blick, kein gleichgültiger Blick, aber es ist ein Blick, der eine Antwort erheischt. Zu welcher Gruppe wollen wir gehören?

Halten wir uns deswegen nicht nur an diesem Karfreitag ganz nah zu jener Gruppe, die sich um Maria geschart hat. Bei der leidenden Gottesmutter sind wir sicher! Bei ihr trifft uns der Blick der göttlichen Liebe nicht unvorbereitet. Wir sind vielleicht zurückgekehrt oder stehen kurz davor, aber bei Ihr werden wir davor beschützt, noch einmal vor der Gnade zu fliehen. Wenn wir uns ganz nah an Maria halten, dann wissen wir, dass der Blick Christi sich mit dem Blick der Gottesmutter vereint und uns hilft, in Zukunft unter dem Kreuz auszuharren und Christus mit jener Liebe anzublicken, die Ihn dazu gebracht hat, für uns zu sterben.

Das ist die Botschaft des heutigen Tages: Der Herr blickt uns an! Er blickt in unser Herz und wir sollen ihm antworten. Sehen wir den gekreuzigten Heiland an und rufen aus ganzem Herzen: „Sieh‘ mich an, o Herr, und sei mir barmherzig!“ Amen.

Kurzpredigt vom Palmsonntag 2021

Kloster Maria Engelport

Kurzpredigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Palmsonntag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Servire regnare est.“ – Dienen ist Herrschen. Dieser allbekannte Ausspruch wird heute auf besondere Weise wahr, weil der König der Könige seinen Dienst am Kreuz zu vollenden sich anschickt. Stefan George hat nach einem Papstamt in Sankt Peter zur Zeit Leos XIII einmal gedichtet: „So sinken wir als gläubige zu boden / Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge / Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.“ Die Menge, die den Herrn sieht, als er in Seine Stadt einzieht, wird schön, weil das Wunder des dienenden Königs sie ergreift! Christus kommt nach Jerusalem, um seinen Dienst in einem „Zweikampf mit dem Fürsten des Todes“, wie es in den Segnungsgebeten der Palmweihe heißt, als König zu vollenden: Durch diesen Zweikampf erringt Er den Triumph über den Tod und für uns das ewige Leben in Herrlichkeit.

Niemand kann Christus folgen, wenn er nicht dienen will. Wenn wir nicht bis zum Tode Gott dienen, wenn wir nicht immer, wenn Gott uns die Gelegenheit gibt, dem Nächsten dienen, dann haben wir an Christus keinen Anteil. Gott dienen ist herrschen mit Christus! Wir sind gerufen und geschaffen, um mit Christus in der Herrlichkeit des Himmels an der Herrschaft des Vaters teilzuhaben. Diese Teilhabe – so zeigt uns heute der königliche Herr – ist nur möglich durch die Bereitschaft zum Dienst eines wahrhaft opferbereiten Lebens nach dem Willen Gottes.

Das ist für uns vielleicht kein Dienst des blutigen Martyriums am Kreuz, aber ein Dienst, der uns doch jeden Tropfen unseres Blutes kostet, denn er währt bis zum Tod. Wenn wir diesen Dienst, Christus nachfolgend, heute und alle Tage zu verwirklichen versuchen, wenn wir uns wie Petrus bekehren, falls wir dem Anspruch des Dienens nicht gerecht geworden sind, dann wird uns die Gnade, die Christus uns heute durch seinen Dienst erwirbt, dabei helfen, Ihm und den Menschen zu dienen und wie Er triumphierend an der Herrlichkeit teilzuhaben.

Denken wir immer daran, dass unser König ein dienender König ist. Unser König hat unserem Heil gedient, Er hat der Wiederherstellung der Schöpfung gedient, Er hat der Ehre des Vaters gedient. Wegen Seiner Dienstbereitschaft, die mit Seiner Sendung in die Welt begann, ist Er als lebendiger Gottmensch in die Herrlichkeit auferstanden. So werden wir mit Ihm auferstehen und mit Ihm herrschen, wenn wir als Christen täglich Gott und den Menschen aus Liebe zu Christus dienen. Amen.

Predigt vom Gründonnerstag 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von 

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Gründonnerstag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

“τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν; Hoc facite in meam commemorationem; Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24) Dieser geheimnisvolle Einsetzungsbefehl der Eucharistie, den heute der Herr den Aposteln und damit der ganzen Kirche gegeben hat, erklärt uns, warum der Herr in unserer Mitte ist und bleibt, warum sein Priestertum fortlebt und warum wir alle durch diese außerordentlichen Gnaden Zugang zur ewigen Herrlichkeit haben. In diesen Worten sind im griechischen Urtext vor allen Dingen zwei Worte von Bedeutung. „ποιεῖτε [Poieite]“ ist das erste: „Tut dies!“ Damit – hier klingt die Struktur des Aramäischen nach, das der Herr gesprochen hat – setzt er der Kirche durch die Apostel eine feste Regel: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, nämlich so oft ihr dieses Heilige Opfer feiert. „Tut dies“, das bedeutet, dass er durch seine göttliche Kraft das, was im letzten Abendmahl geschieht, verewigt und fortsetzt.

Niemand aber könnte genau das tun, was der Herr getan hat, ohne die Vollmacht des Herrn zu besitzen. Deswegen wendet er sich in dem Moment, an dem er im Abendmahl sein Kreuzesopfer vorwegnimmt und damit bei der Wandlung von Brot und Wein, an die Aposteln und trägt ihnen auf zu handeln wie Er: „ποιεῖτε [Poieite]“ – tut dies, so wie Ich es getan habe, Ich gebe euch die Vollmacht, nicht nur in meinem Namen, sondern in meiner Person zu handeln. Deswegen sagt seit 2000 Jahren der Priester, wenn er die Wandlungsworte spricht, nicht wie bei der Kommunion: „Seht der Leib Christi“, sondern er sagt: „Das ist mein Leib“. Er spricht also in der ersten Person, weil in diesem Augenblick durch den Auftrag und die Vollmacht, die vor 2000 Jahren die Apostel von Christus erhalten haben, jeder Priester selbst Christus ist und deswegen die Heilige Wandlung als ein alter Christus, ein anderer Christus, wie Christus selbst vollzieht.

Deswegen ist die Handlung, der wir in jeder Messe beiwohnen dürfen, immer eine einzigartige, denn sie ist das Opfer Jesu Christi selbst. Sie ist das, was dem Priester aufgetragen ist als Zentrum seines eigenen und als Zentrum des gesamten kirchlichen Lebens. Wenn diese Handlung Christi aufhören würde, was sie, solange diese Welt besteht, niemals tun wird, dann wäre alles zu Ende. Dann wäre Christus nicht mehr unter uns, dann würde sein Opfer nicht mehr gegenwärtig gesetzt und dann würde uns die Frucht der Erlösung, die er uns am Kreuz erworben hat, nicht mehr geschenkt und sein erlösendes und sühnendes Blut nicht mehr für uns vergossen.

Christus, der Gott und Mensch gleichzeitig ist, wusste das und hat deswegen seinen Priestern diese Vollmacht und diese Gewalt gegeben, die niemand ihnen nehmen kann. Auch der unwürdige Priester, eben dadurch, dass Christus in ihm handelt, damit die Kirche nicht ohne das Opfer Christi ist, behält diese Gewalt und kann tun, was Christus ihm zu tun aufgetragen hat. Christus verlässt seine Kirche niemals und hat alles dafür getan, auch dann bei ihr bleiben zu können, wenn menschliche Kräfte versagen!

„ποιεῖτε [poieite]“ – Tut dies, und zwar: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Das zweite wichtige Wort des heutigen Abends ist „ἀνάμνησις [anamnesis]“ – Gedächtnis. Wir sehen in diesem uralten Text das Alte Testament reflektiert: Wir wissen, dass „[anamnesis]“ eine Wiedergabe des hebräischen Wortes „זִכְרוֹן [zikaron]“ ist, das das mächtige Gedächtnis des jüdischen Volkes an den Auszug aus Ägypten wachruft (Ex 13, 9). Gedächtnis, aber Gedächtnis nicht nur so, wie man einer verstorbenen Person gedenkt oder wie man sich an etwas Wichtiges erinnert, sondern Gedächtnis in der ganzen Fülle der göttlichen Kraft: Gedächtnis als gottgewirkte Gegenwärtigsetzung! Das eucharistische Gedächtnis der Kirche hat durch die Vollmacht Christi die Kraft zu bewirken, was es erinnert! Zwischen dem Kreuzesopfer, dem Abendmahl und der Heiligen Messe besteht deswegen kein Unterschied. Wer der heiligen Messe beiwohnt, wer sie in ihrer feierlichen Form, so wie am heutigen Gründonnerstag, oder in ihrer bescheidenen stilleren Form, wie sie jeder Priester jeden Tag zelebrieren sollte, erleben und mitfeiern darf, der steht unter dem Kreuz und der ist wie die Gottesmutter gegenwärtig beim Abendmahl.

Das Gedächtnis der Messe ist ein zeitloses Gedächtnis: Durch die Kraft Jesu Christi, die er den Aposteln und der Kirche gegeben hat, wird ein Tor geöffnet zwischen Zeit und Ewigkeit. Durch dieses Tor dringt die göttliche Allmacht, durch dieses Tor kommt der Heilige Geist auf die Gaben herab und wandelt sie völlig um. Aus Brot wird Fleisch, aus Wein wird Blut! Die Gottheit und die Menschheit, die Seele und der Leib unseres Herrn Jesu Christi sind gegenwärtig auf unseren Altären und bleiben wunderbar gegenwärtig in unseren Tabernakeln.

Die Kirche lebt schon immer in großer Ehrfurcht vor diesem Geheimnis. Wir sind heute vom Heiligen Paulus, der diesen Einsetzungsbefehl wie der Evangelist Lukas wiedergibt, dringend aufgerufen, uns diese überlieferte Ehrfurcht der Kirche zu eigen zu machen, denn wer den Leib des Herrn unwürdig isst und das Blut des Herrn unwürdig trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, wie der Völkerapostel sagt (vgl. 1 Kor 11, 27-29). Kommen wir also zu diesem Tisch der Liebe unseres Herrn Jesus Christus in der festen Glaubensüberzeugung, dass er uns seinen Leib und sein Blut zur Speise für unsere Erlösung gibt. Kommen wir nicht, wenn wir schwere Sünden auf uns geladen haben, kommen wir nicht, wenn wir nicht wohlvorbereitet sind durch eine regelmäßige Beichte, auch wenn wir uns nur lässlicher Sünden bewusst sind.  Es ist wichtig, dass wir mit der Kirche aller Zeiten wissen, dass in der Eucharistie ein Geheimnis lebt, dem unsere tiefste Ehrfurcht gebührt. Dieses Geheimnis ist so groß, dass es sogar die Engel nicht fassen können, so groß und einzigartig, so sehr mit der Gottheit und Menschheit Christi verbunden, dass sie es sogar nicht vollziehen können.

Nur der menschliche Priester, sei er so bescheiden und arm und zerbrechlich wie auch immer, ist durch Christi göttliche Vollmacht Christus in dem Moment, wo er die Wandlungsworte spricht. Danken wir deswegen trotz aller Angriffe auf unsere Priester dafür, dass Christus uns das Priestertum geschenkt hat und beten wir am heutigen Abend für all die vielen Priester, die mit großen Opfern und unter vielen Schwierigkeiten heute in den Pfarreien und Klöstern noch immer treu das Opfer vollziehen und den Glauben verkündigen. Danken wir ihnen, dass sie den Befehl unseres Herrn Jesus Christus ernst nehmen und weiter tun, was er ihnen aufgetragen hat zu tun, damit jenes wahre Gedächtnis, das gegenwärtig setzt, was es erinnert und was es bedeutet, nicht aufhört, in der Kirche würdig zelebriert zu werden. Beten wir dankbar für unsere Priester!Wenn wir die Tiefe dieses Einsetzungsbefehls Christi erfassen, können wir verstehen, warum der heilige Johannes im 6. Kapitel seines Evangeliums jene ewigen Worte des Herrn, die schon damals Anstoß erregten, trotzdem unverfälscht wiedergibt: „Wer Mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben!“ (Jo 6, 54) Der Herr gibt uns sein Fleisch und sein Blut als Speise und Trank! Werden wir vor diesem bleibenden Wunder demütig, werfen wir uns dankbar auf die Knie, vergrößern wir unsere persönliche Ehrfurcht vor dem Priestertum und dem Heiligen Altarsakrament vor allen Dingen dann, wenn wir in der Heiligen Kommunion Fleisch und Blut Jesu Christi empfangen dürfen! Dann wird nämlich nicht nur ein Tor aufgemacht zwischen Zeit und Ewigkeit, sondern dann wird durch den Befehl, den Christus seiner Kirche gegeben hat, wenn wir ihn mit Ehrfurcht hören, auch ein Tor in unser steinernes Herz gebrochen! Dann kann in dieses Herz, das oft voll Sünde und voll Unruhe ist, endlich der Friede einkehren, den nur Jesus Christus geben kann. Amen.

Predigt vom zweiter Fastensonntag 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von

Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Zweiter Fastensonntag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Ist der Mensch eine Maschine? Noch vor wenigen Jahren wäre diese Frage absurd gewesen und hätte in unseren Ohren seltsam geklungen. Heute aber gibt es zahlreiche Ideologien, ja Praktiken, die den Menschen zu einer Maschine degradieren wollen.

Der sogenannte Transhumanismus will den Menschen durch Einpflanzung von elektronischen Geräten wie etwa Mikrochips nicht nur in seiner normalen Funktion unterstützen, so wie es die Medizin z.B. mittels Prothesen oder Herzschrittmachern schon lange tut, sondern er will den Menschen verbessern und verändern. Er will ihn innerlich in seinem Wesen umgestalten. Er will ihn zu einem „Übermenschen“ machen und künstlich herbeiführen, was der Mensch in seinem ganzheitlichen Wesen nur von Gott empfangen kann. Dieser Transhumanismus ist im Grunde tief menschenverachtend. Er will nicht sehen, dass der Mensch eine Leib-Seele-Einheit bildet, eine Ganzheit, die von Gott geschaffen ist. Er verfügt über den Menschen ebenso, wie man über eine Maschine verfügt und er will aus ihm machen, was Ideen und Phantasien ihm eingeben.

Dieser sogenannte Transhumanismus führt dann logischerweise zum Posthumanismus. Man glaubt, dass das Modell Mensch, so wie wir es kennen, endgültig veraltet ist, dass wir alles verändern müssen, so, dass wir nur noch eine geistige Komponente, etwa das im Hirn gespeicherte Wissen und die dort vorhandene vorgeblich rein geistige Identität erhalten können. Es wird behauptet, dass das alles auf eine Maschine – einen Rechner – übertragen werden kann. So soll, wie man mit Hybris wähnt, der Mensch in seiner geistigen Identität angeblich unsterblich gemacht werden können.

Hier tritt uns die uralte, böse Frage entgegen, die schon von Anfang an dem Menschen gestellt worden ist: „Willst du sein wie Gott?“ Denn hier macht sich der Mensch zum Schöpfer, er will sein eigenes Menschsein ablegen, er will ein neues Geschöpf bilden, er will etwas Größeres als sich selbst schaffen und zerstört damit hochmütig und undankbar sein eigenes Sein.

Dieser Posthumanismus hat tief nihilistische Wurzeln, der „Übermensch“ der Philosophie Nietzsches wird hier zu einer technisch machbaren Errungenschaft. Wir werden zu manipulierbaren Machwerken. „Alles ist möglich“, denn in dieser Sicht es gibt keine eigentliche unveränderliche, menschliche Natur mehr, alles ist in die Beliebigkeit gestellt. Im Letzten gibt es in diesem kalten Weltbild auch keine bleibende Wahrheit mehr, und natürlich keinen Maßstab, den Gott gesetzt hat. Vorgebliche Eliten schreiben in dieser „neuen Welt“ allen alles vor. Damit wird menschenverachtend eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wie in der „schönen neuen Welt“ von Aldous Huxley, global vorgeprägt: Eine „wissende“ und „verbesserte“ Elite will die anderen „armen“ Menschen beherrschen. Freiheit wird durch Despotismus ersetzt, der Mensch wird zur Maschine, über die beliebig verfügt werden kann, und das alles geschieht angeblich „zum Wohle der Menschheit“. Was früher fast undenkbare Utopie war, wird heute langsam Wirklichkeit!

Im Evangelium hören wir etwas ganz Anderes: Mitten in der Fastenzeit wird uns die Verklärung des Herrn vor Augen gestellt. Im lateinischen Text der Vulgata heißt Verklärung transfiguratio, im griechischen Urtext metamorphosis: Eine Umwandlung, eine innere und äußere Umgestaltung des menschlichen Leibes Jesu Christi, der in seiner göttlichen Herrlichkeit den Aposteln erscheint. Hier aber ist kein cartesischer Dualismus zu sehen, denn der Leib des Herrn bleibt erhalten; doch die Gottheit, die die menschliche Natur des Herrenleibes von innen durchwirkt und gestaltet, wird äußerlich sichtbar. Die Glorie des Herrn wird sichtbar, aber in dem einen Leib, in der einen Menschheit, in der unzerstörbaren Einheit von Seele und Leib, Gottheit und Menschheit unseres Herrn Jesus Christus.

Kein künstlicher Dualismus tritt uns hier entgegen, sondern die Einheit von Gnade und Natur wird durch die Allmacht Gottes vor die erstaunten Augen der Apostel gestellt. Es ist für uns eine Vision dessen, was Gott mit uns selber vornimmt, wenn wir uns der Gnade öffnen. Auch wir sollen umgestaltet werden. Umgestaltet nicht dadurch, dass man uns etwas einpflanzt, dass man uns zu Maschinen macht, dass man uns technisch beliebig verändert, sondern umgestaltet dadurch, dass die Gnade von innen in uns wirkt. Umgestaltet dadurch, dass wir unser Selbst wahren, aber insofern verändert werden, als wir besser, mehr von der Gnade getragen und mehr Christus ähnlich werden. Das gilt nicht für eine kleine Elite, sondern für jeden, der sich der Gnade öffnen will.

Jeder bleibt dabei derselbe, die Identität des Menschen ist unveränderlich, kein Eingriff, keine Krankheit, kein Alter kann sie uns im Tiefsten nehmen. Wir bleiben immer die gleichen Menschen: Immer mit Schwächen behaftet, aber für die Gnade offen. Capax Dei, wie der hl. Thomas von Aquin lehrt. Wenn wir ein ganzes Leben lang mit Christus, in seiner Gnade mitgearbeitet haben, dann werden trotz unserer Begrenztheiten langsam und unmerklich umgestaltet, dann werden wir der Glorie nähergebracht, aber ein jeder bleibt der gleiche Mensch, den Gott in der Schöpfung mit je eigener Würde ausgestattet und, als Christ, durch die Sakramente der Kirche zu Seinem Kind gemacht hat. Daher bleibt jeder von uns der einzigartige Mensch, den Gott durch seine eigene Menschwerdung retten will. Er will jeden von uns als unverwechselbaren, aber durch die Gnade innerlich umgestalteten Menschen hinaufnehmen in die Glorie, die er uns heute auf dem Berge Tabor anfanghaft zeigt. Deswegen auch wird er am Ostermorgen mit Leib und Seele von den Toten auferstehen!

Damit enthüllt sich der Sinn der Fastenzeit: Wir sollen besser mit der Gnade mitarbeiten, wir sollen freier werden für diese wahre metamorphosis, diese innere Umgestaltung in Christus. Wir sollen uns von allem unnötigen Ballast losmachen, damit wir uns Gott öffnen können und seine Herrlichkeit in uns sichtbarer wird. Deswegen lädt uns die Kirche zu körperlichem Fasten ein, denn auch der Körper gehört zu unserer Leib-Seele-Einheit. Die Kirche fordert uns ebenso auf, unseren Geist zu reinigen und zu läutern, damit wir uns der höheren Weisheit fügen und nach den heilsbringenden Geboten Gottes leben können.

Auch durch die Fastenzeit lehrt uns die Kirche, dass der Mensch eine unverwechselbare und unveränderliche Einheit ist. Er ist eben keine Maschine, sondern ein Mensch, für die Herrlichkeit der Glorie geschaffen. Jung, alt, krank, gesund, einfach oder gebildet, hoch oder niedrig, immer ist der Mensch ein wertvoller Mensch. Er ist unveränderlich, weil Gott ihn unveränderlich liebt. Nie werden wir zu einer Maschine, deswegen dürfen wir nicht zulassen, dass menschenverachtende Ideologien den Menschen erniedrigen, ihn zu einer Maschine herabwürdigen wollen und ihn freiheitszerstörend überwachen und manipulieren.

Wir wissen mit der Kirche: Wir sind keine Maschinen, wir sind nicht auswechselbar, man darf uns niemals manipulieren und weder zu Beginn noch zu Ende unseres Lebens wegwerfen. Wir sind vielmehr eine Leib-Seele-Einheit. Als solche sind wir, mit allen Schwächen und Stärken unserer Natur, unverwechselbare, geliebte Geschöpfe Gottes. Wenn wir jedoch mit Christus auf dem Berg Tabor sein wollen, wenn wir uns seiner Gnade in dieser Fastenzeit – auch durch eine gute Beichte – besonders öffnen, dann werden wir umgestaltet. Nicht nur Christus, sondern auch wir selbst, werden damit Zeugen für die Glorie, die auf uns alle wartet! Jeder, der sich der Gnade öffnet und mit ihr mitarbeitet, zeigt, dass wir alle von Gott besonders geliebte Menschen und keine leib-und seelenlosen Maschinen sind! Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Predigt vom ersten Fastensonntag 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von

Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Erster Fastensonntag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Wir ermahnen euch, damit ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“ Das ruft der Heilige Paulus allen Christen am Anfang der Fastenzeit zu. Derjenige aber, der die größten Gnaden Gottes ganz vergeblich empfangen hat, tritt heute vor den Herrn, um ihn zu versuchen. Der Engel des Lichtes, der der Erste der himmlischen Heerschaaren war, hat, weil er sich nicht demütig vor Gott erniedrigen wollte, alle die Gnaden verloren, die er am Anfang empfangen hatte. Reich an Gnaden, reich an Kraft, reich an Schönheit war er der erste der Engel; weil er sich hochmütig Gott und seinem Dienst entzogen hat, ist er der erste der Teufel geworden und hat alle Gnade verloren.

Das lehrt uns, dass von den Versuchungen, in die der Teufel im heutigen Evangelium den Herrn führt, der Hochmut, das Nicht-Dienen-Wollen, das Nicht-Sich-Unterordnen-Wollen, die größte Gefahr für uns ist. Sicher müssen wir auch alle anderen Sünden vermeiden. Doch die Wurzel aller Sünde, der Ursprung aller verlorenen Gnade ist der Mangel an Demut, ist der Hochmut, der tief in unserem Herzen verwurzelt ist. Wir wissen aus unserem Kleinen, dass wir leicht hochmütig werden: Wir wollen nicht vergeben; wir haben immer Recht; wir machen keine Fehler; es sind immer die anderen gewesen – niemals wir! Wenn wir uns entschuldigen sollen, dann kostet uns das viel! Wir sind die Lehrer der Anderen; wir zeigen mit dem Finger auf den Nachbarn; wir sehen nicht den Balken im eigenen Auge, aber den Splitter in dem des Anderen; wir sind leicht bereit andere zu beurteilen und zu verurteilen, aber wenn jemand uns etwas Kritisches sagen will, dann sind wir sofort beleidigt. Alles das lässt uns, durch den Hochmut versucht, leicht aus der Gnade Gottes herausfallen. Es lässt uns die Gebote Gottes nicht demütig annehmen und die eigenen Fehler nicht demütig erkennen. Deswegen haben wir Schwierigkeiten, uns zu bessern und die Gnade Gottes anzunehmen. Das ist alles wahr, auch in unserem kleinen eigenen Leben.

Schlimmer aber wird es noch, wenn der Hochmut den Geboten und den Ordnungen Gottes gegenüber diejenigen erfasst, die uns in Kirche und Gesellschaft leiten sollen. Das geschieht, wenn diese plötzlich meinen, sie wüssten alles besser; wenn sie sich von der göttlichen Überlieferung in der staatlichen Ordnung, in der Rechtsprechung oder auch in der Kirche einfach entfernen. Wenn sie meinen das Neue, das sie erfunden haben, wäre immer das Bessere. Wenn sie nicht den Ordnungen folgen, die Gott uns offenbart hat, und die uns sowohl im staatlichen als auch im kirchlichen Bereich vor den Versuchungen des Teufels schützen, dann wird der Hochmut offensichtlich und dann geht die ganze öffentliche und kirchliche Ordnung in eine Richtung, die sich der Gnade verschließt.

Wir erleben heute allenthalben leider auch in der Kirche, dass diejenigen, die von Amts wegen genau wissen müssten, was Gott von ihnen will und welchen Weg sie den Gläubigen weisen sollen, andere Wege gehen. Deswegen wird der Leib der Christi, der die Kirche ist, geschwächt und die Gebote Gottes werden verachtet. Die Gnade kann gar nicht wachsen, wo wir uns hochmütig von der überlieferten Ordnung Gottes abwenden, ob in der Kirche oder im Staat.

Es wird aber dann ganz offensichtlich, dass der Teufel zugange ist, wenn eine ganze Weltordnung geändert werden soll, wenn heidnische Regierungen, und solche Menschen, die sich ganz offensichtlich von Gott abgewandt haben, neue generelle Ordnungen im Namen der Menschheit verkünden wollen. Immer dann, so sagt schon der Schriftsteller C.S. Lewis, wenn es um die vorgebliche Rettung der Menschheit geht, kommen diejenigen auf den Plan, die die Menschheit verbessern wollen und den Menschen dadurch zerstören. Wenn eine Weltordnung ohne Gott geschaffen werden soll, dann wissen wir, dass der Teufel den Griffel führt.

Deshalb sollen wir heute erkennen, dass wir uns zu Gott wenden müssen, dass wir selbst demütig werden müssen, um den Herrn, der allen Versuchungen widersteht, anzuflehen, uns vor den Machenschaften des Teufels und seiner Helfershelfer zu beschützen. Deswegen ist diese konkrete Fastenzeit, in der wir die Gefahr des Hochmuts nicht nur in unserem eigenen Leben, sondern auch der öffentlichen Ordnung und der Weltordnung deutlich erkennen, für uns, wie für alle, ein Aufruf zur Umkehr. „Bekehrtet euch und glaubt an das Evangelium!“ Gerade wenn der Hochmut, der die Waffe des Teufels ist, überall offensichtlich wird, dann müssen wir – jeder dort, wo er steht – durch eine immer erneuerte demütige Haltung die Gnade Gottes annehmen. Dann müssen wir, die wir versuchen den Geboten und Ordnungen Gottes zu folgen, durch unser Beispiel eines demütigen christlichen Lebens versuchen, uns der Gnade mit Gottes Hilfe noch mehr zu öffnen.

Jeder Einzelne, und mag sein Platz im Leben auch noch so bescheiden sein, der der Demut folgt und dem Hochmut entsagt, öffnet die ganze Welt der Gnade, denn wir hängen durch Gottes Allmacht alle zusammen. Wir dürfen nicht verzweifeln, wenn wir den Hochmut des Teufels überall so deutlich regieren sehen. Wir dürfen uns vielmehr sagen, dass jeder Einzelne ein Kämpfer Gottes ist. Jeder Einzelne, der den eigenen Hochmut besiegt, wird diese Welt der Gnade öffnen.

Deswegen können wir mit Mut und mit Überzeugung auch diese Fastenzeit leben. Durch körperliches und geistiges Fasten sollen wir uns demütig erhalten. Nur so kann sich bewahrheiten, was der Heilige Paulus gesagt hat: „Wir ermahnen euch, damit ihr die Gnade nicht vergeblich empfangt.“ Wir haben die Gnade empfangen! Wir wissen, dass wir Gott besser dienen, je mehr wir in dieser Fastenzeit seine Gebote halten und uns demütig seiner Ordnung unterwerfen. Je mehr wir uns, auch durch den regelmäßigen Empfang des Bußsakramentes, der Gnade Gottes öffnen, desto stärker wird die Kirche, und desto weniger wird der Teufel, der alle Gnade längst verspielt hat, auf uns, die Gesellschaft und die Welt Zugriff haben! Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanie

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanie

Abschluß der Gebetswoche für die Einheit der Christen

Msgr. Michael Schmitz

Sind wir noch katholisch? Wer ist eigentlich katholisch? Die Verwirrung unserer Zeit ist so groß, dass wir diesen Sonntag am Ende der Woche des Gebetes für die Einheit der Christen verwenden müssen, um diese Fragen klar zu beantworten. Dazu müssen wir uns nicht irgendwelchen Privatmeinungen zuwenden, sondern dem Lehramt der Kirche selbst, das in dieser Predigt direkt zu uns sprechen soll.

Zunächst ist festzuhalten, dass es nur eine wahre Kirche gibt, nämlich die eine, heilige katholische und apostolische Kirche, die Kirche Jesu Christi. Wir haben deswegen in der vergangenen Woche nicht für die Einheit der Kirche gebetet, sondern für die Einheit der Christen. Diese geeinte wahre Kirche existiert nämlich bereits: Es ist die katholische Kirche.

Dazu sagt Papst Pius XI, in seiner berühmten Enzyklika Mortalium animos vom 6. 6. Januar 1928 ganz eindeutig:

„Christus, der Herr, hat aber seine Kirche als selbständige und aus ihrem Wesen heraus sichtbare und äußerlich erkennbare Gesellschaft gegründet. Dieser Kirche gab er den Auftrag, das Werk der Erlösung der Menschheit bis in die spätesten Zeiten hinein fortzusetzen unter der Führung eines Hauptes, durch das Lehramt der mündlichen Lehrverkündigung und durch die Spendung der Sakramente, in denen die Quellen himmlischer Gnaden fließen.“

Der ist also katholisch, der mit der einen wahren Kirche durch das Band der Leitung, das Band der Lehre und das Band der sieben Sakramente verbunden ist. Die Leitung des Petrus und der Apostel, die ganze Lehre Christi, und die Fülle des sakramentalen Lebens aber existieren zusammen nur in der einen wahren Kirche, die die katholische ist. Deswegen sagt Pius XI weiter:

„So kann es gar nicht anders sein, als dass die Kirche Christi nicht nur heute und in alle Zeit fortbesteht, sondern sie muss auch heute noch die gleiche sein, die sie zur Zeit der Apostel war. Sonst müssten wir sagen – was fern von uns sei -, Christus der Herr sei nicht imstande gewesen, sein Vorhaben auszuführen, oder er habe geirrt, als er sagte, die Mächte der Hölle würden seine Kirche nicht überwältigen.“

Viele sind heute leider von dieser Einheit der Kirche getrennt, manche nicht durch eigene Schuld. Für alle aber gibt es nur einen Weg zur Einheit, den Papst Pius XI deutlich zeichnet:

„Es gibt (…) [daher] keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu fördern, von der sie sich ja einst unseligerweise getrennt haben. (…) Der mystische Leib Christi, das ist die Kirche, ist ja eine Einheit, zusammengefügt und zusammengehaltenwie der physische Leib Christi, und so ist es unangebracht und töricht zu sagen, der mystische Leib könne aus getrennten und zerstreuten Gliedern bestehen. Wer mit dem mystischen Leib Christi nicht eng verbunden ist, der ist weder ein Glied desselben, noch hat er einen Zusammenhang mit Christus, dem Haupt.“

Ist diese klare Lehre nun in der neuesten Zeit geändert worden? Diejenigen, die eine Änderung dieser grundsätzlichen Linie behaupten, berufen sich oft fälschlich auf das letzte Konzil. Es ist wahr, dass das Zweite Vatikanische Konzil auf jene Elemente der Wahrheit hingewiesen hat, die bei den getrennten Brüdern von der katholischen Einheit übriggeblieben sind, so etwa bei allen die Taufe, bei manchen die Eucharistie und bei den orthodoxen Gemeinschaften sogar alle Sakramente. Daher sagt das Dokument über die Ökumene Unitatis Redintegratio in seiner Nummer 3 nicht zu Unrecht: „Hinzu kommt, daß einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können.“

Bei aller Wertschätzung der getrennten Brüder bleibt das Konzil bei dieser Aussage jedoch nicht stehen. Es führt vielmehr weiter aus:

„Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt.“

Daraus ziehen die Konzilsväter einen wichtigen Schluss, der der überlieferten Lehre der Kirche völlig entspricht. Sie sagen:

„(…)nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören.“

Alle müssen also der einen wahren katholischen Kirche völlig eingegliedert werden, damit sie Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Daher müssen jene, die der Kirche fernstehen oder von ihr getrennt sind, zu ihr geführt oder zu ihr zurückgeführt werden. Es gibt keinen anderen Weg, um hier auf Erden alle Heilsmittel zu erhalten, die Christus seiner Kirche eingestiftet hat. Daher lehren wiederum die Konzilsväter schon in der apostolischen Konstitution Lumen gentium, Nr. 8 mit großer Klarheit von der katholischen Kirche:

„Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen (12). Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff), für immer hat er sie als “Säule und Feste der Wahrheit” errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“

Menschen, die ohne eigene Schuld die Wahrheit nicht kennen oder nicht annehmen können, können durch ein geheimnisvolles Heilswirken Gottes unter bestimmten Umständen doch gerettet werden, denn Gott ist gerecht. Auch das ist eine überlieferte Lehre der Kirche, die sich in der von Papst Pius XII abschließend formulierten Wahrheit von der Begierdetaufe zusammenfassen lässt. Das aber ändert nichts an der grundsätzlichen Heilsnotwendigkeit der Kirche, durch die auch diejenigen das Heil erlangen, denen Gott auf uns verborgenen Wegen Barmherzigkeit erweist. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt daher mit dem gesamten vorhergehenden Lehramt die Zugehörigkeit zur Kirche als notwendige Bedingung zum Heil. Es sagt in der Nr. 14 der Konstitution über die Kirche:

„Gestützt auf die Heilige Schrift und die Tradition, lehrt [die Heilige Synode], daß diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei. Christus allein ist Mittler und Weg zum Heil, der in seinem Leib, der Kirche, uns gegenwärtig wird; indem er aber selbst mit ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe betont hat (vgl. Mk 16,16; Joh 3,5), hat er zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die Menschen durch die Taufe wie durch eine Türe eintreten, bekräftigt. Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten.“

Alle anderen Heilswege sind unsicher und dunkel. Auf dem Antlitz der Kirche dagegen erscheint die Herrlichkeit Christi, des Lichtes der Völker (Lumen gentium 1). Nur in ihr ist Christus ganz gegenwärtig mit der Kraft seiner hohepriesterlichen Leitungsgewalt, dem Glanz seiner unverfälschten ewigen Wahrheit und dem Gnadenstrom aller seiner Sakramente. Nur in ihr wird er angebetet in der Fülle von Gnade und Wahrheit. Nur sie vereinigt alle Heilsmittel auf sich und nur sie verkündet seine tatsächliche Gegenwart ohne Kompromiss und ohne Unklarheit durch die Schönheit ihrer Liturgie, die Eindeutigkeit ihrer eucharistischen Disziplin und die unveränderlichen Worte ihres Dogmas.

Wir Katholiken, die wir die unverdiente Gnade erhalten haben, der einen wahren Kirche angehören zu dürfen, müssen durch ein heiliges Leben und eine große Liebe zur Kirche alle anderen zu ihr hinführen. Dabei gilt es, die „Wahrheit in der Liebe zu tun“, damit die Art und Weise unseres Glaubenszeugnisses niemandem abschreckt, sondern alle anzieht (vgl. UR 11).

Trotzdem dürfen wir keine Kompromisse mit Wahrheit und Leben des katholischen Glaubens machen. So sagen wiederum die Väter des letzten Konzils (ebd.):

„Die gesamte Lehre muß klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“

Nun wissen wir ganz klar, wer katholisch ist. Nur der ist katholisch, der der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche voll angehört. Also derjenige, der der von Christus stammenden rechtmäßigen Leitungsgewalt der Kirche Gehorsam leistet, der die ganze von ihr allezeit verkündete Wahrheit der Offenbarung glaubt und der durch das Band des sakramentalen Lebens in ihr die Heilsgnade empfangen hat.

Katholisch zu sein, ist ein großes Geschenk! Geben wir es weiter! Die Kirche ist das Tor zum Heil! Öffnen wir ihre Türen weit durch mutiges Glaubensbekenntnis und gelebte Nächstenliebe! Werden wir Apostel, damit alle wieder zu dem einenSchafstall Christi finden! Nur so wird die Bitte Christi verwirklicht, die er mit Eindringlichkeit an den Vater gerichtet hat: „Ut unum sint, daß alle eins sein mögen. Amen!