Die Rechte der Eltern als hauptsächliche Erzieher ihrer Kinder

Die Rechte der Eltern als hauptsächliche Erzieher ihrer Kinder und ihre Pflicht zum Widerstand gegen Lehrpläne, die im Widerspruch zur christlichen Moral stehen

Vortrag von Raymond Leo Kardinal Burke

VOICE OF THE FAMILY
Virtuelle Konferenz
September 2020

            Es ist mir eine große Freude, Voice of the Family in ihrer großartigen Arbeit der Verbreitung und Förderung der wahren Lehre und Disziplin der Kirche über die Ehe und deren  wunderbare Frucht, die Familie, zu unterstützen. Insbesondere ist es mir ein Anliegen,  das kritische Thema der Erziehung anzusprechen, das die wesentliche Mission der Familie und ein grundlegender Ausdruck unserer Kultur ist.

            Niemand, der aufmerksam die Entwicklungen in unserer Gesellschaft verfolgt, kann sich der Erkenntnis entziehen, dass das Bildungs- und Erziehungswesen heutzutage heftigen Angriffen ausgesetzt ist.  Sowohl im Bildungswesen als auch im Recht – beides grundlegende Ausdrucksformen unserer Kultur – erleben wir die Abkehr vom Verständnis der menschlichen Natur und vom Gewissen, durch das Gott uns gerufen hat, die Wahrheit der Natur zu respektieren und in reiner und selbstloser Liebe in Übereinstimmung mit dieser Wahrheit zu leben.

            Der heilige Paulus erklärte in seinem Brief an die Epheser unter Bezugnahme auf die Entfremdung des Menschen von Gott und damit von der Welt:

Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen. Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater. Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.[1]

Christus allein kann unser Verständnis öffnen und unser Herz dazu ermutigen, die Wahrheit anzunehmen und sie in Liebe zu leben. Pädagogen, die mit den Eltern zusammenarbeiten, führen daher die Kinder dazu, Christus kennenzulernen und ihm in allen Dingen zu folgen, und weisen ihnen so den Weg zum Frieden, der das Verlangen jedes menschlichen Herzens ist. Erziehung, sowohl zu Hause als auch in der Schule, öffnet dem Kind die Augen für das Geheimnis der Liebe Gottes zu uns, der seinen eingeborenen Sohn in Menschengestalt zu uns und seinen Heiligen Geist, die große Frucht der Erlösenden Inkarnation, in unsere Seelen gesandt hat.

            Eltern, die sich in der Vergangenheit darauf verlassen konnten, dass ihre Kinder in den Schulen zu wahren Bürgern des Himmels und der Erde, zu guten Mitgliedern der Kirche und guten Mitgliedern der Zivilgesellschaft erzogen wurden, müssen nun wahrhaben, dass manche Schulen nur mehr Orte der Indoktrination mit atheistischem Materialismus und dem damit verbundenen Relativismus sind. Tatsächlich versuchen solche Schulen, die zu Hause erhaltene Erziehung in Bezug auf die grundlegendsten Wahrheiten aktiv zu zerstören: die Wahrheit über die unantastbare Würde des unschuldigen menschlichen Lebens, die Integrität der menschlichen Sexualität und der Ehe und die Unersetzbarkeit der Beziehung des Menschen zu Gott oder der heiligen Religion. Wenn Eltern zu Recht versuchen, ihre Kinder vor einer solchen nihilistischen Ideologie zu schützen, versuchen diese Schulen immer häufiger, den Kindern die Indoktrination mit totalitären Methoden aufzuzwingen.

            Unglücklicherweise fühlen sich einige katholische Schulen aus verschiedenen Gründen bemüßigt, die Situation in nichtkatholischen Schulen nachzuahmen, indem sie die Ideologie gegen das Leben, gegen die Familie und gegen die Religion mittragen, die das heutige Bildungswesen im Allgemeinen kennzeichnet – eine schlimme Situation, da Eltern, die ihre Kinder auf eine katholische Schule schicken, darauf vertrauen, dass diese Schule wirklich katholisch sein wird, obwohl sie es tatsächlich nicht mehr ist. Dass solche Schulen immer noch unter der Bezeichnung „katholisch“ geführt werden, stellt ein großes Unrecht gegenüber den Familien dar.

            Der bedauernswerten kulturellen Situation, in der wir uns befinden, liegt der Verlust des Sinns für Natur und Gewissen zugrunde. Papst Benedikt XVI. hat diesen Verlust im Zusammenhang mit den Grundlagen der Rechtsordnung während seines Pastoralbesuchs in Deutschland im September 2011 in seiner Rede vor dem Bundestag angesprochen. Unter Bezugnahme auf die Geschichte der Thronbesteigung des jungen Königs Salomo erinnerte er die politischen Führer an die Lehre der Heiligen Schrift über die Arbeit der Politiker. Gott fragte König Salomo, welche Bitte er zu Beginn seiner Regierungszeit über Gottes heiliges Volk stellen wolle. Der Heilige Vater kommentierte dazu:

Was wird sich der junge Herrscher in diesem Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernictung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9).[2]

Wie Papst Benedikt XVI. bemerkte, lehrt die Geschichte von König Salomo, was das Ziel der politischen Aktivität und damit der Regierung sein muss. Er erklärte: „Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen.… Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers“.[3]

            Papst Benedikt XVI stellte dann die Frage, wie wir das Gute und Rechte, das die politische Ordnung und insbesondere das Gesetz schützen und fördern sollen, erkennen können. Während er anerkannte, dass in vielen Angelegenheiten „kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein“,[4] betonte er auch, dass ein solches Prinzip „in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht“.[5] In Bezug auf die Grundlagen des Lebens der Gesellschaft muss das positive Zivilrecht „Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen“[6] respektieren. Mit anderen Worten muss es auf das natürliche Sittengesetz zurückgegriffen werden, das Gott jedem menschlichen Herzen eingeschrieben hat. Ich denke an meine eigene Heimat, die Vereinigten Staaten von Amerika, in der der Oberste Gerichtshof der Nation es auf sich genommen hat, den Beginn des menschlichen Lebens, die Partnerschaft der Ehe und die menschliche Sexualität selbst nach materialistischen und relativistischen, sentimentalen Überlegungen zu definieren, unter Missachtung des Gesetzes, das Gott auf das menschliche Herz geschrieben hat.[7]

            Was Papst Benedikt XVI. in Bezug auf die Grundlagen des Rechts in Natur und Gewissen sagte, weist auf die grundlegende Arbeit in der Erziehung hin, die darauf abzielen muss, bei den Schülern ein „hörendes Herz“ zu fördern, das danach strebt, das Gesetz Gottes zu kennen und diesem durch ein auf Entwicklung der Tugenden gerichtetes Leben Respekt zu erweisen. Wahre Erziehung zielt darauf ab, die menschliche Person „zur vollen menschlichen und christlichen Reife“[8] zu bringen. Ich möchte hier dazu nur sagen, dass die Eltern wachsam sein müssen, um sicherzustellen, dass die schulische Erziehung ihrer Kinder mit der christlichen Erziehung und der Erziehung zu Hause übereinstimmt. So wie die Familie für die Transformation der Kultur von wesentlicher Bedeutung ist, so ist auch die Bildung aufgrund ihrer intrinsischen Verbindung mit dem Wachstum und der Entwicklung des Kindes von wesentlicher Bedeutung.

            Die Anti-Lebens-, Anti-Familien- und Anti-Religions-Agenda unserer Zeit wird mit enormer Energie vorangetrieben; sie verdankt ihren Erfolg nicht zuletzt der mangelnden Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der selektiven Information durch die Medien. Die allgegenwärtigen Massenmedien, die der mächtige Motor hinter dieser Agenda sind, verwirren und korrumpieren Geist und Herz und trüben das Gewissen der Menschen für das Gesetz, das Gott der Natur und jedem menschlichen Herzen eingeschrieben hat. In seiner Enzyklika über das Evangelium des Lebens, Evangelium Vitae, erklärte Papst Johannes Paul II :

Es bedarf dringend einer allgemeinen Mobilisierung der Gewissenund einer gemeinsamen sittlichen Anstrengungum einegroße Strategie zu Gunsten des Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine neue Kultur des Lebens aufbauen:neu, weil sie in der Lage sein muß, die heute neu anstehenden Probleme in Bezug auf das Leben des Menschen aufzugreifen und zu lösen; neu, weil sie eben mit stärkerer und tätiger Überzeugung von seiten aller Christen aufgebaut werden muß; neu, weil sie in der Lage sein muß, zu einer ernsthaften und mutigen kulturellen Gegenüberstellung mit allen anzuregen. Die Dringlichkeit dieser kulturellen Wende hängt mit der historischen Situation zusammen, in der wir uns befinden, aber sie wurzelt vor allem im Evangelisierungsauftrag, der wesenhaft zur Kirche gehört. Denn das Evangelium hat zum Ziel, „die Menschheit von innen her umzuwandeln, sie zu erneuern“; es ist wie die Hefe, die den ganzen Teig durchsäuert (vgl. Mt 13, 33), und als solches dazu bestimmt, alle Kulturen zu durchdringen und sie von innen her zu beleben, damit sie die ganze Wahrheit über den Menschen und über sein Leben zum Ausdruck bringen.[9]

Was Papst Johannes Paul II über die Mobilisierung der Gewissen in Bezug auf die Unverletzlichkeit unschuldigen menschlichen Lebens sagte, gilt sicherlich ebenso und ebenso stark für die Mobilisierung der Gewissen in Bezug auf die Integrität der Ehe und des Familienlebens sowie in Bezug auf die unersetzliche Beziehung zu Gott, die heilige Religion.

            Papst Johannes Paul II betonte, dass solche Bemühungen mit der „Erneuerung  der Kultur des Lebens innerhalb der christlichen Gemeinschaften selbst[10] beginnen müssen. Die Kirche selbst ist gefordert, sich mit der Situation so vieler ihrer Mitglieder zu beschäftigen, die zwar in kirchlichen Organisationen und Projekten aktiv tätig sind, die jedoch „auf eine Art Trennung zwischen dem christlichen Glauben und seinen sittlichen Forderungen in bezug auf das Leben [verfallen], was schließlich zum moralischen Subjektivismus und zu manchen unannehmbaren Verhaltensweisen führt“.[11] Diese Trennung von Glauben und Praxis hat besonders verheerende Auswirkungen auf das Bildungswesen. Das Kind, das gelernt hat, ein „hörendes Herz“ zu haben, das auf die Stimme seines Gewissens und auf Gottes in sein Herz geschriebenes Gesetz zu hören gewöhnt ist, wird genau von denen korrumpiert, denen man es zu vertrauen gelehrt hat. Man denke nur an die Korruption, die durch eine durchgehend verfehlte Erziehung zur menschlichen Sexualität bewirkt wird. Eltern können nicht aufmerksam genug auf die Ausbildung ihrer Kinder achten, um zu verhindern, dass diese im Rahmen ihrer schulischen „Erziehung“ solchen Einflüssen ausgesetzt werden.

            Eine katholische Erziehung für Kinder und Jugendliche ist eine vollständige Erziehung, die die Entwicklung der Vernunft durch kompetente Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten im Kontext des Glaubens zum Gegenstand hat; dies wird durch das Studium des Wortes Gottes und seines Plans für uns und unsere Welt, den er uns geoffenbart hat, erreicht. In seiner Enzyklika Divini Illius Magistri beschrieb Papst Pius XI eine katholische oder christliche Erziehung mit folgenden Worten:

Eigentliches und unmittelbares Ziel der christlichen Erziehung ist die Mitwirkung mit der Gnade Gottes bei der Bildung des wahren und vollkommenen Christen: das heißt Christi selbst in den durch die Taufe Wiedergeborenen, entsprechend dem anschaulichen Ausdruck des Apostels: „Meine Kindlein, für die ich abermals Geburtswehen leide, bis Christus in euch gestaltet ist.“ Der wahre Christ muss ja das übernatürliche Leben in Christus leben: „Christus, euer Leben“, und es in seinem ganzen Tun offenbaren: „damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleische offenbar werde“.

Deshalb umfaßt gerade die christliche Erziehung den ganzen Bereich des menschlichen Lebens, des sinnlichen und übersinnlichen, des geistigen und sittlichen, des Lebens des Einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft, nicht um es irgendwie einzuengen, sondern um es zu erheben, zu ordnen und zu vervollkommnen nach dem Beispiel und der Lehre Christi.

Der wahre Christ, die Frucht der christlichen Erziehung, ist also der übernatürliche Mensch, der ständig und folgerichtig nach der vom übernatürlichen Licht des Beispiels und der Lehre Christi erleuchteten gesunden Vernunft denkt, urteilt und handelt; oder, um es mit dem heute gebräuchlichen Ausdruck zu sagen: der wahre und vollendete Charaktermensch. Denn nicht jede beliebige, nach rein subjektiven Grundsätzen Konsequenz und Beharrlichkeit aufweisende Lebensführung stellt den wahren Charakter dar, sondern nur die Ausdauer in Befolgung des ewigen Grundgesetzes der Gerechtigkeit, wie es auch der heidnische Dichter anerkennt, wenn er in untrennbarer Verbindung „den gerechten und vorsatztreuen Mann“ lobt. Anderseits kann aber vollendete Gerechtigkeit nur da bestehen, wo auch Gott gegeben wird, was Gottes ist, wie es der wahre Christ tut.[12]

Nur eine solche vollständige Ausbildung kann unsere Kinder und Jugendlichen auf dem Weg zu dem Glück führen, für das Gott jeden von uns geschaffen hat. Mit Hilfe einer soliden Ausbildung zu Hause und in der Schule erfahren Kinder das Glück sowohl während ihres Lebens auf dieser Welt als auch am ewigen Ziel ihrer Pilgerreise, das der Himmel ist. Nur eine solche Erziehung kann unsere Kultur verändern.

Die Familie ist der erste Ort, an dem Erziehung und Bildung vermittelt wird – eine Wahrheit, die im Wesentlichen die Mission der Schule definiert. Die Schule hat der Familie zu dienen und daher eng mit der Familie zusammenzuarbeiten, um Kinder zu immer größerer Reife zu bringen, zur Fülle des Lebens in Christus. In Bezug auf die christliche Ehe und die Familie sowie die Mission der Erziehung erklärte der Heilige Papst Johannes Paul in seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben zur Familie 1981, Familiaris Consortio, dass „die christliche Familie … ja die erste Gemeinschaft [ist], der es obliegt, dem heranwachsenden Menschen das Evangelium zu verkünden und ihn durch eine fortschreitende Erziehung und Glaubensunterweisung zur vollen menschlichen und christlichen Reife zu führen“.[13] Eine christliche Erziehung in der Familie und in der Schule führt Kinder und Jugendliche immer tiefer in die Tradition, in das große Geschenk unseres Lebens in Christus in der Kirche ein, die uns durch die Jahrhunderte aus einer ungebrochenen Überlieferung weitergegeben worden ist, die direkt auf die Apostel und ihre Nachfolger zurückverfolgt werden kann.

Ein Erziehungswesen, das auf das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft ausgerichtet ist, muss besonders darauf achten, sich gegen die Fehler des Säkularismus und Relativismus zu rüsten, damit sie es nicht verabsäumt, den nachfolgenden Generationen die Wahrheit, die Schönheit und das Gute unseres Lebens und unserer Welt zu vermitteln, wie sie sich in der unveränderlichen Lehre des Glaubens, in seinem höchsten Ausdruck durch Gebet, Hingabe und göttliche Anbetung und in der Heiligkeit des Lebens derer ausdrückt, die sich zum Glauben bekennen und Gott anbeten „in Geist und in Wahrheit“.[14]

In der Erklärung über die christliche Erziehung des zweiten Vatikanischen Konzils, Gravissimum Educationis, wurde klargestellt, dass die Hauptverantwortung für die Erziehung von Kindern bei Eltern liegt, die sich auf ordentlich geführte Schulen verlassen, die jenen Teil der Gesamterziehung ihrer Kinder übernehmen sollen, die sie zu Hause nicht vermitteln können. Das wesentliche Gut der Ehe, das Geschenk der Kinder, umfasst sowohl die Zeugung als auch die Erziehung des Kindes. Ich zitiere aus Gravissimum Educationis:

Da die Eltern ihren Kindern das Leben schenkten, haben sie die überaus schwere Verpflichtung zur Kindererziehung. Daher müssen sie als die ersten und bevorzugten Erzieher ihrer Kinder anerkannt werden. Ihr Erziehungswirken ist so entscheidend, daß es dort, wo es fehlt, kaum zu ersetzen ist. Den Eltern obliegt es, die Familie derart zu einer Heimstätte der Frömmigkeit und Liebe zu Gott und den Menschen zu gestalten, daß die gesamte Erziehung der Kinder nach der persönlichen wie der gesellschaftlichen Seite hin davon getragen wird. So ist die Familie die erste Schule der sozialen Tugenden, deren kein gesellschaftliches Gebilde entraten kann. Besonders aber sollen in der christlichen Familie, die mit der Gnade und dem Auftrag des Ehesakraments ausgestattet ist, die Kinder schon von den frühesten Jahren an angeleitet werden, gemäß dem in der Taufe empfangenen Glauben Gott zu erkennen und zu verehren und den Nächsten zu lieben.[15]

Natürlich trifft auch die Gesellschaft im Allgemeinen und die Kirche in besonderer Weise eine Verantwortung für die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen, aber diese Verantwortung muss immer unter Achtung der Hauptverantwortung der Eltern ausgeübt werden.

Die Eltern ihrerseits sind dazu aufgerufen, sich voll und ganz in jeglichen Bildungsmöglichkeiten zu engagieren, die von der Gesellschaft und der Kirche geboten werden. Kinder und Jugendliche sollten nicht durch eine außerhalb des Hauses erhaltene Ausbildung verwirrt oder zu Irrtümern verleitet werden, die im Widerspruch zu der zu Hause empfangenen Erziehung steht. Heute müssen die Eltern besonders wachsam sein, denn einige Schulen sind zu Werkzeugen einer weltlichen Agenda geworden, die der christlichen Lebensweise zuwiderläuft. Man denke nur an die obligatorische sogenannte „Gender Education“ in einigen Schulen, die einen direkten Angriff auf die menschliche Sexualität, auf die Ehe und damit auf die Familie darstellt.

Im Interesse unserer Jugend müssen wir alle dem grundlegenden Ausdruck unserer Kultur, der Bildung, besondere Aufmerksamkeit widmen. Gute Eltern und gute Bürger dürfen die Lehrpläne der Schulen und die Weise, in der die Schulen geführt werden, nicht aus den Augen verlieren, um sicherzustellen, dass unsere Kinder in den menschlichen und christlichen Tugenden geformt und nicht durch Indoktrination in Bezug auf die grundlegendsten Wahrheiten des menschlichen Lebens, der Familie und der Religion verwirrt und verformt werden – eine Indoktrination, die sie nur in die Sklaverei der Sünde und damit zu tiefem Unglück und zur Zerstörung unserer Kultur  führen werden.

Im Zentrum eines soliden Lehrplans stehen  die Achtung sowohl der Würde des Menschen als auch der Tradition der Schönheit, der Wahrheit und des Guten in der Kunst und in der Wissenschaft. Heute scheint oft Toleranz gegenüber Denk- und Handlungsweisen, die gegen das Sittengesetz verstoßen, für viele Christen der interpretative Schlüssel zu sein. Nach diesem Ansatz kann man nicht mehr zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Wahren und dem Falschen sowie dem Guten und dem Bösen unterscheiden. Diese Einstellung ist nicht sicher in der moralischen Tradition verankert, dominiert jedoch tendenziell unsere Herangehensweise, soweit wir behaupten, Christen zu sein, aber gleichzeitig Denk- und Handlungsweisen tolerieren, die dem moralischen Gesetz, das uns in der Natur und in der Heiligen Schrift geoffenbart wurde, diametral entgegengesetzt sind. Der Ansatz wird manchmal so relativistisch und subjektiv, dass wir nicht einmal das grundlegende logische Prinzip der Widerspruchsfreiheit beachten, das heißt, dass eine Sache nicht gleichzeitig in derselben Hinsicht sein und nicht sein kann. Mit anderen Worten können bestimmte Handlungen dem moralischen Gesetz nicht gleichzeitig entsprechen und widersprechen.

Tatsächlich muss Nächstenliebe allein der interpretative Schlüssel unserer Gedanken und Handlungen sein. Toleranz bedeutet im Kontext der Nächstenliebe bedingungslose Liebe zu der Person, die am Bösen beteiligt ist, aber entschiedene Abscheu vor dem Bösen, in das die Person verfallen ist. Jede Erziehung sollte darauf gerichtet sein, die Schüler in der Nächstenliebe zu formen, die Geist und Herz für das Schöne, das Wahre und das Gute empfänglich macht, für das Gott uns geschaffen hat.

Eine Erziehung, die zu Hause beginnt und später durch gute und vor allem wahrhaft katholische Schulen ergänzt und weitergeführt wird, ist grundsätzlich auf die Bildung guter Staatsbürger und guter Mitglieder der Kirche ausgerichtet. Letztendlich hat sie das Glück des Einzelnen zum Ziel, das in richtigen Beziehungen zu finden ist und seine Erfüllung im ewigen Leben hat. Sie setzt die objektive Natur der Dinge voraus, auf die das menschliche Herz gerichtet ist, wenn es zu einem „hörenden Herzen“[16] geformt wurde, das heißt, wenn es einem entsprechend geformten Gewissen folgt. Sie strebt nach einem immer tieferen Wissen und nach Lieben zum Wahre, zum Gute, und zum Schöne. Sie leitet jeden Einzelnen zu diesem grundlegenden, lebenslangen Streben an.

Möge Gott alle Eltern und auch uns in unseren Bemühungen, unseren Kindern und Jugendlichen zu ihrer Errettung und zur Verwandlung unserer Kultur „hörende Herzen” mitzugeben, inspirieren und stärken. Mögen wir unter der mütterlichen Fürsorge der jungfräulichen Mutter Gottes im Herzen Jesu die Weisheit und Kraft suchen und finden, um die ständige Lehre und Praxis der Kirche in Bezug auf das menschliche Leben, in Bezug auf die menschliche Sexualität, die Ehe, die Familie und in Bezug auf die heilige Religion zu bewahren und zu fördern.

            Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Gott segne Sie.

Raymond Leo Kardinal BURKE


[1] Eph 2, 13-22.

[2] Benedictus PP. XVI, Allocutio „Iter apostolicum in Germaniam: ad Berolinensem foederatum coetum oratorum,“ 22 Septembris 2011, Acta Apostolicae Sedis 103 (2011), S. 663. [Bundestag].

[3] Bundestag, S. 664.

[4] Bundestag, S. 664.

[5] Bundestag, S. 664.

[6] Bundestag, S. 665.

[7] Cf. Roe v. Wade :: 410 U.S. 113 (1973); Obergefell v. Hodges :: 576 U.S. 644 (2015); und Bostock v. Clayton County :: 590 U.S. ___ (2020).

[8] „… ad plenam maturitatem humanam et christianam ….“ Ioannes Paulus PP. II, Adhortatio Apostolica Familiaris Consortio, „De Familiae Christianae muneribus in mundo huius temporis,“ 22 Novembris 1981, Acta Apostolicae Sedis 74 (1982), 823, Nr. 2. [FC]. Deutsche Übersetzung: www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/a[pst_exhortations/documents/hf_jp-ii_exh_19811122_familiaris-consortio.html, S. 2, Nr. 2. [FCDe].

[9] „Quam primum inducantur necesse est generalis conscientiarum motus moralisque communis nisus, qui excitare valeant validum sane opus ad vitam tuendam: omnibus nobis simul coniunctis nova exstuenda est vitae cultura: nova, quae scilicet possit hodiernas de vita hominis ineditas quaestiones suscipere atque solvere; nova, utpote quae acriore et alacriore ratione omnium christianorum conscientiam permoveat; nova demum, quae accommodata sit ad gravem animosamque culturalem suscitandam comparationem cum omnibus. Huius culturalis conversionis necessitas coniungitur cum aetatis nostrae historica rerum condicione, at praesertim inhaeret in ipso evangelizandi munere quod proprium est Ecclesiae. Evangelium enim eo spectat „ut perficiat interiorem mutationem“ et „humanitatem novam efficiat“; est velut fermentum quo pasta tota fermentatur (cfr Mt 13, 33), atque, qua tale, perfundere debet omnes culturas easque intus pervadere, ut integram declarent de homine deque eius vita veritatem.“ Ioannes Paulus PP. II, Litterae encyclicae Evangelium vitae, „De vitae humanae inviolabili bono“, 25 Martii 1995, Acta Apostolicae Sedis 87 (1995), 509, Nr. 95. [EV]. Deutsche Übersetzung:www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_25031995_evangelium-vitae.html, S. 83, Nr. 95. [EVDe].

[10] „… vitae cultura renovanda intra ipsas christianas communitates.“ EV, 509, Nr. 95. Deutsche Übersetzung: EVDe, S. 83, Nr. 95.

[11] „… seiunctionem quandam inferunt inter christianam fidem eiusque moralia circa vitam postulata, progredientes hac ratione ad moralem quendam subiectivismum adque vivendi mores qui probari non possunt.“ EV, 509-510, Nr. 95. Deutsche Übersetzung: EVDe, S. 83, Nr. 95.

[12] „Eo proprie ac proxime intendit christiana educatio, ut, divina cum gratia conspirando, germanum atque perfectum christianum efficiat hominem: ut Christum scilicet ipsum exprimat atque effingat in illis qui sint Baptismate renati, ad illud Apostoli vividum: „Filioli mei, quos iterum parturio, donec formetur Christus in vobis“. Vitam enim supernaturalem germanus christianus vivere debet in Christo: „Christus, vita vestra“, eandemque in omnibus rebus gerendis manifestare „ut et vita Iesu manifestetur in carne nostra mortali“.

Quae cum ita sint, summam ipsam humanorum actuum, quod attinet ad efficentiam sensuum et spiritus, ad intellectum et ad mores, ad singulos et ad societatem domesticam atque civilem, christiana educatio totam complectitur, non autem ut vel minime exenuet, verum ut secundum Iesu Christi exempla et doctrinam extollat, regat, perficiat.

Itaque verus christianus, christiana educatione conformatus, alius non est ac supernaturalis homo, qui sentit, iudicat, constanter sibique congruenter operatur, ad rectam rationem, exemplis doctrinaque Iesu Christi supernaturaliter collustratam: siclicet, homo germana animi firmitate insignis. Neque enim quisquis sibi consentitit et sui propriique tenax propositi agit, is solido ingenio est, sed unus ille qui aeternas iustitiae rationes sequitur, ut agnovit ethnicus ipse poëta, „iustum“ una simul „et tenacem propositi virum“ extollens; quae, ceterum, iustitiae rationes integre servari nequeunt, nisi Deo tribuatur – ut fit a vero christiano – quidquid Deo debetur.“ Pius PP. XI, Litterae Encyclicae Divini Illius Magistri, „De Christiana iuventutis educatione,“ 31 Decembris 1929, Acta Apostolicae Sedis 22 (1930), 83. Deutsche Übersetzung: Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau. Dokumente, Emil Marmy [Hrsg.] (Freiburg in der Schweiz: Verlag der Paulusdruckerei, 1945), S.344-345, Nr. 469-469a.

[13] „… christiana enim familia est prima communitas, cuius est Evangelium personae humanae crescent annuntiare eamque progrediente education et catechesis ad plenam maturitatem humanam et christianam perducere.“ FC, 823, Nr. 2. Deutsche Übersetzung: FCDe, S.1-2, Nr. 2.

[14] Joh 4, 24.

[15] „Parentes, cum vitam filiis contulerint, prolem educandi gravissima obligatione tenentur et ideo primi et praecipui eorum educatores agnoscendi sunt. Quod munus educationist anti ponderis est ut, ubi desit, aegre suppleri possit. Parentum enim est talem familiae ambitum amore, pietate erga Deum et homines animatum creare qui integrae filiorum educationi personali et sociali faveat. Familia proinde est prima schola virtutum socialium quibus indigent omnes societates. Maxime vero in christiana familia, matrimonii sacramenti gratia et officio ditata, filii iam a prima aetate secundum fidem in baptismo receptam Deum percipere et colere atque proximum diligere doceantur oportet; …“ Sacrosanctum Concilium Oecumenicum Vaticanum II, Declaratio Gravissimum educationis, „De Educatione Christiana,“ 28 Octobris 1965, Acta Apostolicae Sedis 58 (1966), 731, Nr. 3.. Deutsche Übersetzung: Das Zweite Vatikanische Konzil. Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen, Lateinisch und Deutsch, Teil II, Hrsg. Lexikon für Theologie und Kirche, zweite auflage, 13 (Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1967), S. 375 und 377, Nr. 3.

[16] 1 Kön 3, 9.

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