Predigt zum 6. Sonntag nach Pfingsten

Maria Engelport

Predigt 6. Sonntag nach Pfingsten

von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.

‚Wunder gibt es immer wieder‘ – so hieß vor einigen Jahren der Titel eines ansonsten ziemlich dürftigen Schlagers. Wunder, in diesem oberflächlichen Sinn, wären Dinge, die uns zum Staunen bringen. Man könnte solche Vorkommnisse bestenfalls als ‚moralische Wunder‘ bezeichnen, wie etwa besondere, zunächst unerklärliche Ereignisse in unserem Leben, die man zu leicht als Wunder qualifiziert. Wenn wir aber vor einem wirklichen Wunder stehen, einem Wunder, so wie es uns heute in der Heiligen Schrift mit der wunderbaren Brotvermehrung durch den Herrn berichtet wird (Mt 8, 1-9), dann stehen wir vor ganz anderen Charakteristika, die das wahre Wunder erkennen lassen. Wir können dabei genau erkennen, dass Gott am Werk ist. Denn ein übernatürliches Wunder kann definiert werden als „ein sinnlich wahrnehmbares Zeichen, das von Gott, außerhalb der gewöhnlichen Kräfte und Gesetze der Natur, zu einem bestimmten Zweck und Sinn bewirkt wird“.

Wir sehen die einzelnen Elemente dieser Definition heute auch am Wunder der Brotvermehrung. Wir können, wie auch die zahlreiche Menge bei der Brotvermehrung deutlich bezeugt, klar erkennen, dass es sich um eine sinnlich wahrnehmbare Tatsache handelt. Eine wunderbare Tatsache, die nicht nur durch Jesus Christus selbst in der Heiligen Schrift wenigstens zweimal bewirkt worden ist, sondern die sich auch in der Kirchengeschichte durch die Kraft Gottes und das Gebet der Heiligen öfter zugetragen hat. Auch hier in Maria Engelport: Während einer großen Hungersnot, als die selige Meisterin des Klosters, Margarete von Scharffenstein, in großem Gottvertrauen der Zellerarin gegen deren Bedenken gesagt hat, sie solle alles an vorhandenen Brotvorräten verteilen. Diese Brotvorräte versiegten nicht, bis alle Armen gespeist waren und doch für die Schwestern noch genug übrigblieb.

Wir merken, dass hier eine sinnlich wahrnehmbare Tatsache Gott als direkt wirkenden Autor zum Ursprung hat. Nur Gott kann eine solche Brotvermehrung bewirken. Nur Gott, auf die Fürsprache der Heiligen oder direkt, in Jesus Christus mitten unter uns wandelnd, kann Brot und Fische so vermehren, dass aus einer kleinen Menge von Nahrungsmitteln eine große Anzahl von Menschen gespeist wird. Hier werden alle Kräfte und Gesetze der Natur, die uns bekannt sind, durchbrochen, weil der Autor dieser Kräfte und Gesetze selbst am Werk ist. Alle Gesetzmäßigkeiten der Natur, die wir durch die Naturwissenschaft in ihrer unglaublichen Vielfalt und Verschiedenheit immer weiter entdecken, haben ihren Ursprung in Gott. Wenn Gott als Ursprung all dieser Kräfte und Gesetze in die von Ihm geschaffene und abhängige Natur einwirken will, dann kann er das jederzeit frei tun: Dann geschieht vor unseren Augen ein wirkliches Wunder.

Aber ein solches Wunder geschieht deswegen, weil Gott uns damit etwas nahebringen will. Jedes Wunder hat einen tiefen Sinn. Wenn Gott in die von Ihm selbst festgelegte Naturordnung eingreift, dann will Er uns zunächst einmal zeigen, wie bei der Brotvermehrung, dass Er in der Lage ist, Seine Göttliche Macht auf dieser Erde jederzeit auszuüben und zu demonstrieren. Er speist nicht nur zweimal, wie wir aus den Evangelien wissen (vgl. z.B.  Mk 6, 34ff., ebd. 8, 1ff), eine sehr große Menge mit wenigen Speisen, sondern Er zeigt auch ständig in Jesus Christus, dass Er die Allmacht auf sich vereinigt, dieses und viele andere Wunder zu tun. Er offenbart uns damit, dass Er die Natur und die ganze von Ihm geschaffene Welt niemals alleine lässt, sondern mitten in ihr wirken kann, wie es Ihm gefällt – zu unserem Heil.

Das Wunder der Brotvermehrung aber hat noch einen tieferen Sinn. Wir stehen hier, wie schon die Kirchenväter uns erklärt haben, vor dem Vorbild der Eucharistie. So wie Gott damals die Menge gespeist hat von wenigem, so speist er auf eine viel wunderbarere und viel geheimnisvollere Weise in einem sichtbaren Zeichen seit Beginn der Kirche eine immer größer werdende Menge mit Seinem Heiligen Leib und Seinem Heiligen Blut. Er kann, durch die gesamte Geschichte der Kirche hindurch, das Brot der Engel unbegrenzt vermehren. Nie wird es in Wahrheit geteilt, nie wird es weniger, nie wird es etwas Anderes. Es ist immer Leib und Blut des Herrn zu unserem Heil. Tausende, ja Abermillionen, sind damit gespeist worden und Tausende und Millionen haben durch die Barmherzigkeit Gottes mit dieser Speise das ewige Leben erlangt.

Das Zeichen der Brotvermehrung ist selbst im Detail ein Unterpfand für das Wirken Gottes in die Kirchengeschichte hinein. Wir können in der Heiligen Schrift lesen, dass von den Broten und Fischen Reste übrigblieben. Wäre es nicht normal gewesen, diese Reste den Menschen, die gerade gespeist wurden, zur Wegzehrung zu überlassen? Dagegen gibt der Herr ganz offensichtlich den Aposteln die Anweisung, die Reste aufzusammeln: In vielen Körben bleiben diese Reste bei den Aposteln, den ersten Bischöfen, den Vertretern der Kirche, die sie bewahrt haben. So wird die Eucharistie, die auf unseren Altären verwandelt und dann zum Teil an das gläubige Volk verteilt wird, nachher in den Tabernakeln der Kirche aufbewahrt, damit das Volk immer genug Speise zum übernatürlichen Leben hat. So können wir erkennen, dass der Herr unter uns gegenwärtig bleibt und wir wissen damit, dass die Allmacht Gottes und die Kraft Seiner lebendigen Speise uns unter dem Zeichen der ehrfürchtig aufbewahrten und angebeteten Eucharistie von nun an nie mehr verlässt bis zum Ende der Welt. Auch das war bereits vorgezeichnet in dem Wunder, das uns heute die Schrift berichtet.

Jedes Wunder des Herrn und der Heiligen ist so gottgewirktes äußeres Zeichen, mit dem Gott die sichtbaren Naturgesetze durchbricht und einen tiefen Sinn im Leben der Kirche offenbart. Am allerdeutlichsten wird das bei dem großen, dem allumfassenden Wunder der leiblichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, auf das sich heute der Heilige Paulus in seiner Epistel bezieht (Röm 6, 3-11). Auch hier erkennen wir einen tiefen Sinn. Denn dieses Wunder ist geschehen, damit wir wissen, dass wir gerettet worden sind. Es ist das Siegel der Erlösung! 

Durch dieses Wunder ist es uns ebenso möglich geworden, mit Christus zu sterben und in Christus aufzuerstehen. Weil der Herr in diesem, die uns bekannten Naturgesetze endgültig erschütternden Zeichen, allen gezeigt hat, dass Er der allmächtige Sieger über den Tod ist, dürfen wir wissen, dass Er auch anderweitig machtvoll in unser Leben eingreifen kann. Er wird uns nicht nur am Ende der Zeiten leiblich auferwecken, sondern Er kann auch jetzt schon in unser Leben einwirken. Er kann uns umwandeln! Er kann uns ein neues Leben schenken! Er gibt uns in der Eucharistie die Nahrung und das Unterpfand zu diesem neuen Leben und Er schenkt uns eine erneuerte Seele. Wir werden zu einem neuen Menschen! Er gibt uns neue Kraft von oben! Er ist so stark, dass auch die Sünde vor Ihm weichen muss.

So sehen wir, dass die Wunder, von denen uns die Schrift so reich berichtet und an denen die Kirchengeschichte nicht arm ist, uns immer auf ein Höheres hinweisen: Auf die Gegenwart des Herrn unter uns, auf Seine umgestaltende Macht in unserem Leben und darauf, dass wir uns auf Ihn verlassen können, was auch immer geschieht.  Denn Seine Kraft ist größer als Sünde, Tod und Teufel. Deswegen dürfen wir im Glauben bekennen, dass auf einer viel tieferen Ebene wahr ist, was wir am Anfang erwähnt haben: Wunder gibt es immer wieder! Gott hört nicht auf, wirkliche Wunder zu wirken, Wunder der Natur und Wunder der Gnade, wie Er nicht aufhört, die Menschen zu retten und zum ewigen Leben zu führen. Amen.

Predigt zum vierten Sonntag nach Pfingsten 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von

Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

am vierten Sonntag nach Pfingsten 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

„Gementes et flentes in hac lacrimarum valle“ – „seufzend und weinend in diesem Tal der Tränen“: So beschreibt das Gebet ‚Salve Regina‘, das ‚Gegrüßet seist du Königin‘, unsere hiesige irdische Kondition.

Wir kennen sie alle: Wir sind nicht immer glücklich. Es ist nicht immer einfach. Wir haben mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen und unser eigenes Leben ist wie ein langer, manchmal steiniger Weg, der nicht immer ins Helle führt. Wir dürfen uns darüber nicht wundern, denn wir leben oft in einer Art geistiger Gefangenschaft. Wir wissen, dass unsere Voreltern sich schon vor langer Zeit von Gott abgewandt haben. Wir wissen, dass die Folgen dieses Sündenfalls uns noch alle verfolgen. Wir kennen unsere eigene Sündhaftigkeit, die uns bei allem guten Willen und vielen guten Vorsätzen immer wieder einholt. Wir leben tatsächlich in einem Tal der Tränen.

Der heilige Paulus sagt uns das in der heutigen Epistel ganz deutlich: „Wir wissen ja, dass alle Geschöpfe seufzen und in Wehen liegen bis auf den heutigen Tag.“  (Röm 8,22) Wir erfahren immer wieder Leid und Begrenztheit. Wir können, jeder Einzelne und die menschliche Gemeinschaft im Ganzen, dem Kreuz nicht entgehen. Der heilige Paulus erklärt uns im schon zitierten Römerbrief aber auch den Sinn dieser Leiden. Er sagt uns ganz klar: „In Sehnsucht harret ja auch die Schöpfung auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit Gottes an seinen Kindern.“ (Röm 8, 19), denn „die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der künftigen Herrlichkeit.“ (Röm 8, 18). Wenn wir hier leiden, wenn wir Schwierigkeiten zu überwinden haben, wenn jeder von uns sein eigenes persönliches Kreuz zu tragen hat, dann müssen wir das als eine Durchgangsituation begreifen. Diese Leiden sind nichts im Vergleich mit der Herrlichkeit, die uns erwartet. Das, wodurch wir leiden, und das, weswegen wir seufzen, alles, was nicht selten schwierig zu ertragen ist, ist gleichsam ein Zustand der Reinigung, ein Zustand des Wachsens auf die Ewigkeit hin, für die wir eigentlich geschaffen sind.

Sicherlich gibt uns der Herr auch hier auf Erden vieles Gute. Wir dürfen ihn – wie er selbst gesagt hat – um alles bitten, wenn wir nur gläubig sind (vgl. Mt 21, 22). Aber wir dürfen Gott nicht zum Ausführungsgehilfen unserer irdischen Glückseligkeit machen. Er ist kein nur innerweltlicher Gott. Er ist nicht da, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Er ist nicht da, bloß um das, was wir hier nicht aus eigener Kraft erreichen können, für uns hier und jetzt besser zu machen. Er ist immer der größere Gott. Er ist in der Herrlichkeit und will uns auf die Herrlichkeit zuführen. Jedes Mal, wenn er uns ein Kreuz schenkt, jedes Mal, wenn er uns eine Prüfung gibt, dann blickt Gott weiter als wir, weil er weiß, unser Leben endet nicht hier. Wir sind Ewigkeitsgeschöpfe und wir sind deswegen notwendig in einer Situation der Prüfung, in einer Situation des Leidens, die uns vorbereitet auf die größere Herrlichkeit.

Unsere richtige Antwort auf dieses Willen des großen Gottes wird uns im Evangelium vorgestellt: Der heilige Petrus hatte mit den anderen Aposteln eine ganze Nacht lang vergeblich gefischt. Wie oft ist unsere eigene Situation nicht ähnlich? Wir haben lange Zeit um etwas gebetet, es ist aber immer noch nicht in Erfüllung gegangen. Wir haben eine Situation zum Besseren verändern wollen, aber sind an allen möglichen Schwierigkeiten gescheitert. Wir haben vielleicht in der Familie den Frieden stiften wollen, aber er hat sich immer noch nicht eingestellt. In solchen Momenten sagt der Herr uns im Blick auf die Ewigkeit: Gib nicht auf, sondern mache weiter! Er sagt uns wie dem Petrus: „Wirf dein Netz aus!“ (vgl. Lk 5, 4) Unsere Antwort muss dann die des erfahrenen Fischers Petrus sein, der genau wusste, dass – menschlich gesprochen – in dieser Nacht nichts mehr zu fangen sei, der aber dem Herrn geantwortet hat: „In verbo tuo laxábo rete.“ – „Auf dein Wort hin, o Herr, werfe ich das Netz aus.“ (Lk 5, 5) Auf dein Wort hin, o Herr, gebe ich nicht auf. Auf dein Wort hin, o Herr, glaube ich an die größere Herrlichkeit der Ewigkeit, gegen die die Leiden einer ganzen vergeblich durcharbeiteten Nacht gar nichts sind.

In dieser Zuversicht wirft Petrus das Netz aus. Weil er geglaubt hat, wird sein Netz so sehr gefüllt, dass die Überfülle der Fische es beinahe zum Zerreißen bringt. Der Herr zeigt damit seine göttlichen Macht. Er zeigt, dass wir nicht nur für diese Welt geschaffen sind. Er zeigt, dass es um uns und mit uns wirkend eine größere Kraft gibt. Wenn wir nur im Glauben und im Vertrauen dieser Kraft, nämlich der göttlichen Gnade, den richtigen Platz in unserem Leben geben, dann können wir weiterwirken, auch wenn wir sonst menschlich bereits mutlos gewesen wären.

Darum auch spricht der Herr, zu Petrus wie zu uns, jenes große Wort: „Fürchte dich nicht, von nun an wirst Du Menschenfischer sein!“ (Lk 5, 10) Von neuem blickt Gott in die Weite. Es geht nicht darum, dass Petrus plötzlich auf sein Wort hin viele Fische gefangen hat. Es geht darum zu zeigen, dass durch die göttliche Macht und auf Ihr Wort hin, Petrus Seelen wird fangen können für die Ewigkeit. Der Herr gibt uns nicht nur alles, was hier wir brauchen. Wenn wir mit ihm über dieses Tal der Tränen hinausblicken in die Ewigkeit und Herrlichkeit, die uns erwartet, dann gibt er uns die Kraft, die Gnade zu empfangen, mehr als Menschenmögliches zu tun: Nämlich in seinem Sinn zu wirken, für ihn Zeugnis abzulegen und Menschen zu ihm zu bringen, damit sie mit uns zur endgültigen „Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 21) in der Ewigkeit gelangen.

Gott ist kein Ausführungsgehilfe unserer weltlichen Wünsche. Gott ist größer! Er führt uns weiter und er gibt uns größere Aufgaben. Jedem einzelnen durch das Gebet, durch das Leiden, durch die Sühne, durch die Kreuze, durch die Gnaden, die er uns schickt. Alles das sind nicht nur innerweltliche Mittel, sondern es sind Instrumente zu unserer eigenen Heiligung und zur Heiligung der gesamten Welt. Werden wir also niemals mutlos! Sagen wir in allen Schwierigkeiten persönlicher Art und in den Schwierigkeiten der Welt zu Gott immer mit dem gleichen Vertrauen des Petrus: „Auf dein Wort hin, o Herr, werfe ich das Netz aus.“ Wenn wir das tun, wird unser Fischfang wird reich sein und uns in die Ewigkeit führen. Das bestätigt nur, was der Herr den Aposteln anderswo gesagt hat: „Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben werden“ (Mt 6, 33).

Geliebte, es ist wahr, was der heilige Paulus lehrt: „Die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der künftigen Herrlichkeit.“ Vertiefen wir unseren Glauben, beten wir zu den Apostelfürsten Petrus und Paulus, damit wir, wie sie, weiterblicken über die Leiden hinaus in die Herrlichkeit, für die wir geschaffen sind, damit wir nie aufhören in großem Gottvertrauen weiter zu arbeiten für das Reich Gottes. Wir dürfen sicher sein: Alles andere wird uns dazu gegeben werden! Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Predigt zum Herz Jesu Fest 2021

Predigt zum Herz Jesu Fest 2021

v. Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.

Unsere Zeit ist arm geworden. Arm geworden vielleicht nicht an materiellen Gütern, auch wenn die Reichen immer reicher zu werden scheinen und die Armen immer ärmer. Doch was die Welt hat, das sind meist Dinge, die man zählen kann, die man anfassen kann, die nicht wirklich, nicht innerlich reich machen.

Deswegen stellt uns heute die Kirche den wahren Reichtum vor Augen. Den „unergründlichen Reichtum Christi“, den wir vor allem im Heiligsten Herzen Jesu erkennen und anbeten können. Dieser Reichtum ist mannigfach. Wir wollen heute besonders vier Aspekte dieses Reichtums des Herzens Jesu betrachten: Den Reichtum der Weisheit und Wissenschaft, den Reichtum der Gnade, den Reichtum der Sühne, und schließlich den Reichtum der Liebe.

Schon Pius XII hat in seiner berühmten Enzyklika ‚Haurietis Aquas‘ vom Jahre 1958 gesagt: „Das Herz unseres Heilandes gibt also irgendwie ein Bild der göttlichen Person des Wortes wieder, ebenso der doppelten menschlichen und göttlichen Natur. Und in ihm können wir nicht nur das Sinnbild, sondern auch die Zusammenfassung des ganzen Geheimnisses unserer Erlösung erblicken.“ Wenn wir auf das Herz Jesu schauen, dann sehen wir nämlich in ihm das Feuer der dreifaltigen Gottheit brennen. Wir sehen, dass Jesus, der vor aller Zeit war, immer noch ganz von der Gottheit erfüllt ist. In Ihm tritt uns die Allmacht Gottes klar entgegen.

Darüber hinaus erkennen wir im Herzen Jesu das Wirken der Gottheit für uns, denn wir sehen auch das Geheimnis der Menschwerdung. Gerade das Herz des Herrn zeigt uns, dass Christus keinen Scheinleib angenommen hat, sondern durch und durch, bis in das Innerste seines Herzens Mensch geworden ist, sodass er mit uns fühlen und mit uns leiden kann. Wir erkennen dadurch auch die Erlösungsordnung. Denn Er hat uns nicht von Ferne erlösen wollen, sondern mit seinem eigenen Herzen, das für uns durchstoßen worden ist. In der Anbetung des Heiligsten Herzens Jesu erfassen wir die ganze Bereitschaft Gottes, sich für uns als Erlösungsgabe hinzugeben und ganz mit uns zu sein, in jedem Moment des Lebens. Wer im Herzen Jesu liest, der kann so die ganze Weisheit des Seins und des Handelns Gottes erkennen und anbeten.

Das Herz Jesu aber bleibt auch die Fülle und die Quelle aller Gnaden. Es ist am Kreuz geöffnet worden und es bleibt geöffnet. So sehen wir an allen Statuen und Bildern unseres Herrn immer auch die geöffnete Seite. Das ist nicht nur ein leeres Symbol, sondern zeigt uns, dass das Herz Jesu wirklich die Quelle aller Gnaden ist. Die Reichtümer aller Gnaden fließen aus dem Herzen Jesu. Ständig und ununterbrochen wird durch das Opfer Jesu Christi der Kirche der Reichtum der Gnade vermittelt. Wenn wir hier auf unserem Altar gleich das heilige Messopfer feiern können, wenn Sie in der heiligen Beichte die Gnade der Vergebung erhalten, wenn in den anderen Sakramenten der Gnadentisch des Herrn immer reich gedeckt bleibt, dann deswegen, weil unaufhörlich aus dem gottmenschlichen Herzen Jesu Christi diese Gnaden auf die Kirche herabströmen, die sie uns vermittelt. Wir kennen deswegen das Herz Jesu als die wirkliche Quelle, den tatsächlichen Ursprung aller Gnaden an und wenn wir es anbeten, dann flehen wir diese Gnaden nicht nur egoistisch auf uns selbst herab, sondern auf die ganze Kirche, die immer wieder durch den Gnadenstrom aus der Seite Jesu Christi reingewaschen und erneuert wird.

Der unendliche Reichtum dieser Gnaden aber drückt sich auch in der Fülle der Sühne aus, die Christus für uns gelitten hat. Das ganz reine und unschuldige Herz des Herrn war „voll der Schmach“, weil Er alles Dunkel, alle Sünde und alles Schlechte, das von uns kommt, auf sich genommen hat. Wir können uns nicht vorstellen, was es für ein ganz reines Herz bedeuten mag, mit dieser Überfülle der Hässlichkeit, die die Sünde in die Welt bringt, überflutet zu werden. Er hat sich dem nicht entzogen. Er hat dem himmlischen Vater jene Sühne geleistet, die wir niemals hätten leisten können. Er hat die Schmach, die jedes menschliche Herz gebrochen hätte, auf sich genommen, um unsere Herzen reinzuwaschen und um sicherzustellen, dass wir die Kraft finden, der Sünde mithilfe der Gnade aus dem Weg zu gehen. Die Fülle der Sühne, die der Herr geleistet hat, zeigt sich ebenso in der Verzeihung, die Er uns immer wieder gibt, wenn wir uns seinem Heiligsten Herzen nähern und Ihm in der heiligen Beichte mit reuevollem Herzen um Vergebung bitten. Die Sühne ist so groß, dass keine Sünde, die in dieser Welt geschieht, wenn sie nur bereut wird, vor der Barmherzigkeit standhalten kann, die das sühnebeladene Herz Jesu symbolisiert.

Schließlich sehen wir gerade an dieser stellvertretenden Sühnebereitschaft des ganz unschuldigen Herzens Jesu, dass dieses Herz wirklich, wie die Litanei uns sagt, der „brennende Feuerherd der Liebe“ ist. Die göttliche Liebe brennt in diesem Herzen, weil es ein göttliches Herz ist. Aber das größte Geheimnis ist, dass dieses Herz jeden von uns persönlich kennt, dass dieses Herz zu jedem von uns auch ein ganz menschliches, persönliches, inniges Band der Liebe geflochten hat, dass dieses Herz, als es am Kreuz geöffnet worden ist, für jeden einzelnen von uns sein Blut vergossen hat. Es gibt keine passive Kollektiverlösung, sondern eine persönliche, von Christus für jeden von uns namentlich gewollte Erlösung aus Liebe, die wir in Freiheit annehmen können. Jeder von uns hat im Herzen Jesu einen Herzensfreund. Und jeder von uns kann wissen, dass dieses Herz für ihn ganz persönlich die Quelle aller Tröstung sein kann, die kein Mensch und keine Freundschaft hier auf Erden schenken kann.

Dieser Reichtum der Weisheit, Gnade, Sühne und Liebe des Herzen Jesu darf nicht vergessen werden. Er zeigt uns das Herz des Herrn als ausdrückliches Bild der unendlichen Liebe Jesu Christi, das uns durch sich selbst zur Gegenliebe bewegt. Wenn wir das Herz Jesu sehen, dann ist es eben nicht nur ein leeres Symbol – es darf uns nicht kalt lassen, denn es ist ein brennendes Herz, das unsere Liebe hervorrufen will. Es ist ein Herz, in dem die Fülle der ganzen Gottheit wohnt, in dem, wie der Hl. Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums sagt: „Von Seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ (Joh. 1, 16).

Deswegen hat die Kirche durch viele Jahrhunderte die Herz Jesu Verehrung gegen die Kälte und die Armut der Welt propagiert. Deswegen feiern wir in einer feierlichen Prozession gleich das Heiligste Herz Jesu als den König der gesamten Erlösungsordnung und unseren eigenen persönlichen Freund. Deswegen hat die Hl. Margareta Maria Alacoque verstanden, dass die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu ein letztes Wort des barmherzigen Gottes an die Menschheit ist, wenn sie sagt: „Die Herz Jesu Verehrung ist eine letzte Bemühung des Herrn, zugunsten der Christen dieser letzten Zeit, um sie davon zu überzeugen, …Ihn zu lieben.“ Diese letzte Bemühung des Herrn, sich das Herz öffnen zu lassen für uns, darf nicht unbeantwortet bleiben. Es ist in dieser letzten Zeit die Aufgabe jedes einzelnen, der so selbstlos vom Herrn geliebt wird, auf diese Liebe zu antworten. Die letzte Zeit ist immer gegenwärtig! Die Liebe des Herrn ruft uns immer zur Antwort! Deswegen wollen wir unser Herz umgestalten lassen in das Herz des Herrn, der für uns gestorben ist. Amen.

Predigt vom dritten Sonntag nach Pfingsten

Predigt zur äußeren Feier des Herz Jesu Festes

in Kloster Maria Engelport (am dritten Sonntag nach Pfingsten)

von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Jede Liebe braucht Symbole. Jede Liebe lebt von Zeichen, die wir einander geben. Schon die Freundesliebe kommt ohne gute Worte, ohne Besuche, ohne freundliche Gesten, ja ohne kleine Geschenke nicht aus: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“, heißt es zurecht. Mehr noch trifft das auf die Elternliebe zu. Wie oft küsst nicht eine Mutter ihr Baby, wie oft geben die Eltern nicht ihren Kindern Zeichen ihrer Liebe, auch in Worten, in Geschenken, in einer oft großen Geduld, in der Bereitschaft, ihnen immer zur Seite zu stehen. Liebe ohne Zeichen ist nicht vollständig.

Das gilt besonders für die eheliche Liebe. Diese kann nicht auf Dauer bestehen, wenn die Zeichen der Zärtlichkeit, des gegenseitigen Respektes, der gegenseitigen Anhänglichkeit fehlen. Das größte Zeichen der ehelichen Liebe, die eheliche Umarmung, ist ein Symbol, das gleichsam bewirkt, was es bezeichnet, denn es zeigt die Ganzhingabe und bringt die Frucht der Liebe hervor. Deswegen ist jede Ganzhingabe des Körpers irgendwie verlogen und falsch, wenn sie außerhalb des endgültigen Willens der ehelichen Ganzhingabe stattfindet. So ist es ein wichtiges Faktum, dass die eheliche Umarmung zur Gültigkeit der Ehe hinzugehört, und dass sie im Sakrament das Siegel der Unauflöslichkeit dieser Hingabe und damit der Ehe ist.

Das größte Zeichen aber, das wirkliche Realsymbol der Liebe, wie der Herr selber sagt, ist das Opfer, und vor allem die Bereitschaft, füreinander zu sterben. Jesus lehrt im 15. Kapitel des Johannesevangeliums: „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben gibt für seine Freunde.“ Der Herr hat sein Leben hingegeben! Selbst wenn ein Mensch für einen anderen stirbt, sehen wir die Ganzhingabe der Liebe deutlich vor Augen und wirklich vollzogen. Wieviel mehr gilt das für den Gottmenschen!

Deswegen begreifen wir auch, dass die gesamte Menschwerdung Jesu Christi ein solches Realsymbol, ein wirkliches Zeichen der Ganzhingabe Gottes an uns ist. Nicht nur der Opfertod des Herrn zeigt uns das, sondern Sein ganzes Leben; die Menschwerdung selber ist doch für den allmächtigen, ganz geistigen Gott ein dauerndes Opfer des Verzichtes. Die zweite Person der Dreifaltigkeit steigt herab in das Dunkel unseres Lebens und nimmt dieses Leben so ganz an, dass der Herr auch einen Leib Sein Eigen nennt. Es ist gleichsam ein unaufhörliches Opfer, das Gott in Christus aus Liebe für uns bringt.

Diese Opferbereitschaft zeigt sich auch darin, dass Er uns die Wahrheit in menschlichen Worten verkündet, die wir verstehen können, in einfachen Begriffen, die jedes Menschen Geist und Herz erhellen können. Es zeigt sich Seine opferbereite Liebe ebenfalls, wenn Er niemals die Geduld verliert, uns zu heilen. Als Er als Mensch unter uns wandelte, hat Er unaufhörlich die große Menge derjenigen, die zu Ihm kamen, nicht fortgewiesen, sondern geheilt. So heilt Er auch unsere Gebrechen, seien sie geistiger, seien sie körperlicher Art, wenn wir nur im Glauben an Ihn herantreten und darum bitten.

Der Herr hat schließlich mit Seinem Opfertod gezeigt, dass diese Ganzhingabe der Liebe keine Grenze hat. Er hat in diesem Realsymbol bezeichnet und bewirkt, was unsere Rettung ist. Er hat sich zur Sühne für uns hingegeben, Er hat sein Herz durchstechen lassen. Er hat schließlich in der Auferstehung offenbart, dass diese Ganzhingabe in einen Triumph über Tod und Sünde mündet, weil er Gott ist. Alles, was der Herr tut, ist somit ein Zeichen Seiner Liebe, ein Realsymbol dafür, dass Gott uns unaufhörlich mit einer zärtlichen Liebe liebt.

Das alles aber ist zusammengefasst im Heiligsten Herzen Jesu. Dort sehen wir die Menschwerdung, dieses dauernde Opfer des Herrn, für immer verwirklicht. Dort sehen wir Seine Wahrheit und Seine Wunderkraft in unser Leben hineinwirken. Dort sehen wir, dass das Opfer und der Opfertod niemals aufhören, denn Sein Herz ist in der Eucharistie als das geopferte gegenwärtig. Dort sehen wir auch, dass Er Sieger und triumphierender Held über den Tod und den Teufel ist, denn Sein auferstandenes Herz bleibt für immer durchstochen, aber glorreich in der Herrlichkeit des Vaters. 

In diesem Realsymbol, das unsere ganze Religion zusammenfasst, können wir daher erkennen, wie sehr der Herr uns geliebt hat. Deswegen sagt Papst Pius XII. in der Enzyklika Haurietis Aquas: „Das Herz des göttlichen Erlösers ist mehr als alle anderen Glieder seines Leibes ein natürliches Kennzeichen beziehungsweise Symbol für Seine Liebe zum Menschengeschlecht; und im Heiligsten Herzen liegt das Symbol und das ausgeprägte Bild der unbegrenzten Liebe Jesu Christi vor, die uns zur gegenseitigen Liebe bewegt.“ Er zeigt uns in Seinem Herz die Fülle Seiner Opferbereitschaft und Seiner Ganzhingabe, um uns dazu zu bringen, Ihn freiwillig wiederzulieben.

Deswegen hat die Kirche seit vielen hundert Jahren die Herz Jesu Verehrung für uns als ein Symbol der Wiederliebe begründet und propagiert. Deswegen auch will der Herr, dass wir das Herz Jesu in unseren Häusern und Wohnungen inthronisieren. Es soll nicht nur der Mittelpunkt und das Zentralsymbol unserer Religion sein, sondern unseres ganzen Lebens. Wenn wir wissen, wie sehr jede Liebe der Zeichen und Symbole bedarf, wenn wir begriffen haben, wie sehr die Einheit von Gottheit und Menschheit das Herz Jesu zum wahren Realsymbol der opferbereiten Liebe Gottes für uns macht, dann können wir nicht kalt bleiben, dann können wir nicht gleichgültig bleiben!  Dann müssen auch wir bereit sein, Ihm unser Leben zu schenken, Ihn im Heiligsten Herzen zu lieben und zu verehren und Ihm Dank zu sagen für die unendlichen und nie endenden Zeichen Seiner opferbereiten Liebe für uns!

Nehmen wir also die Aufforderung der Kirche ernst, inthronisieren wir das Herz Jesu in unseren Häusern und Wohnungen, vor allen Dingen aber in unseren Herzen. Vergessen wir dadurch nie, auf welche göttliche, unverbrüchliche und ewige Wahrheit wir bauen können, die der Herr uns in Seinem Herzen täglich offenbart: „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben gibt für seine Freunde.“ Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.Amen.

Predigt vom Zweiter Sonntag nach Pfingsten 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Zweiter Sonntag nach Pfingsten 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Schönheitsreparaturen reichen nicht“, das sind die Worte eines hohen Kirchenvertreters in einem sogenannten Interview während einer der besten Sendezeiten unseres Fernsehens.

„Schönheitsreparaturen reichen nicht“, darin und nur darin mag der hohe Herr Recht haben. Was er dann als Heilmittel für die jetzige kirchliche Situation angekündigt hat, waren, was wir im Rheinland nicht zu Unrecht „Olle Kamelle“ nennen würden. Denn Frauenordination, Priesterehe, Segen und Kommunion für alle Arten von öffentlichen Sünden sowie die Kontrolle der Priester durch die Laien werden teilweise schon seit der sogenannten Reformation in Deutschland verkündet und sind vor allem seit den letzten 50 Jahren gar nichts Neues. Man möchte sich wünschen, dass diejenigen, die solche „alten Kamellen“ fordern, einmal über die ökumenische Mauer blicken wollten und sehen würden, welche Früchte diese Dinge in den Gemeinschaften getragen haben, die das alles schon lange eingeführt haben. Dort, wo es schon lange keinen Zölibat mehr gibt, dort wo Frauen Pastoren sein können, dort wo alle unterschiedslos zur Kommunion zugelassen werden, dort herrscht in den Kirchenbänken öde Leere. All diese Dinge helfen nämlich nicht, weil sie nicht wirklich eine Reform sind, noch weniger eine „systemische Reform“, sondern nur dem Zeitgeist schmeicheln.

Der heilige Paulus sagt im 12. Kapitel des Römerbriefes dagegen: „Nolite conformari huic saeculo“, passt euch nicht dieser Welt an. Dieses Wort hat die Kirche während der letzten 2000 Jahre sehr ernst genommen. Schon von Anfang an haben sich die Apostel, nachdem sie durch die Auferstehung des Herrn Jesus Christus und seine Erscheinungen zum Glauben zurückgefunden hatten, nicht der Welt angepasst. Sie hätten leicht Kompromisse eingehen können und behaupten können, der Herr sei nicht auferstanden. Das hätte ihnen den Märtyrertod erspart. Sie aber waren dann treu bis zum Tod. Tausende und abertausende anderer Christen sind ebenso als Märtyrer für die Wahrheit des Glaubens gestorben. Wenn nicht viele Heilige gegen die Stimme der Welt mutig verkündet hätten, worum es wirklich geht, dann wäre die Kirche gar nicht bis ins dritte Jahrtausend gelangt.

Wenn wir nur den großen Heiligen des gestrigen Tages, Bonifatius, den Patron Deutschlands, ansehen, der auch für seinen kompromisslosen Glauben gestorben ist, dann können wir, wie beim zweiten Patron Deutschlands, dem heiligen Petrus Canisius, der die Kirche in Deutschland nach der Reformation wieder katholisiert hat, genau erkennen, was man tun muss, um sich nicht der Welt anzupassen. Beide haben nämlich das einzige System verteidigt, das der Kirche wirklich helfen kann, nämlich das göttliche „System“. Dieses „System“ ist unveränderlich und ihm müssen wir die Zeit anpassen, nicht uns der Zeit!

Wie diese Heiligen und alle Christen, die dem Glauben treu geblieben sind, uns vorgelebt haben, dürfen wir uns nicht verblendet der Welt anpassen. So hören wir heute den heiligen Johannes sagen, „Wundert euch nicht, wenn euch die Welt euch hasst.“ (1 Jo 3,13) Was immer für Konzessionen die Kirche macht, sie wird trotzdem von der Welt gehasst werden. Die Welt hat lange nach der Verweltlichung des Priestertums gerufen. Nun, wo viele Priester verweltlicht sind, da zeigt sie mit den Fingern auf die Priester. Die Welt wird immer die Kirche hassen, weil sie die Wahrheit und Jesus Christus hasst.

Deswegen müssen wir nicht auf die Welt schauen, nicht dem System der Welt folgen, sondern dem „System“ Gottes, lebendig im göttlichen Wesen der Kirche. Wie seinerzeit der heilige Bonifatius und der heilige Petrus Canisius, so sollen auch wir das Eigentliche in den Vordergrund stellen, nämlich die feierliche Anbetung Gottes in der Liturgie. Gott ist im Mittelpunkt aller Dinge – nicht der Mensch! Wir müssen die Heilige Eucharistie, die wir am Fronleichnamsfest feierlich durch unsere Straßen getragen haben, wieder mehr verehren. Wir müssen das Priestertum und die Berufungen durch unser Gebet und unsere Ermutigung stärken. Wir müssen die Gottesmutter und die Heiligen, die uns ein erfülltes christliches Leben beispielhaft vorgelebt haben, mit wahrer Frömmigkeit ehren, wir müssen uns vor allem an das Heiligste Herz Jesu halten, dessen Monat wir begehen und seinen Geboten und seinen Worten genau folgen. Daher müssen wir der dauernden Lehre der Kirche, wie sie von allen Päpsten unverändert verkündet worden ist, auch heute in allem treu bleiben!

Dann, Geliebte, und nur dann wird das „System“ Gottes in dieser Kirche wieder herrschen und nur dann werden die Menschen zurückkehren, denn sie werden sehen, dass wir an das, was wir verkünden, auch glauben. Die Krise, die wir sehen, ist nämlich keine Krise der Frauenordination, ist keine Krise der Priesterehe, ist keine Krise der öffentlich tolerierten Sünden, sondern ist eine tiefe Krise des Glaubens. Wenn wir nicht mehr glauben, dass der Herr Gott ist, wenn wir nicht mehr glauben, dass er uns Worte des ewigen Lebens mitteilt, wenn wir seinen Geboten und seinen einfachen Heilsvorschriften, die er der Kirche hinterlassen hat, nicht folgen wollen, auf welcher Ebene auch immer, dann wird das System der Welt uns zerstören.

Folgen wir also, jeder in seinem eigenen Leben, jetzt ganz besonders eifrig dem großen, dem herrlichen Gnadensystem Gottes. Wir sind zum Gastmahl Gottes eingeladen, wie wir im heutigen Evangelium hören (vgl. Luk 14, 16-24). Der Herr hat in seiner großen Liebe zu uns den Tisch reicht gedeckt, alles was wir brauchen, ist bereits da. Der üppig gedeckte Tisch der Gnaden Gottes hat über Jahrtausende die Menschen genährt und sie nicht nur zu Christus hier in dieser Welt geführt, sondern zu Ihm in das ewige Leben gebracht. Der Tisch ist überreich gedeckt! Seien wir nicht wie Menschen, die vor einem reich gedeckten Tisch verhungern, weil sie den Glauben verloren haben, weil sie aus Verblendung die Gaben Gottes nicht mehr erkennen können, weil sie der Welt nachlaufen wollen und denen, die sie am Ende doch auslachen.

Wir haben eine andere Richtung zu gehen, die Richtung Gottes, die Richtung Christi! Er ist der liebende Herr, der uns vorangeht. Er gibt uns in der Kirche schon lange alle Gnaden, die wir brauchen. Seinen Reichtum haben wir empfangen!  Ihn müssen wir wieder entdecken, ihn müssen in unserem eigenen Leben sichtbar werden lassen! Dann wird das „System“ Gottes, das System der Gnade, das System der Rettung stärker sein als die Welt! Diese „systemische Reform“ ist in der Tat keine „Schönheitsreparatur“, sondern umfasst die Rückkehr zum Wesentlichen. Wenn wir das wirklich Wesentliche des Glaubens mit der ganzen kirchlichen Überlieferung leben, dann sind wir des Hohngelächters der Welt und manchmal auch ihrer Verfolgung sicher. Aber nur dann dürfen wir auch hoffen, mit der Gottesmutter, den Heiligen und all denen, die immer mutig und ohne Abstriche den Glauben bekannt haben, in den Himmel einzuziehen um Christus zu loben und zu preisen für immer. Amen.

Predigt vom Fronleichnam 2021

Kloster Maria Engelport

Predigt von Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

Fronleichnam 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Wollt auch ihr gehen?“ Das ist eine entscheidende Frage, die der Herr heute den Aposteln und jedes Mal aus dem Allerheiligsten Sakrament des Altares auch uns stellt: „Wollt auch ihr gehen?“ Diese Frage kam aus dem Mund des Herrn in dem Moment, als er ganz offen seine Gegenwart unter den heiligen Gestalten von Brot und Wein verkündet hatte, als er gesagt hatte, ja, mein Leib ist eine wahre Speise und mein Blut ist ein wahrer Trank. Kurz nachher begannen selbst seine Jünger zu murren; es heißt in der Heiligen Schrift ganz offen: „Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.“ (vgl. Jo 6, 48-71).

Deswegen stellt er seinen Jüngern diese Frage: „Wollt auch ihr gehen?“ Wenn wir heute in die Kirche blicken, dann haben viele den Glauben an die wahre Gegenwart des Herrn verloren, weil sie den Glauben an die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus verloren haben. Darum verlassen sie den Herrn in Seiner Kirche.

Angesichts dieser Krise müssen wir uns ebenfalls fragen, ob unser Glaube an die Gegenwart des Herrn in der Heiligen Eucharistie vielleicht etwas Überholtes ist, etwas, das wir besser loswerden? Oder ist dieser Glaube so eng mit Gott und unserem Gottesglauben verbunden, dass, wer glaubt, dass Christus Gott ist, auch weiß, dass er in der Heiligen Eucharistie gegenwärtig sein kann?

Zunächst lehrt uns die Kirche dazu die Tatsache der Wesensverwandlung, die das Konzil von Trient Transsubstantiation genannt hat. Das wahre Wesen, das Seiende, das unter dem liegt, was bloß dem Auge erscheint, kann in der Tat von Gott geändert werden, denn Gott hat alles erschaffen. Er, der der Schöpfer aller Dinge ist, hätte nicht die Kraft, die Dinge in ihrem eigentlichen Wesensstand, in ihrem Sein zu ändern?  Der Sonne und Mond geschaffen hat, der, auf dessen Wort hin alles entstanden ist, sollte nicht die Kraft haben, aus Brot den Leib des Herrn und aus Wein sein Blut zu machen?
 Wer das bezweifeln wollte, würde im gleichen Moment sein ganz kleines Gottesbild offenbaren. Ein Gottesbild eines nicht allmächtigen Gottes, eines Gottes, der nicht alles tun kann, was schon logisch in der göttlichen Macht steht.

In Wirklichkeit aber glauben wir und wissen wir, dass Gott der Schöpfer aller Substanzen ist und die Dinge somit in ihrem innersten Wesen bildet und erhält. Daher kann Er in das Innere der Dinge eingreifen und es ändern. Weil aber die Kraft der Gottheit in Jesus Christus wohnt, in dem die zweite Person des dreifaltigen und allmächtigen Gottes Mensch geworden ist, kann der Herr in dem Moment der heiligen Wandlung die Substanz des Brotes in Seinen Leib und die Substanz des Weines in sein Blut verwandeln. Er wird uns so Speise und Trank zum ewigen Leben. Wer das leugnete, würde in Wahrheit leugnen, dass Christus Gott ist.

Doch das Geheimnis geht noch weiter, denn in der Heiligsten Eucharistie wird uns ja nicht nur die Gegenwart des Herrn, sein Leib und sein Blut, geschenkt, es wird uns vielmehr die Gegenwart des geopferten Herrn geschenkt. Es wird uns geschenkt, dass wir im Moment der heiligen Wandlung mit Maria, den frommen Frauen und Johannes unter dem Kreuz stehen dürfen. Es wird uns geschenkt, dass die Zeit, die Gott geschaffen hat, gleichsam unterbrochen und alles Gegenwart wird, was er uns in seinem Opfer geben wollte. Wir wissen, Gott ist der Herr der Zeit, alles liegt in seinen Händen. Er ist Anfang und Ende der Schöpfung, Anfang und Ende aller Dinge, Anfang und Ende unseres eigenen Lebens. Er ist der König der Zeit!

Daher kann er, gegenwärtig in der heiligen Menschheit Jesu, die Zeit aufbrechen, er kann sie anhalten, er kann in ihr alles gegenwärtig machen, was Er ist und will, nämlich sein ganzes Sein und Handeln. So ist es auch mit dem Opfer Christi, das in dem Moment zeitlos wird, als der Gottmensch seinen Geist aufgibt und seinen Leib und sein Blut für uns opfert. Diese Zeitlosigkeit ist eine Eigenschaft Gottes: Daher ist die Gegenwart des Heiligen Opfers in der Heiligen Eucharistie ein Wunder, das Gott aus seiner zeitlosen Größe jederzeit zu unserem Heile wirken kann. Seit dem letzten Abendmahl tut er dies in jeder Heiligen Messe!

Schließlich aber – und das hat den Jüngern den größten Anstoß gegeben – gibt uns der Herr seinen geopferten Leib und sein vergossenes Blut zur Speise und zum Trank. Er sagt ganz ausdrücklich im 6. Kapitel des Johannes Evangeliums, das wir heute gelesen haben: „Mein Leib ist eine wahre Speise und mein Blut ist ein wahrer Trank.“ Der Herr, der uns alles gibt, der Herr, der uns geschaffen hat und von dem wir in jedem Moment unseres Lebens völlig als Geschöpfe abhängen, kann uns immer geben, was er will: Er gibt uns manchmal Dinge, die wir schwer tragen können, als heilsame Prüfung und Sühne für unsere Sünden. Doch in seiner Barmherzigkeit gibt er uns meistens gute Dinge: Er gibt uns Nahrung für unseren Geist in seinem unveränderlichen Wort und er gibt uns Nahrung für unseren Körper und unsere Seele in der Schöpfung, die uns immer wieder in ihrem Reichtum und ihrer Schönheit vor Augen steht.

Die größte Gabe, die er uns aber gibt, ist diese wahre Speise und dieser wahre Trank, die Speise und Trank zur Ewigkeit sind. Wie könnte man leugnen, dass der Herr aller Dinge, dass der Herr der Zeit, dass derjenige, der uns als liebender Gott alles gibt, wessen wir bedürfen, uns nicht geben könnte, was uns zum ewigen Leben gereicht? Gott ist kein so ein kleiner Gott, dass er uns nicht in dem Leib und dem Blut unseres Herrn Jesus Christus geben könnte. Diese einzigartige Gabe empfangen selbst die Engel nicht. Wir aber empfangen sie, weil wir sie nötig brauchen, um gerettet zu werden und in den Himmel zu kommen. Würde er nicht in der Lage sein, uns die Speise des Ewigen Lebens zu geben, dann wäre er nicht der rettende Gott, als der er uns erschienen ist.

Deswegen muss unsere Antwort auf seine Frage eindeutig sein.  Wir müssen wie die zwölf Apostel den Glauben an die Eucharistie und die Gegenwart des Herrn klar bekennen. Wir wissen, dass, wenn wir diesen Glauben nicht bekennen, wir an Gott selber zweifeln, der sich uns so großartig offenbart hat. Deswegen können wir heute mit Petrus sagen: „Herr du allein hast Worte des ewigen Lebens.“ Wenn der Herr uns aus der Eucharistie heraus immer wieder fragt: „Wollt auch ihr gehen?“, dann müssen wir vor der Welt Zeugnis ablegen wie die Apostel. Bekennen wir also heute und allezeit dankbar und mutig unseren Glauben an die Heiligste Eucharistie und an Christi dort substantiell gegenwärtige geopferte Menschheit und allmächtige Gottheit.

Der heilige Papst Leo der Große hat schon im 5. Jahrhundert gegen die zahlreichen Irrlehren seiner Zeit folgendes gesagt: „Eine mächtige Schutzwehr ist ein Glaube, der rein, ein Glaube, der wahr ist, zudem niemand etwas hinzufügen, von dem niemand etwas wegnehmen kann. Bleibt der Gaube nicht ein und derselbe, so ist das kein Glauben… An dieser [Glaubens]Einheit, Geliebteste, haltet unerschütterlichen Sinnes fest. In ihr erstrebet eure ganze Heiligung. In ihr befolgt die Gebote des Herrn!“ (Vierte Predigt auf Weihnachten)

Wenn wir also die Frage des Herrn an uns gerichtet hören: „Wollt auch ihr gehen?“, dann antworten wir Ihm klar und eindeutig: „Herr, wir bleiben bei Dir!“. Wir halten an der überlieferten Glaubenseinheit fest und zweifeln nicht an der Gottheit des Herrn! Entgegen aller Irrlehren der Zeit, entgegen aller Irrtümer, die man uns nahelegt, bekräftigen wir: Wir wollen bleiben! Wir wollen glauben! Wir wollen mit der Kirche aller Zeiten mutig bekennen, wenn wir die Eucharistie anbeten: „Wahrer Gott, wir glauben dir, du bist mit Gottheit und Menschheit hier!“ 

Amen.

Predigt vom Ostersonntag 2021

Kloster Maria Engelport
Predigt von
Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz
Ostersonntag 2021

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
„Je’hî ôr wajehî ôr“ – „es werde Licht und es ward Licht“, das sind die ewigen Worte, mit denen vor vielen tausenden von Jahren der inspirierte Schriftsteller des Buches Genesis den ersten Schöpfungsakt Gottes beschrieben hat.
Es werde Licht und es ward Licht. Alles Licht kommt von Gott. In der Schöpfung sehen wir, dass dieses Licht bis in die allertiefsten Tiefen des Universums reicht, so weit, dass wir es selbst mit den größten menschlichen Instrumenten nicht verfolgen können. Gott ist der Ursprung auch dieses geschaffenen Lichtes.
Aber ebenfalls alle Erkenntnis, alles Licht unseres Verstandes kommt von Gott. Wer Gott nicht kennt, wer Gott nicht gefunden hat, wer Ihn nicht aufrichtigen Herzens sucht, lebt im Dunkel. Die Menschen, die Gott nicht anerkennen, haben Schwierigkeiten, ihr eigenes Leben und die Welt zu begreifen. Das wahre Licht der Erkenntnis kommt aus dem Glauben, den uns Gott schenkt.
Schließlich ist das Licht der Gnade ein Geschenk Gottes. Gott schenkt alle Gnaden, Er schenkt uns jenes Licht, das mitten in unser Herz leuchtet und das uns Wegweisung gibt und uns zu ihm führt selbst in den Wirren der Zeit. Für die Menschen guten Willens erlischt das Licht der Gnade niemals.
„Je’hî ôr“ – „es werde Licht“. Das sind die Worte, die uns am heutigen Ostermorgen auch am leeren Grab entgegenklingen. Das Licht des Ostermorgens ist ein Symbol für das Licht, das durch die Neuschöpfung in Jesus Christus wieder in die Welt kommt. Weil Er Gott ist, hat Er die Dunkelheit unseres Lebens durchdringen können, weil Er Gott ist, ist es Ihm gelungen, den dem Tode verfallenen Menschen eine neue Schöpfung zu schenken. Er hat den menschlichen Leib, der dem Tod anheimfallen muss, durch göttliche Kraft wiederbelebt, uns zu zeigen, dass es eine Macht gibt, die das Dunkel verjagen kann und das Licht auch in den Moment des Todes bringt.
Derjenige aber, der der Lucifer noctis, der ehemalige Lichtträger, der Herr der Dunkelheit ist, der Satan also, will in unserer Zeit dieses Licht wieder zerstören, indem er Lüge und Verwirrung stiftet. Er nimmt den Menschen die Hoffnung auf das Licht Christi und den Glauben an Ihn, damit sie unter die endgültige Herrschaft des Todes fallen. Er versucht, das Licht der Schöpfung, das Licht des Geistes und das Licht des Herzens zum Verlöschen zu bringen.
Gegen diese Hoffnungslosigkeit unserer Zeit ist die reiche Lichtsymbolik der Osternacht für uns ein Hoffnungsträger: Das Osterfeuer, das Licht der Gottheit, wird hell brennend gesegnet. Auf einem dreifachen Leuchter, dem arundo, wird dieses Licht als Symbol der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung in die dunkle Kirche getragen, während des großen Osterlobes, des Exsultet, entzündet der Diakon dann die Osterkerze an diesem dreifaltigen Licht und das Licht Christi leuchtet in der Dunkelheit. Deswegen nennt das Exsultet, Christus den lucifer, qui nescit occasum – den „Lichtträger, der keinen Untergang kennt“, weder den Untergang der Sonne noch den Fall des bösen Lichtträgers in die sündhafte Dunkelheit dieser Welt.
Das Licht Jesu Christi ist immer triumphierend, das Licht Jesu Christi wird immer siegen, das Licht Jesu Christi hält nicht vor Tod und Teufel inne! Dieses göttliche Licht durchdringt auch die größten Steine der Dunkelheit unserer Herzen und der Dunkelheit unserer Gräber. Der Herr ist der Herr einer neuen Schöpfung, er gibt uns auch eine neue Erkenntnis und ein neues Herz. In allen Schwierigkeiten, in allen Nächten unseres Lebens gibt er uns jene Zuversicht und jenes Wissen, die uns stark machen und uns davon überzeugen, dass das Licht zuletzt immer siegen wird.
Das Licht der neuen Schöpfung, das Licht, das aus dem Glauben kommt, das Licht, das uns mit der Gnade Jesu Christi geschenkt worden ist, leuchtet hell an diesem Ostermorgen. Christus ist der wahre lucifer, der Morgenstern, der aufgeht, aus dem Grabe steigt und mit seinem Licht alles erleuchtet. Darum sind wir mit der ganzen Kirche am Ostermorgen von Freude erfüllt. Wir wissen: Die Schöpfung hat sich in Christus und durch Ihn erneuert! Er ist die Sonne der Gerechtigkeit!
Das große Wort des Anfangs „je’hî ôr“ – „es werde Licht“, wird an Ostern wieder Wirklichkeit. Ostern wird es Licht, Licht in unseren Herzen, Licht in der Kirche, Licht am Ende auch in unserer Gesellschaft. Christus wird den Tod besiegen, wie er ihn immer besiegt hat. Er wird die Hoffnungslosigkeit besiegen, wie er sie immer besiegt hat. Sein Grab ist leer, er ist auferstanden, sein Licht leuchtet uns. Das Osterfest hat am Morgen der Auferstehung begonnen, setzt sich fort in den österlichen Feiern der Kirche bis zum Ende der Welt und wird im Himmel niemals enden. Am Anfang wurde Licht! Dieses Licht ist von neuem erschienen! Es wird nie mehr vergehen! Amen.

Predigt vom Pfingstsonntag 2021

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Geistlos! Von allen guten Geistern verlassen! Das ist der Eindruck, den das kirchliche Leben in Deutschland manchmal geben kann.

Doch dieser Eindruck ist oberflächlich oder unzureichend. Wenn wir nämlich die Kirche beurteilen wollen, müssen wir weiter blicken als nur auf das aktuelle Tagesgeschehen, das von der Schwäche der Menschen bestimmt ist. Wohl ist die Begrenztheit und Sündhaftigkeit der Glieder der Kirche, seien sie Bischöfe, Priester oder Weltlaien, nicht selten für Geistloses und Unbedachtes verantwortlich. Auf der Ebene des rein Menschlichen wirkt auch in der Geschichte der Kirche das Tun vieler Kirchenglieder tatsächlich hier und da von allen guten Geistern verlassen.

Wenn wir aber auf das Ganze der über zweitausendjährigen Kirchengeschichte blicken, sehen wir gerade an der menschlichen Schwäche und Kurzsichtigkeit, die immer wieder alles durcheinanderbringen kann, dass die Kirche niemals geistlos oder geistverlassen ist. Trotz aller Schwierigkeiten, die menschliche Beschränktheit über die Kirche gebracht haben, ist die Kirche immer wieder erstarkt! Nach der Überwindung mancher Wirrnisse hat sie immer
von neuem mutig Zeugnis für die ganze, überlieferte Wahrheit Gottes gegeben.

Der Geist Gottes verlässt die Kirche nämlich nie! Auch dann, wenn sich einzelne oder Gruppen von der Wahrheit abwenden,  bleibt der Heilige Geist das Prinzip der lebendigen Wahrheit Christi in der Kirche. Dieses göttliche Prinzip zeigt sich immer von neuem auf dreifache Weise.

1. Zunächst ermöglicht der Geist Gottes, dessen Hochfest wir heute begehen, die Offenbarung der verborgenen Wahrheit Gottes an die Kirche: Christus ist diese ‚Menschgewordene Wahrheit‘. Er ist eins mit Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist. Durch seine geistdurchflutete Menschheit, in ihrem Tun und Reden, erkennen wir die Heilswahrheiten, die zu unserer Rettung notwendig sind.  Durch den Heiligen Geist, der die Einheit zwischen Gottheit und Menschheit bewirkt, ist Christus für uns „der Weg, die Wahrheit und das Leben“! Christus bleibt durch den Geist Gottes immer der Mittelpunkt der Kirche!  Er sendet uns den Geist, damit diese Heilswahrheiten nicht verloren gehen.

2. Die Geistsendung an die Apostel, die mit Maria versammelt waren, bestätigt die Wahrheit, die Christus seiner Kirche hinterlassen hat. Er gibt den Aposteln  die Vollmacht, im Namen des Heiligen Geistes zu reden und zu schreiben. Bestätigt und getragen vom hl. Geist, geht die aktive Offenbarung der Heilswahrheiten bis zum Tod des letzten Apostels weiter. Der Heilige Geist führt diese, so wie Christus gesagt hat, in die „ganze Wahrheit“ ein. Trotz aller persönlichen Schwächen, die selbst bei den Apostelfürsten Petrus und Paulus nicht verschwiegen werden, setzt der Heilige Geist die Wahrheit durch und beschützt sie. Die göttliche Inspiration der Evangelien und Apostelbriefe durch den Geist Gottes garantiert deren völlige Wahrheit und Fehlerlosigkeit. Obwohl jeder der heiligen Schriftsteller auf seine Weise und nach seiner Erfahrung schreibt, gibt es keinen Widerspruch und keine Irrtümer in der schriftlichen und mündlichen Überlieferung der Offenbarung durch die Apostel und Evangelisten. Gott der Heilige Geist bleibt auch in der Überlieferung der Kirche die Garantie und das Prinzip göttlicher Wahrheit und Unfehlbarkeit.

3. Dieses wunderbare Wirken des Gottesgeistes hört aber mit dem Tod des letzten Apostels nicht einfach auf, sondern wandelt sich in einen dauernden Beistand des Geistes für die Kirche hinsichtlich der Überlieferung der geoffenbarten Wahrheit. Zwar hat es in der langen Geschichte der Kirche viele Irrtümer und Häresien gegeben, doch ist die Wahrheit Christi schließlich immer siegreich.

Der Heilige Geist steht zunächst Petrus und seinen Nachfolgern bei, damit sie „die Brüder in der Wahrheit stärken“. Der Gottesgeist hat noch immer zu verhindern gewusst, dass der Irrtum auf Dauer siegt, auch wenn Petrus kleingläubig wurde. Das feierliche Lehramt des Papstes aber, das dieser von der erhabenen Höhe seines Amtes in Glaubens- und Sittenfragen an die gesamte Kirche richtet, ist durch die Assistenz des Heiligen Geistes mit der Gabe dauernder Unfehlbarkeit ausgestattet. Selbst schwache und verwirrte Päpste, von denen es einige wenige gegeben hat, haben niemals gewagt, an diesem Grundbestand göttlicher Wahrheit zu rütteln. Würde dies doch wider Erwarten einmal geschehen, würde der Geist Gottes der ganzen Kirche eindeutig zeigen, dass das hohe Amt des Stellvertreters Christi auf einen anderen übergeht.

Der Geist Gottes aber ist stärker als der Irrtum und lässt niemals zu, dass die Braut des Herrn, deren Seele er ist, des Glanzes der Wahrheit verlustig geht. Neben den Sakramenten, deren Wirkmächtigkeit der Heilige Geist ebenso garantiert, ist nämlich der Glanz der unverfälscht überlieferten Wahrheit der herrlichste Schmuck der Kirche!

So sehen wir deutlich: Der Geist des Herrn hört niemals auf in der Kirche zu wehen! Er schenkt uns in Christus die göttliche Offenbarung, er garantiert ihre Wahrheit in der schriftlichen und mündlichen Überlieferung, er steht dem Lehramt bei, die Offenbarung immer besser zu verstehen und ohne Irrtum bis zum Ende der Welt zu bewahren.

Weil der Geist Gottes – der Geist der Stärke, der Liebe und der Wahrheit -, die Kirche auch in schweren Zeiten belebt, muss die Kirche in ihrer überlieferten Lehre auch heute noch mit der ‚Stimme der Ewigkeit‘ sprechen. Es ist daher nicht der Zeitgeist, der die Sprache der Kirche bestimmen kann. Wie die Worte ihres Herrn, so müssen auch die Worte der Kirche „Worte des Ewigen Lebens“ sein. Wenn daher Vertreter der Kirche nicht mehr mit der Stimme der Überlieferung, also nicht mehr mit der ‚Stimme der Ewigkeit’ sprechen würden, hörten sie auf, wirklich im Namen Christi und seiner Kirche die Wahrheit zu verkünden.

Bitten wir also heute den Geist der Wahrheit, die Kirche neu zu beleben, damit die Stimme der Ewigkeit in der Welt ganz  deutlich und ohne Fehl ertönen kann. Nur so können die Menschen das Wort Petri, des Felsens der Kirche, wieder verstehen, der – vom heiligen Geistes erfüllt –  klar bekennt: „Wohin sollen wir gehen? Du allein, o Herr,
hast Worte des Ewigen Lebens!“ Amen.

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.