Predigt zum Pfingstfest

Was wird die Zukunft bringen? Wird alles nach der Corona-Krise wieder sein wie vorher? Welche Krise wird unsere Gesellschaft als nächstes erschüttern? Auf diese Fragen haben wir Menschen keine Antwort. Auch der größte Wissenschaftler, auch der weitsichtigste Staatsmann wird angesichts solcher Sorgen schweigen müssen, denn niemand weiß, was die Zukunft bringt.

Und doch haben wir eine große Sicherheit hinsichtlich aller irdischen Geschehnisse. Das heutige Hochfest lehrt uns nämlich, was auch die Geschichte bestätigt: Die heilige Kirche überlebt jede Krise!

Welch größere Krise hätte es für die frühe Kirche geben können als den blutigen Kreuzestod ihres Gründers? Die Schar der Jünger war zerstreut, die Apostel feige versteckt, der Glaube der vielen erschüttert, nur einige Fromme um die Mutter Jesu hielten noch am Wort des Herrn fest. Es schien das Ende der Kirche gekommen, noch bevor sie richtig begonnen hatte zu leben. Selbst die Erscheinungen des auferstandenen Herrn wurden bezweifelt. Auch die Apostel waren nicht einmütig und glaubensstark. Alles schien zu Ende zu gehen.

Mitten in dieser scheinbar aussichtslosen Situation offenbart der Trinitarische Gott Seine unbesiegbare Majestät: Flammen erscheinen vom Himmel, das Wehen der Kraft Gottes wird hörbar, der Gottesgeist wird über die ausgegossen, die noch gerade gezweifelt hatten. Nicht menschlicher Mut, sondern die Stärke des Heiligen Geistes macht die Feigen wieder zu Aposteln. Sie verkünden unwiderstehlich das erlösende Wort. Sie sprechen in allen bekannten Sprachen. Sie erreichen alle Herzen. Tausende werden an einem Tag bekehrt. Die Kirche lebt! Versammelt um die starke Jungfrau und Mutter, die Gnadenmittlerin und Miterlöserin Maria, die als einzige nie den Glauben verlor, lebt die Kirche und trägt die frohe Botschaft in die Welt!

Pfingsten wiederholt sich viele Male in der Kirchengeschichte. Oft sind die Christen angesichts der Krisen der Weltgeschichte furchtsam. Sie glauben nicht an die Majestät Gottes. Sie zweifeln am auferstandenen Herrn. Sie wissen nichts mehr von der Kraft des Heiligen Geistes. Und doch ist der Trinitarische Gott in Seiner Kirche bis zum Ende der Zeiten! Immer wieder rettet er sie vor dem Untergang, immer wieder besiegt er Glaubenslosigkeit und Irrtum, immer wieder erbaut er die Kirche neu und groß mitten aus den Krisen der Zeit!

Die heilige Kirche überlebt jede Krise! Der Zusammenbruch des Römischen Kaiserreiches, der die damalige Welt erschüttert hat, wurde auch für die Kirche eine große Bewährungsprobe. Inmitten der Völkerwanderung des fünften bis siebten Jahrhunderts wurde sie aber zur einzigen Institution, die alle Stürme überstand. Wie viele Male ist vor dem Ansturm des Islam nicht die existierende Gesellschaftsordnung ganz oder teilweise zusammengebrochen? Die Kirche hat immer überlebt und den westlichen Völkern wieder neue Kraft eingehaucht zu wiederstehen und zu siegen. Hunderte von Königreichen und Fürstentümern hat die Kirche überlebt, alle Revolutionen überstanden, Staatsordnungen kommen und gehen sehen. Sie ist immer noch da!

Schreckliche Seuchen wie die Justinianische Pest oder die vielen Wellen des schwarzen Todes im Spätmittelalter hat die Kirche überdauert! Verfolgungen grausamster Art in ihren Anfängen, durch die Heidenvölker und Häretiker, durch Gewaltherrschaften und Terrorregime hat sie überwunden. Die Schrecken der französischen Revolution, die ideologische Manipulation und die brutale Unterdrückung durch den Nationalsozialismus und den Kommunismus hat sie ebenso überlebt. Nach jeder geschichtlichen Prüfung ist sie aus den Trümmern der Gesellschaft emporgestiegen wie ein Phönix aus der Asche.

Selbst die schlimmsten ihrer Erschütterungen, die großen inneren Glaubenskrisen, hat sie siegreich bestanden. Wir haben schon gesehen, wie der Heilige Geist den Unglauben der Apostel besiegt hat. Er hat aber auch die arianische Krise des vierten und fünften Jahrhunderts überwunden, als, wie der heilige Hieronymus sagt, „der Erdkreis erwachte und merkte, dass er arianisch [d.h. häretisch] geworden war“. Der Geist Gottes hat der Kirche große Heilige erweckt, die die Katharer und später die Hussiten vom 12. bis zum 15. Jahrhundert zurückgedrängt haben. Nach der sogenannten Reformation hat er der Kirche weitsichtige Päpste und apostolische Männer gesandt, die im 17. und 18. Jahrhundert den katholischen Glauben zu neuer Blüte geführt haben. Gegen vermeintliche Aufklärung, kalten Rationalismus und kalkulierten Modernismus hat der Geist Gottes der Kirche auch im 19. und 20. Jahrhundert Selige und Heilige gesandt, wie etwa die Päpste Pius IX. und Pius X., die unerschrocken die Wahrheit verkündet haben.

Seien es äußere oder innere Krisen: Immer steht die Kirche wieder auf und jede Krise macht sie stärker und mutiger als zuvor. Das alles beruht nicht auf menschlichem Tun. Würde die Kirche von uns Menschen abhängen, dann wäre sie nie mehr aus dem Abendmahlssaal in Jerusalem herausgekommen, wo die Apostel zitternd versammelt waren. So menschlich die äußere Erscheinung der Kirche in ihren Gliedern manchmal erschienen ist, so furchtsam, unfähig und zweifelnd selbst die Apostel, Bischöfe und Priester gewesen sein mögen, so sehr auch die Sünden aller Christen das äußere Handeln der Kirche schwächen, so stark und übermächtig ist in ihr der Heilige Geist.  Der heilige Augustinus sagt mit Recht: « Was in unserem Leibe die Seele, das ist der Heilige Geist im Leibe Christi, der die Kirche ist. » (Sermo CCLXVII de tempore, c.4. PL 38, 1231).

Deswegen konnte der große Papst Leo XIII am Pfingstfest 1897 in seiner berühmten Enzyklika „Divinum illus munus“ ausrufen: Der Heilige Geist teilt die „Wahrheit… in vollem Ausmaß der Kirche mit und leiht ihr seinen immerwährenden und fürsorglichen Beistand, damit sie niemals einem Irrtum verfalle, und damit sie die Keime der göttlichen Lehre stets weiter entfalten und zum Heile der Völker zur Vollreife bringen könne. Weil nun das Heil der Völker, wofür ja die Kirche bestimmt ist, unbedingt die Fortdauer ihres Amtes durch alle Zeiten voraussetzt, so fließt ihr vom Heiligen Geist immerdar Leben und Kraft zu, um sie in ihrem Dasein und Wachstum zu stärken.“ Die Hierarchie, die Sakramente, die göttliche Ordnung, ja alle Gnadengaben der Kirche und ihrer Glieder kommen von ihrer Seele, dem Heiligen Geist. So sagt wieder Papst Leo XIII: „Dass die Kirche ein durchaus göttliches Werk ist, das geht aus keinem anderen Beweis klarer hervor, als aus der glanzvollen Pracht der Gnadengaben, womit sie in jeder Hinsicht ausgestattet ist; selbstverständlich ein Werk und Geschenk des Heiligen Geistes.“

Der Heilige Geist hat nicht nur am Pfingstfest geweht. Sichtbar für alle Menschen guten Willens brennen auch heute Flammenzungen des Geistes in den leuchtenden Wahrheiten der kirchlichen Lehre! Das Rauschen der Kraft Gottes ist hörbar in ihrer unfehlbaren Rede, in ihrer herrlichen Liturgie, in der Kraft ihrer Sakramente! Die Ordnung des Himmels spiegelt sich dort wider, wo sich Menschen in der Kirche dem Wehen des Geistes durch ein heiliges Leben öffnen!  Seine Kraft ist unbesiegbar in uns, wenn wir den Willen Gottes tun und tatsächlich den zeitlosen Mahnungen der Kirche folgen. Der Geist „weht, wo er will“ (Johannes 3, 8), aber er weht für immer in der heiligen Kirche! Bis zum Ende der Zeiten weht er in der überlieferten Wahrheit, die sie verkündet, in den sakramentalen Geheimnissen, die sie feiert, und in der unveränderbaren Heilsordnung, die sie lebt. Durch die Kirche erreicht der Heilige Geist unsere Seelen, und unsere Seelen werden durch Ihn Teil der Kirche!

Daher also überlebt die Kirche jede Krise, denn der Geist Gottes verlässt sie nie und hat sie niemals verlassen. Wenn die Menschen beginnen, in der Kirche zu sehr auf sich selbst zu vertrauen; wenn sie nicht mehr wahrhaben wollen, dass es die Kraft des Geistes ist, der die Kirche belebt und durchwirkt; wenn die Menschen zu sehr auf menschliche Maßstäbe, menschliche Pläne, menschliche Methoden bauen; kurz, wenn die Kirche in der Gefahr ist, vermenschlicht und verweltlicht zu werden, dann weckt Gott uns auf. Dann schickt er uns Mahnungen. Dann wird oft das Menschliche von göttlicher Allmacht in Frage gestellt, als zerbrechlich erwiesen oder einfach hinweggefegt. Dann aber auch zeigt sich die Größe der Kirche. Wo alles nur Menschliche kraftlos wird, da beweist sich die Größe der Gnade und die Kraft des Heiligen Geistes.

Dadurch, dass die Kirche immer überlebt, zeigt uns Gott seine Macht. Dadurch gibt er uns aber auch Hoffnung, wenn vermeintliche menschliche Sicherheiten und vorgeblicher menschlicher Fortschritt zerbricht. Solange wir in der Kirche und mit der Kirche leben, kann uns im letzten nichts passieren. Wir mögen an der Welt und ihren Unsicherheiten leiden, wir wissen aber, dass die Kirche trotz dieser Leiden fortbesteht. Ihre göttliche Seele, der Heilige Geist, garantiert dieses Fortbestehen bis zur Wiederkunft des Herrn.

Die Kirche ist über 2000 Jahre alt. Sie hat alles gesehen und alles erlebt. Keine bestehende Institution auf dieser Erde ist älter und weiser als sie. Mögen auch einzelne Vertreter und Glieder der Kirche sich fürchten und ängstigen, die Kirche ist ohne Angst und ohne Furcht, denn ihr Wesen ist göttlich. Sie wird auch diese Krise überleben, wie sie alle Krisen überlebt hat!  Bitten wir also den Heiligen Geist, auch in dieser neuen Krise noch einmal Seine Macht zu offenbaren. Bitten wir ihn zu zeigen, dass er stärker ist als „der Fürst dieser Welt“ (vgl. Johannes 14, 31-32). Bitten wir ihn zu offenbaren, dass er die Seele der Kirche ist und bleibt! Das ist unsere glaubende Zuversicht, genährt aus der hoffenden Bitte der Pfingstsequenz, die durch die Jahrtausende aus dem Mund der heiligen Kirche erschallt: „Komm, o Geist der Heiligkeit! Aus des Himmels Herrlichkeit sende Deines Lichtes Strahl!“ Amen

Msgr. Prof. DDr. R. Michael Schmitz

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