Predigt zum Weißen Sonntag (Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit) 2020

Liebe Gläubige!

Weiß ist für uns die Farbe der Unschuld, der Reinheit, der Frische, des Lichtes, der Helligkeit. Weiß ist gleichzeitig die Farbe der sogenannten drei katholischen Weiß-heiten: des Allerheiligsten Altarsakramentes, der jungfräulichen Gottesmutter und des Stellvertreters Christi auf Erden. Die Farbe Weiß erinnert uns an das, was uns fehlt: Durch die Erbschuld mangeln wir der Unschuld, der Reinheit und des inneren Lichtes. Anderseits deutet sie aber ebenso auf die Mittel hin, diese Geschenke Gottes wieder zu erlangen: Die Kirche, ihre Sakramente und ihre himmlische Königin.

In alter Zeit legten am Weißen Sonntag die an Ostern Neugetauften ihre weißen Kleider, Zeichen der durch die Taufgnade empfangenen Unschuld, dankbar in der Kirche dem Herrn zu Füßen. Später empfingen fast alle Kinder am gleichen Sonntag die Erste Heilige Kommunion. Der Heiland, gegenwärtig unter der Gestalt der weißen Hostie, wird damit seit alters her als Quelle der Reinheit und Unschuld, als Ursprung des Lichtes in unseren Seelen bekannt.

Diese Gnadengeschenke sind aber alle Folgen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes. Die Gnade der Taufe, die Gegenwart des Herrn in der Eucharistie, ja alle Sakramente der Kirche, wie auch die Kirche selbst, ihr Priestertum und ihre Hierarchie sind nichts anderes als Instrumente der göttlichen Barmherzigkeit. Daher ist es mehr als angebracht, dass die Kirche nun auch am Weißen Sonntag besonders der Barmherzigkeit Gottes gedenkt und für sie dankt.

Diese Barmherzigkeit hat aber, ebenso wenig wie Taufe und Eucharistie, an denen sie sichtbar wird, etwas bloß Symbolisches an sich. Die Taufe ist eben keine „Jugendweihe“, kein bloßer Anlass zu einem Familienfest, keine gesellschaftliche Konvention. Sie ist vielmehr der notwendige Schlüssel zum Heil. Sie ist der Strom des Lebens, durch den jene Ursünde abgewaschen wird, deren Folgen wir alle merken und deren Spuren uns immer nach unten ziehen. Die Taufe ist gerade nicht Konvention, sondern dramatisches Heilsgeschehen, ohne das wir verloren sind. Durch sie und das Wirken Gottes in ihr werden wir den Krallen Satans entrissen.

Ebenso ist die Eucharistie kein leeres Symbol. Sie ist nicht irgendein Stückchen Brot, das zum Zeichen kirchlicher Gemeinschaft jedem verteilt wird, der sich in die Schlange stellt. Sie ist nicht Erinnerung, sondern machtvolle Gegenwart. Die neue Wirklichkeit der Heiligen Hostie umschließt den Himmel. Der Heiland selbst thront durch sie mitten unter uns. Die Majestät Gottes ist in ihr der Kirche dauernd anwesend. Die geopferte Menschheit Christi setzt ihr Heilswerk im Opfer der Eucharistie andauernd fort. Wenn irgendwo die Fülle umgestaltender gott-menschlicher Majestät die Welt erreicht, dann in der heiligen Eucharistie.

Deswegen ist die Barmherzigkeit, die die Kirche heute feiert, auch nur auf dem Hintergrund der göttlichen Majestät wirklich zu begreifen. Wir haben keinen Großvater-Gott, der nicht mehr anders kann, als über unsere Schuld hinwegzusehen. Wir verehren auch keinen göttlichen Uhrmacher, der sich nach getanem Werk unbeteiligt die Welt von weitem ansieht. Die Urgewalt, die Schöpfermacht, die Allwissenheit Gottes ist vielmehr seit Ewigkeit und für immer unverändert. „Rot wie Scharlach“ (vgl. Isaias 1,18) steht unsere Schuld vor der unendlichen Größe des majestätischen Gottes und schreit nach Vergeltung!

Er aber macht sie „weiß wie Schnee“! Er entäußert sich seiner Majestät, wird ein Mensch wie wir, um für uns zu sterben und uns zu erlösen. Seine göttliche Kraft, unvermindert in seiner leidenden Menschheit, macht aus dem durch unsere Sünden verursachten Verbrechen an einem Unschuldigen das endgültige Erlösungsopfer unseres Heils. Der Allmächtige, Ewige Gott wird in Jesus Christus zum Opferlamm für uns, simul sacerdos et hostia: gleichzeitig Priester und Opfer. Das göttliche Drama unserer Erlösung ist das Wirklichkeits-Drama der unendlichen, liebenden Barmherzigkeit Gottes. Weil Gott so unendlich groß ist, besitzt er die grenzenlose Macht, Tod und Teufel und Sünde zu besiegen. Wer nicht an die Majestät Gottes glaubt, kann auch die göttliche Barmherzigkeit nicht begreifen.

Das Drama der Barmherzigkeit ist aber nicht zu Ende. Der Strom der von Christus teuer erkauften Barmherzigkeit fließt weiter in der Taufe. Deswegen ist dieses Sakrament auch das Sakrament der Majestät Gottes, das uns zu dem macht, was wir ursprünglich werden sollten: Kinder des großen Königs! Jeder, der gerettet werden will, bedarf des Stromes der Gnade, der die Ursünde und alle persönlichen Sünden hinwegspült. Ohne diese Gnade können wir der Barmherzigkeit nicht teilhaft werden, weil Hindernisse, die von der gebrochenen Freiheit des Menschen kommen, nur von der größeren Freiheit Gottes behoben werden können: „Erhebt Euch, ihr uralten Pforten, es kommt der König der Herrlichkeit!“ (Psalm 24, 9 auch 7-10).

Dasselbe Drama widerholt sich unblutig auf unseren Altären bei jeder heiligen Messe. Gottes Majestät lässt sich herab, sich unser zu erbarmen. Da ist nichts bloß äußerlich Symbolisches. Der barmherzige Gott ist in Christus für immer Mensch geworden. Er bleibt für immer der Geopferte. Für immer ist dieses Opfer gegenwärtig, wenn der Priester die Worte der Wandlung in der Person Christi spricht: Er ist wirklicher Stellvertreter des einzigen Hohepriesters Christus, der das Opfer von Golgotha über die Zeiten hinweg mitten unter uns sakramental vollzieht. Im „heiligen Opfer der Eucharistie, ‚vollzieht sich‘ ‚das Werk unserer Erlösung‘“, zitiert die Liturgiekonstitution des Vaticanum II (SC 2) die Sekret des 9. Sonntages nach Pfingsten. Im heiligen Opfer vollzieht sich das göttliche Drama der Barmherzigkeit des Allmächtigen zugunsten der ohnmächtigen Sünder.

Zur Wiederherstellung unserer Unschuld, ja zum noch größeren Geschenk der Gotteskindschaft an seine menschlichen Geschöpfe hat der Gottmensch sich wie ein Lamm schlachten lassen. Deswegen müssen wir alles tun, um die Frucht dieser Barmherzigkeit nicht zu verlieren. Angesichts des blutigen Lösegeldes, das Christus für die vielen bezahlt hat (vgl. Matthäus 20, 28), sollen wir die Erlösung nicht „auf die leichte Schulter nehmen“. Barmherzigkeit ist nicht selbstverständlich. Sie ist nicht garantiert. Sie ist nicht automatisch. Sie hat einen hohen Preis gefordert und sie fordert von jedem einen Preis. Gott hat den Preis für alle auf sich genommen. Er lässt seiner nicht spotten (vgl. Galater 6,7). Wer Gottes Barmherzigkeit leicht nimmt, der sündigt gegen sie. Wer die Gnaden der Taufe und der Eucharistie nicht ernst nimmt, dem können sie nicht helfen. Wer auf die Barmherzigkeit Gottes hin weiter sündigt, an dem ist sie verloren.

Der Apostel Thomas hat erst geglaubt, als er den Finger in die Seitenwunde des Herrn legen konnte, wie uns das heutige Evangelium sagt. „Selig, die nicht sehen, und doch glauben!“ (Johannes 20, 29), sagt der Herr zu ihm. Wir aber sollten wenigstens so glauben, wie der heilige Thomas. Denn wir haben gesehen! Wir haben gesehen und sehen es noch, wie die Majestät Gottes niedersteigt, wie sie sich im Gottmenschen für uns opfern lässt, wie aus der geöffneten Seitenwunde die Gnadenströme in Taufe und Eucharistie auf die Kirche herabfließen. Wir können gleichsam täglich unseren Finger in die offene Wunde der geopferten Barmherzigkeit legen. Glauben wir also an die Majestät dieser Barmherzigkeit, damit sie an uns nicht verloren geht. Dieser Glaube, der Glaube der Kirche, der Glaube unserer Väter, der wahre katholische Glaube an die erlösende Kraft des Dramas der göttlichen Barmherzigkeit wird uns freimachen. Denn dieser unser Glaube, so sagt der heilige Johannes, „besiegt die Welt!“ (1 Johannes 5, 4). Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Osterwünsche von S. Eminenz Raymond Kardinal Burke

Liebe Freunde,

            am Ostermorgen finden wir uns zusammen mit den heiligen Frauen, die unserem Herrn in seiner Passion und bei seinem Tod treu zur Seite standen, vor seinem leeren Grab wieder. Das Grab erinnert an die tiefe Qual des Todes und des Begräbnisses Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, der die grausamsten Leiden und die schändlichste Hinrichtung erleiden wollte, die zu dieser Zeit bekannt war, um uns für immer von der Sünde und von ihrer giftigsten Frucht, dem ewigen Tod, zu befreien. Aber das leere Grab ist voller Licht, und in ihm befindet sich der Osterengel. Es ist nicht mehr das Grab, sondern das Heilige Grab, das Zeugnis eines Geheimnisses, des Geheimnisses aller Geheimnisse: das Geheimnis der göttlichen Liebe, die unser Heil ist. Das Grab ist nicht leer, weil jemand den Leib des Erlösers weggenommen hat.

Der Osterengel verkündet den heiligen Frauen – und uns – das Geheimnis, von dem das Heilige Grab Zeugnis ablegt:   

Wundert euch nicht, ihr sucht Jesus von Nazareth, der gekreuzigt wurde. Er ist auferstanden, er ist nicht hier; seht den Ort, wo sie ihn hingelegt haben. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch nach Galiläa geht; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat (Mk. 16,6-7).

Gott hat in seiner unermesslichen und unaufhörlichen Liebe zu den Menschen seinen eingeborenen Sohn in unser menschliches Fleisch gesandt, um in demselben Fleisch den Sieg über die Sünde, den Sieg des ewigen Lebens, zu vollbringen. Der auferstandene Herr geht in der Kirche immer vor uns her und ist in der Kirche immer an unserer Seite, um uns auf dem Weg zu führen, der zum ewigen Leben führt.

Unser menschliches Leben ist daher für immer und auf die tiefgreifendste Weise verändert worden. Vom Tag der Auferstehung des Herrn an leben wir, die wir durch die Taufe in Ihm wiedergeboren sind, in Ihm. Wir, die wir von Gott dem Vater in Seinem eingeborenen Sohn adoptiert wurden, der gestorben und von den Toten auferstanden ist, leben in Christus. Wir sind in Christus lebendig. Er, der durch die Innewohnung des Heiligen Geistes in unseren Seelen lebt, geht vor uns her, führt uns, damit unsere irdische Pilgerreise ihre wahre Bestimmung erreicht: das ewige Leben in der Gegenwart Gottes – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – und in der Gemeinschaft der Engel und aller Heiligen.

Aus diesem Grund ermahnt uns der hl. Paulus mit aller Konkretheit und großem Realismus und gebietet: „Fegt den alten Sauerteig hinaus, damit ihr ein neuer Teig seid; ihr seid ja ungesäuert“ (1 Kor. 5,7). Er gibt uns keine abstrakte oder idealistische Ordnung, die außerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Allein können wir nicht frei von „dem Sauerteig der Bosheit und der Schlechtigkeit“ leben (1 Kor. 5,8). Es ist der Heilige Geist, den der auferstandene Herr aus seinem glorreich durchbohrten Herzen in unsere Herzen sendet. Er ist es, der uns verwandelt, damit wir „mit dem ungesäuerten Brot der Aufrichtigkeit und Wahrheit“ (1 Kor. 5,8) leben können. Wir sind nicht länger die Sklaven unserer Sünden und des Fürsten der Finsternis. Wir sind wahre Söhne Gottes, Brüder und Schwestern des auferstandenen Christus, freie Mitarbeiter mit Seiner Gnade, die immer reichlich vorhanden ist und an der es nie mangelt. Unsere Bestimmung in Christus, als adoptierte Söhne und Töchter in Ihm, ist nicht das Grab, sondern das ewige Leben. Wenn wir sterben, wird unser Leib in das Grab gelegt, um auf den Tag der Auferstehung des Leibes bei der endgültigen Ankunft Christi zu warten. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, macht uns zu dem fähig, was uns sonst unmöglich wäre: in Übereinstimmung mit der Wahrheit und in der Liebe Christi zu leben, jetzt und in der Ewigkeit.

Sicherlich stehen wir vor den schwierigen Herausforderungen des täglichen christlichen Lebens, der Täuschungen des Bösen und unserer eigenen Schwachheit. Sicherlich durchleben wir in der Welt gerade eine turbulente Zeit. Wir befinden uns in einer internationalen Gesundheitskrise, über die wir so wenig wissen und über die wir täglich verwirrende und sogar widersprüchliche Berichte erhalten; und diese turbulente Zeit durchleben wir selbst in der Kirche, die von so viel Verwirrung und Irrtum geplagt ist. Aber blicken wir auf das Heilige Grab, und wir werden die Wahrheit erkennen, die es bezeugt. Bleiben wir fest und stark, in der Zuversicht, dass der Herr tatsächlich von den Toten auferstanden ist und dass er vor uns hergeht und im täglichen Kampf an unserer Seite steht, damit wir ihm treu bleiben und in Übereinstimmung mit der Wahrheit und in der Liebe leben, die ihre reiche und unerschöpfliche Quelle im Heiligsten Herzen haben. Unsere Herzen werden, wenn sie in Sein Heiligstes Herz gelegt sind, die Weisheit und den Mut empfangen, unsere Identität als wahre Söhne und Töchter Gottes in Ihm treu zu leben.

Schauen wir, vereint mit der jungfräulichen Muttergottes, mit den heiligen Frauen, mit dem hl. Petrus und den anderen Zeugen der Auferstehung unseres Herrn durch die christlichen Jahrhunderte hindurch, kurzum, mit der ganzen Gemeinschaft der Heiligen, auf das leere Grab des Herrn, das Heilige Grab, und nehmen wir mit Zuversicht die Verkündigung des Osterengels auf, der uns versichert, dass Christus auferstanden ist und dass er vor uns hergeht, um uns immer in der Kirche zu begegnen, vor allem im Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie. Erheben wir heute und jeden Tag unsere Herzen, vereinigt mit dem unbefleckten Herzen Mariens, zu Seinem Heiligsten Herzen. Weihen wir unsere Herzen Seinem Heiligsten Herzen, um immer in Seiner Gemeinschaft, in Herzensgemeinschaft mit Ihm zu leben.

Es wird eine Geschichte über den heiligmäßigen Kardinal Stefan Wyszyński, Erzbischof von Gnesen und Warschau und Primas von Polen, erzählt, der zunächst inhaftiert und dann ab September 1953 von der kommunistischen Regierung unter Hausarrest gestellt wurde. Er und diejenigen, die ihm in jener Zeit beistanden, wurden Zeugen der unmenschlichen Behandlung, ja Folter und Hinrichtung, so vieler Gefangener. Einer von jenen, die ihm während seines Hausarrests zur Seite standen, äußerte eines Tages die Angst davor, wer an die Tür kommen könnte. Die Angst war nicht unbegründet. Der Kardinal soll geantwortet haben, dass, wenn die Angst an die Tür klopft, der Mut die Tür öffnet – und es ist niemand da. Mit anderen Worten: in Zeiten des Leidens und sogar des Todes müssen wir den Mut derer haben, die in Christus leben. Wir dürfen der Furcht nicht nachgeben, die zwar ein natürliches Gefühl in Zeiten der Gefahr ist, die Satan aber dazu benutzt, uns unseren christusähnlichen Mut zu nehmen. Vielmehr müssen wir immer größeres Vertrauen in unseren Herrn haben, der uns nie verlassen wird. Wenn wir mutig voranschreiten, wird es zwar Leid geben, aber keine Niederlage. Wenn der Mut die Tür öffnet, wird das, was wir so sehr gefürchtet haben, nicht da sein, weil Christus mit uns ist. Vielmehr wird es den Sieg Christi in unserem menschlichen Fleisch geben. In der gegenwärtigen und sehr ernsten Situation für die Welt und für die Kirche, sollten wir uns an das Beispiel des ehrwürdigen Kardinals Wyszyński erinnern. Wenn uns Furcht überwinden will, dann lasst uns mutig sein in Christus, der wirklich auferstanden ist und in uns lebt.

Setzen wir all unser Vertrauen auf unseren auferstandenen Herrn und machen wir uns das Gebet des Psalmisten ganz zu eigen, das an diesem Tag der Auferstehung unseres Herrn so schön gesungen wird:

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat;

Freuen wir uns und seien wir froh darüber.

Rette uns, wir bitten dich, o Herr!

Herr, wir flehen dich an, gib uns den Sieg (Ps. 118 [117], 24-25).

Ich bete für Sie und mit Ihnen. Mögen wir gemeinsam starke, feste und mutige Zeugen für das Geheimnis der Wahrheit und Liebe Gottes sein, die in uns wirken. Bitte beten Sie für mich.

            Möge die Feier der Auferstehung unseres Herrn bleibende Freude und Frieden in Ihr Heim bringen sowie festes Vertrauen und Mut in Ihr Herz.

Raymond Leo Kardinal BURKE

12. April 2020

Ostersonntag

Predigt Ostermontag

Liebe Gläubige!

“Bleib bei uns Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt!“ Diese Worte der Emmausjünger scheinen uns aus dem Herzen gesprochen. Während aber die Jünger an den Herrn dachten, dem der lange Heimweg nicht mehr zuzumuten war, dürfen wir Ihn bitten zu bleiben, weil uns die Schatten unserer Zeit selbst furchtsam machen. Während die Emmausjünger nämlich noch nicht wussten, wer bei ihnen einkehrte, haben wir den Herrn schon am Brotbrechen erkannt. Wir wissen, dass er mit uns auf dem Weg ist, ja noch mehr, dass er in jeder heiligen Messe mit uns das Brot des Lebens bricht, in dem Er selbst sich uns schenkt.

Daher dürfen wir ihn bitten zu bleiben, wenn es Abend wird und der Tag sich neigt. Leben wir nicht am Abend unserer Kultur? Hat sich der Tag unserer christlichen Gesellschaftsordnung nicht schon lange geneigt? Sind die Schatten nicht so lang geworden, dass sie nun wie bedrohliche Gespenster auf uns wirken? Unsere Institutionen scheinen schwach und hinfällig, Recht und Gesetz oft beliebig interpretierbar, persönliche Interessen derer, die uns leiten, nicht selten im Vordergrund und allerlei Ideologien, die wir lange überwunden glaubten, sind zurück.

In der Kirche scheint es nicht besser auszusehen. Mut, Frömmigkeit und Liebe zur Wahrheit scheinen selten geworden. Statt klarer Worte trifft man bestenfalls auf Schweigen; nur, wenn sich angepasst werden muss, wird Stärke simuliert. Es wird viel von Reformen gesprochen, doch die Maßstäbe solcher Verbesserungen bleiben zweifelhaft. Menschenfurcht und Medienwirkung gewinnen vor Treue zur katholischen Lehre und Moral. Ist das auch der Abend der Kirche? so hört man ängstlich fragen.

Dass wir in einer Zeitenwende leben, steht außer Diskussion. Vielleicht werden die bürgerlichen Institutionen, so wie wir sie in einer außergewöhnlich langen Friedenszeit erlebt haben, bald so ausgehöhlt sein, dass sie tatsächlich zerfallen. Kein Staatswesen ist ewig, so lehrt die Geschichte. Die klassische Kultur, so wie sie noch unsere Väter gekannt haben, hat sich tatsächlich längst verabschiedet. Unwissenheit und Unbildung steigen. Ob der Frieden, den uns Gott so lange erhalten hat, dauern wird, weiß Er allein. Europa hat sich öffentlich und privat von seinen christlichen Wurzeln losgerissen und sie verleugnet. Wie können wir erwarten, dass alles so weitergeht wie bisher?

Für einen Staat und eine Gesellschaft ohne Gott kann niemand die Garantie übernehmen. Für die Kirche aber hat sie Christus seit ihrer Gründung übernommen. Die Kirche hat alles überlebt und wird es auch in Zukunft tun. Durch göttliche Stiftung und Willen ist sie unzerstörbar. Sie hat den Verrat Petri und die Feigheit der Apostel überlebt, und das nicht nur einmal! Sie hat den Untergang großer Reiche und Kulturen überlebt, und zwar schon viele Male. Sie hat Verfolgungen, Seuchen, Barbarei, Völkerwanderungen, Unterdrückung, Martyrium, Häresie und Irrtum überlebt, so oft, dass ihre dauernde Existenz in sich selbst ein Wunderwerk der göttlichen Allmacht geworden ist.

„Du bist Petrus: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!“ (Matthäus 16, 18), hat der Herr dem Petrus bei Cäsarea Philippi gesagt. Damals wusste er schon, dass Petrus ihn im Stich lassen würde, dass er als Mensch feige und großsprecherisch war, dass man sich nicht auf ihn verlassen konnte. Trotzdem hat er ihm die Schlüssel des Himmelreiches gegeben und seither nie mehr entzogen.

Große Heilige, gewaltige Fürsten, weise Theologen haben das Schiff Petri durch die Stürme der Zeiten gesteuert, aber es hat wohl auch einige Feiglinge, Opportunisten, Weltlinge und Scharlatane auf dem Thron Petri gegeben. Die Zahl der guten Päpste ist weit höher, aber die anderen haben doch für kurze Zeit großes Übel anrichten können. Die Kirche hat sie alle überlebt!

Warum ist das so? Weil der Herr die Bitte der Emmausjünger schon erhört hat. In dem Evangelium des heutigen Tages heißt es: „Er stellte sich so, als wollte Er weitergehen.“ (Lukas 24, 28) In Wirklichkeit aber hatte er schon entschieden zu bleiben, um die Jünger über die Wahrheit der Auferstehung zu belehren. Er hat sich für immer entschieden, in der Kirche zu bleiben. Daher nennt er sie „meine Kirche“. Daher fragt er den die junge Kirche verfolgenden Paulus: „Warum verfolgst du Mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4) Er identifiziert sich mit Seiner Kirche! Manchmal stellt er sich allerdings in der Kirchengeschichte so, als wolle Er nicht bleiben. So scheint es heute, wie schon viele Male vorher. Aber er bleibt immer. Er will nur, wie damals, dass wir Ihn bitten, damit unsere Herzen offen werden, seine Gegenwart zu erkennen.

Bitten wir ihn also dringend um seine Gegenwart, wie der Emmausjünger. Wenn wir uns Sorgen machen um die Zukunft, wenn wir an der Gesellschaft verzweifeln, wenn wir die Vertreter der Kirche nicht mehr verstehen: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden!“ Wenn wir ihn so demütig bitten, dann wird er uns alles erklären. Dann wird er uns die Schrift verstehen lassen. Dann wird er die Kirchengeschichte erleuchten. Dann wird er seiner Kirche wieder Männer mit brennenden Herzen schenken, die offene Augen für seine Gegenwart haben.

Wenn wir Ihn nur bitten, dann werden auch uns mitten im Dunkel der Zeit die Augen aufgehen für das, was wirklich in der Kirche wichtig ist: Seine Heilsgegenwart im Altarsakrament, die uns niemals verlässt. Und wie die Jünger werden wir aufstehen und herausgehen ohne Angst vor der Zukunft, damit wir allen anderen sagen können, was heute und für alle Zeiten in der Kirche wirklich zählt: „Christus, gestern, heute und in Ewigkeit!“ Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt Ostersonntag

Liebe Gläubige!

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!“ So sangen wir in guten Zeiten in unseren Kirchen am Ostermorgen. Das Grab ist leer! Dieser kurze Satz ist für unseren Glauben von enormer Bedeutung. Unser Glaube ist kein Mythos. Wir glauben keine phantastischen Göttergeschichten, keine verworrenen Erzählungen von ewiger Wiederkehr und Neugeburt, keine Fabeln und Sagen, die niemand je nachprüfen kann. Der Inhalt unseres Glaubens übersteigt zwar die Grenzen unserer Vernunft, denn sein Ursprung ist im unendlichen Gott. Doch die Gründe dafür, dass wir die Offenbarung Gottes für wahr halten, beruhen auf unumstößlichen Tatsachen. Einige der wichtigsten darunter sind wesentlich für unsere Glaubensfreude an diesem Ostermorgen: Jesus hat unter uns gelebt, Er hat für uns gelitten und ist gekreuzigt worden, Er ist leiblich von den Toten erstanden!

Das leere Grab bezeugt die Wahrheit dieser historischen Tatsachen. Jesus ist nicht „in das Kerygma auferstanden“, seine Auferstehung ist also nicht eine bloße Glaubenserzählung der nachösterlichen Gemeinde, wie uns manche in verwässerter Wiederholung altmodischer Irrtümer oft protestantischen Ursprungs weismachen wollen. Seine Auferstehung ist ein Faktum, das wie jede andere Tatsache, deren persönliche Zeugen wir nicht gewesen sind, durch Zeugen, Beweise und Indizien erhärtet werden kann. Denken wir doch an die berühmte Schlacht Alexanders des Großen gegen Darius III von Persien bei Issos im Jahre 333 vor Christus. Dafür gibt es nur vier teilweise stark voneinander abhängige Quellen, die sämtlich erst 300 bis 400 Jahre später die Schlacht erwähnt haben.  Trotzdem zweifelt niemand an der Existenz dieser Schlacht!

Für die Auferstehung Christi jedoch gibt es Zeugen, die noch am Morgen selbst das leere Grab gefunden haben. Dass es sich dabei unzweifelhaft um das Grab Jesu handelte, war schon an der außergewöhnlichen Art der Bestattung eines „Verbrechers“ in der Grablege eines Vornehmen zu erkennen. Das Grab des Joseph von Arimathaea, selber Mitglied des Hohen Rates, war den jüdischen Hohepriestern und Pharisäern bekannt. Deshalb konnten sie es bewachen lassen und sie hätten sofort die Behauptung vom leeren Grab widerlegt, falls das möglich gewesen wäre.

Aber das Grab war leer! Deswegen sahen sie sich rasch gezwungen, die Fabel in die Welt zu setzen, seine Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Der Evangelist Matthäus berichtet das (Matthäus 28, 13-15) zu einer Zeit, in der noch viele lebten, die von den Geschehnissen gehört hatten. Wäre sein Zeugnis über die Fabel des Hohen Rates nicht wahr, hätten ihn die Zeitgenossen leicht widerlegen können. Offensichtlich haben also die Feinde der Christen tatsächlich diese beschuldigt, den Leichnam Christi gestohlen zu haben. Damit werden diese Feinde selbst zu Zeugen des leeren Grabes.

Nun waren aber die ersten Zeugen für das leere Grab die frommen Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gegangen waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Das ist doppelt bedeutsam. Erstens haben sie offensichtlich nichts vorbereitet oder erwartet, was auf ein leeres Grab hindeutet. Sonst wären sie ja nicht mit ihren Salbölen zum Grab gegangen. Maria Magdalena hält den Herrn in ihrer Überraschung sogar für den Gärtner, den sie fragt, wo er den Leib Jesu hingelegt habe. Die Frauen waren also auf die Auferstehung und die Tatsache des leeren Grabes in keiner Weise vorbereitet, ebenso wenig wie die Jünger, die den Frauen zunächst gar nicht glauben wollen. Es handelt sich also nicht um eine abgesprochene Lüge, sondern um Wahrheit!

Zweitens ist es sehr ungewöhnlich, dass die Evangelisten die Frauen überhaupt als Zeugen anführen. Frauen waren zur Zeit Jesu keine vollwertigen Zeugen im Prozessgeschehen und wurden auch sonst als glaubwürdige Zeugen nicht ernst genommen, was man an der zweifelnden Reaktion der Emmausjünger schon zu Genüge sieht. Wenn also die Tatsache des leeren Grabes nur eine Erfindung wäre, hätten die Evangelisten sich einen Bärendienst erwiesen, als erste und zunächst wichtigste Zeugen Frauen aufzuführen. Wenn sie es doch tun, zeigt sich, dass sie nichts zu verbergen oder zu beschönigen waren, weil ihr Bericht einfach wahr ist!

Die Apostel machen in diesen Zeugnissen für die Auferstehung ohnehin keine gute Figur. Während die Frauen wenigstens mutig zum Grab gehen, um den Leichnam des Herrn zu salben, bleiben sie furchtsam zurück und trauen sich nicht aus dem Haus, bis ihnen die Frauen von dem Geschehen berichten. Daraufhin glauben sie ihnen zunächst nicht, denn es sind ja „nur“ Frauen, aber schicken doch zwei Repräsentanten vor, während die anderen sich immer noch verstecken. Hätten sie diese für sie doch sehr peinlichen Umstände nicht verschwiegen, wenn sie eine schöne Phantasiegeschichte zurechtgemacht hätten? Sie haben nichts verschwiegen, und das zeigt wiederum, das alles wahr ist, was sie sagen.

Als dann der Lieblingsjünger Jesu auf das Zeugnis der Frauen hin dem zögerlichen Petrus vorauseilt und zuerst am leeren Grab ankommt, sieht er vom Eingang aus die Leinenbinden liegen, geht aber nicht in das Grab herein, sondern lässt dem Apostelfürsten Petrus den Vortritt. Dieser sieht ebenfalls die Leinenbinden liegen, findet aber das Schweißtuch säuberlich gefaltet an einem anderen Platz. Das ist weder das Werk von Grabräubern noch ein Produkt der Phantasie. Hier werden akribisch historische Einzelheiten wiedergegeben, die schon über das leere Grab hinausdeuten auf das Geschehen um den auferstandenen, den lebenden Jesus. Johannes, der Verfasser dieses Berichtes (Johannes 20, 1-10), ist selber der Zeuge und von allem, was er dazu schreibt, sagen die Indizien dasselbe wie er: „und wir wissen, sein Zeugnis ist wahr“ (Johannes 21, 24).

Doch dabei endet es ja nicht. Die historische Tatsache des leeren Grabes ist nur der erste Anfang der vielen glaubhaften Zeugnisse für die Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer, weil der Tod den Gottmenschen nicht halten konnte. Die göttliche Kraft sprengt die menschliche Wirklichkeit des Todes: Der auferstandene Herr erscheint viele Male als Lebender, um seinen Triumph über den Tod unter Beweis zu stellen. Jesus hat nicht nur das Grab leer hinterlassen, sondern er erscheint auch einer Vielzahl an Einzelpersonen (Lukas 24,34) und Gruppen (Matthäus 28,9; Johannes 20,26–30; 21,1–14; Apostelgeschichte 1,3–6; 1. Korinther 15,3–7). Paulus berichtet in einem für ihn nicht vorteilhaften Kontext, dass der Herr sogar 500 Brüdern auf einmal erschienen ist, als letztem auch ihm, der Fehlgeburt (1 Korinther 15, 6-8). Der Hebräerbrief spricht daher nicht zu Unrecht in einem weiteren Zusammenhang von einer „Wolke von Zeugen“ für die Wahrheit des Glaubens (Hebräer 12, 1).

Würden rein historische oder literarkritische Maßstäbe wie in den profanen Wissenschaften an die Tatsache der Auferstehung angelegt, dann würde die Vielzahl der Zeugnisse, ihre Verschiedenheit, ihr glaubwürdiger Zusammenhang und ihre zeitliche Nähe zum Geschehen mehr als ausreichender Beweis für die Tatsächlichkeit des Geschehens sein. Wenn alle überzeugt sind, dass die Schlacht bei Issos stattgefunden hat, für die gerade einmal vier Zeugnisse mit einem geschichtlichen Abstand von wenigstens dreihundert Jahren bestehen, warum glauben dann nicht alle der „Wolke von Zeugen“, die aus unmittelbarer zeitlicher Nähe das leere Grab und die Auferstehung Christi als Tatsache bezeugen?

Warum nicht? Weil die Existenz der Schlacht von Issos keine Ansprüche an uns stellt. Ihre Wirklichkeit ändert heute nichts mehr. Sie kann uns allen ganz egal sein. Die Tatsache der Auferstehung aber verlangt eine Antwort. Sie ändert unser Leben. Sie ist ein direkter Eingriff Gottes in diese Welt. Ihre Wahrheit ist nicht neutral, sondern eine Herausforderung. Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur Gott kann den Tod überwinden. Also ist Jesus Gott und alles was er sagt, hat göttliche Autorität und Anspruch auf unseren Glaubensgehorsam. Deswegen wollen, wie der Apostel Thomas, viele nicht glauben, und sogar das nicht, anders als Thomas, was sie gleichsam mit Händen greifen können, denn, „wenn das wahr ist, müsste ich ja mein Leben ändern“.

Doch nichts führt an der historischen Tatsache des leeren Grabes und der überaus zahlreichen Direktzeugnisse für den lebenden Jesus vorbei. Wer daran glauben will, der fällt keinem irrationalen Phantasiegebilde, keinem Mythos und keiner Erfindung zum Opfer. Wer glauben will, hat dafür seit dem Ostermorgen gute Gründe. Unser Glaube beruht auf Tatsachen. Das Geheimnis des Glaubens bleibt immer größer als diese, weil wir an Gott glauben und nicht an den Menschen. Aber weil wir an Gott glauben, der der Herr der Geschichte und der Wirklichkeit ist, täuscht er uns nicht mit einem leeren Mythos. Aus dem Grabe auferstehend zeigt er uns vielmehr, dass er der souveräne Herrscher über Anfang und Ende der Geschichte ist. Ihre Wahrheit gründet sich auf sein Handeln. Diese geschichtliche Wahrheit offenbart sich sichtbar für uns am Triumph des Gottmenschen über das Dunkel des Grabes. Darin besteht unsere Hoffnung auch in schwieriger Zeit. Deswegen singen wir mit der Kirche auch heute noch zurecht:

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!

Da sieht man Seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden.

Ihm kann kein Siegel, Grab noch Stein, kein Felsen widerstehn.

Schließt Ihn der Unglaub´ selber ein, er wird Ihn siegreich sehn!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zur Osternacht

Liebe Gläubige!

Das Dunkel der Nacht umhüllt uns. Wir können nicht in die Ferne blicken. Wir wissen nicht, was dort auf uns wartet. Wir sind zwar von den Mauern der Kirche beschützt, aber in menschlicher Schwäche blicken wir doch mit Furcht auf das Kommende.

Da erstrahlt uns ein Licht, das die Kirche jedes Jahr wieder für uns entzündet. Sie entzündet ein helles Feuer und betet segnend über dieser Quelle von Zuversicht und Wärme: „Herr, Gott, allmächtiger Vater, Du unvergängliches Licht und Schöpfer allen Lichtes, segne dieses Licht, das von Dir, dem Erleuchter der ganzen Welt, geheiligt und gesegnet ist: dieses Licht mache uns hell, und das Feuer Deiner Herrlichkeit bestrahle uns.“ An dieser Flamme, dem Feuer des Dreieinen Gottes, entzündet sie dann in der ursprünglichen Feier der Osternacht, die für fast zwei Jahrtausende die ihre war, schrittweise eine dreifache Kerze.

Diese dreifache Flamme auf einem Leuchter ist ein sprechendes Symbol für das Licht der Dreifaltigkeit, dessen helle Offenbarung mehr und mehr das Dunkel der angstmachenden Nacht des Heidentums durchdringt. Dreimal grüßen wir mit immer höherer Freude dieses Licht des Erlösers, der uns den Ursprung allen Lichtes aus der einen Herrlichkeit der drei göttlichen Personen offenbart: „Lumen Christi – Deo gratias!“

Dieses Licht ist Mensch geworden. Symbolisch steht die leuchtende Osterkerze für die Menschheit Christi, die vom Feuer der Gottheit entflammt ist. Stellvertretend für den Gottmenschen empfängt die Osterkerze das Lob der Erlösten im Gesang des Exsultet: „Nun jubelt im Himmel, ihr Chöre der Engel! Frohlocket, ihr hohen Geheimnisse Gottes! Erschalle die Siegesposaune zum Triumph des erhabenen Königs! Freue dich, Erde, bestrahlt vom himmlischen Lichte, und fühle, vom Lichtglanz des ewigen Königs erhellt, wie das Dunkel im ganzen Umkreis von dir gewichen. Freue auch Du dich, Mutter, heilige Kirche, verklärt von den Strahlen so herrlichen Lichtes, und dieser Tempel widerhalle vom mächtigen Jubel des Volkes!“

Die Kirche singt dieses Lob seit Jahrtausenden. Sie singt es, obwohl sie verfolgt ist, obwohl ihre Lehren nicht angenommen oder entstellt werden, obwohl die Zeiten unmittelbar um und auch nach der Menschwerdung, dem Erlösertod und der Auferstehung des Osterlammes dunkel waren und auch dunkel geblieben sind. Sie singt dieses von der Freude hellstrahlende Osterlob nicht in jenem falschen Hollywood-Optimismus, der sich hier auf Erden immer ein Happy End erwartet. Die Kirche weiß durch lange, leidvolle Erfahrung, dass es gelogen ist, dem Menschen hier auf Erden heuchlerisch zu versichern: „Alles wird gut!“

Nein, das Exsultet ist nicht kurzsichtige Freude über menschliche Sicherheiten, sondern weitblickende Freude über die himmlischen Gnaden, die uns durch das Ostergeheimnis zuteilwerden: „Diese geheiligte Nacht also vertreibt die Laster, wäscht ab die Sünden; den Gefallenen gibt sie die Unschuld wieder, den Trauernden die Freude. Sie verscheucht den Hass, stiftet Eintracht und beugt die Gewalten!“ Die Gaben der wirklichen Freude sind nicht äußerlich und zerstörbar, sondern innerlich und bleibend.

Die Flamme des Ostersieges Christi erlischt nicht mehr und erhellt die Nacht dieser Welt, auch wenn das Dunkel dichter wird: „Der aufgehende Morgenstern schaue noch ihre Flamme, jener Morgenstern, der keinen Untergang kennt; der aus dem Totenreich wiederkehrt, dem Menschengeschlecht aufleuchtet in mildem Glanze.“ Das ist die Freude dieser Nacht, die uns wird, weil wir wissen, dass das Dunkel niemals mehr siegen kann. Die Freude, auf der Seite des Lichtes zu stehen. Die Freude, nicht auf ewig verloren zu sein. Die Freude, das Licht in uns tragen zu können, das triumphiert über Sünde, Tod und Teufel. Diese Freude kann uns niemand nehmen, denn sie kommt nicht von Menschen, sondern von Gott, dem einen und dreifaltigen Gott, dessen Sohn für immer Sieger bleibt: „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!“

In dieser Freude wünsche ich Ihnen mitten im Dunkel der Zeit, im Namen des gesamten Institutes Christus König und Hohepriester sowie aller seiner Mitglieder, ein ganz gesegnetes und gnadenreiches Osterfest für Sie und die Ihren. Uns ist das Licht im Dunkel erschienen, denn „Christus ist auferstanden, Er ist wahrhaft auferstanden. Amen. Alleluja!“

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Karfreitag

Liebe Gläubige,

„Einsam und verlassen“, diese beiden Worte, die in unserer Sprache oft gemeinsam gebraucht werden, drücken eine Urangst des Menschen aus. Wir brauchen Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Ehe, der Familie, des Ordens, der Verwandten, des Freundeskreises, der Schul- oder Vereinskameraden, der Kollegen, auf einer weiteren Ebene brauchen wir die Gesellschaft, den Staat und vor allem die Kirche. Schon zu Beginn unserer Geschichte hat Gott uns so geschaffen. Im Buch Genesis (2, 18) sagt der Schöpfer: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; ich will ihm eine Hilfe machen als sein Gegenstück.“

Die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles haben den Menschen auch als ein zoon politicon, als ein gemeinschaftsbildendes und gemeinschaftsabhängiges Wesen definiert. Von Geburt bis Tod brauchen wir einander, brauchen wir Gemeinschaft, um zu leben und zu überleben. Wir können als Erwachsene für einige Zeit alleine sein, aber auf Dauer wird das zu einem großen Opfer. Wer immer alleine sein muss, der fühlt sich sehr bald wirklich „einsam und verlassen“.

Wir formen Gemeinschaft und brauchen sie. Gott aber ist Gemeinschaft. Die Majestät Seiner einen göttlichen Natur ist so reich, dass sie sich in drei wesensgleiche, gleicherhabene und für immer aufeinander bezogene Personen ergießt. Alles in Gott ist Gemeinschaft. Relationalität, Aufeinanderbezogenheit, drückt demnach in Gemeinsamkeit und Ursprungsunterscheidung das Tiefste des göttlichen Wesens überhaupt aus. Weil Gott Gemeinschaft ist, schafft seine Gegenwart Gemeinschaft: Erlösungsgemeinschaft, Glaubensgemeinschaft, Kirchengemeinschaft. Diese gottbezogene Gemeinschaft wird nur dort zerbrochen, wo die Sünde ist.

Das Gute vereint, das Böse spaltet. Deswegen ist einer der Namen Satans „Diabolus“, Teufel, vom Griechischen διαβάλλειν, diaballein, das unter anderem durchkreuzen, streiten, verleumden bedeutet. Als Judas Iskariot den Herrn verrät, sondert er sich aus. Er verlässt die Gemeinschaft der Apostel und damit der Kirche. Schließlich ist er so verlassen, dass er sich erhängt. Der Teufel scheint sein Ziel erreicht zu haben.

Doch er täuscht sich. Gott ist stärker als alle Vereinzelung und Einsamkeit. Christus ist Gott! Er ist so stark, dass er die Einsamkeit aller auf sich nehmen kann. Er, der ohne Sünde ist, wird zum Ausgesonderten, zum Verachteten, zum Vergessenen, zum Verhöhnten, zum Sündenbock. Allein zwischen Himmel und Erde, hängt er verlassen am Kreuz. Nur Seine Mutter ist noch da, aber auch sie muss zunächst mit den frommen Frauen von Weitem das Sterben Ihres Sohnes miterleiden (Markus 15, 40). Christus nimmt alle Einsamkeit der Sünde auf sich: Er erleidet für uns ohne Schuld jene Vereinzelung, die die Sünde selbst verursacht, wie auch jene Einsamkeit, die wir durch Mangel an Liebe erleiden.

Als Gott verlässt der Herr niemals die Ihm wesensgemäße Gemeinschaft mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Die trinitarische Wesensgemeinschaft des Einen Gottes ist unzerstörbar und ewig. Diese auf der Wesenseinheit beruhende relationale Lebensgemeinschaft gibt Christus letztlich die göttliche Kraft, die menschliche Einsamkeit der Sünde zu durchbrechen und über die letzte Einsamkeit des Todes zu triumphieren. Als Mensch jedoch lässt er zu, dass seine Seele in die tiefste aller möglichen Einsamkeit herabsteigt, um uns aus der Einsamkeit zu retten. Er erleidet in seiner Menschheit freiwillig und für uns die letzte Einsamkeit der Gottverlassenheit. „Eli, Eli, lema sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 15, 34; auch Psalm 22, 2). Dieser Angstschrei kommt in der Agonie aus der Tiefe Seiner menschlichen Seele, weil er die Angst aller angesichts des Todes auf sich nimmt. Er erleidet sie freiwillig und stellvertretend für uns.

Der Gottesknecht sieht Gott nicht mehr. Aus ewiger Gemeinschaft majestätsvoller Herrlichkeit steigt er selbstlos hinab in den bodenlosen Schrecken völliger Dunkelheit. Weil er sich ihr zum Opfer bringt, weil er herabsteigt in die Verlassenheit unserer letzten Einsamkeit im Tod, kann seine göttliche Kraft diese endgültig überwinden. Er hat das Schicksal des vereinsamten Sünders, also unser Schicksal, in seiner sündenlosen Menschheit auf sich genommen.

Er sprengt dieses Schicksal von innen, weil er es annimmt im Moment Seines menschlichen Todes und wie eine Schale abwirft in der Auferstehung. Das Dunkel kann den Gottmenschen nicht halten, die Hölle Ihn nicht verschlingen, der Tod Ihn nicht bezwingen. Diese uralten Bedrohungen der sündigen Menschheit unterliegen der Sündenlosigkeit Seiner vollkommenen Menschheit und der Stärke der triumphierenden Gottheit.

Doch bis sich sein Triumph vollendet, für uns alle sichtbar und wirklich gemacht durch das leere Grab am Ostermorgen, erleidet der Herr die äußerste Tiefe menschlicher Verlassenheit. Sein schreckliches körperliches Martyrium ist ebenso blutig wie wahrhaftig: Aller Schmerz ist der Seine! Das geistige Leiden des Herrn, sein Abstieg in seelische Drangsal und furchtbares Elend übersteigen jedoch den leiblichen Schmerz.

Aus diesem menschlichen Entsetzen, das wir auf Ihn geladen haben und das er für uns trägt, erklingt plötzlich ein Wort, das vom Kreuz herab nicht nur an die Umstehenden, sondern an alle Menschen guten Willens gerichtet ist. Der sterbende Gottmensch ruft: „Sitio – Mich dürstet!“ (Johannes 19, 28). Der Herr, dessen äußerster Angstschrei in der Gottverlassenheit noch die Erfüllung einer Prophezeiung der Psalmen ist, sagt auch hier nichts Banales. Er richtet sich vom Altar des Kreuzes an uns alle: Es dürstet Ihn nach unserer Antwort auf Seine Entäußerung. Der Ewige Hohepriester wartet auf unsere Annahme Seines Opfers. Die Liebe dürstet nach der Liebe!

Wie er schließlich in äußerster Agonie Seine Mutter dem Lieblingsjünger und in ihm uns allen zur Mutter gibt, so denkt der Herr auch in diesem Wort nicht an das Stillen nur menschlichen Durstes. Er denkt nicht an sich, Er denkt an uns. Er weiß, dass Sein Tod für jeden umsonst ist, der Ihm keine Antwort gibt. Er weiß, dass er Tod und Teufel durch sein Opfer bezwingen kann, aber dass die irrende menschliche Freiheit ablehnen kann, Teil dieses Sieges zu werden. Er weiß, dass der Mensch entscheiden kann, in der Einsamkeit der Sünde Sklave des alten Schreckens zu bleiben und ihm für immer zu verfallen. Er weiß, dass wir die abgegriffene Schäbigkeit der Sünde dem Glanz des Ostermorgens vorziehen können.

Deswegen fleht er uns an, Seinen Durst zu stillen: Den Durst nach unserer Zustimmung zu Seiner Gnade, die Sehnsucht, uns in Seiner Gemeinschaft zu sehen, den Durst, uns hinführen zu können zur trinitarischen Gemeinschaft der Ewigkeit. So wie der Herr für jeden Einzelnen von uns gestorben ist, wie er Sein Blut für jeden Menschen vergossen hat, so wie er uns persönlich vom Kreuz herab durch die Schleier der Geschichte hindurch ansieht, so dürstet er auch nach unserer persönlichen Antwort. „Sitio – Mich dürstet“: Dieses Wort ist aus der freiwilligen Leidenseinsamkeit des Herrn persönlich an mich gerichtet. Ich bin zur Antwort aufgefordert, zu der Antwort, die mir jene unendliche, ewige, erfüllende Gemeinschaft schenken wird, nach der ich mich im tiefsten sehne.

Wir alle brauchen Gemeinschaft, um zu leben. Menschliche Gemeinschaft allein aber erfüllt unsere Seele niemals genug, um sie vor dem Schrecken des Dunkels zu bewahren. In der besten Ehe, der schönsten Freundschaft lebt noch die Furcht der Einsamkeit. Alle menschliche Gemeinschaft ist Stückwerk und endet mit dem Tod. Wir aber sind für eine größere Gemeinschaft geschaffen, für die ewige Gemeinschaft mit Gott, die auch die wahre Gemeinschaft mit denen schaffen wird, die uns lieb sind. Daher sind wir auf Erden bis zuletzt ängstlich, unruhig, unzufrieden. Zu oft wollen wir unserer unruhigen Sehnsucht durch falsche Gemeinschaft oder zerstörerische Einsamkeit entfliehen. Das weiß der Herr und daher will er unsere Antwort.

Antworten wir dem gekreuzigten Herrn großzügig mit der Antwort der Liebe. Heute gibt uns der sterbende Gottmensch die Chance der richtigen Antwort, die Er selbst uns verdient hat. Er dürstet mit seinem ganzen Erlöserherzen nach dieser Antwort. Sie ist unser Heil. Bleiben wir nicht stumm angesichts solchen Leidens und solcher Liebe. Antworten wir, damit Sein Durst nach unserem Heil gestillt wird! Antworten wir, damit Er uns retten kann! Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Gründonnerstag

Haben Sie schon von den sogenannten “Gottesdienst-Sets“ gehört, die in einer Kirche in München an Studenten verteilt worden sind?  Dazu wurde erklärt: „In diesem Set befindet sich eine geweihte Hostie, ein Palmzweig, Weihwasser und ein dazugehörendes Gebet. Alle Bestandteile wurden mit den höchsten hygienischen Sicherheitsmaßnahmen verpackt.“ Mit unabsichtlicher Ironie, die schaudern macht, wurden die Empfänger des Sets noch aufgefordert „verantwortungsvoll mit der Hostie“ umzugehen. 

Im besten aller möglichen Fälle scheint hier der Leib Christi auf die Stufe von Sakramentalien gestellt zu werden, also von geweihten äußeren Zeichen, die in gewisser Nachahmung der Sakramente Wirkungen geistlicher Art bezeichnen und auf die Fürbitte der Kirche im Zusammenhang mit unserem persönlichen Glauben wirken, wie etwa das Weihwasser. Selbst in diesem besten aller möglichen Fälle können wir angesichts einer solchen Herabwürdigung des Altarsakramentes nur mit dem leidenden Herrn beten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34).

„Sie wissen nicht, was sie tun!“ Ist das nicht eine Aussage, die heute den Umgang mit dem Allerheiligsten Altarsakrament im Allgemeinen schildert? Wissen wir noch, was wir tun? Wissen wir noch, was im Moment der heiligen Wandlung wirklich geschieht? Wissen wir noch, wen wir bei der heiligen Kommunion wirklich empfangen? Wissen wir noch, wer auf uns in jedem Tabernakel unserer Kirchen wartet? Wissen wir, wie groß die Liebe ist, die sich uns ganz hingibt und sich heute sogar oft unwissenden oder gar beabsichtigten Sakrilegien ausgesetzt sieht?

Der heutige Gründonnerstag, an dem der Herr beim letzten Abendmahl die Sakramente der Eucharistie und des Priestertums eingesetzt hat, kann uns lehren, was im heiligen Messopfer wirklich geschieht. Dazu müssen wir aber zunächst eine Frage beantworten, die sich viele gar nicht mehr stellen und sicher nicht zu beantworten wissen: Was ist ein Sakrament?

Der Katechismus des hl. Papstes Pius X. antwortet darauf klar und eindeutig (Nr. 267 u. 268): „Die Sakramente sind die wirksamen Zeichen der von Jesus Christus zu unserer Heiligung eingesetzten Gnaden. Die Sakramente sind Zeichen der Gnade, weil sie in ihren sinnfälligen Teilen jene unsichtbaren Gnaden bedeuten oder auf sie hinweisen, die sie mitteilen. Sie sind deren wirksame Zeichen, weil sie nicht nur die Gnade bedeuten, sondern sie auch wirklich mitteilen.“

Ein Sakrament ist also nicht bloß „ein Zeichen der Nähe Gottes“. Schon gar nicht ist es ein leeres Symbol als Zeichen einer bloß persönlichen Glaubensüberzeugung. Es ist auch nicht nur ein äußerer Anlass für die Gnadengabe Gottes. Noch weniger ist es schließlich bloß ein Zeichen für die schon gegebene Gnade. Wir können es gar nicht deutlich genug sagen: Das Sakrament, also das von Christus eingesetzte äußere Zeichen, das die Kirche in ihrer Liturgie nach seinem Willen wiederholt, bewirkt innerlich die Ausschüttung der Gnade, die es bezeichnet. Das Sakrament ist das Instrument Gottes, das nach dessen ausdrücklich geäußertem Willen die Gnade wirkmächtig hervorruft, die wir erhalten.

Diese innerliche und wesentliche, daher unverzichtbare Wirkung der Sakramente zeigt ihren tiefen Zusammenhang mit dem Geheimnis der Menschwerdung. Die menschliche Natur Jesu Christi ist kein bloß äußerliches Zeichen für die Gegenwart Gottes in unserer Welt. Ohne die Tatsache, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich in tief innerlicher Verbindung seiner beiden Naturen ist, wäre das Erlösungswerk in dieser Heilsordnung gänzlich unmöglich gewesen. Daher hat uns Christus nicht „anlässlich“ seines Opfertodes erlöst, sondern durch sein Leiden, sein Kreuz und seine Auferstehung. Die Menschheit Christi ist, wie der heilige Thomas sich mit den griechischen Kirchenvätern ausdrückt, organon Divinitatis, instrumentum coniunctum, nämlich ein innerlich der Gottheit verbundenes Heilsinstrument, durch das die Erlösung bewirkt wird. Wie das Hochgebet der heiligen Messe sagt, sind wir tatsächlich „durch Ihn, mit Ihm und in Ihm“ erlöst worden.

Diese innerliche Verbindung von Gottheit und Menschheit wird von den sieben Sakramenten auf ähnliche Weise durch den Willen Gottes fortgesetzt. Das menschliche Zeichen wird Träger und Instrument des Heils, also wirkmächtiges Zeichen der Gnade. Es bleibt symbolisches Zeichen, aber es wird „Realsymbol“, wirkt also, was es bezeichnet. So bezeichnet die Taufe unsere Reinigung von der Erbschuld, bewirkt sie aber auch durch die Kraft Gottes, die das Zeichen des fließenden Wassers durch die trinitarische Taufformel geheimnisvoll enthält. Wer an der innerlichen Wirkkraft der Sakramente zweifelt, zweifelt im letzten an der Menschwerdung, an der Gottheit Christi und an Seinem Heilswillen. Wer aber die Worte des Herrn in der Offenbarung ernst nimmt, versteht, warum die Kirche unbedingt darauf achten muss, dass die Sakramente in jener grundsätzlichen Form gefeiert werden, die Christus ihnen gegeben und der Heilige Geist über Jahrtausende in der Liturgie bewahrt hat. Da die Sakramente unser Heil bewirken, ist jedes Wort und jeder Gestus bei ihrer Feier in abgestufter Weise heilsbedeutsam.

Das gilt vor allem für die heilige Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des sakramentalen Lebens der Kirche. Es handelt sich nicht um ein bloßes Symbol, nicht um eine fromme Erinnerung, nicht um ein rein äußeres Zeichen der Gnade, die dann nur unser Glaube bewirken würde. Die Eucharistie ist vielmehr das Realsymbol schlechthin: Christus, Seine Person und Sein Opfer sind unter den Gestalten von Brot und Wein unter uns ganz gegenwärtig, wie er es selbst gesagt hat: „Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für Euch vergossen wird!“ (Lk 22, 19-20) Daher konnte der Herr auch offenbaren: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben…Denn mein Fleisch ist eine wahre Speise und mein Blut ein wahrer Trank.“ (Jo 6, 54-55) Die Identifizierung des geopferten Herrn mit den eucharistischen Gestalten ist so klar, dass die Kirche entgegen allem hohlen Symbolismus lehrt, dass „die Gestalten von Brot und Wein wahrhaft den Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus zur Nahrung der Seelen“ enthalten (Katechismus des hl. Pius X, 316; auch KKK 1413).

Im Moment der Wandlung reißt durch die göttliche Kraft in den Worten Christi der Schleier der Zeit. Die immer und zeitlos wirkmächtige Kraft Gottes versetzt uns, wie die Apostel beim letzten Abendmahl, mit der Kirche unter das Kreuz. Kreuzesopfer und Messopfer sind im letzten identisch. „Das heilige Messopfer ist das Kreuzesopfer selbst. Es besteht nur ein Unterschied in der Weise der Darbringung.“ (Kat. d. hl. Pius X, 349) Christus selbst bringt durch die Priester dieses Opfer dar (vgl. KKK, 1410).  Der Opfertod Christi wiederholt sich sakramental-geheimnisvoll auf unseren Altären, die in diesem Moment in die Ewigkeit hineinragen. Der Opferwille Christi ist für immer in der Gottheit gegenwärtig und diese Gegenwart senkt sich bei der Wandlung des eucharistischen Opfers hinein in die Zeit, um in ihr zu bleiben, solange die eucharistischen Gestalten bestehen. So wie Christus in alle Ewigkeit das geopferte Lamm bleiben wird, so bleibt er durch das Allerheiligste Altarsakrament in seiner Kirche gegenwärtig bis zum Ende der Zeit. Wenn der Glaube durch das Schauen abgelöst wird, werden wir ihn „sehen, wie er ist“ (1 Johannes 3, 2) und niederfallen, um anzubeten.

Weil aber „im Altarsakrament Christus selbst gegenwärtig ist, ist es in Anbetung zu verehren“, sagt der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK, 1418). Weil die Gottheit und Menschheit, der Leib und die Seele des geopferten und auferstandenen Herrn gegenwärtig sind, fallen wir bei der Wandlung auf die Knie, beugen wir die Knie, wenn wir eine Kirche betreten, knien wir anbetend, wenn der Herr auf dem Altar in der Monstranz feierlich verehrt wird. Der Herr ist nach der Wandlung der heiligen Messe „wirklich, tatsächlich und substantiell gegenwärtig“ (KKK, 1413). Die Wandlung nennen wir deshalb mit dem Konzil von Trient Transsubstantiation, also Wesensverwandlung. Wir sehen, fühlen und schmecken noch die äußeren Gestalten, doch die Allgewalt Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, hat durch den Vollzug des Sakramentes nach dem Willen Christi Seine Gegenwart an die Stelle des vorher Vorhandenen gesetzt. Das ist keine bloß symbolische Handlung, keine Erinnerung an Vergangenes, sondern Gegenwart, großartige, göttliche, verklärte Gegenwart des triumphierenden Erlösers!

Diese Gegenwart ist, was nur Gott uns schenken kann; sie ist, was die Kirche aufgrund eindeutiger Offenbarung Christi von Anbeginn glaubt; sie ist, was wir in der heiligen Messe feiern und in der Kommunion empfangen. Schon die frühesten Christen haben das gewusst, wie wir aus den mahnenden Worten des heiligen Paulus entnehmen können, die wir in der Messfeier des Gründonnerstags hören: „Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der versündigt sich am Leib und Blut des Herrn. Daher prüfe sich der Mensch, und so esse er von dem Brot und trinke aus diesem Kelch. Denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, da er den Leib des Herrn nicht [von gewöhnlicher Speise] unterscheidet.“ (1 Korinther 11, 27-29). Deswegen gehen wir auch vor dem Osterfest zum Sakrament der Beichte, damit wir uns prüfen und unsere Schuld vergeben wird, bevor wir den Leib des Auferstandenen empfangen.

Deswegen auch scheiden sich am Altarssakrament die Geister. Das ist heute so, das war schon zu Zeiten des Lebens Jesu auf Erden so. „Viele von seinen Jüngern, die es hörten, sagten: ‚Hart ist diese Rede, wer kann sie hören?‘ […] Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.“ (Johannes 6, 60-66). Wir stehen vor einem Geheimnis des Glaubens, das zugleich Trost und Herausforderung bedeutet. Trost schöpfen wir aus dem festen Glauben an die bleibende Gegenwart des Herrn unter uns. So wie er nicht vom Kreuz herabgestiegen ist, so lässt er uns auch jetzt nicht allein, wenn Leiden kommen. Auf Ihn können wir immer zählen! Seine Gegenwart ist unverbrüchlich. Sie hängt nicht von unserem Glauben ab, weil sie objektiv und wirklich ist. Auch wenn wir zweifeln, bleibt Er da. Er entzieht dem Sakrament Seiner Gegenwart niemals seine Kraft. Es bleibt, wie alle Sakramente der Kirche, wirkmächtiges Zeichen seiner Erlösungsgnade. Er klopft an unsere Türe. Wir brauchen nur zu öffnen. Er ist da!

Darin liegt auch die Herausforderung. Weil Christus als Gottmensch in diese Welt gekommen ist und im Sakrament des Altares als Gottmensch Seiner Kirche gegenwärtig bleibt, stellt diese Präsenz Ansprüche. Viele aber „wissen nicht, was sie tun“. Sie wollen das Geheimnis verkleinern, denn Seine Gegenwart ist den Sündern unerträglich. Sie wollen sein Handeln leugnen: Was geschieht, „hat nichts mit Gott zu tun“. Sie hätten am liebsten den alten Weltbaumeister-Gott der Aufklärung zurück, der das Uhrwerk der Welt aufzieht und uns dann in Ruhe lässt. Aber wir können die Gegenwart Christi nicht abschaffen. Wir können den Erlöser nicht „zur Ruhe setzen“. Wir können Ihn nicht auf ein „Gottesdienst-Set“ reduzieren. Christus ist kein Symbol eines unverbindlichen „Seid-nett-zueinander“. Er ist keine ferne Erinnerung. Er ist da!

Heute, am Gründonnerstag, wie bei jeder heiligen Messe und in jedem Tabernakel, ist er wieder mitten unter seinen Jüngern. Er bricht mit uns das Brot des Lebens, dass Er selber ist. Er gibt sich uns ganz. Er wartet auf uns. Er weiß, wer ihn verraten wird. Trotzdem bleibt Er bei uns. Unsere Antwort auf die Herausforderung Seiner Gegenwart ist die der Kirche aller Zeiten: Bekenntnis, Anbetung, Liebe! Als der Herr die Jünger fragte: „Wollt nicht auch ihr weggehen?“, hat Petrus für uns alle die Antwort gegeben, die der göttlichen Gegenwart gebührt: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens!“ (Johannes 6, 67-68). Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Eine Botschaft von S. Em. Raymond Leo Kardinal Burke zur Karwoche 2020

Liebe Freunde,

Von Anfang meines Dienstes als Diözesanbischof an schien es, dass jedes Jahr, wenn die Feierlichkeiten zu Weihnachten und Ostern näher rückten, ein zutiefst trauriges Ereignis in der Diözese oder eine schwierige Krise zum Wohle der Diözese eintreten würde. Immer wenn ich die Feier der großen Geheimnisse unserer Erlösung mit Freude erwartete, geschah etwas, das aus menschlicher Sicht eine dunkle Wolke über die Feierlichkeiten legte und die Freude, die sie auslösten, in Frage stellte. Als ich einmal einem Mitbruder im Bischofsamt von dieser fast erschütternd regelmäßigen Erfahrung erzählte, antwortete er einfach: „Es ist Satan, der versucht, Dir Deine Freude zu stehlen.“

Es macht Sinn, dass Satan, den unser Herr als „einen Mörder von Anfang an, … einen Lügner und den Vater der Lüge“ (Joh. 8,44) beschreibt, vor unseren Augen die großen Realitäten der Menschwerdung und der Erlösung verbergen und uns von den liturgischen Riten ablenken will, durch die wir nicht nur diese Wahrheiten feiern, sondern auch unermessliche und unendliche Gnaden empfangen, die für uns erworben worden sind. Satan will uns davon überzeugen, dass Verlust und Tod und die Trauer und Angst, die die Riten dieser Woche begleiten, Christus als falsch erscheinen lassen, seine erlösende Menschwerdung verfälschen und unseren Glauben und die Freude, die die damit einhergeht, als Lüge darstellen.

Aber es ist Satan, der falsch liegt. Er ist der Lügner. Christus, Gott der Sohn, ist in der Tat Mensch geworden, Er hat in der Tat die grausamsten Leiden und den grausamsten Tod erlitten, aber nur, um unsere menschliche Natur zu erlösen, um uns das wahre Leben wiederzugeben, das göttliche Leben, das die schlimmsten Leiden und sogar den Tod selbst überwindet und uns sicher zu unserer wahren Bestimmung führt: zum ewigen Leben mit ihm.

Der hl. Paulus schrieb, im Angesicht unzähliger, zutiefst entmutigenden Prüfungen im Laufe seines apostolischen Dienstes, der in seinem Martyrium in Rom gipfelte, an die Christen in Kolossae: „Nun freue ich mich über meine Leiden um euretwillen, und in meinem Fleisch vollende ich das, was an den Leiden Christi fehlt, um Seines Leibes, der Kirche, willen“ (Kol. 1,24). Für ihn, wie es auch für uns sein sollte, ist das Leiden mit Christus um der Kirche willen, um der Liebe Gottes und unseres Nächsten willen, die unangreifbare und unerschöpfliche Quelle unserer Freude. Es ist der höchste Ausdruck unserer Gemeinschaft mit Christus, dem fleischgewordenen Gott, der mit ihm das Geheimnis der göttlichen Liebe Gottes – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – teilt. Das Leben Christi, die Gnade des Heiligen Geistes, die aus dem Herzen Christi ausgegossen wird, um in unseren Herzen zu wohnen, inspiriert und stärkt uns, Verlust und Tod mit seiner Liebe zu umarmen, somit zu erobern und in ewigen Gewinn und ein Leben ohne Ende zu verwandeln. Unsere Freude ist also keine oberflächliche Freude oder Emotion, sondern die Frucht der Liebe, die „stark wie der Tod“ ist, die „viele Wasser nicht auslöschen […] und auch keine Überschwemmungen ertränken kann“ (Hohelied 8,6-7).

Unsere Freude nimmt uns nicht den scharfen Stachel von Verlust und Tod, sondern stellt sich ihnen mit Vertrauen und Mut als Teil des lebenslangen Kampfes der Liebe, zu dem wir in diesem Leben berufen sind – schließlich sind wir durch Gottes Gnade wahre Soldaten Christi (2. Tim. 2,3) – in dem sicheren Wissen um den Sieg des ewigen Lebens. So konnte der hl. Paulus am Ende seines Lebens an seinen geistlichen Sohn und Mithirten der Herde, den hl. Timotheus, schreiben:

Denn ich bin bereits im Begriff, geopfert zu werden; die Zeit meines Aufbruchs ist gekommen. Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf beendet, ich habe den Glauben bewahrt. Nun liegt mir der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr an jenem Tag als der gerechte Richter überreichen wir; nicht nur mir, sondern auch allen, die in Liebe seinem Erscheinen zugewandt sind. (2. Tim 4,6-8).

Wir lieben Unseren Herrn, wir lieben die erlösende Inkarnation, durch die Er für uns in der Kirche lebendig ist, und deshalb freuen wir uns, den guten Kampf mit Ihm zu kämpfen, den Kurs zu halten, gleich welche Prüfungen uns bevorstehen sollten, und den Glauben zu bewahren, wenn der Vater der Lüge uns versucht, an Christus zu zweifeln oder ihn sogar zu verleugnen.

Satan hat vielleicht nie ein besseres Werkzeug als das Coronavirus gehabt, um uns die Freude an der Feier der heiligsten Tage im ganzen Jahr zu rauben, der Tage, an denen Christus für uns das ewige Leben erworben hat. Wie gerne würde er dieser einen Woche des Jahres, die einfach Karwoche genannt wird, die Heiligkeit nehmen! Die derzeitige internationale Gesundheitskrise, die durch das Coronavirus COVID-19 verursacht wird, bringt weiterhin eine tragische Ernte von Verlust und Tod ein, die tiefe Trauer und Angst im menschlichen Herzen hervorruft. Sicherlich nutzt Satan das Leid, das so viele Häuser, Stadtviertel, Städte und Nationen heimgesucht hat, um uns dazu zu verleiten, an unserem Herrn und dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe zu zweifeln, die Seine großen Geschenke für unser tägliches Leben sind. Die Wirkung der mörderischen Absicht Satans und seiner Lügen wird umso größer, je weiter wir vom Herrn entfernt sind, wenn wir Sein Leben in uns als selbstverständlich hingenommen haben, wenn wir Ihn sogar verlassen haben, als wir vorübergehenden weltlichen Vergnügungen, Bequemlichkeiten oder Erfolgen nachgegangen sind.

In der Kirche selbst erleben wir das Versäumnis, an erster Stelle Christus als den Herrn zu verkündigen. Wie viele leiden heute zutiefst unter einer grundlosen Angst, weil sie das Königtum des Herzens Jesu in ihren Herzen und Häusern vergessen oder sogar abgelehnt haben. Denken Sie an die Worte unseres Herrn an Jairus, der Seine Hilfe für seine sterbende Tochter suchte: „Fürchte dich nicht, glaube nur“ (Mk. 5,36). Wie viele sind heute ohne Hoffnung, weil sie glauben, dass der Sieg über das Übel des Coronavirus COVID-19 völlig von uns abhängt, weil sie vergessen haben, dass wir zwar alles tun müssen, was wir menschlich tun können, um ein großes Übel zu bekämpfen, dass aber Gott allein unsere Bemühungen segnen und uns den Sieg über Verlust und Tod geben kann. Es ist so traurig, Dokumente – sogar Dokumente der Kirche – zu lesen, die vorgeben, die wichtigsten Schwierigkeiten anzusprechen, mit denen wir konfrontiert sind, aber in denen keine Anerkennung der Herrschaft Christi zu finden ist, der Wahrheit, dass wir in unserem Sein, in allem, was wir sind und haben, völlig von Gott abhängig sind und dass deshalb Gebet und Anbetung unser erstes und wichtigstes Mittel zur Bekämpfung eines jeglichen Übels ist.

Vor einigen Tagen sagte ein junger, erwachsener Katholik zu mir, als wäre dies eine logische Tatsache, dass er dieses Jahr wegen des Coronavirus kein Ostern feiern würde. Wenn es bei der Freude über unserer Osterfeierlichkeiten nur um die Frage eines Wohlgefühls ginge, würde ich seine Gefühle verstehen. Aber die Freude über Ostern wurzelt in der ewigen Wahrheit: es ist der Sieg Christi über das, was augenscheinlich nach Seiner Vernichtung aussah, es ist der Sieg, den er in Seiner menschlichen Natur errungen hat, um uns dieses gleichen Sieges in unserer menschlichen Natur teilhaftig werden zu lassen, ganz gleich, welche Härten wir erleiden mögen. Wenn wir an Christus glauben, wenn wir auf seine Verheißungen vertrauen, dann müssen wir mit Freude sein großes Werk der Erlösung feiern. Die Geheimnisse der Passion, des Todes und der Auferstehung Christi zu feiern, bedeutet nicht, dass es uns an Respekt für das Leiden so vieler Menschen in der heutigen Zeit mangelt, sondern dass wir erkennen, dass Christus mit uns ist, um unsere Leiden mit seiner Liebe zu überwinden. Unsere Feier ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung für diejenigen, deren Leben auf eine harte Probe gestellt ist, und lädt sie ein, ihr Vertrauen auf unseren Herrn zu setzen.

Ja, die Karwoche in diesem Jahr ist für uns ganz anders. Das mit dem Coronavirus verbundene Leiden hat sogar dazu geführt, dass viele Katholiken in der Karwoche keinen Zugang zu den Sakramenten der Buße und der Heiligen Eucharistie haben, die unsere außergewöhnliche, aber auch gewöhnliche Begegnung mit dem auferstandenen Herrn sind, damit er uns in seinem Leben erneuert und stärkt. Aber sie bleibt die heiligste Woche des Jahres, denn sie erinnert an die Ereignisse, durch die wir in Christus lebendig sind, durch die das ewige Leben uns gehört, auch angesichts einer Pandemie, einer weltweiten Gesundheitskrise. Ich bitte Sie daher inständig, nicht der Lüge Satans nachzugeben, der Sie davon überzeugen will, dass Sie in diesem Jahr in der Karwoche nichts zu feiern haben. Nein, Sie haben alles zu feiern, denn Christus ist uns in jedem Leid vorangegangen und begleitet uns auch jetzt in unseren Leiden, damit wir in Seiner Liebe stark bleiben, der Liebe, die jedes Übel besiegt.

Heute feiern wir den Palmsonntag, an dem Christus mit dem vollen Wissen um die Passion und den Tod, die ihn erwarteten, in Jerusalem einzog. Er wusste, wie vergänglich die Begrüßung war, die man ihm darbrachte. Es war eine angemessene Begrüßung für den König des Himmels und der Erde, aber sie war oberflächlich, weil diejenigen, die sie ihm entgegenbrachten, nur ein weltliches Verständnis von der Erlösung hatten, die er für uns zu erwerben kam. Sie waren nicht bereit, sich mit Christus zu vereinigen, als Er Sein ewiges Königreich durch die Ereignisse seiner Passion und seines Todes errichtete. Nach dem Palmsonntag wird die ganze Karwoche zu Recht als heilig bezeichnet, weil jeder dieser Tage einen Teil der beständigen Heilssendung Christi umfasst, die sich auf ihrem Höhepunkt befindet.

Nehmen Sie sich heute Zeit, darüber nachzudenken, welchen königlichen Empfang Sie Christus in Ihrem Herzen und in Ihrem Haus bereitet haben. Lesen Sie noch einmal den Bericht über seinen Einzug in Jerusalem und darüber, wie er nach seinem triumphalen Einzug mit den Worten über Jerusalem geweint hat:

O Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten mordest und die steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln sammelt, und ihr habt nicht gewollt!“ (Mt. 23,37).

Wenn Sie oder Ihr Haus weit von Unserem Herrn entfernt sind, denken Sie daran, wie sehr Er wünscht, Ihnen nahe und der ständige Gast Ihres Herzens und Ihres Hauses zu sein.

Bleiben Sie während der gesamten Karwoche bei Christus. Machen Sie den Gründonnerstag in besonderer Weise zu einem Tag der tiefen Danksagung für die Sakramente der Heiligen Eucharistie und des Heiligen Priestertums, die Unser Herr beim letzten Abendmahl eingesetzt hat. Machen Sie den Karfreitag zu einem ruhigen Tag, an dem Sie Bußübungen vornehmen, um tiefer in das Geheimnis des Leidens und Sterbens Christi einzutauchen. Seien Sie am Karfreitag erfüllt von Dankbarkeit für die Sakramente der Buße und der Krankensalbung. Halten Sie am Karsamstag Wache bei unserem Herrn, preisen und danken Sie Ihm für das Geschenk Seiner Gnade in unseren Seelen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes aus Seinem herrlichen, durchbohrten Herzen. Denken Sie besonders darüber nach, wie Seine Gnade in Ihnen durch die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Heiligen Eucharistie wirkt. Denken Sie in all diesen Tagen über das Geschenk des Sakraments der heiligen Ehe und seiner Frucht, der Familie – der „Hauskirche“ oder kleinen Hauskirche -, nach und danken Sie ihm dafür. Es ist normalerweise der erste Ort, an dem wir Gott kennen lernen, ihm Gebet und Anbetung darbringen und unser Leben nach seinem Gesetz ausrichten.

Wenn Sie an den liturgischen Feiern dieser heiligsten Tage nicht teilnehmen können, was in der Tat eine große Not ist, denn nichts kann die Begegnung mit Christus durch die Sakramente in diesen Tagen ersetzen, dann bemühen Sie sich in Ihren Häusern um die Teilnahme an der heiligen Liturgie durch Ihren Wunsch, in der Gemeinschaft mit Unserem Herrn zu sein, besonders im Geheimnis seines Heilswerkes. Unser Herr erwartet von uns nicht das Unmögliche, aber Er erwartet, dass wir so gut wie möglich versuchen, in diesen Tagen Seiner mächtigen Gnade bei Ihm zu sein.

Es gibt viele wunderbare Hilfen, um solch ein heiliges Verlangen zu nähren. Zunächst einmal gibt es in der Kirche einen reichen Schatz an Gebeten: die Lektüre der Heiligen Schrift, z.B. der Bußpsalmen, insbesondere des Psalms 51 [50], und die Darstellung des Leidens unseres Herrn in den vier Evangelien, die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, die Meditation über die Geheimnisse unseres Glaubens durch das Beten des Heiligen Rosenkranzes, insbesondere die schmerzhaften Geheimnisse, die Litaneien des Heiligsten Herzens Jesu, der Seligen Jungfrau (der Lauretanischen Litanei), des hl. Josef, und der Heiligen, den Kreuzweg – der auch zu Hause mit den Bildern der Vierzehn Stationen, die in einem Gebetbuch oder auf einem heiligen Gegenstand dargestellt sind, gemacht werden kann – , das Beten des Barmherzigkeitsrosenkranzes, Besuche von Heiligtümern, Grotten und anderen Orten, die unserem Herrn und den Geheimnissen der erlösenden Menschwerdung heilig sind, und die Verehrung der Heiligen, die uns mächtig geholfen haben, insbesondere des hl. Rochus, des Schutzpatrons gegen die Pest.

Auch sind wir in unserer Zeit gesegnet, dass wir über die Kommunikationsmedien Zugang zu den heiligen Riten und öffentlichen Andachten haben, wie sie in bestimmten Kirchen gefeiert werden, insbesondere in den Kirchen von Klöstern und Konventen, an denen die gesamte Gemeinschaft teilnimmt. Einen heiligen Ritus zu sehen, der im Fernsehen übertragen wird, ist sicherlich nicht dasselbe wie die direkte Teilnahme daran, aber wenn es alles ist, was uns möglich ist, dann ist es sicherlich unserem Herrn angenehm, der es nie versäumen wird, uns, als Antwort auf unseren demütigen Akt der Hingabe und Liebe, mit seiner Gnade zu überschütten.

Auf jeden Fall darf die Karwoche nicht für uns wie jede andere Woche sein, sondern muss von den tiefsten Gefühlen des Glaubens an Christus, der allein unsere Rettung ist, geprägt sein. Die Gefühle des Glaubens in diesen heiligsten Tagen sind ebenfalls Gefühle tiefster Dankbarkeit und Liebe. Wenn Ihre Dankbarkeit und Liebe nicht durch die Teilnahme an der Heiligen Liturgie ihren höchsten Ausdruck finden können, dann lassen Sie sie in der Hingabe Ihrer Herzen und Ihres Hauses zum Ausdruck kommen. Im Gedenken an die Ereignisse des Heiligen Triduums, zusammen mit Christus, seiner Gottesmutter und allen Heiligen, betrachten wir das Geheimnis seines Lebens in jedem von uns. Uns allen wird die Zeit, die wir jeden Tag im Gebet und in der Andacht verbringen und über die Passion unseres Herrn meditieren, helfen, in diesen heiligsten aller Tage auf die bestmögliche Weise mit unserem Herrn zusammen zu sein. Wie sehr sollten uns die Leiden der momentanen Zeit lehren, welch unvergleichliches Geschenk die heilige Liturgie und die Sakramente sind!

Ich möchte mit der Versicherung schließen, dass Sie und Ihre Anliegen heute in meinen Gebeten sind sowie während der gesamten Karwoche und insbesondere während des Heiligen Triduums am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Mögen wir alle Christus mit tiefstem Glauben, tiefster Hoffnung und Liebe begegnen, wenn wir diese heiligsten Tage feiern, an denen er gelitten hat, gestorben und auferstanden ist, um uns von der Sünde und von allem Bösen zu befreien und für uns das ewige Leben zu gewinnen. Möge das Begehen der Karwoche in diesem Jahr unsere starke Bewaffnung im laufenden Kampf gegen das Coronavirus COVID-19 sein. In Christus wird der Sieg unser sein. „Fürchtet euch nicht, glaubet nur“ (Mk. 5,36).

Raymond Leo Kardinal BURKE, Palmsonntag, den 5 April 2020

Brief an die Gläubigen von Msgr. Dr. Gilles Wach, dem Generalprior des Instituts Christus König

Liebe Freunde des Instituts Christus König und Hohepriester,

anlässlich der Karwoche möchte ich die Gelegenheit ergreifen, um mich an Sie zu wenden und Sie in diesen tragischen Stunden der Gebete unserer Gemeinschaft zu versichern; außerdem möchte ich Ihnen einige Neuigkeiten über unser Institut, unsere Priester, Seminaristen und Schwestern übermitteln.

Infolge der Regierungsmaßnahmen, die in Italien kurz nach Beginn der Gesundheitskrise ergriffen wurden, haben sich unser Mutterhaus und unser Seminar in Gricigliano schon vor fast einem Monat in Quarantäne begeben. Da es sich nicht um eine Pfarrei, sondern um ein von unserem florentinischen Apostolat unabhängiges Ausbildungshaus handelt, war es notwendig, die vielen Seminaristen und Priester, die dort leben, zu schützen, damit sie ihr Gebetsleben und ihr Studium wie gewohnt fortsetzen können. So haben wir das Gebetsleben und den Gesang des Offiziums beibehalten und zu den üblichen Ämtern Bittgebete in Ihren Anliegen, die tägliche Anbetung und eine wöchentliche Bußprozession auf dem Seminargelände hinzugefügt, um Gottes Gnade zu erflehen.

In unseren Prioraten, Kirchen, Klöstern, Missionen, Werken und Stiftungen versuchen unsere über die ganze Welt verteilten Kanoniker ihr Bestes zu geben, um an Ihrer Seite zu bleiben – ist ja der Trost der Heiligen Kirche in solchen Momenten besonders wertvoll und wichtig. Je nach den Einschränkungen, die durch zivile oder kirchliche Gesetze auferlegt werden, versuchen sie, Ihnen den größtmöglichen Zugang zu den Schätzen des sakramentalen Lebens zu ermöglichen.

Es scheint mir, dass eine Epidemie solchen Ausmaßes erlaubterweise als ein Zeichen des Himmels interpretiert werden darf, zu dem Zweck, uns auf das Wesentliche zurückzubringen, wie es von vielen Seiten zu hören ist. Aber was ist das Wesentliche? Ist es nicht Gott selbst? In der Heiligen Schrift gibt Gott vergleichbare Warnungen, um uns zur Bekehrung anzuregen. „Ein Jesus, der mit allem und jedem übereinstimmt“, schreibt Benedikt XVI., „ein Jesus ohne seinen heiligen Zorn, ohne die Härte der Wahrheit und der wahren Liebe, ist nicht der wahre Jesus, wie die ihn Schrift zeigt, sondern seine elende Karikatur. Eine Konzeption des Evangeliums, in der der Ernst des Zornes Gottes nicht mehr existiert, hat nichts mit dem biblischen Evangelium zu tun“ (J. Ratzinger, Auf Christus schauen).

Heutzutage hören wir so wenig über die Sünden, die Fehler, die Vergehen, die der Mensch gegen seinen Gott begeht und die gegenwärtig auf gesellschaftlicher Ebene sogar noch gefördert werden. Man erkennt den Schöpfer kaum als den absoluten Herrn über Leben und Tod an. Die Erfahrung von Krankheit und Angst lehrt uns auf zweifache Weise: Der Reichtum und die Größe unserer Welt sind nichts als Eitelkeit, da die Kleinheit eines Virus ausreicht, um sie in die Knie zu zwingen; andererseits müssen wir den Sinn unseres menschlichen Zustandes wiederentdecken; es ist die Liebe für die Kleinsten, die Zerbrechlichsten, die Verletzlichsten und der erlösende Sinn des Leidens.

Um aber die richtige Antwort auf das »Warum« des Leidens finden zu können, müssen wir auf die Offenbarung der göttlichen Liebe schauen, die tiefste Quelle für den Sinn von allem, was ist. Die Liebe ist auch die reichste Quelle für den Sinn des Leidens, das immer ein Geheimnis bleiben wird: Wir sind uns bewusst, wie unzureichend und unangemessen unsere Erklärungen sind. Christus lässt uns jedoch in das Geheimnis eindringen und das »Warum« des Leidens entdecken in dem Maße, wie wir fähig sind, die Tiefe der göttlichen Liebe zu erfassen.

In diesen Tagen feiern wir den fünfzehnten Todestag des hl. Johannes Paul II. und Anfang Mai seinen hundertsten Geburtstag. Was der Diener Gottes uns als sein letztes Zeugnis hinterlassen hat, ist ein Leiden, das durch die Liebe des Erlösers verklärt und für seine apostolische Sendung und die Nächstenliebe ausschlaggebend wurde. In seiner Enzyklika ‚Salvifici Doloris‘, die dem Sinn des Leidens gewidmet ist, schrieb er: „Das Leiden ist etwas noch viel Umfassenderes als die Krankheit; es ist noch vielschichtiger und zugleich noch tiefer im Menschsein selbst verwurzelt. […] Die Weite und Vielfalt des moralischen Leidens sind gewiss nicht geringer als beim körperlichen Leiden; […] Um den tiefen Sinn des Leidens zu finden muss man v.a. das Licht der Offenbarung aufnehmen, nicht nur soweit es die transzendente Ordnung der Gerechtigkeit zum Ausdruck bringt, sondern insofern es diese Ordnung mit Liebe erleuchtet, der letzten Quelle für alles, was existiert. Die Liebe ist auch die reichste Quelle für die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Diese Antwort ist von Gott dem Menschen im Kreuze Jesu Christi gegeben worden.“

Am Karfreitag wird die Kirche wieder die großen Stunden der Passion und des Todes des Erlösers erleben. Mögen wir uns mit den Leiden des göttlichen Opfers vereinen, mit unseren eigenen Kreuzen, Krankheiten, Einsamkeiten, Ängsten, materiellen und geistlichen Entbehrungen, die uns diese lange Quarantäne auferlegt. Seien wir überzeugt, dass Gott, der so gut, so liebevoll, so barmherzig ist, „nicht den Tod des Sünders will, sondern dass er sich vielmehr bekehre und lebe.“ (Hesekiel, XXXI, 11).

Mir scheint, dass bestimmte kirchliche Autoritäten zu schnell und leicht beschlossen haben, die Kirchen zu schließen und den Zugang zu den Sakramenten einzuschränken – oder sogar zu unterdrücken. Wie können solche Maßnahmen ins Auge gefasst werden, wenn Supermärkte und Banken geöffnet bleiben? Ist das übernatürliche Leben von geringerem Wert? Ist es zweitrangig? Muss nicht auch die Seele regelmäßig genährt, gereinigt und unterstützt werden, v.a. wenn sie unzähligen Prüfungen ausgesetzt ist? Wenn man seinen Arzt konsultieren darf, bei Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen, warum kann man dann nicht, ebenfalls bei Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen, den Priester, den wahren Arzt der Seele, treffen? Könnten nicht die Vorkehrungen, die zur Verminderung des Risikos in den Supermärkten, den Arztpraxen etc. getroffen werden, ebenfalls in unseren Kirchen Anwendung finden? Mit den derzeitigen Mitteln ist es möglich, selbst strenge Vorsichtssysteme in unseren Kirchen zu schaffen. Die Evangelisten haben uns gezeigt, welche besondere Liebe Christi zu den Unglücklichen im Leben hatte und ganz besonders zu den Kranken, indem ihnen die körperliche Gesundheit wiederherstellte, als einfaches Unterpfand der geistlichen Heilung: „Geh, dein Glaube hat dich gerettet! “

Ich danke herzlich unseren Kanonikern, die alles tun, um Ihnen zu helfen und die, durch Sie, unserem Herrn dienen, durch ihre Besuche oder die Übertragung der liturgischen Feiern. Jetzt schon zeichnet sich eine große wirtschaftliche und menschliche Krise ab: Wir werden uns mutig mit Engpässen aller Art auseinandersetzen müssen. Ich weiß, dass wir in einigen Häusern des Instituts und in den Konventen unserer Schwestern bereits damit begonnen haben, Lebensmittel zu verteilen und Familien zu helfen, die sich in Versorgungsschwierigkeiten befinden. Wir werden diesen dringend benötigten Dienst am Nächsten weiter entwickeln und organisieren. Aber in der Überzeugung, dass „der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund des Allerhöchsten kommt“, werden wir v.a. auch für die geistlichen Bedürfnisse sorgen, indem wir, ohne die vorgeschriebenen Einschränkungen zu verletzen, die Kontinuität des sakramentalen Lebens gewährleisten. Denn wir sind uns sehr wohl bewusst, dass die größte Gefahr, die unsere Gesellschaft heute bedroht, geistlicher Natur ist – mehr als die soziale oder wirtschaftliche.

Ich frage mich, was für eine Theologie ein Kleriker haben muss, der sich erlaubt, den Zugang zu den Sakramenten zu verbieten, während er gleichzeitig für eine bessere Zusammenarbeit im Bereich der natürlichen Belange eintritt. Niemand bestreitet, dass sowohl die materielle als auch die geistliche Existenz an die Umstände angepasst werden müssen und die üblichen Vorsichtsmaßnahmen genauestens eingehalten werden sollten. Trotz alledem ist die Unterdrückung der gewöhnlichen Kanäle der Gnade niemals eine gute Lösung. Auch wenn der Zugang zu den Sakramenten kein absolutes Recht der Gläubigen ist, so ist es dann nicht dennoch die Pflicht des Priesters, ihre Ausspendung zu erleichtern und Gott zu den Zerbrechlichsten, Einsamsten und Unglücklichsten zu bringen? Welchen Wert hätte das Opfer, die volle und beständige Weihe des eigenen Lebens, ohne diese Perspektive?

Ich danke allen unseren Gläubigen für ihre unermüdliche Unterstützung, die sich in Ihren vielen Botschaften widerspiegelt, und unseren Kanonikern, Schwestern und Seminaristen für ihr Engagement und ihre Gebete.

Wir stehen unmittelbar vor der Karwoche, dem Höhepunkt des liturgischen Zyklus und dem Zentrum des christlichen Lebens. In dieser Zeit in Gricigliano bin ich mit Ihnen im Gebet vereint. Jedem von uns liegt es am Herzen, Ihre Anliegen zum Fuß des Kreuzes zu tragen und für die Kranken, die Sterbenden, für die Familien, die in Schmerzen, Qualen oder Bedrängnissen leben, zu beten, ebenso wie für die Vielen in der Welt mit ihrem beispiel- und heldenhaften Einsatz, lebensnotwendige Dienste weiterhin zu leisten und ihre Verpflichtungen mutig zu erfüllen. Möge Gott sie alle schützen und segnen!

Und Sie, liebe Gläubige, bleiben Sie im Gebet mit uns vereint. Ich werde mir erlauben, Ihnen weiterhin Neuigkeiten mitzuteilen, da die für die kommenden Wochen geplanten Veranstaltungen des Instituts je nach den Fristen abgesagt oder verschoben worden sind. Ich lade Sie ein, besonders Unsere Liebe Frau von Pompeji, den hl. Rochus und den hl. Sebastian anzurufen, deren Fürsprache sich in Zeiten einer Epidemie immer als sehr mächtig erwies. In Gricigliano ist eine echte Kreuzreliquie, umgeben von anderen Reliquien von Schutzheiligen und Beschützern, zur Verehrung ausgestellt und es wird fleißig davor gebetet.

Ich wünsche Ihnen eine gute und gesegnete Karwoche und lade Sie ein, Ihr Gebetsleben in Ihren Häusern mit häufigeren Andachten zu intensivieren. Hoffen Sie auf das bevorstehende Osterfest, denn an diesem feierlichen Tag zeigt uns Jesus Christus, wie Er inmitten der Widrigkeiten und Prüfungen des Lebens der Sieger über Tod und Sünde bleibt.

In Christus dem König,

Msgr. Gilles Wach, Generalprior des Instituts Christus König und Hohepriester

Predigt zum Palmsonntag 2020

Wenn uns jemand wichtig ist, dann begrüßen wir ihn auf besondere Weise, wenn er eintrifft. Wir bringen zur Ankunft Blumen an Flughafen oder Bahnhof. Wir schmücken unser Zuhause, um die erwartete Person zu empfangen. Päpsten, Landesfürsten oder Bischöfen wurden Triumphbögen errichtet, um die Ehre und Freude ihres Besuches zum Ausdruck zu bringen. Wessen Amt wichtig ist, bekommt auch heute noch beim Anreisen „einen großen Bahnhof“. Auch jetzt noch werden vielerorts Elternhaus des Primizianten, Prozessionsweg und Kirche geschmückt, wenn ein junger Priester nach Hause kommt, um seine erste heilige Messe zu feiern. Ein hoher Besuch, eine besondere Heimkehr sind Grund zu Jubel und Feier.

Das geschah auch vor mehr als 2000 Jahren beim Einzug des Herrn in Jerusalem: „Die Kinder der Hebräer zogen mit Ölzweigen in den Händen dem Herrn entgegen und riefen: ‚Hosanna in excelsis‘!“ Mit diesen Worten besingt die Kirche in den Antiphonen des heutigen Tages die ergreifende Szene vom Einzug des Herrn in Jerusalem, die das Matthäusevangelium (Matthäus 21, 1-9) schildert: „Sehr viele vom Volke breiteten ihre Kleider über den Weg, andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Scharen, die vorausgingen und nachfolgten, riefen laut: ‚Hosanna dem Sohn Davids! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“

In einer Vorahnung begrüßte die Menge Christus als den wirklichen König, „der da kommt im Namen des Herrn“. Auch wenn viele später an ihm Irre werden sollten und die meisten wohl nur an ein irdisches Königtum dachten, hat das Geschehen prophetischen Charakter. Mit Recht heißt es in den ursprünglichen Segnungsgebeten der Palmzweige für die Prozession dieses feierlichen Tages: „Denn schon damals ahnte die beglückte Menge den vorbildlichen Sinn: unser Erlöser werde aus Erbarmen mit dem Elend der Menschen für das Leben der ganzen Welt mit dem Fürsten des Todes kämpfen und sterbend über ihn triumphieren. Und darum brachten sie zur Huldigung jene Zweige herbei, die Seinen glorreichen Sieg wie auch die Fülle Seiner Barmherzigkeit versinnbildlichen sollten.“

Wie schon seit Jahrtausenden, so trägt auch jetzt wieder die Kirche, das Neue Jerusalem, dem Herrn zu seiner besonderen Begrüßung geweihte Zweige entgegen. Auf dem ganzen Erdkreis geschieht Jahr für Jahr, was eine der Prozessionsantiphonen singt: „Sie huldigen dem Sieger auf seinem Triumphzug. Laut rühmet der Völker Mund den Gottessohn!“ Durch die universale Kirche, die sich durch die Heilstat Christi auf den ganzen Erdkreis ausdehnt, wird der Herr jedes Jahr mit dem feierlichen Hymnus begrüßt, der Seine Gottheit bekennt: „Gloria, laus et honor tibi sit, Rex Christe, Redemptor: Ruhm und Preis und Ehre Dir, Christ-König, Erlöser!“ Die Kirche preist heute den König des Erbarmens, der sich nicht gescheut hat, nach Jerusalem einzuziehen, wo sein Opferaltar am Kreuz bereitet war. Er ist das geschmückte Opferlamm, das sich schlachten lässt, um für uns zu sühnen. Darin liegt die einzigartige Hoheit Seines Priesterkönigtums, vom Vater gewollt zur Erlösung der Welt. Daher wird in der Liturgie des heutigen Tages die Passion gelesen, um zu zeigen, dass die Krone unseres Königs aus Dornen ist.

Die Menge in Jerusalem hat den Sieg Christi in ihrem Jubel vorausgeahnt. Die glaubende Kirche aber weiß, wie dieser Sieg erkämpft wurde. Ihr Jubel ist ein Jubel unter Tränen. Daher heißt es wieder in den alten Weihegebeten der Palmzweige: „Wir nun, die wir den vollen Glauben besitzen, erkennen klar die Vorbedeutung und ihre Erfüllung und bitten Dich flehentlich, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch Ihn, unsern Herrn Jesus Christus, daß wir in Ihm und durch Ihn, zu dessen Gliedern Du uns gemacht hast, den Sieg über die Herrschaft des Todes erringen und würdig werden, an Seiner glorreichen Auferstehung teilzunehmen.“ Christus hat den Kampf mit dem Tod gekämpft, um uns das Leben zu erstreiten. Wenn wir aber an Seinem Königtum in der Auferstehung des Fleisches teilhaben wollen, werden wir auch an seinem königlichen Kampf teilnehmen müssen.

Deswegen dürfen wir uns nicht wundern, dass vor dem endgültigen Jubel die Tränen kommen. Hier auf Erden ist aller Jubel, alle Freude, aller Triumph der Kirche und ihrer Kinder immer mit Tränen verbunden. Die Freude der katholischen Feste und die Größe und Schönheit der Kirche in diesen Momenten gibt die Kraft, uns vorzubereiten auf das noch Kommende. Wie Christus sich durch den festlichen Einzug nach Jerusalem auf seinen Opfertod vorbereitet hat, so führt die Kirche ihre Kinder durch dieses Tal der Tränen, indem sie uns lehrt, in der Dunkelheit den schon errungenen Sieg Christi nicht zu vergessen. Vor dem endgültigen Einzug in das himmlische Jerusalem liegen für uns alle Leiden und Kreuz. Jeder muss durch das dunkle Tor des Todes schreiten. Manchmal ist das Leben der Kirche selbst von Dunkelheit überschattet. Doch ihre Gesänge und ihr Jubel verstummen selbst unter Tränen nie, denn sie sieht durch das Dunkel des Todes das leuchtende Licht des himmlischen Jerusalem, das Licht des Lammes, das Christus ist (Apokalypse 21,23).

Viele von uns werden heute nicht wie gewohnt an den Feierlichkeiten des Palmsonntags teilnehmen können, weil die Kirche zum ersten Mal in ihrer Geschichte gezwungen ist, sie hinter verschlossenen Türen zu feiern.  Trotzdem werden die uralten Triumphgesänge erklingen und wird Christus als König von neuem in das Jerusalem der Kirche einziehen. Die Palmzweige, die in jedem Fall geweiht werden, sind uns dann ein Zeichen dafür, dass der Triumph Christi durch das Dunkel niemals ungeschehen gemacht werden kann. In unseren Häusern erinnern sie uns daran, dass unser geopferter König Christus Sieger ist und bleibt. Nichts fürchten die Mächte der Finsternis mehr als die Feiern der heiligen Geheimnisse des Erlösers durch die Kirche. Immer schon wurde alles getan, um die Braut Christi an der freien Ausübung ihrer von Christus stammenden Rechte zu hindern. Schon oft umzingelten die Feinde „das Lager der Heiligen und die geliebte Stadt“ (Apokalypse 20, 9). Doch immer blieb Christus Sieger und immer siegte das Licht über das Dunkel, so dicht es auch war. Auch heute können wir, die Palmen in den Händen, ohne Angst die Stimme erwarten, die uns mitten im Dunkel zuruft: „Seht, das Zelt Gottes unter den Menschen…Er selbst wird als Gott bei ihnen sein!“ (Apokalypse 21, 3). Der Herr ist in die Kirche als Sieger eingezogen und er wird sie niemals mehr verlassen! Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz