Predigt am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, dem 8. Dezember 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Das Fest des heutigen Tages ist geheimnisumwoben. Wie so oft können wir die Tiefe der göttlichen Geheimnisse, die sich uns offenbaren, auch an diesem Festtag nicht ausloten. Wir wollen daher nur einige Aspekte des Festgeheimnisses beleuchten und versuchen, zu drei Fragen eine wenigstens anfanghafte Antwort zu finden: „Wer ist Gott? Wer ist die Gottesmutter? Wer sind wir?“ Damit wir in der Beantwortung dieser Fragen nicht in die Irre gehen, wollen wir den großen seligen Papst Pius IX., der in einer für die Kirche schweren Zeit, am 8. Dezember 1854, dieses Dogma mit der Bulle Ineffabilis Deus feierlich verkündet hat, zu den in diesem Fest beschlossenen Glaubensgeheimnissen besonders zu Wort kommen lassen.

Zu der ersten Frage „Wer ist Gott?“, die vom Festgeheimnis der Unbefleckten Empfängnis beleuchtet wird, sagt der selige Papst in dieser berühmten Bulle das Folgende: „Der über alle Worte erhabene Gott (…) sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In Seinem geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluss beschloss Er aber, das erste Werk Seiner Güte (die Schöpfung), durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch unbegreiflichere Weise zu ergänzen (…) Darum wählte Er von Anfang an und vor aller Zeit schon für Seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus (…) Ihr wandte Er mehr als anderen Geschöpfen Seine besondere Liebe zu, und fand an ihr allein Sein höchstes Wohlgefallen (…) [und] begnadete sie so wunderbar, dass sie allezeit frei blieb von jedem Makel der Sünde.“

Aus diesen erhabenen Worten können wir viel über Gott erfahren, vor allen Dingen über seine Allmacht und vorhersehende Weisheit, die alles regiert. Denn vor aller Zeit hat Er in Seiner ewigen Gegenwart nicht nur die Sünde Adams vorausgesehen, die Er zugelassen hat für ein höheres Gut, sondern Er hat bereits das Gefäß der Erlösung, die heilige Jungfrau, vorherbestimmt, die Mutter Seines Eingeborenen Sohnes zu werden, der dann kommen sollte, um uns durch Seine Menschwerdung, Sein Kreuzesopfer und Seine Auferstehung zu erlösen. Aus dem Geheimnis des heutigen Tages können wir so erkennen, dass – wie wir gerade in der Epistel aus dem Buch der Sprüche (8, 22-35) gehört haben – die unbefleckte Gottesmutter immer vor Gottes Auge gegenwärtig war; dass Er sie vor allen Zeiten mit Seiner Liebe umfangen hat, dass Er sie, bevor alles geschaffen war, bereits in ihrer Herrlichkeit gesehen hat und dass Er ihr von Anfang an die Früchte der Erlösung Seines Sohnes überreich hat zukommen lassen. Die für uns unbegreifliche Zeitlosigkeit und geschichtslose Omnipräsenz des ewigen Gottes, für Den es nicht gestern, heute und morgen, sondern ausschließlich das ewige Jetzt gibt, hat diese Jungfrau aus Nazareth vor aller Zeit, vor aller Schöpfung gesehen, geliebt und als die Unbefleckte Empfängnis in diese Welt schicken wollen.

Gleichzeitig können wir erkennen, dass Gott in Seinen Gnadengaben völlig frei ist. Nichts ist Ihm geschuldet, dass Er nicht von vorneherein bereits hätte. Er ist so reich an Gnade, an Macht, an Barmherzigkeit, an Gerechtigkeit und an Güte, daß Er frei jedem zuteilt, was ihm zukommt. Suum cuique, jedem gibt er das, was Seine Gerechtigkeit und Seine Barmherzigkeit vor aller Zeit gesehen hat. Das große Geheimnis der Prädestination, der Vorherbestimmung Gottes für jeden einzelnen Menschen, ist ebenso in dem Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis beschlossen, denn Gott hat vor allen Zeiten die Gottesmutter dazu bestimmt, das Gefäß der Gnade zu sein, nämlich der Gottesmutterschaft, also einer solchen Gnade, dass es eine größere nicht geben kann. Also ist Er auch uns gegenüber völlig frei, Er kann uns geben, was Er will, wie er will und wann er will!  Aus reiner Barmherzigkeit gibt Er uns immer alles, was zu unserem Heil notwendig ist, aber wir haben von Ihm nichts zu verlangen. Denn alles, was Er gibt, gibt Er aus Seiner großartigen, göttlichen Freiheit, immer voraussehend, wer zum Heil bestimmt ist und wer Seinen Geboten gehorchen wird.

Gleichzeitig aber sagt natürlich das heutige Festgeheimnis viel über die Frage „Wer ist Maria?“, also über das einzigartige Wesen der Gottesmutter aus. Um das zu verstehen, müssen wir wieder den seligen Pius IX. zitieren, der das mit erleuchteten Worten gelehrt hat: „So überhäufte Gott die Gottesmutter weit mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die Er aus der Schatzkammer Seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, dass sie allezeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, dass sie ganz schön und vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besitzt, dass man, außer in Gott, eine größere [Heiligkeit] sich nicht denken kann, und dass niemand außer Gott sie [ganz] begreifen kann. Und es war auch ganz entsprechend, dass sie stets im Glanze vollkommenster Heiligkeit erstrahlte, dass sie sogar frei blieb von der Makel der Erbsünde und so über die alte Schlange einen vollen Sieg errang.“

Hier erklärt uns der Papst, warum wir die Gottesmutter mit einer besonderen Verehrung unsere Mutter nennen, warum sie die Königin aller Engel und Heiligen ist, warum nur Gott Selbst größer ist und wunderbarer als dieses von Ihm von Anfang an begnadete Geschöpf. Sie ist „voll der Gnade“, d. h. alles, was Gnade ist, ist in ihr überreich enthalten. Alles wird ihr ganz geschenkt. Sie erhält alles vor aller Zeit durch die vorausgesehenen Verdienste ihres gottmenschlichen Sohnes. Durch Ihn ist ihr alles in solcher Fülle gegeben, dass sie selbst die herrlichsten Engel überstrahlt, dass sie selbst die größten Heiligen und die wunderbarsten und mutigsten Kämpfer für unseren Herrn Jesus Christus mit ihrem Sohn als Königin beherrschen kann und ihnen vorausgeht. Wir können die Gottesmutter nächst Gott hier auf Erden nie zu viel verehren, denn in ihr ist eine solche Gnadenfülle, dass nur Gott allein die Fülle und Größe ihrer Heiligkeit ganz begreifen kann.

Das erklärt ebenso, warum wir sie als unsere Fürsprecherin jeden Tag verehren. Denn ihre Heiligkeit gibt ihr die Kraft, uns und unsere Bitten vor Gott zu tragen. Als vollkommen reine, unbefleckte, jungfräuliche Gottesmutter ist sie die nächste am göttlichen Thron. Jeder von uns kann sicher sein, dass, wenn er zu ihr geht, was Gott wirklich will, durch sie für uns erbeten wird. Denn sie ist das Tor zu Christus, die Pforte zu Gott; sie ist das helle Licht, das Gott selbst im Dunkel dieser Welt angezündet hat; sie vermittelt uns alle Gnaden ihres Sohnes, weil sie vor allen Menschen reich an Gnade und Heiligkeit ist.  Die Kirche hat das von Anfang an begriffen, und das große Dogma von der Unbefleckten Empfängnis ist zusammen mit dem Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel nur die krönende Bekräftigung einer Verehrung, die seit der Zeit der Apostel die Christen immer klar in dem Bewusstsein hat leben lassen, dass es nächst Gott kein größeres und kein heiligeres Wesen auf dieser Erde gibt und niemanden unter den sündigen Menschen, der ihnen mehr helfen kann, als sie, die Sündenlose.

Schließlich beantwortet das Festgeheimnis auch die Frage „Wer sind wir?“, denn es sagt uns etwas sehr Wichtiges über uns selbst, das uns einerseits von der Gottesmuter unterscheidet, anderseits aber auch mit ihr vereint. Die Gottesmutter ist von Anfang an von aller Makel der Sünde befreit gewesen. Sie war immer makellos. Sie brauchte nie in irgendeiner Weise die Barmherzigkeit Gottes um Vergebung für ihre eigenen Sünden anzurufen. Wir aber müssen das tun! Wir sind alle von der Erbsünde gezeichnet. Wir sind alle Sünder und brauchen notwendig, dass sie uns zur Seite steht und uns Gott unter ihrem mütterlichen Mantel vorstellt, der oft genug unsere eigene Schuldhaftigkeit und Schwäche verbirgt. Trotzdem sind wir, genau wie sie, obwohl wir Sünder sind, erlöst durch Jesus Christus! Wir sind gleich ihr durch die Freiheit und Allmacht des allmächtigen und barmherzigen Vaters und das Opfer des Sohnes in der Lage, sehr große Gnaden zu empfangen.

Jeder von uns empfängt immer genügende Gnaden, um gerecht zu werden und heilig zu leben. Die Gnaden, die Gott uns gibt, kann Er täglich wachsen lassen. Jeder von uns ist daher, nach dem Beispiel der Gottesmutter, berufen zu einer immer größeren Heiligkeit. Je mehr wir dem Willen Gottes folgen, je mehr wir Seiner Lehre, die Er der Kirche anvertraut hat, Glauben schenken, je mehr wir uns der Gottesmutter anvertrauen, damit sie uns lehrt, den Willen Gottes demütig zu tun, desto mehr wird auch unsere Heiligkeit wachsen. Dann wird Gott, der allmächtige Vater, uns auf die Fürsprache der unbefleckten Gottesmutter durch Seinen und ihren Sohn Jesus Christus unzählige Gnaden geben, und so werden auch wir jeden Tag mehr, wenn wir nur wollen, dem Throne Gottes näherkommen, wo Christus mit der Gottesmutter herrscht im Himmel, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Predigt am 6. nachgeholten Sonntag nach Epiphanie, dem 19. November 2023 von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vates und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Heute wissen wir alle, was man ein Narrativ nennt. Ein Narrativ ist eine Begründungserzählung, mit der man, ob wahr oder falsch, eine gewisse Handlungsrichtung oder eine gewisse Meinung unterstützen will. Ein Narrativ kann einfach ein neues Wort für Lüge sein. Das Wort „Narrativ“ wird oft auch benutzt, um eine objektive Wahrheit zu untergraben und in die Nähe einer diskutierbaren Meinung zu bringen. Eines dieser falschen Narrative ist, dass die Kirche und der Glaube für die moderne Gesellschaft nicht mehr relevant seien.

Dieses Narrativ kannte schon unser Herr Jesus Christus. Es war das Narrativ, mit dem sich ganz konkret die frühe Kirche auseinandersetzen musste, weil sie pusillus grex, eine kleine Herde war und in der großen jüdischen und römischen Gesellschaft wenig Bedeutung zu haben schien. Deswegen hat der Herr die kleine Herde von Anfang an ermutigt, um gegen dieses falsche Narrativ deutlich die Wahrheit Gottes in ihren Herzen und ihren Geistern zu verankern: Der Glaube und die Kirche sind nicht irrelevant, sondern von großer Wichtigkeit, denn sie sind beide, wie das Reich Gottes, das sie wachsen lassen, ein Senfkörnchen und ein Sauerteig (Mt 13, 31-35). Wenn nun die Christen, die die Gnade des Glaubens erhalten haben und die dadurch in der Taufe die Kirche Jesu Christi bilden, mit Jesus Christus mutig diese Tatsache, die ihr ganzes Leben verändert hat, den Menschen verkünden, dann ist auch das, was die kleine Herde zu sagen hat, von großer Bedeutung und Relevanz für die Gesellschaft.

Zunächst einmal, weil Gott handelt! Denn die wunderbare Tatsache, dass das Gottesreich wie ein Senfkörnchen ist, das in der damaligen Gesellschaft zu einem großen Baum wachsen sollte, und wie ein Sauerteig, der schließlich alles durchdringt, ist das Werk Gottes Selbst. Nicht wir allein können ein solches Wunder wirken; so wie Gott die Wachstumskraft und die Säuerungskraft in die Bestandteile des Körnchens und des Teiges gelegt hat, so hat Er auch in die Kirche, in das bereits hier begonnene Reich Gottes, jene Kraft des Glaubens und der Gnade gelegt, die alles durchdringt und die die Kirche zu einem großen Baum macht, der Platz hat für alle. Gott wirkt immer zuerst! Er bekehrt uns zum wahren Glauben, Er bringt uns in die Kirche, Er schenkt uns die Gnade der Taufe, um am Leib seines Sohnes Anteil zu haben.

Doch Gott will, dass wir an diesem Wachstum mitwirken: Aus den Worten des heiligen Paulus an die Thessalonicher können wir lernen, dass die ersten Christen genau getan, haben, was wir tun müssen, nämlich mit der Kraft Gottes im wachsenden Reich Gottes, also der Kirche, mitzuarbeiten, und zwar zunächst durch den wahren Glauben, der in Gebeten und guten Werken sichtbar wird. Auch in der frühen Kirche gab es Glaubensstreitigkeiten. Viele haben etwa die Auferstehung von den Toten geleugnet, andere haben die Gottheit Jesu Christi abgestritten; wieder andere haben die Lehre von der Ewigkeit des Himmels und der Hölle in Zweifel gesetzt: Solche Streitigkeiten gab es auch in der frühen Kirche. Deswegen sagt der heilige Paulus, dass unser Glaube ein tätiger Glaube sein muss, ein Glaube, der sich wirklich auf die Fülle der Verkündigung Jesu Christi stützt und der, weil er nichts von der Wahrheit des Glaubens schmälert, weil er keine Kompromisse eingeht, vielfach tätig sein kann: tätig im Gebet, in guten Werken, in der Glaubensverkündigung, im Aufbau des Reiches Gottes, das die Kirche ist.

Aber nicht nur der tätige Glaube, auch die opferbereite Liebe gehört zur Ausbreitung des Reiches Gottes. Wer glaubt an Christus glaubt, – gerade in einer Gesellschaft, die nicht mehr glaubt oder die noch nicht glaubt – , wird für seinen Glauben und für die Liebe, mit der er diesen Glauben verkünden will, Opfer bringen müssen. Wir können nicht einfach alles mitmachen. Wir können nicht einfach sein wie alle anderen, wir können nicht mit dem Strom mitschwimmen. Das haben auch die ersten Christen nicht getan. Sie haben oft genug große Leiden ertragen müssen, bis hin zum blutigen Martyrium. Sie sind verfolgt und ausgegrenzt worden. Trotzdem haben sie die opferbereite Liebe, die sie von Jesus Christus gelernt haben, aufrechterhalten und haben diese Liebe zuerst einander gezeigt und dann den Heiden, um sie zu bekehren. Deswegen berichtet Tertullian in seinem Apologeticum (39) , dass man von den Christen der frühen Kirche sagte: „Seht, wie sie einander lieben…und wie einer für den anderen zu sterben bereit ist:“

Natürlich aber ist der Aufbau des Reiches Gottes, also die Durchsäuerung der Gesellschaft mit der Botschaft und Gnade Christi eine langwierige Angelegenheit, die hier auf Erden nie ganz abgeschlossen ist und viele Rückschläge erfährt. Deswegen spricht der Herr von der Notwendigkeit einer ausdauernden Hoffnung: In patientia vestra possidebitis animas vestras , wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr eure Seelen retten. Der Christ, der in einer Gesellschaft lebt, die zu bekehren ist, muss das mit großer, liebevoller Geduld in großer Standhaftigkeit tun. Er darf nicht glauben, dass alles von heute auf morgen geschieht. Er darf nicht glauben, dass alles ohne Schwierigkeiten und ohne Kämpfe vor sich gehen kann. Er weiß, dass, wenn er sich nur das Beispiel Jesu Christi ansieht und das Beispiel der Apostel – die fast alle als Märtyrer gestorben sind -, dass die Durchsäuerung der Gesellschaft und das Wachstum

des Samenkorns in einen großen Baum Zeit braucht, Leiden kostet und Ausdauer voraussetzt. Werden wir also nicht mutlos! Wir wissen: Gott ist immer mit uns, aber der Sieg kommt erst am Ende! Die Kraft der Durchsäuerung der Gesellschaft hat das Reich Gottes damals wie heute. Das Senfkörnchen ist in die Erde der Seelen geworfen und oft bricht oft unvermutet auf um zu einem hohen Baum zu werden; eine Bekehrung entsteht, die andere nach sich zieht und die zeigt, dass die Kraft Gottes immer noch in Seiner Kirche gegenwärtig ist.

Glauben wir also nicht dem sogenannten Narrativ, das uns weismachen will, dass die Kirche und der Glaube in der heutigen Gesellschaft nicht mehr relevant seien. Es ist nicht einmal ein Narrativ, sondern einfach eine Lüge. Was immer noch relevant ist, ist die Kraft Gottes; was wir aufgrund der Botschaft Christi und des Wirkens der Gnade glauben, lieben, und hoffen dürfen, bringt die Kraft Gottes auch heute in der Kirche zum Tragen, und wie damals, so wird ihr Sauerteig die ganze Gesellschaft durch unsere Mitarbeit durchdringen. Unsere Werke aus dem Glauben, unsere Opferbereitschaft und unsere standhafte Hoffnung werden den Baum der Kirche wieder wachsen lassen, und viele, viele, ja alle Menschen guten Willens, werden in ihm Wohnung finden. Amen.

Predigt am Christkönigsfest, Patronat des Instituts Christus König und Hohepriester, dem 29. Oktober 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Dann bist du doch ein König“. Diese Worte des Pilatus beantwortet der Herr mit den eindeutigen Worten: „Ja, ich bin ein König“ (Jo 18, 37). Warum nennt der Herr sich so? Warum verehren wir Ihn nicht nur am heutigen Tag, sondern an allen Tagen des kirchlichen Jahres in der Heiligen Messe als unseren König und Herrn? Warum trägt unser Institut den Namen Institut Christus König und Hohepriester? Die Antwort ist eine dreifache.

Zunächst einmal, so sagt schon der große Papst Pius XI., der das heutige Fest für die ganze Kirche verpflichtend gemacht hat, ist der Herr deswegen König, weil Er der wahre, der allmächtige, der furchterregende einzige Gott ist; weil Er alles beherrscht im Himmel und auf Erden; weil Er mit dem Vater und dem Heiligen Geist eine göttliche Natur hat, und weil Er vor aller Zeit an die Welt nicht nur vorausgesehen hat, sondern sie dann auch in der Kraft des Vaters geschaffen hat, mit Weisheit in der Kraft des Sohnes regiert und durch die ständige Gegenwart mit der Kraft des Heiligen Geistes erhält. Deswegen ist Er König! Deswegen verehren wir Ihn! Deswegen hat Er einen Rechtsanspruch nicht nur auf unsere tägliche Verehrung, nicht nur auf die Gottesdienste und Andachten der Kirche, sondern auch auf die totale Antwort der Hingabe unseres ganzen Lebens, damit wir Ihn ehren und lieben mit der ganzen Kraft unserer Seele und unseres Herzens. Wir sind die Geschöpfe dieses Königs, und Er herrscht über uns unbeschränkt mit Gerechtigkeit und Liebe: Er als Gott König aller Dinge, aller Engel und aller Menschen!

Dann aber ist der Herr aus einen zweiten Grund König, nämlich weil Er, der eine wahre Gott, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist, aus Barmherzigkeit Mensch geworden ist; weil Er hinabgestiegen ist in diese Welt, die Er geschaffen hat, um sie zu erlösen; weil Er in der wunderbaren Menschwerdung im jungfräulichen Schoß Mariens und sichtbar am Weihnachtsabend für uns Mensch geworden ist, damit Er uns zum Vater zurückführen kann. Er ist zwar einer von uns, ganz Mensch, aber Er bleibt auch ganz Gott. Auch aufgrund dieser Gottmenschlichkeit herrscht Er über die ganze sichtbare Welt, herrscht hienieden über jeden einzelnen Menschen, auch über die, die das nicht wissen oder die es nicht anerkennen wollen, wie auch über jene, die sich von Ihm abgewandt haben und Ihn verleugnen.

Der Herr ist auch seiner Menschheit nach König dieser Welt! Er bewirkt jedes einzelne Geschehen in dieser Welt, entweder durch Zulassung oder durch direkte Einwirkung. Er ist gegenwärtig mit Seiner Menschheit auch dann, wenn wir sie nicht erkennen können. Er will, da Er auch der Menschheit nach der Erste ist, uns alle durch Seine milde Herrschaft zu den Geboten und Gesetzen des Vaters führen und so dafür sorgen, dass das Reich des Friedens, soweit das trotz der Sünde möglich ist, durch göttliche Kraft bereits hier auf Erden herrscht. Daher müsste Er von Rechtswegen nicht nur von den Gläubigen, sondern grundsätzlich auch von den Regierungen und allen, die herrschen, als König anerkannt werden. Die Kirche hat die Aufgabe, die Herrschenden darauf hinzuweisen, dass sie immer einen höheren Herren haben, eben Christus, den König, dem sie Verantwortung für alle ihre Taten schulden.

Schließlich ist der Herr König, weil Er, der Gottmensch, auch als König handelt. Agere sequitur esse, lehrt der heilige Thomas: Das Handeln folgt dem Sein (ScG III, 69). Dem Sein nach, also Seiner Gottmenschheit nach, ist der Herr wesenhaft unser König. Dass Er auch als König handelt, können unter anderem an drei fundamentalen Handlungsweisen Jesu Christi ablesen:

Zunächst einmal ist der Herr ein vorausschauender König, ein König, der in die Weite der Ewigkeit blickt. Er ist nicht, wie viele unsere Regierenden, in kleinlichen Geschäften verstrickt. Er will nicht schäbige Machtspiele mit uns vollziehen, sondern Er weiß, dass jeder von uns für die Ewigkeit geschaffen ist. Deswegen bleibt Er nicht im Kleinen, nicht im Kalkül, nicht in dem Haschen nach der Volksgunst befangen, wie viele menschliche Herrscher, sondern Er sieht weiter, Er sieht das Ganze, Er sieht unser ewiges Ziel. Er liebt jeden mit diesem umfassenden göttlichen Blick, auch wenn wir voller Schwächen in unserer Intelligenz und voller Sünden in unserem Handeln sind. Jeder gute König sieht voraus, jeder gute König hat einen weiten Blick. Unser Gottkönig aber sieht alles, und in diesem göttlichen Blick umfasst Er uns mit einer Liebe, die alles verzeiht, wenn wir nur wollen, und uns aus unserem Egoismus und der Gefangenschaft der Sünde herausführt.

Ein wahrer König ist immer großzügig! Magnificentia, die mitteilende Großartigkeit, ist ein Ausdruck des Königtums. So ist auch unser König ein großartig-großzügiger König. Er gibt uns immer mehr, als wir erbitten könnten. Er sieht nicht auf unsere Kleinlichkeit und unsere Berechnung: Er gibt ohne Berechnung und ohne etwas zurückhaben zu wollen, vom Reichtum Seiner Gnaden. „Ubi abundavit delictum, superabundavit gratia, wo die Schuld übergroß wurde, da wurde die Gnade überreich“, lehrt der hl. Paulus (Röm 5, 20). Wir haben alle aus Seiner Fülle empfangen (vgl. Jo 1, 16), und Er gibt nicht nur jedem das, was ihm zukommt, suum cuique, sondern ungleich viel mehr. Er lässt uns in einem unerschöpflichen Reichtum der Gnade leben, Er umgibt uns so sehr mit Seinem Wesen, das Güte und Liebe ist, dass der heilige Paulus sagen kann: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17, 28). Diese Großzügigkeit unseres Königs bringt uns dazu, auch selbst großzügig zu sein, wie die heilige Kirche großzügig ist, in deren herrlichen, wunderschönen und gnadenvermittelnden Zeremonien, so erhaben sie auch sind, sich doch nur ein beschiedener Teil der Herrlichkeit und Wunderkraft unseres großen Königs Jesus Christus widerspiegelt.

Schließlich ist unser gottmenschlicher König, wie jeder wahrhaft große und herrliche König, bereit, sich für sein Volk zu opfern, und zwar nicht nur ein klein wenig, sondern ganz und gar. Christus gibt uns Sein Herz, Er öffnet uns Seine Seite, Er vergießt für uns den letzten Tropfen Seines Blutes, obwohl ein einziger Tropfen gereicht hätte, uns alle zu erlösen. Der fleischgewordene Gott gibt uns in der Kirche immer wieder Sein eigenes Leben, Sein Fleisch und Sein Blut. Er gibt es uns, obwohl wir es nicht verdient haben; Er gibt es uns, weil Er sich ganz geben will, weil Er ganz die schenkende Liebe ist, weil alles an Ihm herrlich ist und weil Er möchte, dass auch wir von Seiner Größe, Seiner Liebe und Seiner Ganzhingabe gerettet werden.

Deswegen wollen wir am heutigen Tag ernst nehmen, wenn Offenbarung uns ein Volk von Priestern, Königen und Propheten nennt (vgl. 1 Petr 2, 9). Wir sollen als Volk von Priestern, Königen und Propheten dem Herrn nachfolgen und das tun, was Er, der königliche Herr der Welt, uns vorgelebt hat. Wir sollen vorausschauend erkennen, dass jeder Mensch für die Ewigkeit geschaffen ist und mit dem Blick der Ewigkeit auf unseren Nächsten blicken: So verstehen wir, dass unser Nächster von Ewigkeit her von Gott geliebt ist und dass wir ihm von Herzen jedes Unrecht verzeihen sollen, wie uns der Herr verziehen hat. Ebenso sollen wir wie der Herr großzügig sein, großzügig nicht nur im Materiellen, damit wir uns von allen Anhänglichkeiten an diese Welt lösen können, sondern großzügig auch im Geistigen, damit wir andere an der Freude unseres Glaubenslebens teilhaben und an der Hoffnung des Himmels teilhaben lassen können.

Schließlich sind auch wir berufen, uns ganz Gott hinzugeben, uns in jedem Moment von neuem dem Herrn zu schenken. Auch unser Herz, das oft klein und eng ist, muß sich öffnen! Es ist schwierig, den anderen zu lieben, wenn er nicht tut, was wir wollen. Aber wenn wir ihn um Christi willen lieben, wenn wir wissen, Christus hat Sein Blut für ihn vergossen, dann sehen wir plötzlich im anderen den Herrn. Dann können wir Opfer bringen, in Ehe und Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, oder wo immer es schwierig wird, täglich die christliche Liebe zu leben. Auch in all diesen Situationen ist Christus König! Er will jeden Tag, dass auch wir Opfer bringen wie ein Priester, dass auch wir großzügig sind wie ein König, dass auch wir andere teilhaben lassen an der Wahrheit und Freude des Herrn, wie ein Prophet.

Wir feiern heute den großen, allmächtigen, furchteinflößenden, und doch so liebreich-barmherzigen König und Herrn. Er ist König als Gott und als Mensch wie auch in seinem vorausschauenden, großartigen und selbstlosen Handeln. Lassen wir uns von der Weisheit, Großzügigkeit und Opferbereitschaft unseres menschgewordenen Gottes himmelwärts ziehen! Dort werden wir mit Ihm, durch Ihn und in Ihm die Herrlichkeit teilen, in der er für immer zur Rechten des Vaters thront, Christus, unser König und Herr. Amen.

Predigt am 20. Sonntag nach Pfingsten, dem 15. Oktober 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„(…) fieri (…) intelligentes (…) quae sit voluntas Dei: Werdet verständig, um den Willen Gottes zu erkennen (Eph 5, 16)! Das ist die heutige Aufforderung des heiligen Paulus, die darauf hinweist, dass der wahre Glaube klug macht. Viele meinen gerade das Gegenteil. Sie behaupten: Wer glaubt, der ist nicht so intelligent; wer glaubt, hängt irgendwelchen Fabeln nach; wer glaubt, der kann die moderne Welt nicht richtig verstehen. Der heilige Paulus lehrt uns das Gegenteil: Der wahre Glaube macht klug, weil er uns den Willen Gottes erkennen lässt. Das bestätigen Geschichte und Gegenwart, denn viele berühmte, intelligente und kluge Menschen waren katholisch oder sind es geworden, etwa große Naturwissenschaftler, einige davon sogar Priester, wie Pater Georg Mendel oder Abbé Henri de Maître.  Auch viele unserer Päpste waren außergewöhnlich intelligente Menschen, denken wir nur an Leo XIII., Pius XI., Pius XII. oder Benedikt XVI. Unter den Nobelpreisträgern sind ebenso nicht wenige überzeugte Katholiken. Der Glaube hat alle diese intelligenten Menschen noch klüger gemacht, weil er ihnen die Einsicht in den Willen Gottes vermittelt hat.

Das gilt auch für jeden von uns. Warum macht nämlich der wahre Glaube klug? Zunächst einmal öffnet er jedem, dem die Gnade des Glaubens zuteilwird, einen ganz weiten und neuen Horizont. Der glaubende Mensch ist nicht mehr beschränkt auf das rein Materielle, das man anfassen oder sehen kann. Er weiß, durch die Weisheit Gottes in der Offenbarung und durch die Kirche gelehrt, dass es mehr gibt als das Sichtbare und Greifbare. Wir sind nicht wie Tiere, die mit „allen vier Pfoten fest auf dem Boden der vermeintlichen Wirklichkeit“ stehen, sondern wir sind geistbegabte Wesen, die wohl durch Körper und Sinne erfahren, aber doch mit Seele und Vernunft erkennen, dass die Schöpfung Gottes nicht nur sichtbar, sondern auch unsichtbar ist. Wir wissen, dass es Geheimnisse gibt, die dem nur menschlichen Denken verschlossen sind und die uns erst der Glaube erschließt; dass es eine Weisheit gibt, die größer ist als die natürliche, nämlich die himmlische, die Gott uns nach seinem Willen mitteilt. Ein ganz weiter Horizont eröffnet sich dadurch und unser Blick auf die Wirklichkeit wird umfassender und tiefer, weil wir uns vom nur Materiellen lösen. Daher sagt der hl. Thomas von Aquin: Anima est quodammodo omnia (De anima 7), die Seele kann alles umfassen!

Ebenso vermittelt der Glaube uns erst den wahren Sinn des Lebens. Wie viele Menschen sind nicht verwirrt und fragen sich: Wozu bin ich eigentlich da? Ist es wirklich, um die ganze Zeit zu arbeiten, um materiell besser dazustehen, um äußerlicher Freuden, Ehren und Güter, um den Leiden und Kreuzen der Welt zwar letztlich nicht ausweichen zu können, aber keinen Sinn in ihnen zu erkennen? Ist das die ganze menschliche Existenz? Wer aber glaubt, der weiß unmittelbar, was der Sinn des Lebens ist! Hier, in diesem Tal der Tränen, liegt dieser Sinn darin, Gott und dem Nächsten freudig zu dienen, sich selbst zu vergessen und dadurch heilig zu werden. Dort aber, in der ewigen Heimat, ist unser Ziel und Sinn, an der ewigen Herrlichkeit teilzuhaben, endlich unsere Herzenssehnsüchte erfüllt zu sehen und bis ans Ende aller Zeiten glücklich zu sein in der liebenden Herrlichkeit Gottes. Das eröffnet uns einen neuen Blick auf unser Leben, das macht dieses Leben auch dann, wenn es hart wird, lebenswert, und das gibt allem, was in der Geschichte passiert, einen ganz anderen Sinn. Denn plötzlich werden auch Leiden, Tod und Krieg hineingenommen in den geheimnisvollen Plan des göttlichen Willens, der uns alle, wenn wir unser Leben mit allen Freuden und Kreuzen annehmen und tragen, zu Ihm und Seiner Herrlichkeit führt.

Drittens wird der Glaube uns helfen, alte und neue Irrtümer zu vermeiden. Wie viele Irrtümer sind nicht heute als neu angepriesen: der Relativismus, die Leugnung der objektiven Wahrheit, der Hedonismus, um nur ganz wenige zu nennen. Sogenannte philosophische Erkenntnisse werden uns als neue Erkenntnisse der modernen Welt vermittelt. Dabei sind sie meist uralt und schon tausendmal widerlegt! Wer glaubt, wird diesen „alt-neuen“ Irrtümern nicht auf den Leim gehen. Wer glaubt, dessen Erkenntnismöglichkeit wird nicht verengt, wie manche behaupten, sondern wird erweitert, weil wir eben den alten Irrtümern im neuen Gewand nicht mehr nachzugehen brauchen. Wir wissen gleich, sie sind falsch, denn sie widersprechen der Offenbarung und der Lehre der Kirche. Wir können uns dagegen mit der Wahrheit Gottes und der Wahrheit, die Gott in die Dinge gelegt hat, beschäftigen und sie erkennen, ohne von diesen immer gleichen Irrtümern getäuscht zu werden. Der Glaube macht uns klüger, weil er uns den gesunden Menschenverstand erhält!

Weiterhin hilft uns der Glaube auch, eindeutig der Stimme unseres Gewissens zu folgen und das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Wie viele Leute sind nicht durch die ständige Wiederholung der immer gleichen Lügen heute grundlegend in ihrem moralischen Urteil verwirrt? Sie wissen nicht mehr, was offensichtlich ist: Dass man unschuldiges Leben, sei es jung oder alt, auf keinen Fall töten darf; dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann; dass um des Wohles der Menschen und des Staates nichts, was dem göttlichen Gesetz entgegensteht, jemals Gesetzeskraft haben darf. Das alles ist offensichtlich evidente Wahrheit, in der Geschichte immer nur von totalitären Regimen, Ideologen, Dummköpfen und Verbrechern geleugnet. Durch die immer aggressivere Wiederholungen aller möglichen flagranten Irrtümer werden jedoch auch heute die Menschen wieder verwirrt, verlieren den gesunden Menschenverstand und können Gut und Böse nicht mehr unterscheiden. Der wahre Glaube dagegen hilft uns, die Maßstäbe von Gut und Böse zu behalten. Wir wissen, dass der Wille Gottes eindeutig und klar ist und dass unser Gewissen gegen alles spricht, was diesem Willen Gottes entgegengesetzt ist. Wer glaubt, der weiß, was gut und böse ist und versucht nach Kräften, danach zu handeln!

Schließlich hilft uns aber der Glaube ebenso, das einmal als richtig Erkannte tatsächlich zu tun. Jeder Mensch ist schwach. Wir können mit bloß menschlicher Intelligenz alles Mögliche erkannt haben und doch nicht danach handeln. Schon der Dichter Ovid sagte: „Video meliora proboque, deteriora sequor (Metam. 7, 20-21): Ich sehe das Gute und Bessere, aber dem Schlechteren folge ich.“ Jeder hat diese Erfahrung in seinem Leben schon durch Schwäche und Sündhaftigkeit gemacht. Das weiß auch der heilige Paulus, wenn er den Galatern erklärt, dass sie dadurch nicht tun, was sie eigentlich wollen (vgl. Gal, 5, 17).  Wer aber glaubt, der wird durch die Glaubensgnade nicht nur die Wahrheit besser erkennen können, er wird ihr auch mit Gottes Hilfe folgen. Denn mit dem Glauben schenkt Gott uns die Kraft der Gnade, Seine Gebote zu tun, die Wahrheit nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verwirklichen und tatsächlich zu leben, was wir erkannt haben, damit wir, wie der hl. Paulus uns heute sagt, „in Weisheit und Klugheit wandeln“ (Eph, 5, 15) und das Gute täglich tun.

So sehen wir, dass der wahre Glaube intelligent und klug macht. Er öffnet uns einen neuen Horizont; er erschließt uns den Sinn des Lebens; er bewahrt uns vor alten und neuen Irrtümern; er lässt uns klar zwischen Gut und Böse unterscheiden und gibt uns die Kraft, das einmal erkannte Gute auch zu tun. Wer glaubt, der ist intelligent; wer glaubt, der kann einsichtig den Willen Gottes erkennen; wer glaubt, dem öffnet sich eine ganz neue Welt, nämlich die Welt Gottes. Deswegen ist die alte Weisheit, die uns schon das Alte Testament vielfach lehrt, auch heute noch wahr: „Initium sapientiae timor Domini (z.B. Prov 9, 10; Ps 110, 10; Job 28, 28 etc.): Der Anfang der Weisheit ist die Furcht Gottes.“ Beugen wir uns vor der offenbarten Wahrheit Gottes, und wir werden, weil wir uns klein machen, den Weg erkennen, den Gott vor uns in den Sand unseres Lebens geschrieben hat. Wir werden diesem göttlichen Weg der Weisheit entgegen allen Irrtümern sogenannter „Intellektueller“ folgen können, und wir werden die Wahrheit, die sich uns im Glauben offenbart, am Ziel dieses Weges dann selbst sehen, den wahren „Gott schauen, wie er ist“ (1 Jo 3, 2; auch 1 Kor 13, 12) und in Ihm ewig selig werden. Amen.

Predigt anlässlich der äußeren Feier der Patronin der Welt- und Institutsmissionen, der kleinen heiligen Theresia von Lisieux am 24. September 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Heute gibt es viele selbsternannte Apostel. Apostel, die etwa für das Klima eintreten, für den Genderismus, für die Revolution des „woke“ oder ähnliche politische Agenden. Obwohl sehr wahrscheinlich die meisten von ihnen die Existenz objektiver Wahrheit leugnen, treten sie alle mit einem großen Wahrheitsanspruch auf und sind oft militant missionarisch, wie eben selbst ernannte Apostel. Davon gibt es so viele, dass wir uns wundern können, dass es der Kirche übelgenommen und oft untersagt wird zu missionieren, dass man sie vielmehr mundtot machen will. Viele, auch offizielle Vertreter der Kirche, scheinen deswegen die Mission als ein Anliegen „von gestern“ längst vergessen zu haben.

Die Heilige, deren äußeres Fest wir heute feiern, erinnert dagegen deutlich daran, dass die Kirche Jesu Christi und damit wir alle Anspruch und Auftrag zur Mission haben. Die hl. Theresia von Lisieux, die eine bescheidene, klausurierte Ordensschwester war, die jung gestorben ist, hat ihr ganzes Leben als Mission verstanden, und sie ist nach unzähligen Gebetserhörungen und vielen Wundern 1927 von Papst Pius XI auch zur Patronin der Weltmissionen ernannt worden. Was kann uns die hl. Theresia als Patronin der Mission und der Missionare lehren?

Zunächst zeigt sie, wie das Zweite Vatikanische Konzil in seinem Missionsdekret Ad Gentes sagt -, dass „die pilgernde Kirche“ „ihrem Wesen nach ‚missionarisch‘“ ist (AG 2). Wir haben keine andere Wahl! Wir können uns nicht von der Mission abwenden, denn die Kirche selbst ist als pilgernde Kirche in dieser Welt zu den Menschen gesandt, um ihnen die Wahrheit Jesu Christi zu verkünden. Die Kirche hat keine Wahl, denn sie ist missionarisch und muss missionieren, damit der Auftrag Jesu Christi erfüllt wird.

Das liegt daran, dass die Kirche der Wahrheit verpflichtet ist. Wenn wir einen Menschen kennen, der in einem schweren Irrtum befangen ist und einer Lüge folgt, dann haben wir schon als Mitmenschen die Pflicht, ihn über seinen Irrtum aufzuklären und ihm die Wahrheit mitzuteilen, damit er sich und anderen nicht schadet. Wenn aber die Wahrheit nicht aus menschlicher Erfahrung kommt, nicht aus unserer eigenen Erkenntnis, sondern von oben, von Gott, wenn sie uns von dem fleischgewordenen Sohn Gottes Selbst offenbart worden ist, dann hat diese Wahrheit einen Anspruch, der unser ganzes Leben umfasst. Wir dürfen die geoffenbarte Wahrheit nicht für uns behalten, wir müssen sie in Wort und Tat weitergeben, damit andere die Wahrheit, die Christus ist, erkennen können und von ihren Irrtümern geheilt werden.

Es gibt nur einen wahren Gott! Das bedeutet leider nicht, dass alle Menschen diesen wahren Gott wirklich kennen und lieben. Wer aber durch die Gnade Gottes und die Verkündigung der Kirche mit der Erkenntnis des einen wahren Gottes beschenkt worden ist, hat den Auftrag und die Pflicht, andere mit diesem einen wahren Gott bekannt zu machen, damit auch sie Gott lieben können und zu dem Ziel gelangen, das Gott in Seiner Liebe für sie bestimmt hat. Wer die Wahrheit kennt, schon auf natürlicher und erst recht auf übernatürlicher Ebene, muss sie weitergeben und darf sie nicht für sich behalten, damit alle den richtigen Weg gehen können. Das ist auch der große Auftrag Jesu Christi, den Er ausdrücklich den Aposteln und durch sie auch uns gegeben hat: „Euntes ergo docete omnes gentes“ (Matth 18,19): Gehet hin in alle Welt, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Das ist die klare Botschaft des Matthäusevangeliums.

Die frühe Kirche hat schon gewusst, dass sie diesen Missionsauftrag hat. Der heilige Paulus und die anderen Apostel sind in die Welt hinausgegangen, um die Wahrheit Jesu Christi zu verkündigen. Die Kirche ist Weltkirche geworden, weil schon die Apostel, alle ihre Nachfolger und unzählige Priester als Missionare der Sendung Christi gefolgt sind sind, um die Menschen zum Heil und zur Wahrheit Gottes zu bringen. Die Mission ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern der ausdrückliche Auftrag unseres Herrn Jesus Christus. Er selbst ist ein Missionar! Er ist der Messias, der Gesandte Gottes des Vaters, und Er hat diesen Missionsauftrag an uns weitergegeben, damit so viele wie möglich den sicheren Heilsweg der Kirche erkennen können und zu ihrem Heil getauft werden.

Dass der Missionsauftrag aber keine alte, verstaubte, längst überholte Doktrin ist, hat uns das Zweite Vatikanische Konzil an zwei weiteren Stellen ausdrücklich in Erinnerung gerufen, die auch die Notwenigkeit der Mission erklären. Es ist wert, diese Stellen in ihrer gesamten Länge zu Gehör zu bringen, damit wir nicht dem oft behaupteten Irrtum folgen, dass die Mission der Kirche zu Ende sei. Das Konzil sagt: „So ist es nötig, dass alle sich zu Christus, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren, sowie Ihm und Seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden. Christus Selbst hat nämlich in ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe betont und damit zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in die die Menschen durch die Taufe wie durch eine Türe eintreten“ (Ad Gentes 7). Darum, so sagt das Zweite Vatikanische Konzil sogar in zwei Dekreten, können „jene Menschen nicht gerettet werden, die um die Kirche und ihre von Gott gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren“ (Ad Gentes 7; Lumen gentium 14).

Mission betrifft das ewige Leben! So wie Christus uns vor Sünde und Tod retten wollte, so hat die Kirche den Auftrag, alle Menschen, die ganze Welt mit der Wahrheit Jesu Christi zu konfrontieren, ihr die Liebe des Herrn zu zeigen und sie durch die Taufe in die Kirche einzugliedern, damit sie in dieser Heilsgemeinschaft durch die Sakramente und die Verkündigung der Wahrheit den sicheren Weg zum Heil gehen kann. Natürlich gibt die Barmherzigkeit Gottes denen, die ohne eigene Schuld oder wider besseres Wissen nicht von anderen missioniert worden sind, die nichts von Jesus Christus wissen, die in einem unüberwindlichen Irrtum über die Kirche und die Heilsnotwendigkeit der Taufe leben, die Möglichkeit, durch Seine Gnade auf geheimnisvollen Heilswegen trotzdem gerettet zu werden (vgl. Ad gentes 7). Diese mögliche Barmherzigkeit Gottes aber hüllt sich für uns in eine dichtes Geheimnis und wir wissen darüber im Einzelnen nichts, als das dieser Weg unsicher und ungewiss erscheint.

Dagegen wissen wir durch die Offenbarung des Herrn mit Gewissheit, dass die heilige katholische und apostolische Kirche der von Gott gestiftete Weg zum Heil ist: Ihre Sakramente vermitteln die Gnade sicher jedem, der sie würdig empfängt. Die Wahrheit der Kirche kommt direkt von Jesus Christus, und wenn wir Menschen durch die Taufe in die Kirche aufnehmen und sie die Wahrheit Jesu Christi leben, dann dürfen sie sicher hoffen, gerettet zu werden. Diesen Heilsweg dürfen wir niemandem verschließen, und deswegen müssen wir durch unser Beispiel und durch unser Leben Missionare sein, die Heilswahrheit verkünden, die sie selbst erhalten haben.

Wir könnten uns nun damit entschuldigen, dass diese Verkündigung durch Wort und Tat offensichtlich die Aufgabe der Apostel und ihrer Nachfolger und Helfer, also der Bischöfe, der Priester und der eigentlichen Missionare ist, nicht aber die unsere. Was kann der katholische Laie in der Welt schon dazu tun? Diese Entschuldigung aber ist nichts als eine Ausrede, denn wir wissen gut, dass wir natürlich alle berufen sind, für unseren Glauben Zeugnis zu geben, obwohl wir oft wenig ausrichten. Wort und Tat klaffen in unserem Leben oft zu weit auseinander, als das unser Zeugnis glaubhaft sein könnte, und viele Herzen sind schon zu verhärtet, um auch das authentische Zeugnis des christlichen Glaubens anzunehmen.

Deswegen ist die Heilige des heutigen Tages für uns das große Vorbild der Mission! Denn was hat sie getan? Wie hat sie aus dem Konvent heraus, den sie nie verlassen hat, missionarisch gewirkt? Sie sagt es uns selbst: „Lieben, geliebt werden und auf Erden kommen, um zu bewirken, dass die Liebe [nämlich Jesus] geliebt wird.“ Jedes Mal, wenn wir die christliche Liebe leben, um die Gottesliebe im Gebet und in der heiligen Messe bitten und sie feiern, die Nächstenliebe leben, in jedem Opfer, das wir für den Nächsten bringen, wirken wir missionarisch. Dann bekehren wir, obwohl wir es oft nicht sehen, Seelen, dadurch ziehen wir die anderen hinan zu Gott.

Wie ist das möglich im täglichen Leben? Durch den kleinen Weg der heiligen Theresia von Lisieux! Sie nennt uns selbst die Mittel, die Gott uns zur Mission gegeben hat: das Opfer, den letzten Platz und die Selbstvergessenheit. Sie sagt: „Das einzige, um das uns niemand beneidet, ist der letzte Platz. Darum gibt es auf diesem Platz weder Eitelkeiten noch Herzeleid.“ Erkennen wir, dass wir selbst Sünder sind; erkennen wir, dass wir am Missionsauftrag Jesu Christi nur als ganz Kleine teilnehmen können. Werden wir demütig! Hören wir auf, andere zu kritisieren, sondern beginnen wir, uns selbst zu ändern. Setzen wir uns vor Gott auf den letzten Platz, dann werden Er und Seine Gnade uns erhöhen. So wird unser Zeugnis echt und wir werden andere durch unsere Demut und unsere Liebe mitbringen vor Gottes Thron.

Wenn wir uns vor diesem kleinen Weg fürchten, ermutigt uns die Patronin der Missionen, wenn sie sagt: „Man kann nichts Gutes wirken, wenn man sich selbst sucht. Ich wollte mich selbst vergessen, um anderen Freude zu machen. Von da an war ich glücklich.“ Es macht im letzten froh, sich selbst zu vergessen, anderen zu dienen, den letzten Platz einzunehmen, klein sein zu wollen wie ein Kind, in Demut anzunehmen, wenn Gott uns Kreuze und Opfer schickt, nicht zu klagen, sondern immer wieder von neuem zu beginnen, auch wenn wir gefallen sind, aufzustehen und weiterzugehen. Das sind die missionarischen Mittel, die wir – zusammen mit der gelebten Verkündigung der Wahrheit und der mutigen Verteidigung der Kirche – jeden Tag in unserem Leben neu verwirklichen können. Das ist der kleine, aber frohe Weg der heiligen Theresia von Lisieux, durch den sie eine große Missionarin geworden ist.

Denken wir immer daran, wenn wir in den letzten Platz einnehmen, wenn wir ein Opfer bringen und uns dadurch selbst vergessen, wenn wir das Kreuz Jesu Christi im Kleinen und Im Großen mittragen ohne zu klagen, wachsen wir nicht nur in der christlichen Freude, sondern wir erfüllen gleichzeitig den Missionsauftrag der Kirche. Nicht in großen Worten, sondern in kleinen, täglichen Taten werden auch wir wie die heilige Theresia von Lisieux Missionare, können auch wir wie sie „Rosen regnen“ lassen, Rosen der täglichen Gottes- und Nächstenliebe auf diese lieblose Welt. Dann kann man uns nicht den Mund verbieten, denn die Welt wird sehen: „Seht, wie sie einander lieben!“ (Tertullian, Apol. 39). An der freudig gelebten Gottes- und Nächstenliebe wird man erkennen, dass unser Zeugnis für Christus und die Kirche echt ist.  Dieses Zeugnis wird vielen Gnade und Bekehrung schenken, denn wir geben Zeugnis nicht um unseretwillen, sondern um Gottes und der Menschen willen, wie die heilige Patronin der Mission Theresia von Lisieux. So verwirklichen wir jeden Tag unseres Lebens den Auftrag Jesu Christi: „Gehet hin in alle Welt, lehret alle Menschen und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

Wallfahrtstag zu den Heilig-Rock-Tagen nach Trier 2024

Herzliche Einladung zu der Heilig-Rock-Wallfahrt am 20. April 2024. Achtung : dieses Jahr wird die heilige Messe um 10 Uhr in der Kirche St Martin gefeiert werden ! Die Andacht mit sakramentalem Segen um 17 Uhr in St Paulin. Mehr Informationen auf Anfrage! Bitte melden Sie sich bei mir! Gerne auch weiterleiten!

Predigt zu Mariä Himmelfahrt 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir alle kennen Menschen, die am liebsten von sich selbst sprechen. Solche Menschen sind auf die Dauer mühsam und vor allen Dingen werden sie nach einiger Zeit langweilig. Man hat genug von ihnen gehört und weiß alles, was sie von sich zu sagen haben. Die Kirche in Deutschland muss aufpassen, dass sie nicht wirkt wie diese Menschen. Wenn die Vertreter der Kirche zu viel von hausgemachten Problemen sprechen, dann besteht die Gefahr, dass die Menschen unserer Zeit nicht mehr zuhören, und dass die Kirche nur noch selbstzentriert, langweilig und bedeutungslos erscheint.

Damit das nicht passiert, wollen wir am heutigen Tage zu Maria gehen und auf sie hören, denn sie spricht nie von sich. Wenn die Gottesmutter in der Heiligen Schrift den Mund öffnet, dann ist es entweder, um Gott zu preisen wie im Magnificat, das wir gerade gehört haben, oder um uns an die Gebote des Herrn zu erinnern: „Tut, was Er euch sagt“ (Jo 2, 5). Wenn daher die Kirche verstehen will, was es bedeutet, katholisch zu sein und zu leben, dann muss, wie es immer gewesen ist, die heilige Jungfrau der Maßstab sein. An ihr können die Diener der Kirche ablesen, was zu tun ist, denn sie hat Christus immer vorbehaltlos gedient.

Zunächst war die Gottesmutter ganz der Gnade geöffnet. Vom ersten Moment ihrer Existenz im Mutterschoß an vor der Erbsünde bewahrt, hat Maria sich als Gefäß der Gnade ganz dem Wirken Gottes geöffnet. Sie hat nie selbstherrlich oder autonom gehandelt und geredet, sondern sie hat Gott wirken lassen. Die Kirche ist in ihrem innersten Wesen ebenso ein Gefäß der Gnade. Wo sie zunächst Gott wirken lässt, zunächst in Seinen Sakramenten das Heil suchen und nicht im bloß menschlichen Tun, dort folgt sie der Gottesmutter und öffnet sich wie diese dem Gnadenhandeln Gottes.

Diese Parallele kann noch weitergeführt werden: Die Gottesmutter hat den Herrn zur Welt gebracht. Sie ist das Tor, das ganz offen war auf das Kommen Gottes. Sie ist kein Hindernis zwischen uns und Christus, im Gegenteil; denn sie weist nicht nur auf den Herrn hin und erhält allen Glanz von Seinen vorausgesehenen Verdiensten, sondern sie empfängt Ihn auch tatsächlich in ihrem jungfräulichen Leib und bringt ihn zur Welt: Dadurch wird sie porta caeli, das Tor des Himmels, für uns alle! Das ist ebenso die Aufgabe der Kirche: Nicht Änderung von Strukturen und Methoden ist ihre erste Aufgabe, sondern die Verkündigung unseres Herrn Jesus Christus, Gott und Mensch zugleich! Jeder, der in der Kirche ein Amt hat, hat die große Aufgabe von Gott erhalten, auf Christus hinzuweisen, für Ihn ganz offen zu sein, um Ihn in die Welt zu allen Menschen zu bringen! So wird auch die Kirche zur porta caeli, zum Tor des Himmels.

Die Gottesmutter konnte das alles tun, weil sie immer den Glauben bewahrt hat. Sie hat nie an ihrem Sohn gezweifelt. Sie wusste von dem Moment an, als sie Ihn in ihrem unbefleckten Schoss empfangen hat, dass Er Mensch und Gott zugleich war. Auch unter dem Kreuz, auch in Not und Leid hat sie diesen Glauben bewahrt, hat die Apostel gestärkt und hat den Glauben durch das Beispiel ihres Lebens verkündet. Ebenso muss die Kirche am Glauben festhalten, den ganzen Glauben verkünden, alle Gebote Gottes ohne Abstriche den Menschen näherbringen, das Wort Jesu Christi ohne Kompromisse in die Welt rufen. So nur wird ihre Stimme gehört und die Offenbarung des Herrn, die sie ungeschmälert verkündet, unser Heil wirken, weil wir nicht den Stimmen falscher Propheten folgen. Wenn die Kirche unseren Glauben stärken soll, muss sie dem Glaubenszeugnis der Gottesmutter folgen.

Aus ihrem festen Glauben hat die Gottesmutter Mut geschöpft! Als der Herr Seine Passion erlitten hat, als Er gekreuzigt worden ist, als Er elendig und blutig den Tod eines Verbrechers starb, da stand sie unter dem Kreuz mit einigen wenigen. Sie ist nicht weggelaufen. Maria war nicht nur dann mit ihrem Herrn verbunden, als dieser von allen anerkannt und als König ausgerufen wurde, denn sie hatte die Anerkennung der Gesellschaft nicht nötig. Sie hat sich der Verspottung und der Geringschätzung zusammen mit ihrem Sohn preisgegeben und ihn bei seiner Passion begleitet. Sie hat sich nicht für ihren Sohn geschämt, sie hat ihn nicht verleugnet, sie hat unter dem Kreuz ausgeharrt. Das soll auch die Kirche in schweren Zeiten tun: Sich nicht der Zeit anpassen, den Herrn und Seine Lehre nicht verraten oder verkleinern, nicht vor dem Spott und Hohn der Menge ausweichen, sondern mit Maria unter dem Kreuz bleiben! Die Kirche und ihre Diener müssen vielmehr Christus verkündigen, „opportune oder importune“, „sei es gelegen oder ungelegen“ (2 Tim 4, 2), auch und gerade dann, wenn sie mitgekreuzigt werden und mitleiden müssen. Wie die heilige Jungfrau so muss die Kirche für Christus, den Gekreuzigten, immer mutig Zeugnis geben, sei er auch „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“ (1 Kor 1, 23)!

Das Zeugnis der Gottesmutter für Christus aber endet nicht unter dem Kreuz. Maria durfte durch die Ihr verliehe Gnadenfülle ebenso an der Glorie teilnehmen. Sie war ganz rein und unbefleckt!  „Tota pulchra es, Maria“, „du bist ganz schön, Maria“ singt die Kirche heute. Sie war ein Abbild des Himmels schon hier auf Erden, und weil sie von der Erbsünde unberührt war, hat sie auch die Folgen der Erbsünde nicht zu tragen brauchen. Sie ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden und hat, weil sie treu war, weil sie Christus verkündet hat, weil sie für die Gnade offen war, weil sie Glaubensmut und Leidensbereitschaft gezeigt hat, schließlich als Erste teilgenommen an der Glorie. Jetzt thront sie als gekrönte Königin des Himmels zur Rechten ihres Sohnes, bei dem sie immer für uns eintritt und betet.

Auch die Kirche, voll der Gnadengeschenke Gottes, zeigt bereits die Glorie des Himmels. Die herrliche Liturgie, die wir am heutigen Patronatsfest von Maria Engelport feiern, ist ein Vorgeschmack des Himmels. Die Schönheit, die die Kirche in ihren Festen und in ihren vielen Frömmigkeitsformen zeigt, lässt uns vorahnen, was Gott für uns in den ewigen Wohnungen bereitet. Die Kirche zieht uns empor zur Ewigkeit Gottes!  Sie ist keine Weltverbesserungsorganisation, sie ist keine menschlicher Verein, keine politische Gruppierung. Sie ist vielmehr das Tor zum Himmel; sie ist die Pforte zur Glorie! Sie nimmt uns mütterlich bei der Hand, weist uns mit der Wahrheit Gottes den Weg, stärkt uns durch ihre Sakramente, reinigt uns von unseren Sünden, damit wir die Glorie erreichen können und dort einst vereint werden Christus und Seiner jungfräulichen Mutter.

Obwohl die Gottesmutter nie von sich selbst spricht, ist sie uns demnach ein Abbild, eine Ikone der Kirche, wie sie nach Christi willen sein soll. Maria zeigt, was wir tun sollen, als mystischer Leib Christi und als einzelne Glieder der Kirche. Sie ist für die  Gnade ganz offen, sie bringt Christus in die Welt, sie bekennt und lebt den Glauben, sie steht unter dem Kreuz, wenn alles schwer wird und sie nimmt durch all das teil an der Glorie, was auch wir tun werden, wenn wir an Ihrer Seite und unter Ihrem Mantel bleiben, wie so viele Pilger hier in Engelport seit über 800 Jahren. Wir wissen jetzt, die Heilige Jungfrau wird die Kirche wiederbeleben, mehr als alle menschlichen Worte und alle selbstgefundenen Wege. Wenn wir Maria folgen, dann kommen wir zu Christus! Durch Maria zu Christus: Das ist das Motto des heutigen Festtages und der ganzen heiligen Kirche. Amen.

Predigt am Fest hl. Protomärtyrers Stephanus, dem 26. Dezember 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Es gibt Situationen, die zeitlos sind und ein Licht auf unsere eigene Existenz werfen, obwohl sie weit zurückliegen. Das Geschehen um den Protomärtyrer Stephanus gehört zu diesen zeitlosen Situationen (vgl. Apg 6, 8-10; 7, 54-59). Wir sehen ihn mitten unter den Menschen seiner Zeit den Herrn als Gott verkünden und Gutes tun in Wundern und Zeichen. So wie wir selbst, lebte er in einer ungläubigen Zeit. Die Menschen glaubten nicht an Christus, sie glaubten nicht an Seine Gottheit, und selbst die meisten von Stephanus‘ Volks- und Glaubensgenossen waren weit davon entfernt, Christus als den Messias anzuerkennen. Trotzdem hat Stephanus nicht aufgehört, Zeugnis zu geben. Er hat mitten unter ihnen, den ungläubigen Juden und den Heiden seiner Zeit, gelebt und durch Nächstenliebe und Glaubenszeugnis gezeigt, dass Christus der Sohn Gottes ist. Das ist unser eigenes Leben! Wir sollen unter den ungläubigen Christen und den Heiden unserer eigenen Zeit nicht mutlos werden, sondern in Wort und Tat für Christus und Seine Gottheit einstehen.

Es geschieht dem Stephanus, was auch uns heute leider immer wieder widerfährt: Die sogenannten „guten“ Mitglieder der Synagogen, ja die Schriftgelehrten, die es eigentlich besser wissen müssten, treten gegen ihn auf. Jene, die aus der Schrift erkennen könnten, dass der Messias gekommen ist, dass Jesus Gott ist, regen sich auf, wollen den Glauben des Stephanus nicht wahrhaben und die Wahrheit der Offenbarung verkleinern. Das geschieht auch jetzt nicht selten: Sogenannte Theologen, die es besser wissen müssten, die die Schrift studiert haben dürften, die die Glaubenslehre der Kirche kennen sollten, versuchen frech, die Gottheit unseres Herrn zu schmälern, und statt sich mit den heiligen Geheimnissen des Glaubens und dem Himmel zu beschäftigen, reden sie uns von der Erde und von allen möglichen Dingen, die mit dem Glauben kaum zu tun haben.

Stephanus hat sich von diesen sogenannten Schriftgelehrten nicht erschrecken lassen. Durch eine großartige Vision gestärkt, hat er den Herrn Jesus Christus noch deutlicher und voller Mut vor ihnen verkündet. Sicher haben wir keine direkten Visionen, aber wir haben, anders als er, bereits den gesamten Glauben der Kirche vor uns. Wir kennen die Lehre der Kirche, ihre Dogmen, und wir wissen, dass viele Generationen vor uns unerschrocken und visionär den Glauben an die Gottheit Jesu Christi verkündet haben. Deswegen haben auch wir vom Himmel her die frohe Botschaft und die Wahrheit des Glaubens über Christus erfahren und können fortfahren, gegen die falschen Lehrer unserer Zeit, Christus und Seine Gottheit unerschrocken zu bekennen.

Was dem Stephanus als dem ersten Märtyrer der Kirche dann widerfahren ist, darf uns ebenso nicht wundern. Die Wut derjenigen, die nicht glauben wollen, die ihr eigenes Leben nicht ändern wollen, die Gott auf die Größe ihres eigenen eingeschrumpften Herzens verkleinern wollen, richtet sich gegen Stephanus. Sie beginnen ihn zu steinigen, sie verfolgen ihn mit Gewalt und Rohheit, wie immer, wenn den Menschen die Argumente ausgehen. Vorgebliche Toleranz und Liberalität schlägt in Hass und Wut gegen die Wahrheit um!

Uns wird vielleicht in unserem Leben das blutige Martyrium erspart bleiben. Aber das sogenannte weiße Martyrium, das tägliche Martyrium der Bekenner des Glaubens, werden auch wir oft erleben. Man wird unser Zeugnis nicht wahrhaben wollen, man wird uns belächeln und unsre Ehre abschneiden, man wird uns diskriminieren und für übertrieben oder gar fanatisch halten, man wird uns vielleicht sogar am Arbeitsplatz oder in der Familie isolieren und vereinzeln. Trotzdem haben wir wie Stephanus die Kraft der Gnade Jesu Christi in uns! Gleich so vielen vor uns werden wir die Kraft der Gnade besonders dann erhalten, wenn es darauf ankommen sollte, auch mit unserem Blut für Christus Zeugnis zu geben. Im täglichen Leben aber wird die Gnade uns stärken, um mit unserer ganzen christlichen Existenz und unserem gläubigen Handeln für den Gottmenschen Zeugnis abzulegen.

Das tut auch Stephanus, der sogar angesichts des sicheren Todes noch einmal Jesus Christus verkündigt. Sein Zeugnis ist nicht nur Bekenntnis des Glaubens, sondern auch Beweis christlichen Handelns aus dem Glauben: Er bekennt furchtlos, dass Jesus Gott ist und er verzeiht seinen Peinigern. Wir können es Ihm gleichtun, selbst dann, wenn man uns belächelt; selbst dann, wenn man uns diskriminiert; selbst dann, wenn wir Nachteile in Kauf nehmen müssen. Weil wir Christus mit der Nächstenliebe, die dafür notwendig ist, verkünden sollen, dürfen wir einerseits nicht feige aufgeben, dürfen wir anderseits aber auch nicht hart werden, dürfen wir das Böse nicht mit dem Bösen vergelten, sondern müssen aus ganzem Herzen unseren Peinigern verzeihen: „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen!“ (Mt 5, 44; auch Lk 6, 27; Röm 12, 14).

So werden auch wir Zeugen für Jesus Christus in einer Welt, die nicht glauben kann und nicht glauben will, weil es unbequem ist und weil es eine grundsätzliche Änderung des eigenen Lebensstils bedeutete. Daher ist unser Zeugnis notwendig wie das des Stephanus! Wir können Stephanus nachfolgen! Wir werden wie er Zeugnis geben, weil wir begriffen haben, worum es wirklich geht. Es geht eben nicht darum, hier in diesem Leben von allen anerkannt und gelobt zu werden, mit dem Strom zu schwimmen und das zu sagen, was der Zeitgeist uns in den Mund legt. Es geht darum, Christus zu bekennen: In Wort, mit dem ganzen Glauben der Kirche, der von Gott offenbart worden und von der Überlieferung bewahrt worden ist, und in Tat, mit der Überzeugung tätiger Nächstenliebe. Dann werden wir glaubwürdig, denn alle sehen, dass das, was wir bekennen, auch von uns gelebt wird und Christus in unserem Herzen wohnt.

Diese Situationen des Bekenntnisses und der Verfolgung sind zeitlos.  Der Herr lehrt, dass sie immer wieder vorkommen, denn die Propheten werden oft nicht gehört, sondern verfolgt und gekreuzigt (vgl. Mt 23, 34-35). So ist auch der Herr Selbst als Zeuge für die Wahrheit, die Er Selbst ist, in die Welt gekommen, hat uns diese Wahrheit in Wort und Tat verkündigt und ist für sie zum Zeugnis für uns alle gekreuzigt worden und auferstanden. Werden wir also mutig! Lassen wir gerade dann, wenn die Welt sich von uns abwendet, unser Herz nicht sinken, sondern wenden wir uns Christus zu. Beten wir zum heiligen Stephanus, dass er uns und allen Christen, die die Gottheit des Herrn bekennen, den Mut des Bekenntnisses schenkt, damit die Welt auch durch uns Zeugnis erhalte, und den wahren Glauben, dass der Herr der Retter ist, der an Weihnachten geboren wurde. Amen.

Predigt am 9. Sonntag nach Pfingsten, dem 30. Juli 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr ist immer mild und geduldig. Wir sehen Ihn auch den größten Sündern vergeben, wir sehen Ihn mit großer Geduld alle Kranken heilen, die man Ihm bringt; selbst, wenn große Menschenscharen Ihn bedrängen, wenn Er mit dem Boot auf den See hinaus fliehen muss, wenn man das Dach abdeckt, um zu Ihm zu gelangen, Er bleibt geduldig, freundlich und mild. Wie kommt es dann, dass das heutige Evangelium (Lk 19, 41-47) zeigt, wie Er sich ganz offensichtlich von einem heiligen Zorn ergreifen lässt, in den Tempel geht, die Tische der Wechsler umwirft und die Tempelhändler aus dem Haus Seines Vaters treibt? Wie kommt es, dass Er die Geduld einmal richtig verliert und allen klarmacht, dass Er die Kraft hat, seine göttliche Macht zu offenbaren?

Wenn wir in die Heilige Schrift blicken, dann sehen wir, dass der Herr wirklich fast immer geduldig erscheint. Nur mit zwei Gruppen verliert Er ab und zu die Geduld: Nämlich mit den Schriftgelehrten, den alttestamentlichen Dienern Seines Vaters, und mit Seinen eigenen Jüngern, den neutestamentlichen Dienern des großen Gottes, der gekommen ist, um uns zu retten. Immer dann, wenn diese beiden Gruppen, die es doch besser wissen müssten, Gott nicht oder „immer noch nicht“ verstehen (vgl. Mk 8, 21), wenn sie dem Willen des Vaters entgegenhandeln, wenn sie zu menschlich denken, zu klein und zu kalkulierend, wenn sie sich in den Vordergrund drängen wollen, dann wird der Herr ungeduldig.

So begreifen wir auch, warum Er im Tempel ungeduldig wird, denn es geht um das Verständnis und die Wahrung der Ehre Seines Vaters: „Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Räuberhöhle gemacht“ (Lk 19, 46; Mk 11, 17; Mt 21, 13). Dazu müssen wir wissen, dass alles, was der Herr tut, Zeichen für uns sein soll. Alles, was wir in Worten und Taten an Seinem Leben ablesen können, ist Wahrheit und Offenbarung. Was Sein heiliger Zorn uns offenbart, sind die die beiden wichtigsten Gebote der Offenbarung, nämlich der absolute Vorrang Gottes und die daraus resultierende unbedingte Nächstenliebe.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst.“, lehrt der Herr im 27. Vers des zehnten Kapitels des Lukasevangeliums.  Dieses erste und wichtigste Gebot betrifft die Ehre Gottes, die allem anderen vorausgehen muss. Wenn diese Ehre nicht gewahrt wird, dann verliert unser Herr die Geduld. In solchen Momenten zeigt Er mit deutlichen und klaren Worten, dass die „Zeit unserer Heimsuchung“ da ist, wie der heilige Paulus in der heutigen Epistel (1 Kor 10, 6-13) sagt, und wir „in den letzten Zeiten“ angekommen sind. Die Ehre Gottes muss immer gewahrt werden! Unser Gott ist, wie es im 34. Kapitel des Buches Exodus heißt, ein eifersüchtiger Gott: Sein „Name ist Eiferer“ (Ex 34, 14). Er liebt uns so sehr, dass Er uns nicht nur geschaffen hat, sondern sogar Seinen einzigen Sohn geopfert hat für unsere Rettung. Er liebt uns mit einer überwältigenden Liebe, jeden einzelnen von uns. Er sucht täglich neu nach uns mit eifersüchtiger Liebe. Er will nicht, dass wir lau antworten, dass wir gerade einmal das Notwendigste tun, etwa die Sonntagsmesse mit Langeweile besuchen, vielleicht noch bei Tisch, sowie morgens und abends, ein paar hastige Gebete murmeln, aber ansonsten „den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“.

Nein, der eifersüchtige Gott will, dass wir Ihn mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und unserer ganzen Kraft und unserem ganzen Verstand lieben, dass wir an Ihn denken, dass wir Seine Gebote um unseres Heiles wegen halten, damit Er uns eines Tages mit Seiner unendlichen Liebe ganz umfassen kann, die uns nie mehr verlassen wird. Deswegen sollen wir alles tun, damit die Ehre Gottes in unserem Leben gewahrt wird. Wir müssen zuerst Gott dienen, Seine Verehrung fördern, die Liturgie zu seiner Ehre regelmäßig mitfeiern, andere dazu einladen, täglich andächtig beten, Ihm wirklich Zeit in unserem Leben einräumen! Wir sollen alles, was wir tun, im Kleinen und im Großen, am Maßstab Seiner Liebe messen, denn Er will von uns geliebt werden, mit ganzem Herzen, mit unserer ganzen Seele, unserer ganzen Kraft und unserem ganzen Verstand, nicht mehr und nicht weniger. Er will uns ganz!

Deswegen dürfen wir keine anderen Götter neben Ihm haben, wie immer diese Götter heißen. Ob es der Gott des Egoismus ist, der Gott unseres eigenen, aufgeblasenen und wichtigen Ich, ob es der Gott des Geldes und des Geizes ist, ob es der Gott der Wichtigtuerei und Hoffart ist, oder der Gott des Neides, der Missgunst, der bösen Lust, des Zorns und der Lüge: All diese falschen Götter, all diese Götzen müssen wir durch ein Leben mit den heiligen Sakramenten der Kirche und vor allen Dingen durch die regelmäßige heilige Beichte von ihren Sockeln stürzen, damit auf dem Thron unseres Herzens nur der eine wahre Gott Seinen Platz findet.

Wir dürfen ebenso nicht vergessen, dass wir das Gebot der Nächstenliebe ohne das Gebot der Gottesliebe nicht leben können. Wir können uns schon nicht richtig selbst lieben, wenn wir Gott nicht lieben, denn dann werden wir Seine Gebote nicht halten und uns dadurch selbst Schaden zufügen. Wir müssen, um uns selbst in unserer Würde zu verstehen, um als Mensch, so wie Gott uns geschaffen hat, aus unserer Natur heraus und mit der Gnade zu leben, um wirklich im Vollsinn Menschen zu werden, Gott um Seine Gnade anflehen und Seine Vergebung suchen. Man kann sich nicht selbst ohne Egoismus lieben, wenn man nicht Gott auf den Thron seines Herzens gesetzt hat; viel weniger noch kann man den Nächsten lieben, denn der Nächste ist, wie wir alle, oft um seiner selbst willen nicht liebenswert.

Wenn wir Gott nicht lieben, wenn wir den Nächsten nicht um Gottes Willen lieben, wenn wir nicht den für uns gekreuzigten Gottmenschen vor Augen haben, wenn es uns schwerfällt, einem anderen zu vergeben oder wieder mit ihm zu sprechen, dann werden wir nicht die Kraft haben, den Nächsten zu lieben wie uns selbst. Nächstenliebe ohne Gottesliebe trägt ihren Namen zu Unrecht, denn sie ist nur humanitärer Aktivismus und oft genug bloß Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung, wenn nicht gar Heuchelei und Lüge. Um den nächsten von Herzen um Gottes willen zu lieben, ist es nötig, im Tempel unseres Herzens zunächst alle Tische der Wechsler umzuwerfen, die Händler herauszutreiben, also Kalkül und Vorteilsdenken abzulegen, und den Gott unseres kleinen Ichs auf dem Thron unseres Herzens durch den großen Gott der selbstlosen Liebe zu ersetzen.

Nun begreifen wir ebenso, dass Gott mit Seinen Dienern, den Schriftgelehrten und Jüngern, noch strenger verfährt! Er wird immer von denen, die sich Seinem Dienst direkt verschrieben haben, eine größere Gottesliebe einfordern. Denn Er hat ihnen eine größere Erkenntnis und Liebe schenken wollen, er hat sie erwählt. Vor allem für die Jünger und Apostel gilt, was der Herr Ihnen zusichert: „Freunde habe ich euch genannt“ (jo 15, 15). Wenn deswegen für uns alle gilt, dass wir die Ehre Gottes wahren müssen, wenn für alle gilt, dass Gott mit liebenden und eifersüchtigen Augen auf sie blickt, wenn für alle bereits gilt, dass sie keine anderen Götter, vor allen Dingen nicht den Gott der Welt, der Lust und des Mammons verehren dürfen, wenn für alle gilt, dass sie die Nächstenliebe um der Gottesliebe willen leben müssen, wie viel mehr gilt das für die Apostel, für ihre Nachfolger und für alle Priester! Vereinen wir uns daher mit der ganzen Kirche im Gebet, damit alle Verblendung von den Augen der Diener Gottes genommen wird, damit sie sehen, dass die „Zeit der Heimsuchung“ gekommen ist und wir „in den letzten Tagen“ leben, damit sie sich nicht der Welt anpassen und statt Gott auf dem Thron ihres Herzens Götzen anbeten. Beten wir mit der Kirche jeden Tag für die Jünger, die sich der Herr erwählt, um sein Volk zu leiten und zu heiligen. Opfern wir für unsere Bischöfe und Priester, machen wir ihnen durch unser eigenes Leben klar, dass Gott an die erste Stelle gehört, damit er nicht die Geduld mit Ihnen verlieren muß!

Die Heilige Jungfrau hat den Aposteln Mut gemacht, nachdem diese allen Mut und wohl auch den Glauben verloren hatten. Wir sollen es Ihr nachtun! Nicht durch Schimpfen und Anklagen, sondern durch das Beispiel eines ganz der Ehre Gottes geweihten Lebens werden wir allen klarmachen, dass seit Christi Geburt die „Zeit der Heimsuchung“ gekommen ist und dass „die letzten Zeiten“ begonnen haben. Wenn wir das tun, dann wird die Ehre Gottes in der Kirche, in der Welt und in unseren Herzen wieder den gebührenden Platz einnehmen. Dann wird Gott nicht zornig werden müssen und nicht die Geduld mit uns verlieren, sondern uns, obwohl wir Sünder sind, jene Barmherzigkeit zeigen, die denen gebührt, die Gott ehren. Amen.

Predigt am 8. Sonntag nach Pfingsten, dem 23. Juli 2023, von Msgr. Prof. Dr. Dr. Rudolf Michael Schmitz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Was ist Klugheit? Wer ist wirklich klug? Die Antwort unseres Herrn darauf scheint zunächst erstaunlich zu sein: Er stellt die Klugheit in den Zusammenhang der Umstände und Absichten desjenigen, der handelt. Er kann uns daher den ungerechten Verwalter als Beispiel weltlicher Klugheit. Er fügt erklärend hinzu: „Die Kinder der Welt sind im Umgang mit Ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes“ (Lk 16, 8), d.h. nach ihrer Art unter sich, so wie sie normalerweise handeln. Diese Weltklugheit, die wir auch Raffinesse nennen können, zeigt sich sehr klar am Verhalten des ungerechten Verwalters. Als er merkt, dass ihm sein Herr auf die Schliche gekommen ist, gibt er nicht einfach auf, sondern er tut genau das, was er vorher getan hat. Seine erprobte Raffinesse aber umfasst drei Handlungsweisen: Er manipuliert, er betrügt, er ist gierig, weil er das Erschlichene behalten will.

Die Kinder dieser Welt, die im „Geist der Knechtschaft“ (Röm 8, 15) leben, wie der hl. Paulus in der Lesung sagt, manipulieren. Wir werden alle immer mehr Opfer solcher Manipulation. Nachrichten und Meldungen, die uns als Informationen übermittelt werden, dienen heute sehr oft der sogenannten „Meinungsmache“ und ideologischen Manipulation. Wir müssen deswegen die Informationen, die wir bekommen, vorsichtig prüfen, denn wir können befürchten, dass der Geist der Knechtschaft dahintersteht und dass diejenigen, die uns mit solchen Manipulationen nur vordergründig informieren, in Wirklichkeit jedoch beeinflussen wollen, ihrerseits Sklaven ideologischer Verblendung sind. Wahrheit ist leider oft nicht mehr der Maßstab der Weitergabe von Informationen, ganz wie bei dem ungerechten Verwalter.

Ebenso fehlt den „Kindern der Welt“ vielfach Wahrheit des Handelns. Mit ihrer Ehrlichkeit ist es nicht weit her! Der Verwalter im Evangelium hat bestochen und lässt sich bestechen. Auch das erleben wir in der Welt und leider manchmal auch in einer verweltlichen Kirche zu Genüge: Menschen bestechen und lassen sich bestechen, sowohl materiell wie geistig; sie lassen sich kompromittieren und sie tun Dinge, die nicht ehrlich sind, um bestimmte innerweltliche Ziele zu erreichen, genau wie der ungerechte Verwalter.

Schließlich handeln viele, die manipulieren und bestechen, aus Gier. Sie wollen behalten, was sie sich erschlichen haben. Sie wollen in den Wohnungen der Großen und Reichen, die sie aufgenommen haben, weiter bleiben können. Sie haben das Ziel der innerweltlichen Bequemlichkeit und des Wohllebens, das sie durch Betrug, Lüge und Gier erhalten haben und das sie behalten wollen, damit es ihnen hier auf Erden auch weiter gut geht.

Das ist die „weltliche“ Klugheit. Die „Kinder der Welt“ sind – wir könnten sagen  „Gott sei Dank“ – unter sich und auf ihre Weise klüger als wir. Aber auf dieser Ebene bewegt sich der Herr nicht. Er empfiehlt nicht ihr Handeln als solches, ihre kluge Raffinesse, sondern er lehrt uns eine höhere Form der Klugheit. Er zeigt uns in Seiner Offenbarung eine völlig andere Ebene: Es geht nicht darum, hier und jetzt bequem und weltlich angenehm zu leben, es geht nicht darum, auf dem breiten Weg langsam abwärtszuschreiten, sondern es geht darum, die „ewigen Wohnungen“, den Himmel, zu erreichen. Deswegen sollen wir nicht die Klugheit der Welt, die sich Raffinesse nennt, sondern die Klugheit Gottes, die sich Weisheit nennt, annehmen. Weil wir die Gnade Gottes in der Taufe empfangen haben, handeln wir nicht aus dem Geist der Knechtschaft, sondern aus dem Geist der Kindschaft.

Deswegen lassen wir uns nicht manipulieren. Unser Maßstab ist nicht dem Zeitgeist angepasste Information oder ideologische Scheinwahrheit, sondern die Wahrheit Gottes, Seine Offenbarung, die Lehre der Kirche. Das Unveränderliche, das von Gott kommt und bleibt, soll unser Leben zuerst bestimmen. Wir müssen, wenn wir aus dem Geist der Kindschaft leben wollen, ständig alles, was man sagt und was man von uns will, an diesem Maßstab messen. Dann werden wir nicht manipuliert und nicht manipulieren, sondern wir werden der Wahrheit, die uns zum Heil führt, folgen und anderen auf diesem Wege helfen.

Ebenso bestechen wir nicht und lassen uns nicht bestechen. Sicher wird das uns oft dazu führen, es in dieser Welt nicht immer so bequem zu haben, auf Scheinerfolge verzichten zu müssen, nicht zu den ganz Reichen und den ganz Mächtigen zu gehören. Aber wenn wir unbestechlich sind, wenn wir den Geboten Gottes folgen, auch wenn es etwas kostet und wenn es Opfer fordert, dann werden wir zu „Erben Gottes und zu Miterben Christi“ (Röm 8, 17), wie der heilige Paulus lehrt. Alle Raffinesse der Welt kann uns nicht jenen Reichtum sichern, den wir erben werden, wenn wir uns in dieser Welt freihalten von Betrug und Bestechung. Lassen wir uns weder durch materielle Versprechungen noch durch ängstliche Anpassung an den Zeitgeist bestechen, denn das alles führt zu nichts und wir würden unser ewiges Erbe verspielen. Nur, was Gott uns gibt, bleibt und ist größer als alles, was die Welt versprechen kann.

Schließlich sollen wir uns vor aller Gier nach weltlichem Besitz und irdischem Wohlleben hüten. Es geht nicht darum, in die Wohnungen der Reichen und Mächtigen aufgenommen zu werden. Wenn man uns aufnimmt, umso besser; wir können dort Gutes tun, denn alle haben eine unsterbliche Seele und brauchen das christliche Beispiel. Aber wir sollen nichts Unrechtes tun, um dorthin zu gelangen. Wir sollen nicht der menschlichen Gier nach Erfolg und Besitz folgen. Wir sollen nicht den Mammon gebrauchen, wie die Welt ihn gebraucht, wir sollen nicht haben wollen, sondern geben dürfen. Der Herr ruft uns deswegen auf, den ungerechten Mammon so zu verwenden, dass wir uns Freunde schaffen im Himmel und dass die ewigen Wohnungen uns offenstehen. Weggeben, teilen und großzügig sein, das ist nicht der Geist der Welt, aber der Geist der Kindschaft Gottes, der Geist Jesu Christi, der alles, auch Sein Leben, gegeben hat, um uns zu retten.

Nun verstehen wir, warum der Herr will, dass wir klug sind, und zwar nicht nach der Raffinesse der Welt, sondern nach der Weisheit Gottes. Unser Maßstab wird von Wahrheit, Ehrlichkeit und Nächstenliebe gebildet, also von der Selbstlosigkeit und Großzügigkeit der Gnade. Wir haben überreich empfangen und wir dürfen zu Gott „Vater!“ sagen: Verhalten wir uns als Seine Kinder! Leben wir nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern nach den Maßstäben Gottes! Seien wir klug mit dem Blick auf die Ewigkeit: Dann werden die Tore zu den ewigen Wohnungen für uns weit offenstehen! Amen.