Eine Botschaft von S. Em. Raymond Leo Kardinal Burke zur Karwoche 2020

Liebe Freunde,

Von Anfang meines Dienstes als Diözesanbischof an schien es, dass jedes Jahr, wenn die Feierlichkeiten zu Weihnachten und Ostern näher rückten, ein zutiefst trauriges Ereignis in der Diözese oder eine schwierige Krise zum Wohle der Diözese eintreten würde. Immer wenn ich die Feier der großen Geheimnisse unserer Erlösung mit Freude erwartete, geschah etwas, das aus menschlicher Sicht eine dunkle Wolke über die Feierlichkeiten legte und die Freude, die sie auslösten, in Frage stellte. Als ich einmal einem Mitbruder im Bischofsamt von dieser fast erschütternd regelmäßigen Erfahrung erzählte, antwortete er einfach: „Es ist Satan, der versucht, Dir Deine Freude zu stehlen.“

Es macht Sinn, dass Satan, den unser Herr als „einen Mörder von Anfang an, … einen Lügner und den Vater der Lüge“ (Joh. 8,44) beschreibt, vor unseren Augen die großen Realitäten der Menschwerdung und der Erlösung verbergen und uns von den liturgischen Riten ablenken will, durch die wir nicht nur diese Wahrheiten feiern, sondern auch unermessliche und unendliche Gnaden empfangen, die für uns erworben worden sind. Satan will uns davon überzeugen, dass Verlust und Tod und die Trauer und Angst, die die Riten dieser Woche begleiten, Christus als falsch erscheinen lassen, seine erlösende Menschwerdung verfälschen und unseren Glauben und die Freude, die die damit einhergeht, als Lüge darstellen.

Aber es ist Satan, der falsch liegt. Er ist der Lügner. Christus, Gott der Sohn, ist in der Tat Mensch geworden, Er hat in der Tat die grausamsten Leiden und den grausamsten Tod erlitten, aber nur, um unsere menschliche Natur zu erlösen, um uns das wahre Leben wiederzugeben, das göttliche Leben, das die schlimmsten Leiden und sogar den Tod selbst überwindet und uns sicher zu unserer wahren Bestimmung führt: zum ewigen Leben mit ihm.

Der hl. Paulus schrieb, im Angesicht unzähliger, zutiefst entmutigenden Prüfungen im Laufe seines apostolischen Dienstes, der in seinem Martyrium in Rom gipfelte, an die Christen in Kolossae: „Nun freue ich mich über meine Leiden um euretwillen, und in meinem Fleisch vollende ich das, was an den Leiden Christi fehlt, um Seines Leibes, der Kirche, willen“ (Kol. 1,24). Für ihn, wie es auch für uns sein sollte, ist das Leiden mit Christus um der Kirche willen, um der Liebe Gottes und unseres Nächsten willen, die unangreifbare und unerschöpfliche Quelle unserer Freude. Es ist der höchste Ausdruck unserer Gemeinschaft mit Christus, dem fleischgewordenen Gott, der mit ihm das Geheimnis der göttlichen Liebe Gottes – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – teilt. Das Leben Christi, die Gnade des Heiligen Geistes, die aus dem Herzen Christi ausgegossen wird, um in unseren Herzen zu wohnen, inspiriert und stärkt uns, Verlust und Tod mit seiner Liebe zu umarmen, somit zu erobern und in ewigen Gewinn und ein Leben ohne Ende zu verwandeln. Unsere Freude ist also keine oberflächliche Freude oder Emotion, sondern die Frucht der Liebe, die „stark wie der Tod“ ist, die „viele Wasser nicht auslöschen […] und auch keine Überschwemmungen ertränken kann“ (Hohelied 8,6-7).

Unsere Freude nimmt uns nicht den scharfen Stachel von Verlust und Tod, sondern stellt sich ihnen mit Vertrauen und Mut als Teil des lebenslangen Kampfes der Liebe, zu dem wir in diesem Leben berufen sind – schließlich sind wir durch Gottes Gnade wahre Soldaten Christi (2. Tim. 2,3) – in dem sicheren Wissen um den Sieg des ewigen Lebens. So konnte der hl. Paulus am Ende seines Lebens an seinen geistlichen Sohn und Mithirten der Herde, den hl. Timotheus, schreiben:

Denn ich bin bereits im Begriff, geopfert zu werden; die Zeit meines Aufbruchs ist gekommen. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf beendet, ich habe den Glauben bewahrt. Nun liegt mir der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr an jenem Tag als der gerechte Richter überreichen wir; nicht nur mir, sondern auch allen, die in Liebe seinem Erscheinen zugewandt sind. (2. Tim 4,6-8).

Wir lieben Unseren Herrn, wir lieben die erlösende Inkarnation, durch die Er für uns in der Kirche lebendig ist, und deshalb freuen wir uns, den guten Kampf mit Ihm zu kämpfen, den Kurs zu halten, gleich welche Prüfungen uns bevorstehen sollten, und den Glauben zu bewahren, wenn der Vater der Lüge uns versucht, an Christus zu zweifeln oder ihn sogar zu verleugnen.

Satan hat vielleicht nie ein besseres Werkzeug als das Coronavirus gehabt, um uns die Freude an der Feier der heiligsten Tage im ganzen Jahr zu rauben, der Tage, an denen Christus für uns das ewige Leben erworben hat. Wie gerne würde er dieser einen Woche des Jahres, die einfach Karwoche genannt wird, die Heiligkeit nehmen! Die derzeitige internationale Gesundheitskrise, die durch das Coronavirus COVID-19 verursacht wird, bringt weiterhin eine tragische Ernte von Verlust und Tod ein, die tiefe Trauer und Angst im menschlichen Herzen hervorruft. Sicherlich nutzt Satan das Leid, das so viele Häuser, Stadtviertel, Städte und Nationen heimgesucht hat, um uns dazu zu verleiten, an unserem Herrn und dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe zu zweifeln, die Seine großen Geschenke für unser tägliches Leben sind. Die Wirkung der mörderischen Absicht Satans und seiner Lügen wird umso größer, je weiter wir vom Herrn entfernt sind, wenn wir Sein Leben in uns als selbstverständlich hingenommen haben, wenn wir Ihn sogar verlassen haben, als wir vorübergehenden weltlichen Vergnügungen, Bequemlichkeiten oder Erfolgen nachgegangen sind.

In der Kirche selbst erleben wir das Versäumnis, an erster Stelle Christus als den Herrn zu verkündigen. Wie viele leiden heute zutiefst unter einer grundlosen Angst, weil sie das Königtum des Herzens Jesu in ihren Herzen und Häusern vergessen oder sogar abgelehnt haben. Denken Sie an die Worte unseres Herrn an Jairus, der Seine Hilfe für seine sterbende Tochter suchte: „Fürchte dich nicht, glaube nur“ (Mk. 5,36). Wie viele sind heute ohne Hoffnung, weil sie glauben, dass der Sieg über das Übel des Coronavirus COVID-19 völlig von uns abhängt, weil sie vergessen haben, dass wir zwar alles tun müssen, was wir menschlich tun können, um ein großes Übel zu bekämpfen, dass aber Gott allein unsere Bemühungen segnen und uns den Sieg über Verlust und Tod geben kann. Es ist so traurig, Dokumente – sogar Dokumente der Kirche – zu lesen, die vorgeben, die wichtigsten Schwierigkeiten anzusprechen, mit denen wir konfrontiert sind, aber in denen keine Anerkennung der Herrschaft Christi zu finden ist, der Wahrheit, dass wir in unserem Sein, in allem, was wir sind und haben, völlig von Gott abhängig sind und dass deshalb Gebet und Anbetung unser erstes und wichtigstes Mittel zur Bekämpfung eines jeglichen Übels ist.

Vor einigen Tagen sagte ein junger, erwachsener Katholik zu mir, als wäre dies eine logische Tatsache, dass er dieses Jahr wegen des Coronavirus kein Ostern feiern würde. Wenn es bei der Freude über unserer Osterfeierlichkeiten nur um die Frage eines Wohlgefühls ginge, würde ich seine Gefühle verstehen. Aber die Freude über Ostern wurzelt in der ewigen Wahrheit: es ist der Sieg Christi über das, was augenscheinlich nach Seiner Vernichtung aussah, es ist der Sieg, den er in Seiner menschlichen Natur errungen hat, um uns dieses gleichen Sieges in unserer menschlichen Natur teilhaftig werden zu lassen, ganz gleich, welche Härten wir erleiden mögen. Wenn wir an Christus glauben, wenn wir auf seine Verheißungen vertrauen, dann müssen wir mit Freude sein großes Werk der Erlösung feiern. Die Geheimnisse der Passion, des Todes und der Auferstehung Christi zu feiern, bedeutet nicht, dass es uns an Respekt für das Leiden so vieler Menschen in der heutigen Zeit mangelt, sondern dass wir erkennen, dass Christus mit uns ist, um unsere Leiden mit seiner Liebe zu überwinden. Unsere Feier ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung für diejenigen, deren Leben auf eine harte Probe gestellt ist, und lädt sie ein, ihr Vertrauen auf unseren Herrn zu setzen.

Ja, die Karwoche in diesem Jahr ist für uns ganz anders. Das mit dem Coronavirus verbundene Leiden hat sogar dazu geführt, dass viele Katholiken in der Karwoche keinen Zugang zu den Sakramenten der Buße und der Heiligen Eucharistie haben, die unsere außergewöhnliche, aber auch gewöhnliche Begegnung mit dem auferstandenen Herrn sind, damit er uns in seinem Leben erneuert und stärkt. Aber sie bleibt die heiligste Woche des Jahres, denn sie erinnert an die Ereignisse, durch die wir in Christus lebendig sind, durch die das ewige Leben uns gehört, auch angesichts einer Pandemie, einer weltweiten Gesundheitskrise. Ich bitte Sie daher inständig, nicht der Lüge Satans nachzugeben, der Sie davon überzeugen will, dass Sie in diesem Jahr in der Karwoche nichts zu feiern haben. Nein, Sie haben alles zu feiern, denn Christus ist uns in jedem Leid vorangegangen und begleitet uns auch jetzt in unseren Leiden, damit wir in Seiner Liebe stark bleiben, der Liebe, die jedes Übel besiegt.

Heute feiern wir den Palmsonntag, an dem Christus mit dem vollen Wissen um die Passion und den Tod, die ihn erwarteten, in Jerusalem einzog. Er wusste, wie vergänglich die Begrüßung war, die man ihm darbrachte. Es war eine angemessene Begrüßung für den König des Himmels und der Erde, aber sie war oberflächlich, weil diejenigen, die sie ihm entgegenbrachten, nur ein weltliches Verständnis von der Erlösung hatten, die er für uns zu erwerben kam. Sie waren nicht bereit, sich mit Christus zu vereinigen, als Er Sein ewiges Königreich durch die Ereignisse seiner Passion und seines Todes errichtete. Nach dem Palmsonntag wird die ganze Karwoche zu Recht als heilig bezeichnet, weil jeder dieser Tage einen Teil der beständigen Heilssendung Christi umfasst, die sich auf ihrem Höhepunkt befindet.

Nehmen Sie sich heute Zeit, darüber nachzudenken, welchen königlichen Empfang Sie Christus in Ihrem Herzen und in Ihrem Haus bereitet haben. Lesen Sie noch einmal den Bericht über seinen Einzug in Jerusalem und darüber, wie er nach seinem triumphalen Einzug mit den Worten über Jerusalem geweint hat:

O Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten mordest und die steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln sammelt, und ihr habt nicht gewollt!“ (Mt. 23,37).

Wenn Sie oder Ihr Haus weit von Unserem Herrn entfernt sind, denken Sie daran, wie sehr Er wünscht, Ihnen nahe und der ständige Gast Ihres Herzens und Ihres Hauses zu sein.

Bleiben Sie während der gesamten Karwoche bei Christus. Machen Sie den Gründonnerstag in besonderer Weise zu einem Tag der tiefen Danksagung für die Sakramente der Heiligen Eucharistie und des Heiligen Priestertums, die Unser Herr beim letzten Abendmahl eingesetzt hat. Machen Sie den Karfreitag zu einem ruhigen Tag, an dem Sie Bußübungen vornehmen, um tiefer in das Geheimnis des Leidens und Sterbens Christi einzutauchen. Seien Sie am Karfreitag erfüllt von Dankbarkeit für die Sakramente der Buße und der Krankensalbung. Halten Sie am Karsamstag Wache bei unserem Herrn, preisen und danken Sie Ihm für das Geschenk Seiner Gnade in unseren Seelen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes aus Seinem herrlichen, durchbohrten Herzen. Denken Sie besonders darüber nach, wie Seine Gnade in Ihnen durch die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Heiligen Eucharistie wirkt. Denken Sie in all diesen Tagen über das Geschenk des Sakraments der heiligen Ehe und seiner Frucht, der Familie – der „Hauskirche“ oder kleinen Hauskirche -, nach und danken Sie ihm dafür. Es ist normalerweise der erste Ort, an dem wir Gott kennen lernen, ihm Gebet und Anbetung darbringen und unser Leben nach seinem Gesetz ausrichten.

Wenn Sie an den liturgischen Feiern dieser heiligsten Tage nicht teilnehmen können, was in der Tat eine große Not ist, denn nichts kann die Begegnung mit Christus durch die Sakramente in diesen Tagen ersetzen, dann bemühen Sie sich in Ihren Häusern um die Teilnahme an der heiligen Liturgie durch Ihren Wunsch, in der Gemeinschaft mit Unserem Herrn zu sein, besonders im Geheimnis seines Heilswerkes. Unser Herr erwartet von uns nicht das Unmögliche, aber Er erwartet, dass wir so gut wie möglich versuchen, in diesen Tagen Seiner mächtigen Gnade bei Ihm zu sein.

Es gibt viele wunderbare Hilfen, um solch ein heiliges Verlangen zu nähren. Zunächst einmal gibt es in der Kirche einen reichen Schatz an Gebeten: die Lektüre der Heiligen Schrift, z.B. der Bußpsalmen, insbesondere des Psalms 51 [50], und die Darstellung des Leidens unseres Herrn in den vier Evangelien, die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, die Meditation über die Geheimnisse unseres Glaubens durch das Beten des Heiligen Rosenkranzes, insbesondere die schmerzhaften Geheimnisse, die Litaneien des Heiligsten Herzens Jesu, der Seligen Jungfrau (der Lauretanischen Litanei), des hl. Josef, und der Heiligen, den Kreuzweg – der auch zu Hause mit den Bildern der Vierzehn Stationen, die in einem Gebetbuch oder auf einem heiligen Gegenstand dargestellt sind, gemacht werden kann – , das Beten des Barmherzigkeitsrosenkranzes, Besuche von Heiligtümern, Grotten und anderen Orten, die unserem Herrn und den Geheimnissen der erlösenden Menschwerdung heilig sind, und die Verehrung der Heiligen, die uns mächtig geholfen haben, insbesondere des hl. Rochus, des Schutzpatrons gegen die Pest.

Auch sind wir in unserer Zeit gesegnet, dass wir über die Kommunikationsmedien Zugang zu den heiligen Riten und öffentlichen Andachten haben, wie sie in bestimmten Kirchen gefeiert werden, insbesondere in den Kirchen von Klöstern und Konventen, an denen die gesamte Gemeinschaft teilnimmt. Einen heiligen Ritus zu sehen, der im Fernsehen übertragen wird, ist sicherlich nicht dasselbe wie die direkte Teilnahme daran, aber wenn es alles ist, was uns möglich ist, dann ist es sicherlich unserem Herrn angenehm, der es nie versäumen wird, uns, als Antwort auf unseren demütigen Akt der Hingabe und Liebe, mit seiner Gnade zu überschütten.

Auf jeden Fall darf die Karwoche nicht für uns wie jede andere Woche sein, sondern muss von den tiefsten Gefühlen des Glaubens an Christus, der allein unsere Rettung ist, geprägt sein. Die Gefühle des Glaubens in diesen heiligsten Tagen sind ebenfalls Gefühle tiefster Dankbarkeit und Liebe. Wenn Ihre Dankbarkeit und Liebe nicht durch die Teilnahme an der Heiligen Liturgie ihren höchsten Ausdruck finden können, dann lassen Sie sie in der Hingabe Ihrer Herzen und Ihres Hauses zum Ausdruck kommen. Im Gedenken an die Ereignisse des Heiligen Triduums, zusammen mit Christus, seiner Gottesmutter und allen Heiligen, betrachten wir das Geheimnis seines Lebens in jedem von uns. Uns allen wird die Zeit, die wir jeden Tag im Gebet und in der Andacht verbringen und über die Passion unseres Herrn meditieren, helfen, in diesen heiligsten aller Tage auf die bestmögliche Weise mit unserem Herrn zusammen zu sein. Wie sehr sollten uns die Leiden der momentanen Zeit lehren, welch unvergleichliches Geschenk die heilige Liturgie und die Sakramente sind!

Ich möchte mit der Versicherung schließen, dass Sie und Ihre Anliegen heute in meinen Gebeten sind sowie während der gesamten Karwoche und insbesondere während des Heiligen Triduums am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Mögen wir alle Christus mit tiefstem Glauben, tiefster Hoffnung und Liebe begegnen, wenn wir diese heiligsten Tage feiern, an denen er gelitten hat, gestorben und auferstanden ist, um uns von der Sünde und von allem Bösen zu befreien und für uns das ewige Leben zu gewinnen. Möge das Begehen der Karwoche in diesem Jahr unsere starke Bewaffnung im laufenden Kampf gegen das Coronavirus COVID-19 sein. In Christus wird der Sieg unser sein. „Fürchtet euch nicht, glaubet nur“ (Mk. 5,36).

Raymond Leo Kardinal BURKE, Palmsonntag, den 5 April 2020

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