Predigt Msgr. Rudolf Michael Schmitz am Pfingstfest 2022

„Die Kirche ist viel zu reich!“  „Die Kirche ist unglaublich reich!“ Solche und ähnliche Aussagen können wir oft als Vorwurf von Menschen hören, die zu sehr auf das Äußere blicken, die die Kirchengebäude und Besitztümer der Kirche sehen, die – in unserem Land – oft bloß an die Kirchensteuer denken, die meinen, dass das Materielle der Reichtum der Kirche sei. Abgesehen davon, dass die Kirche mit ihren durch einen nicht einfachen geschichtlichen Prozess erhaltenen Besitztümern sehr viel Gutes tut, abgesehen davon, dass der Besitz der Kirche, wenn er für nichts Gutes mehr verwendet wird, auch nicht lange hält, wie uns nicht nur die deutsche Kirchengeschichte lehrt, sieht der Vorwurf des bloß materiellen Reichtums am Eigentlichen der Kirche ganz vorbei.

Wenn wir nämlich tiefer blicken, dann können wir am heutigen Pfingstfest wirklich sagen, die Kirche ist reich, sie ist ungeheuer reich, sie ist reich überall auf der Welt, selbst in den allerärmsten Ländern. Nicht an Hab und Gut, nicht an Gebäuden und Dingen, sondern reich an den unendlichen Geschenken Gottes, die sie ständig und von Anfang an durch den Hl. Geist erhalten hat.

Die Seele der Kirche, der Heilige Geist, macht die Kirche reich an Wahrheit, jener Wahrheit, die sie in ihrem geschriebenen und überlieferten Lehramt unfehlbar weitergibt bis zu uns. Die Kirche ist reich an all den Gnaden, die in den sieben Sakramenten uns durch das Wirken des Hl. Geistes immer neu geschenkt werden, sie ist ist reich bis heute erhaltenen Disziplin, die wir ebenso an ihrer herrlichen Liturgie erkennen können, wie an den vielen anderen mit der Offenbarung Gottes verbundenen Geboten und Gesetzen, die, wenn wir ihnen nur folgen, uns direkt zu Christus führen. Das alles ist ein so großer Reichtum, dass wir Gott, dem Hl. Geist, der diesen übernatürlichen Reichtum der Kirche stetig erneuert, am heutigen Pfingstfest gar nicht genug dafür danken können, dass Er Seine Kirche nicht verlässt.

Aber das alles ist nur der Anfang. Denn das Größte, das wunderbarste Geschenk, der größte Reichtum, den die Kirche besitzt, sind nicht einmal ihre von Jesus Christus eingesetzten Strukturen, nicht ihr Lehramt, nicht ihre Sakramente, nicht ihre Jahrtausende alte Disziplin, denn das sind im letzten alles nur Instrumente zum Heil der Menschen: Der größte, der herrlichste, der wunderbarste Reichtum der Kirche, in dem sie sich immer wieder erneuert und der immer wieder vermehrt wird, sind die Getauften. Die Kirche selbst erscheint durch das Wirken des Hl. Geistes, auch dann, wenn sie äußerlich arm, unscheinbar oder verachtet erscheint, wie eine reich geschmückte Braut. Die getaufte Seele aber, die wir alle durch die Gnade Gottes unser Eigen nennen, ist so reich geschmückt, dass eine Predigt fast kaum ausreicht, um all die Reichtümer, die der Hl. Geist ihr schenkt, aufzuzählen.

Zunächst, wenn das Taufwasser über unsere Stirn fließt, und der Priester die trinitarische Formel des Taufritus ausspricht, wirkt der Hl. Geist in uns jene Gnade, die wir sanans et elevans nennen. Er gibt uns die heiligmachende Gnade, die zunächst einmal die Erbsünde von uns nimmt, die uns aber auch umgestaltet und neu macht und erhebt, zu einem höheren Sein, einer wunderbaren Existenz, die wir als Gotteskinder in diesem Moment geschenkt bekommen. Solange wir in der heiligmachenden Gnade bleiben, bleiben diese Geschenke bei uns, bleiben wir – wohl noch manchmal von den Folgen und Spuren der Erbsünde bedrückt – wesentlich frei von ihr und können nach dem Willen Gottes den Weg des Heils beschreiten, auf den Er uns gerufen hat.

Aber nicht nur das! Jedes Mal, wenn wir ein Sakrament empfangen, besonders die Sakramente der hl. Beichte und der hl. Eucharistie, dann werden die jeweils besonderen Gnaden des Sakramentes uns vom Hl. Geist geschenkt, es wird uns die Sünde weggenommen, es wird uns die heiligmachende Gnade wiedergeschenkt oder gestärkt, der Herr selber kommt zu uns und nimmt in unserer Seele Wohnung. Je nach dem, was das Sakrament bewirkt, wird unser übernatürliches Leben mit Gott erneuert. Das alles aber sind Geschenke des Hl. Geistes!

Wenn wir die hl. Taufe empfangen, dann erhalten wir auch die so genannten übernatürlichen Tugenden, jene inneren Haltungen, die sich kein Mensch selbst geben kann, nämlich die Tugendgnaden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sie sind in unseren Herzen, auch wenn sie manchmal durch unsere Härte verschüttet sind, auch wenn wir ihnen nicht immer gerecht werden. Solange wir uns auf dem Weg Christi bewegen, solange wir im Licht der Gnade wandeln wollen, sind auch der Glaube, die Hoffnung und die Liebe in uns verborgen gegenwärtig. Wir müssen sie nur jeden Tag neu leben, neu erkennen, neu anderen mitteilen. Der Hl. Geist ist mit Seinen Reichtümern dann immer auf unserer Seite.

Als wenn das nicht reichen würde, bekommt jeder Getaufte noch besondere Schmuckstücke überreicht, die wir im Einzelnen aufzählen wollen; es sind die sieben Gaben des Hl. Geistes: die Weisheit, die Einsicht, der Rat, die Stärke, die Erkenntnis, die Frömmigkeit und die Gottesliebe. Jede dieser Gaben bringt dem überzeugten Christen in den verschiedensten Situationen so viel Kraft, dass wir dadurch das Wirken des Gottesgeistes oft in unserem eigenen Leben beobachten können. Wir sehen in einer Welt, die immer heidnischer wird, was passiert, wenn diese Gaben in uns nicht mehr erneuert werden. Was geschieht, wenn Menschen diese Gaben, wenn sie nicht getauft sind, niemals empfangen haben: Kälte, Egoismus, Neid, Bosheit und gar Hass breiten sich aus. Auch wir wären so, denn wir sind von Natur aus nicht besser als alle anderen! Aber der Hl. Geist gibt uns diesen Reichtum unserer Seelen, damit durch Seine Kraft alles das, was Gott in uns wirken kann, Wirklichkeit wird und wir immer neu die Kraft haben, uns zu bekehren und wieder zu beginnen, bessere Christen zu sein, weil wir zur Herrlichkeit berufen sind.

Dann wachsen in uns ebenso die Früchte des Hl. Geistes, die im Galaterbrief aufgezählt werden: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und die dem jeweiligen Lebensstand entsprechende Keuschheit. Wir alle könnten aus diesen Früchten des Hl. Geistes nicht leben, wenn wir nicht selbst durch die Kraft des Hl. Geistes gestärkt würden, die uns dazu bringt, niemals aufzugeben. Es ist ein Geschenk des Heiligen Geistes, uns Ihm neu zuzuwenden, unser Herz Seiner Kraft zu öffnen, wenn wir geistlos geworden und uns Seiner guten Atmosphäre entzogen haben. Er bleibt bei uns, damit wir die Früchte und Gaben und alles Gute, das Er gibt, täglich neu beleben und anderen weitergeben können.

Gekrönt aber, Geliebte, wird das alles dadurch, dass wir, wie der hl. Paulus sagt, Tempel des Hl. Geistes sind. Im ersten Korintherbrief im 6. Kapitel sagt er es uns: „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Tempel des Hl. Geistes sind?“ Wir haben es gerade im Evangelium gehört: Der Vater und der Sohn werden in uns Wohnung nehmen (vgl. Jo 14, 23). Jeder von uns ist nicht nur mit überreichen Gnaden der Heiligkeit beschenkt, seine Seele ist nicht nur mit allen möglichen Geschenken und Vorzügen geschmückt, sondern das alles geschieht, damit unsere Seele ein Tempel werden kann, damit sie sich Gott öffnen kann, damit Gott kommen kann und – wie die Kirchenväter sagen – mit seiner Gottheit gleichsam die Spitze unserer Seelen berühren kann und uns dadurch so weit wie möglich vergöttlicht. Diese Theopoiesis, wie die Väter es nennen, diese Vergöttlichung durch den Hl. Geist, ist ein Geschenk unserer Taufe. Wir müssen es nicht hervorbringen, wir sind keine Fakire, die sich furchtbar anstrengen müssen, damit das geschieht. Es ist ein reines, großzügiges, nie endendes Geschenk des Hl. Geistes! Jeder, der die Taufgnade empfangen hat, ist ein Tempel des Hl. Geistes!  Er glaubt und weiß, dass Gott Selbst in Seiner Dreifaltigen Majestät in ihm wohnt, und dass er, wenn er diese Gnade erhält und mit der unverdienten Gnade Gottes mitarbeitet, schon jetzt ein kleiner Himmel ist, der sich vorbereitet, den großen Himmel beschreiten zu können!

Deswegen ist es richtig, wenn wir heute voller Freude sagen: „Die Kirche ist reich, sie ist überreich, sie ist unvorstellbar reich an all diesen Gnaden des Hl. Geistes.“ Und nicht nur die Kirche als Institution mit all ihren beeindruckenden Amtscharismen, die auch schwachen Menschen Apostel und Priester macht, sondern auch die Kirche, die aus lebendigen Steinen erbaut wird, die Kirche, die wir selber darstellen, die Kirche, die der sichtbare und organisch aufgebaute Leib Jesu Christi ist. Die Schätze des Geistes in der Kirche und in jedem Getauften sind unendlich groß!  

Blicken wir also nicht nur auf das Äußere der Kirche, sondern blicken wir auch auf die Seele der Kirche, die der Hl. Geist ist. Dann werden wir sehen, dass das Schiff der Kirche, das äußerlich oft in Gefahr gerät, in den Stürmen der Zeit geschüttelt zu werden, innerlich immer auf göttlichem Kurs bleibt, weil der Geist Gottes sich niemals aus den Segeln des Schiffes zurückzieht. Der Geist Gottes ist am Pfingstfest machtvoll auf die ersten Bischöfe, die Apostel, herabgekommen. Er bleibt mit seiner Kraft immer in der Kirche gegenwärtig!  Er ist in ihrem hierarchischen Aufbau immer am Werk, in ihrem Lehramt, in ihren Sakramenten, in ihrer überlieferten Ordnung! Er ist ebenso in uns, Er will in uns bleiben! Er gibt uns die Kraft, in der Gnade zu leben, damit die „Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 21) sichtbar wird in Seiner Kirche und in unseren Seelen bis zur unendlichen Ewigkeit. Amen.

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