Predigt Ostersonntag

Liebe Gläubige!

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!“ So sangen wir in guten Zeiten in unseren Kirchen am Ostermorgen. Das Grab ist leer! Dieser kurze Satz ist für unseren Glauben von enormer Bedeutung. Unser Glaube ist kein Mythos. Wir glauben keine phantastischen Göttergeschichten, keine verworrenen Erzählungen von ewiger Wiederkehr und Neugeburt, keine Fabeln und Sagen, die niemand je nachprüfen kann. Der Inhalt unseres Glaubens übersteigt zwar die Grenzen unserer Vernunft, denn sein Ursprung ist im unendlichen Gott. Doch die Gründe dafür, dass wir die Offenbarung Gottes für wahr halten, beruhen auf unumstößlichen Tatsachen. Einige der wichtigsten darunter sind wesentlich für unsere Glaubensfreude an diesem Ostermorgen: Jesus hat unter uns gelebt, Er hat für uns gelitten und ist gekreuzigt worden, Er ist leiblich von den Toten erstanden!

Das leere Grab bezeugt die Wahrheit dieser historischen Tatsachen. Jesus ist nicht „in das Kerygma auferstanden“, seine Auferstehung ist also nicht eine bloße Glaubenserzählung der nachösterlichen Gemeinde, wie uns manche in verwässerter Wiederholung altmodischer Irrtümer oft protestantischen Ursprungs weismachen wollen. Seine Auferstehung ist ein Faktum, das wie jede andere Tatsache, deren persönliche Zeugen wir nicht gewesen sind, durch Zeugen, Beweise und Indizien erhärtet werden kann. Denken wir doch an die berühmte Schlacht Alexanders des Großen gegen Darius III von Persien bei Issos im Jahre 333 vor Christus. Dafür gibt es nur vier teilweise stark voneinander abhängige Quellen, die sämtlich erst 300 bis 400 Jahre später die Schlacht erwähnt haben.  Trotzdem zweifelt niemand an der Existenz dieser Schlacht!

Für die Auferstehung Christi jedoch gibt es Zeugen, die noch am Morgen selbst das leere Grab gefunden haben. Dass es sich dabei unzweifelhaft um das Grab Jesu handelte, war schon an der außergewöhnlichen Art der Bestattung eines „Verbrechers“ in der Grablege eines Vornehmen zu erkennen. Das Grab des Joseph von Arimathaea, selber Mitglied des Hohen Rates, war den jüdischen Hohepriestern und Pharisäern bekannt. Deshalb konnten sie es bewachen lassen und sie hätten sofort die Behauptung vom leeren Grab widerlegt, falls das möglich gewesen wäre.

Aber das Grab war leer! Deswegen sahen sie sich rasch gezwungen, die Fabel in die Welt zu setzen, seine Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Der Evangelist Matthäus berichtet das (Matthäus 28, 13-15) zu einer Zeit, in der noch viele lebten, die von den Geschehnissen gehört hatten. Wäre sein Zeugnis über die Fabel des Hohen Rates nicht wahr, hätten ihn die Zeitgenossen leicht widerlegen können. Offensichtlich haben also die Feinde der Christen tatsächlich diese beschuldigt, den Leichnam Christi gestohlen zu haben. Damit werden diese Feinde selbst zu Zeugen des leeren Grabes.

Nun waren aber die ersten Zeugen für das leere Grab die frommen Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gegangen waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Das ist doppelt bedeutsam. Erstens haben sie offensichtlich nichts vorbereitet oder erwartet, was auf ein leeres Grab hindeutet. Sonst wären sie ja nicht mit ihren Salbölen zum Grab gegangen. Maria Magdalena hält den Herrn in ihrer Überraschung sogar für den Gärtner, den sie fragt, wo er den Leib Jesu hingelegt habe. Die Frauen waren also auf die Auferstehung und die Tatsache des leeren Grabes in keiner Weise vorbereitet, ebenso wenig wie die Jünger, die den Frauen zunächst gar nicht glauben wollen. Es handelt sich also nicht um eine abgesprochene Lüge, sondern um Wahrheit!

Zweitens ist es sehr ungewöhnlich, dass die Evangelisten die Frauen überhaupt als Zeugen anführen. Frauen waren zur Zeit Jesu keine vollwertigen Zeugen im Prozessgeschehen und wurden auch sonst als glaubwürdige Zeugen nicht ernst genommen, was man an der zweifelnden Reaktion der Emmausjünger schon zu Genüge sieht. Wenn also die Tatsache des leeren Grabes nur eine Erfindung wäre, hätten die Evangelisten sich einen Bärendienst erwiesen, als erste und zunächst wichtigste Zeugen Frauen aufzuführen. Wenn sie es doch tun, zeigt sich, dass sie nichts zu verbergen oder zu beschönigen waren, weil ihr Bericht einfach wahr ist!

Die Apostel machen in diesen Zeugnissen für die Auferstehung ohnehin keine gute Figur. Während die Frauen wenigstens mutig zum Grab gehen, um den Leichnam des Herrn zu salben, bleiben sie furchtsam zurück und trauen sich nicht aus dem Haus, bis ihnen die Frauen von dem Geschehen berichten. Daraufhin glauben sie ihnen zunächst nicht, denn es sind ja „nur“ Frauen, aber schicken doch zwei Repräsentanten vor, während die anderen sich immer noch verstecken. Hätten sie diese für sie doch sehr peinlichen Umstände nicht verschwiegen, wenn sie eine schöne Phantasiegeschichte zurechtgemacht hätten? Sie haben nichts verschwiegen, und das zeigt wiederum, das alles wahr ist, was sie sagen.

Als dann der Lieblingsjünger Jesu auf das Zeugnis der Frauen hin dem zögerlichen Petrus vorauseilt und zuerst am leeren Grab ankommt, sieht er vom Eingang aus die Leinenbinden liegen, geht aber nicht in das Grab herein, sondern lässt dem Apostelfürsten Petrus den Vortritt. Dieser sieht ebenfalls die Leinenbinden liegen, findet aber das Schweißtuch säuberlich gefaltet an einem anderen Platz. Das ist weder das Werk von Grabräubern noch ein Produkt der Phantasie. Hier werden akribisch historische Einzelheiten wiedergegeben, die schon über das leere Grab hinausdeuten auf das Geschehen um den auferstandenen, den lebenden Jesus. Johannes, der Verfasser dieses Berichtes (Johannes 20, 1-10), ist selber der Zeuge und von allem, was er dazu schreibt, sagen die Indizien dasselbe wie er: „und wir wissen, sein Zeugnis ist wahr“ (Johannes 21, 24).

Doch dabei endet es ja nicht. Die historische Tatsache des leeren Grabes ist nur der erste Anfang der vielen glaubhaften Zeugnisse für die Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer, weil der Tod den Gottmenschen nicht halten konnte. Die göttliche Kraft sprengt die menschliche Wirklichkeit des Todes: Der auferstandene Herr erscheint viele Male als Lebender, um seinen Triumph über den Tod unter Beweis zu stellen. Jesus hat nicht nur das Grab leer hinterlassen, sondern er erscheint auch einer Vielzahl an Einzelpersonen (Lukas 24,34) und Gruppen (Matthäus 28,9; Johannes 20,26–30; 21,1–14; Apostelgeschichte 1,3–6; 1. Korinther 15,3–7). Paulus berichtet in einem für ihn nicht vorteilhaften Kontext, dass der Herr sogar 500 Brüdern auf einmal erschienen ist, als letztem auch ihm, der Fehlgeburt (1 Korinther 15, 6-8). Der Hebräerbrief spricht daher nicht zu Unrecht in einem weiteren Zusammenhang von einer „Wolke von Zeugen“ für die Wahrheit des Glaubens (Hebräer 12, 1).

Würden rein historische oder literarkritische Maßstäbe wie in den profanen Wissenschaften an die Tatsache der Auferstehung angelegt, dann würde die Vielzahl der Zeugnisse, ihre Verschiedenheit, ihr glaubwürdiger Zusammenhang und ihre zeitliche Nähe zum Geschehen mehr als ausreichender Beweis für die Tatsächlichkeit des Geschehens sein. Wenn alle überzeugt sind, dass die Schlacht bei Issos stattgefunden hat, für die gerade einmal vier Zeugnisse mit einem geschichtlichen Abstand von wenigstens dreihundert Jahren bestehen, warum glauben dann nicht alle der „Wolke von Zeugen“, die aus unmittelbarer zeitlicher Nähe das leere Grab und die Auferstehung Christi als Tatsache bezeugen?

Warum nicht? Weil die Existenz der Schlacht von Issos keine Ansprüche an uns stellt. Ihre Wirklichkeit ändert heute nichts mehr. Sie kann uns allen ganz egal sein. Die Tatsache der Auferstehung aber verlangt eine Antwort. Sie ändert unser Leben. Sie ist ein direkter Eingriff Gottes in diese Welt. Ihre Wahrheit ist nicht neutral, sondern eine Herausforderung. Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur Gott kann den Tod überwinden. Also ist Jesus Gott und alles was er sagt, hat göttliche Autorität und Anspruch auf unseren Glaubensgehorsam. Deswegen wollen, wie der Apostel Thomas, viele nicht glauben, und sogar das nicht, anders als Thomas, was sie gleichsam mit Händen greifen können, denn, „wenn das wahr ist, müsste ich ja mein Leben ändern“.

Doch nichts führt an der historischen Tatsache des leeren Grabes und der überaus zahlreichen Direktzeugnisse für den lebenden Jesus vorbei. Wer daran glauben will, der fällt keinem irrationalen Phantasiegebilde, keinem Mythos und keiner Erfindung zum Opfer. Wer glauben will, hat dafür seit dem Ostermorgen gute Gründe. Unser Glaube beruht auf Tatsachen. Das Geheimnis des Glaubens bleibt immer größer als diese, weil wir an Gott glauben und nicht an den Menschen. Aber weil wir an Gott glauben, der der Herr der Geschichte und der Wirklichkeit ist, täuscht er uns nicht mit einem leeren Mythos. Aus dem Grabe auferstehend zeigt er uns vielmehr, dass er der souveräne Herrscher über Anfang und Ende der Geschichte ist. Ihre Wahrheit gründet sich auf sein Handeln. Diese geschichtliche Wahrheit offenbart sich sichtbar für uns am Triumph des Gottmenschen über das Dunkel des Grabes. Darin besteht unsere Hoffnung auch in schwieriger Zeit. Deswegen singen wir mit der Kirche auch heute noch zurecht:

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!

Da sieht man Seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden.

Ihm kann kein Siegel, Grab noch Stein, kein Felsen widerstehn.

Schließt Ihn der Unglaub´ selber ein, er wird Ihn siegreich sehn!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

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