Predigt Ostermontag

Liebe Gläubige!

“Bleib bei uns Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt!“ Diese Worte der Emmausjünger scheinen uns aus dem Herzen gesprochen. Während aber die Jünger an den Herrn dachten, dem der lange Heimweg nicht mehr zuzumuten war, dürfen wir Ihn bitten zu bleiben, weil uns die Schatten unserer Zeit selbst furchtsam machen. Während die Emmausjünger nämlich noch nicht wussten, wer bei ihnen einkehrte, haben wir den Herrn schon am Brotbrechen erkannt. Wir wissen, dass er mit uns auf dem Weg ist, ja noch mehr, dass er in jeder heiligen Messe mit uns das Brot des Lebens bricht, in dem Er selbst sich uns schenkt.

Daher dürfen wir ihn bitten zu bleiben, wenn es Abend wird und der Tag sich neigt. Leben wir nicht am Abend unserer Kultur? Hat sich der Tag unserer christlichen Gesellschaftsordnung nicht schon lange geneigt? Sind die Schatten nicht so lang geworden, dass sie nun wie bedrohliche Gespenster auf uns wirken? Unsere Institutionen scheinen schwach und hinfällig, Recht und Gesetz oft beliebig interpretierbar, persönliche Interessen derer, die uns leiten, nicht selten im Vordergrund und allerlei Ideologien, die wir lange überwunden glaubten, sind zurück.

In der Kirche scheint es nicht besser auszusehen. Mut, Frömmigkeit und Liebe zur Wahrheit scheinen selten geworden. Statt klarer Worte trifft man bestenfalls auf Schweigen; nur, wenn sich angepasst werden muss, wird Stärke simuliert. Es wird viel von Reformen gesprochen, doch die Maßstäbe solcher Verbesserungen bleiben zweifelhaft. Menschenfurcht und Medienwirkung gewinnen vor Treue zur katholischen Lehre und Moral. Ist das auch der Abend der Kirche? so hört man ängstlich fragen.

Dass wir in einer Zeitenwende leben, steht außer Diskussion. Vielleicht werden die bürgerlichen Institutionen, so wie wir sie in einer außergewöhnlich langen Friedenszeit erlebt haben, bald so ausgehöhlt sein, dass sie tatsächlich zerfallen. Kein Staatswesen ist ewig, so lehrt die Geschichte. Die klassische Kultur, so wie sie noch unsere Väter gekannt haben, hat sich tatsächlich längst verabschiedet. Unwissenheit und Unbildung steigen. Ob der Frieden, den uns Gott so lange erhalten hat, dauern wird, weiß Er allein. Europa hat sich öffentlich und privat von seinen christlichen Wurzeln losgerissen und sie verleugnet. Wie können wir erwarten, dass alles so weitergeht wie bisher?

Für einen Staat und eine Gesellschaft ohne Gott kann niemand die Garantie übernehmen. Für die Kirche aber hat sie Christus seit ihrer Gründung übernommen. Die Kirche hat alles überlebt und wird es auch in Zukunft tun. Durch göttliche Stiftung und Willen ist sie unzerstörbar. Sie hat den Verrat Petri und die Feigheit der Apostel überlebt, und das nicht nur einmal! Sie hat den Untergang großer Reiche und Kulturen überlebt, und zwar schon viele Male. Sie hat Verfolgungen, Seuchen, Barbarei, Völkerwanderungen, Unterdrückung, Martyrium, Häresie und Irrtum überlebt, so oft, dass ihre dauernde Existenz in sich selbst ein Wunderwerk der göttlichen Allmacht geworden ist.

„Du bist Petrus: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!“ (Matthäus 16, 18), hat der Herr dem Petrus bei Cäsarea Philippi gesagt. Damals wusste er schon, dass Petrus ihn im Stich lassen würde, dass er als Mensch feige und großsprecherisch war, dass man sich nicht auf ihn verlassen konnte. Trotzdem hat er ihm die Schlüssel des Himmelreiches gegeben und seither nie mehr entzogen.

Große Heilige, gewaltige Fürsten, weise Theologen haben das Schiff Petri durch die Stürme der Zeiten gesteuert, aber es hat wohl auch einige Feiglinge, Opportunisten, Weltlinge und Scharlatane auf dem Thron Petri gegeben. Die Zahl der guten Päpste ist weit höher, aber die anderen haben doch für kurze Zeit großes Übel anrichten können. Die Kirche hat sie alle überlebt!

Warum ist das so? Weil der Herr die Bitte der Emmausjünger schon erhört hat. In dem Evangelium des heutigen Tages heißt es: „Er stellte sich so, als wollte Er weitergehen.“ (Lukas 24, 28) In Wirklichkeit aber hatte er schon entschieden zu bleiben, um die Jünger über die Wahrheit der Auferstehung zu belehren. Er hat sich für immer entschieden, in der Kirche zu bleiben. Daher nennt er sie „meine Kirche“. Daher fragt er den die junge Kirche verfolgenden Paulus: „Warum verfolgst du Mich?“ (Apostelgeschichte 9, 4) Er identifiziert sich mit Seiner Kirche! Manchmal stellt er sich allerdings in der Kirchengeschichte so, als wolle Er nicht bleiben. So scheint es heute, wie schon viele Male vorher. Aber er bleibt immer. Er will nur, wie damals, dass wir Ihn bitten, damit unsere Herzen offen werden, seine Gegenwart zu erkennen.

Bitten wir ihn also dringend um seine Gegenwart, wie der Emmausjünger. Wenn wir uns Sorgen machen um die Zukunft, wenn wir an der Gesellschaft verzweifeln, wenn wir die Vertreter der Kirche nicht mehr verstehen: „Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden!“ Wenn wir ihn so demütig bitten, dann wird er uns alles erklären. Dann wird er uns die Schrift verstehen lassen. Dann wird er die Kirchengeschichte erleuchten. Dann wird er seiner Kirche wieder Männer mit brennenden Herzen schenken, die offene Augen für seine Gegenwart haben.

Wenn wir Ihn nur bitten, dann werden auch uns mitten im Dunkel der Zeit die Augen aufgehen für das, was wirklich in der Kirche wichtig ist: Seine Heilsgegenwart im Altarsakrament, die uns niemals verlässt. Und wie die Jünger werden wir aufstehen und herausgehen ohne Angst vor der Zukunft, damit wir allen anderen sagen können, was heute und für alle Zeiten in der Kirche wirklich zählt: „Christus, gestern, heute und in Ewigkeit!“ Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt Ostersonntag

Liebe Gläubige!

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!“ So sangen wir in guten Zeiten in unseren Kirchen am Ostermorgen. Das Grab ist leer! Dieser kurze Satz ist für unseren Glauben von enormer Bedeutung. Unser Glaube ist kein Mythos. Wir glauben keine phantastischen Göttergeschichten, keine verworrenen Erzählungen von ewiger Wiederkehr und Neugeburt, keine Fabeln und Sagen, die niemand je nachprüfen kann. Der Inhalt unseres Glaubens übersteigt zwar die Grenzen unserer Vernunft, denn sein Ursprung ist im unendlichen Gott. Doch die Gründe dafür, dass wir die Offenbarung Gottes für wahr halten, beruhen auf unumstößlichen Tatsachen. Einige der wichtigsten darunter sind wesentlich für unsere Glaubensfreude an diesem Ostermorgen: Jesus hat unter uns gelebt, Er hat für uns gelitten und ist gekreuzigt worden, Er ist leiblich von den Toten erstanden!

Das leere Grab bezeugt die Wahrheit dieser historischen Tatsachen. Jesus ist nicht „in das Kerygma auferstanden“, seine Auferstehung ist also nicht eine bloße Glaubenserzählung der nachösterlichen Gemeinde, wie uns manche in verwässerter Wiederholung altmodischer Irrtümer oft protestantischen Ursprungs weismachen wollen. Seine Auferstehung ist ein Faktum, das wie jede andere Tatsache, deren persönliche Zeugen wir nicht gewesen sind, durch Zeugen, Beweise und Indizien erhärtet werden kann. Denken wir doch an die berühmte Schlacht Alexanders des Großen gegen Darius III von Persien bei Issos im Jahre 333 vor Christus. Dafür gibt es nur vier teilweise stark voneinander abhängige Quellen, die sämtlich erst 300 bis 400 Jahre später die Schlacht erwähnt haben.  Trotzdem zweifelt niemand an der Existenz dieser Schlacht!

Für die Auferstehung Christi jedoch gibt es Zeugen, die noch am Morgen selbst das leere Grab gefunden haben. Dass es sich dabei unzweifelhaft um das Grab Jesu handelte, war schon an der außergewöhnlichen Art der Bestattung eines „Verbrechers“ in der Grablege eines Vornehmen zu erkennen. Das Grab des Joseph von Arimathaea, selber Mitglied des Hohen Rates, war den jüdischen Hohepriestern und Pharisäern bekannt. Deshalb konnten sie es bewachen lassen und sie hätten sofort die Behauptung vom leeren Grab widerlegt, falls das möglich gewesen wäre.

Aber das Grab war leer! Deswegen sahen sie sich rasch gezwungen, die Fabel in die Welt zu setzen, seine Jünger hätten den Leichnam gestohlen. Der Evangelist Matthäus berichtet das (Matthäus 28, 13-15) zu einer Zeit, in der noch viele lebten, die von den Geschehnissen gehört hatten. Wäre sein Zeugnis über die Fabel des Hohen Rates nicht wahr, hätten ihn die Zeitgenossen leicht widerlegen können. Offensichtlich haben also die Feinde der Christen tatsächlich diese beschuldigt, den Leichnam Christi gestohlen zu haben. Damit werden diese Feinde selbst zu Zeugen des leeren Grabes.

Nun waren aber die ersten Zeugen für das leere Grab die frommen Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gegangen waren, um den Leichnam Jesu zu salben. Das ist doppelt bedeutsam. Erstens haben sie offensichtlich nichts vorbereitet oder erwartet, was auf ein leeres Grab hindeutet. Sonst wären sie ja nicht mit ihren Salbölen zum Grab gegangen. Maria Magdalena hält den Herrn in ihrer Überraschung sogar für den Gärtner, den sie fragt, wo er den Leib Jesu hingelegt habe. Die Frauen waren also auf die Auferstehung und die Tatsache des leeren Grabes in keiner Weise vorbereitet, ebenso wenig wie die Jünger, die den Frauen zunächst gar nicht glauben wollen. Es handelt sich also nicht um eine abgesprochene Lüge, sondern um Wahrheit!

Zweitens ist es sehr ungewöhnlich, dass die Evangelisten die Frauen überhaupt als Zeugen anführen. Frauen waren zur Zeit Jesu keine vollwertigen Zeugen im Prozessgeschehen und wurden auch sonst als glaubwürdige Zeugen nicht ernst genommen, was man an der zweifelnden Reaktion der Emmausjünger schon zu Genüge sieht. Wenn also die Tatsache des leeren Grabes nur eine Erfindung wäre, hätten die Evangelisten sich einen Bärendienst erwiesen, als erste und zunächst wichtigste Zeugen Frauen aufzuführen. Wenn sie es doch tun, zeigt sich, dass sie nichts zu verbergen oder zu beschönigen waren, weil ihr Bericht einfach wahr ist!

Die Apostel machen in diesen Zeugnissen für die Auferstehung ohnehin keine gute Figur. Während die Frauen wenigstens mutig zum Grab gehen, um den Leichnam des Herrn zu salben, bleiben sie furchtsam zurück und trauen sich nicht aus dem Haus, bis ihnen die Frauen von dem Geschehen berichten. Daraufhin glauben sie ihnen zunächst nicht, denn es sind ja „nur“ Frauen, aber schicken doch zwei Repräsentanten vor, während die anderen sich immer noch verstecken. Hätten sie diese für sie doch sehr peinlichen Umstände nicht verschwiegen, wenn sie eine schöne Phantasiegeschichte zurechtgemacht hätten? Sie haben nichts verschwiegen, und das zeigt wiederum, das alles wahr ist, was sie sagen.

Als dann der Lieblingsjünger Jesu auf das Zeugnis der Frauen hin dem zögerlichen Petrus vorauseilt und zuerst am leeren Grab ankommt, sieht er vom Eingang aus die Leinenbinden liegen, geht aber nicht in das Grab herein, sondern lässt dem Apostelfürsten Petrus den Vortritt. Dieser sieht ebenfalls die Leinenbinden liegen, findet aber das Schweißtuch säuberlich gefaltet an einem anderen Platz. Das ist weder das Werk von Grabräubern noch ein Produkt der Phantasie. Hier werden akribisch historische Einzelheiten wiedergegeben, die schon über das leere Grab hinausdeuten auf das Geschehen um den auferstandenen, den lebenden Jesus. Johannes, der Verfasser dieses Berichtes (Johannes 20, 1-10), ist selber der Zeuge und von allem, was er dazu schreibt, sagen die Indizien dasselbe wie er: „und wir wissen, sein Zeugnis ist wahr“ (Johannes 21, 24).

Doch dabei endet es ja nicht. Die historische Tatsache des leeren Grabes ist nur der erste Anfang der vielen glaubhaften Zeugnisse für die Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer, weil der Tod den Gottmenschen nicht halten konnte. Die göttliche Kraft sprengt die menschliche Wirklichkeit des Todes: Der auferstandene Herr erscheint viele Male als Lebender, um seinen Triumph über den Tod unter Beweis zu stellen. Jesus hat nicht nur das Grab leer hinterlassen, sondern er erscheint auch einer Vielzahl an Einzelpersonen (Lukas 24,34) und Gruppen (Matthäus 28,9; Johannes 20,26–30; 21,1–14; Apostelgeschichte 1,3–6; 1. Korinther 15,3–7). Paulus berichtet in einem für ihn nicht vorteilhaften Kontext, dass der Herr sogar 500 Brüdern auf einmal erschienen ist, als letztem auch ihm, der Fehlgeburt (1 Korinther 15, 6-8). Der Hebräerbrief spricht daher nicht zu Unrecht in einem weiteren Zusammenhang von einer „Wolke von Zeugen“ für die Wahrheit des Glaubens (Hebräer 12, 1).

Würden rein historische oder literarkritische Maßstäbe wie in den profanen Wissenschaften an die Tatsache der Auferstehung angelegt, dann würde die Vielzahl der Zeugnisse, ihre Verschiedenheit, ihr glaubwürdiger Zusammenhang und ihre zeitliche Nähe zum Geschehen mehr als ausreichender Beweis für die Tatsächlichkeit des Geschehens sein. Wenn alle überzeugt sind, dass die Schlacht bei Issos stattgefunden hat, für die gerade einmal vier Zeugnisse mit einem geschichtlichen Abstand von wenigstens dreihundert Jahren bestehen, warum glauben dann nicht alle der „Wolke von Zeugen“, die aus unmittelbarer zeitlicher Nähe das leere Grab und die Auferstehung Christi als Tatsache bezeugen?

Warum nicht? Weil die Existenz der Schlacht von Issos keine Ansprüche an uns stellt. Ihre Wirklichkeit ändert heute nichts mehr. Sie kann uns allen ganz egal sein. Die Tatsache der Auferstehung aber verlangt eine Antwort. Sie ändert unser Leben. Sie ist ein direkter Eingriff Gottes in diese Welt. Ihre Wahrheit ist nicht neutral, sondern eine Herausforderung. Jesus ist von den Toten auferstanden. Nur Gott kann den Tod überwinden. Also ist Jesus Gott und alles was er sagt, hat göttliche Autorität und Anspruch auf unseren Glaubensgehorsam. Deswegen wollen, wie der Apostel Thomas, viele nicht glauben, und sogar das nicht, anders als Thomas, was sie gleichsam mit Händen greifen können, denn, „wenn das wahr ist, müsste ich ja mein Leben ändern“.

Doch nichts führt an der historischen Tatsache des leeren Grabes und der überaus zahlreichen Direktzeugnisse für den lebenden Jesus vorbei. Wer daran glauben will, der fällt keinem irrationalen Phantasiegebilde, keinem Mythos und keiner Erfindung zum Opfer. Wer glauben will, hat dafür seit dem Ostermorgen gute Gründe. Unser Glaube beruht auf Tatsachen. Das Geheimnis des Glaubens bleibt immer größer als diese, weil wir an Gott glauben und nicht an den Menschen. Aber weil wir an Gott glauben, der der Herr der Geschichte und der Wirklichkeit ist, täuscht er uns nicht mit einem leeren Mythos. Aus dem Grabe auferstehend zeigt er uns vielmehr, dass er der souveräne Herrscher über Anfang und Ende der Geschichte ist. Ihre Wahrheit gründet sich auf sein Handeln. Diese geschichtliche Wahrheit offenbart sich sichtbar für uns am Triumph des Gottmenschen über das Dunkel des Grabes. Darin besteht unsere Hoffnung auch in schwieriger Zeit. Deswegen singen wir mit der Kirche auch heute noch zurecht:

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!

Da sieht man Seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden.

Ihm kann kein Siegel, Grab noch Stein, kein Felsen widerstehn.

Schließt Ihn der Unglaub´ selber ein, er wird Ihn siegreich sehn!“ Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zur Osternacht

Liebe Gläubige!

Das Dunkel der Nacht umhüllt uns. Wir können nicht in die Ferne blicken. Wir wissen nicht, was dort auf uns wartet. Wir sind zwar von den Mauern der Kirche beschützt, aber in menschlicher Schwäche blicken wir doch mit Furcht auf das Kommende.

Da erstrahlt uns ein Licht, das die Kirche jedes Jahr wieder für uns entzündet. Sie entzündet ein helles Feuer und betet segnend über dieser Quelle von Zuversicht und Wärme: „Herr, Gott, allmächtiger Vater, Du unvergängliches Licht und Schöpfer allen Lichtes, segne dieses Licht, das von Dir, dem Erleuchter der ganzen Welt, geheiligt und gesegnet ist: dieses Licht mache uns hell, und das Feuer Deiner Herrlichkeit bestrahle uns.“ An dieser Flamme, dem Feuer des Dreieinen Gottes, entzündet sie dann in der ursprünglichen Feier der Osternacht, die für fast zwei Jahrtausende die ihre war, schrittweise eine dreifache Kerze.

Diese dreifache Flamme auf einem Leuchter ist ein sprechendes Symbol für das Licht der Dreifaltigkeit, dessen helle Offenbarung mehr und mehr das Dunkel der angstmachenden Nacht des Heidentums durchdringt. Dreimal grüßen wir mit immer höherer Freude dieses Licht des Erlösers, der uns den Ursprung allen Lichtes aus der einen Herrlichkeit der drei göttlichen Personen offenbart: „Lumen Christi – Deo gratias!“

Dieses Licht ist Mensch geworden. Symbolisch steht die leuchtende Osterkerze für die Menschheit Christi, die vom Feuer der Gottheit entflammt ist. Stellvertretend für den Gottmenschen empfängt die Osterkerze das Lob der Erlösten im Gesang des Exsultet: „Nun jubelt im Himmel, ihr Chöre der Engel! Frohlocket, ihr hohen Geheimnisse Gottes! Erschalle die Siegesposaune zum Triumph des erhabenen Königs! Freue dich, Erde, bestrahlt vom himmlischen Lichte, und fühle, vom Lichtglanz des ewigen Königs erhellt, wie das Dunkel im ganzen Umkreis von dir gewichen. Freue auch Du dich, Mutter, heilige Kirche, verklärt von den Strahlen so herrlichen Lichtes, und dieser Tempel widerhalle vom mächtigen Jubel des Volkes!“

Die Kirche singt dieses Lob seit Jahrtausenden. Sie singt es, obwohl sie verfolgt ist, obwohl ihre Lehren nicht angenommen oder entstellt werden, obwohl die Zeiten unmittelbar um und auch nach der Menschwerdung, dem Erlösertod und der Auferstehung des Osterlammes dunkel waren und auch dunkel geblieben sind. Sie singt dieses von der Freude hellstrahlende Osterlob nicht in jenem falschen Hollywood-Optimismus, der sich hier auf Erden immer ein Happy End erwartet. Die Kirche weiß durch lange, leidvolle Erfahrung, dass es gelogen ist, dem Menschen hier auf Erden heuchlerisch zu versichern: „Alles wird gut!“

Nein, das Exsultet ist nicht kurzsichtige Freude über menschliche Sicherheiten, sondern weitblickende Freude über die himmlischen Gnaden, die uns durch das Ostergeheimnis zuteilwerden: „Diese geheiligte Nacht also vertreibt die Laster, wäscht ab die Sünden; den Gefallenen gibt sie die Unschuld wieder, den Trauernden die Freude. Sie verscheucht den Hass, stiftet Eintracht und beugt die Gewalten!“ Die Gaben der wirklichen Freude sind nicht äußerlich und zerstörbar, sondern innerlich und bleibend.

Die Flamme des Ostersieges Christi erlischt nicht mehr und erhellt die Nacht dieser Welt, auch wenn das Dunkel dichter wird: „Der aufgehende Morgenstern schaue noch ihre Flamme, jener Morgenstern, der keinen Untergang kennt; der aus dem Totenreich wiederkehrt, dem Menschengeschlecht aufleuchtet in mildem Glanze.“ Das ist die Freude dieser Nacht, die uns wird, weil wir wissen, dass das Dunkel niemals mehr siegen kann. Die Freude, auf der Seite des Lichtes zu stehen. Die Freude, nicht auf ewig verloren zu sein. Die Freude, das Licht in uns tragen zu können, das triumphiert über Sünde, Tod und Teufel. Diese Freude kann uns niemand nehmen, denn sie kommt nicht von Menschen, sondern von Gott, dem einen und dreifaltigen Gott, dessen Sohn für immer Sieger bleibt: „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!“

In dieser Freude wünsche ich Ihnen mitten im Dunkel der Zeit, im Namen des gesamten Institutes Christus König und Hohepriester sowie aller seiner Mitglieder, ein ganz gesegnetes und gnadenreiches Osterfest für Sie und die Ihren. Uns ist das Licht im Dunkel erschienen, denn „Christus ist auferstanden, Er ist wahrhaft auferstanden. Amen. Alleluja!“

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Karfreitag

Liebe Gläubige,

„Einsam und verlassen“, diese beiden Worte, die in unserer Sprache oft gemeinsam gebraucht werden, drücken eine Urangst des Menschen aus. Wir brauchen Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Ehe, der Familie, des Ordens, der Verwandten, des Freundeskreises, der Schul- oder Vereinskameraden, der Kollegen, auf einer weiteren Ebene brauchen wir die Gesellschaft, den Staat und vor allem die Kirche. Schon zu Beginn unserer Geschichte hat Gott uns so geschaffen. Im Buch Genesis (2, 18) sagt der Schöpfer: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; ich will ihm eine Hilfe machen als sein Gegenstück.“

Die griechischen Philosophen Platon und Aristoteles haben den Menschen auch als ein zoon politicon, als ein gemeinschaftsbildendes und gemeinschaftsabhängiges Wesen definiert. Von Geburt bis Tod brauchen wir einander, brauchen wir Gemeinschaft, um zu leben und zu überleben. Wir können als Erwachsene für einige Zeit alleine sein, aber auf Dauer wird das zu einem großen Opfer. Wer immer alleine sein muss, der fühlt sich sehr bald wirklich „einsam und verlassen“.

Wir formen Gemeinschaft und brauchen sie. Gott aber ist Gemeinschaft. Die Majestät Seiner einen göttlichen Natur ist so reich, dass sie sich in drei wesensgleiche, gleicherhabene und für immer aufeinander bezogene Personen ergießt. Alles in Gott ist Gemeinschaft. Relationalität, Aufeinanderbezogenheit, drückt demnach in Gemeinsamkeit und Ursprungsunterscheidung das Tiefste des göttlichen Wesens überhaupt aus. Weil Gott Gemeinschaft ist, schafft seine Gegenwart Gemeinschaft: Erlösungsgemeinschaft, Glaubensgemeinschaft, Kirchengemeinschaft. Diese gottbezogene Gemeinschaft wird nur dort zerbrochen, wo die Sünde ist.

Das Gute vereint, das Böse spaltet. Deswegen ist einer der Namen Satans „Diabolus“, Teufel, vom Griechischen διαβάλλειν, diaballein, das unter anderem durchkreuzen, streiten, verleumden bedeutet. Als Judas Iskariot den Herrn verrät, sondert er sich aus. Er verlässt die Gemeinschaft der Apostel und damit der Kirche. Schließlich ist er so verlassen, dass er sich erhängt. Der Teufel scheint sein Ziel erreicht zu haben.

Doch er täuscht sich. Gott ist stärker als alle Vereinzelung und Einsamkeit. Christus ist Gott! Er ist so stark, dass er die Einsamkeit aller auf sich nehmen kann. Er, der ohne Sünde ist, wird zum Ausgesonderten, zum Verachteten, zum Vergessenen, zum Verhöhnten, zum Sündenbock. Allein zwischen Himmel und Erde, hängt er verlassen am Kreuz. Nur Seine Mutter ist noch da, aber auch sie muss zunächst mit den frommen Frauen von Weitem das Sterben Ihres Sohnes miterleiden (Markus 15, 40). Christus nimmt alle Einsamkeit der Sünde auf sich: Er erleidet für uns ohne Schuld jene Vereinzelung, die die Sünde selbst verursacht, wie auch jene Einsamkeit, die wir durch Mangel an Liebe erleiden.

Als Gott verlässt der Herr niemals die Ihm wesensgemäße Gemeinschaft mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Die trinitarische Wesensgemeinschaft des Einen Gottes ist unzerstörbar und ewig. Diese auf der Wesenseinheit beruhende relationale Lebensgemeinschaft gibt Christus letztlich die göttliche Kraft, die menschliche Einsamkeit der Sünde zu durchbrechen und über die letzte Einsamkeit des Todes zu triumphieren. Als Mensch jedoch lässt er zu, dass seine Seele in die tiefste aller möglichen Einsamkeit herabsteigt, um uns aus der Einsamkeit zu retten. Er erleidet in seiner Menschheit freiwillig und für uns die letzte Einsamkeit der Gottverlassenheit. „Eli, Eli, lema sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 15, 34; auch Psalm 22, 2). Dieser Angstschrei kommt in der Agonie aus der Tiefe Seiner menschlichen Seele, weil er die Angst aller angesichts des Todes auf sich nimmt. Er erleidet sie freiwillig und stellvertretend für uns.

Der Gottesknecht sieht Gott nicht mehr. Aus ewiger Gemeinschaft majestätsvoller Herrlichkeit steigt er selbstlos hinab in den bodenlosen Schrecken völliger Dunkelheit. Weil er sich ihr zum Opfer bringt, weil er herabsteigt in die Verlassenheit unserer letzten Einsamkeit im Tod, kann seine göttliche Kraft diese endgültig überwinden. Er hat das Schicksal des vereinsamten Sünders, also unser Schicksal, in seiner sündenlosen Menschheit auf sich genommen.

Er sprengt dieses Schicksal von innen, weil er es annimmt im Moment Seines menschlichen Todes und wie eine Schale abwirft in der Auferstehung. Das Dunkel kann den Gottmenschen nicht halten, die Hölle Ihn nicht verschlingen, der Tod Ihn nicht bezwingen. Diese uralten Bedrohungen der sündigen Menschheit unterliegen der Sündenlosigkeit Seiner vollkommenen Menschheit und der Stärke der triumphierenden Gottheit.

Doch bis sich sein Triumph vollendet, für uns alle sichtbar und wirklich gemacht durch das leere Grab am Ostermorgen, erleidet der Herr die äußerste Tiefe menschlicher Verlassenheit. Sein schreckliches körperliches Martyrium ist ebenso blutig wie wahrhaftig: Aller Schmerz ist der Seine! Das geistige Leiden des Herrn, sein Abstieg in seelische Drangsal und furchtbares Elend übersteigen jedoch den leiblichen Schmerz.

Aus diesem menschlichen Entsetzen, das wir auf Ihn geladen haben und das er für uns trägt, erklingt plötzlich ein Wort, das vom Kreuz herab nicht nur an die Umstehenden, sondern an alle Menschen guten Willens gerichtet ist. Der sterbende Gottmensch ruft: „Sitio – Mich dürstet!“ (Johannes 19, 28). Der Herr, dessen äußerster Angstschrei in der Gottverlassenheit noch die Erfüllung einer Prophezeiung der Psalmen ist, sagt auch hier nichts Banales. Er richtet sich vom Altar des Kreuzes an uns alle: Es dürstet Ihn nach unserer Antwort auf Seine Entäußerung. Der Ewige Hohepriester wartet auf unsere Annahme Seines Opfers. Die Liebe dürstet nach der Liebe!

Wie er schließlich in äußerster Agonie Seine Mutter dem Lieblingsjünger und in ihm uns allen zur Mutter gibt, so denkt der Herr auch in diesem Wort nicht an das Stillen nur menschlichen Durstes. Er denkt nicht an sich, Er denkt an uns. Er weiß, dass Sein Tod für jeden umsonst ist, der Ihm keine Antwort gibt. Er weiß, dass er Tod und Teufel durch sein Opfer bezwingen kann, aber dass die irrende menschliche Freiheit ablehnen kann, Teil dieses Sieges zu werden. Er weiß, dass der Mensch entscheiden kann, in der Einsamkeit der Sünde Sklave des alten Schreckens zu bleiben und ihm für immer zu verfallen. Er weiß, dass wir die abgegriffene Schäbigkeit der Sünde dem Glanz des Ostermorgens vorziehen können.

Deswegen fleht er uns an, Seinen Durst zu stillen: Den Durst nach unserer Zustimmung zu Seiner Gnade, die Sehnsucht, uns in Seiner Gemeinschaft zu sehen, den Durst, uns hinführen zu können zur trinitarischen Gemeinschaft der Ewigkeit. So wie der Herr für jeden Einzelnen von uns gestorben ist, wie er Sein Blut für jeden Menschen vergossen hat, so wie er uns persönlich vom Kreuz herab durch die Schleier der Geschichte hindurch ansieht, so dürstet er auch nach unserer persönlichen Antwort. „Sitio – Mich dürstet“: Dieses Wort ist aus der freiwilligen Leidenseinsamkeit des Herrn persönlich an mich gerichtet. Ich bin zur Antwort aufgefordert, zu der Antwort, die mir jene unendliche, ewige, erfüllende Gemeinschaft schenken wird, nach der ich mich im tiefsten sehne.

Wir alle brauchen Gemeinschaft, um zu leben. Menschliche Gemeinschaft allein aber erfüllt unsere Seele niemals genug, um sie vor dem Schrecken des Dunkels zu bewahren. In der besten Ehe, der schönsten Freundschaft lebt noch die Furcht der Einsamkeit. Alle menschliche Gemeinschaft ist Stückwerk und endet mit dem Tod. Wir aber sind für eine größere Gemeinschaft geschaffen, für die ewige Gemeinschaft mit Gott, die auch die wahre Gemeinschaft mit denen schaffen wird, die uns lieb sind. Daher sind wir auf Erden bis zuletzt ängstlich, unruhig, unzufrieden. Zu oft wollen wir unserer unruhigen Sehnsucht durch falsche Gemeinschaft oder zerstörerische Einsamkeit entfliehen. Das weiß der Herr und daher will er unsere Antwort.

Antworten wir dem gekreuzigten Herrn großzügig mit der Antwort der Liebe. Heute gibt uns der sterbende Gottmensch die Chance der richtigen Antwort, die Er selbst uns verdient hat. Er dürstet mit seinem ganzen Erlöserherzen nach dieser Antwort. Sie ist unser Heil. Bleiben wir nicht stumm angesichts solchen Leidens und solcher Liebe. Antworten wir, damit Sein Durst nach unserem Heil gestillt wird! Antworten wir, damit Er uns retten kann! Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Gründonnerstag

Haben Sie schon von den sogenannten “Gottesdienst-Sets“ gehört, die in einer Kirche in München an Studenten verteilt worden sind?  Dazu wurde erklärt: „In diesem Set befindet sich eine geweihte Hostie, ein Palmzweig, Weihwasser und ein dazugehörendes Gebet. Alle Bestandteile wurden mit den höchsten hygienischen Sicherheitsmaßnahmen verpackt.” Mit unabsichtlicher Ironie, die schaudern macht, wurden die Empfänger des Sets noch aufgefordert „verantwortungsvoll mit der Hostie“ umzugehen. 

Im besten aller möglichen Fälle scheint hier der Leib Christi auf die Stufe von Sakramentalien gestellt zu werden, also von geweihten äußeren Zeichen, die in gewisser Nachahmung der Sakramente Wirkungen geistlicher Art bezeichnen und auf die Fürbitte der Kirche im Zusammenhang mit unserem persönlichen Glauben wirken, wie etwa das Weihwasser. Selbst in diesem besten aller möglichen Fälle können wir angesichts einer solchen Herabwürdigung des Altarsakramentes nur mit dem leidenden Herrn beten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34).

„Sie wissen nicht, was sie tun!“ Ist das nicht eine Aussage, die heute den Umgang mit dem Allerheiligsten Altarsakrament im Allgemeinen schildert? Wissen wir noch, was wir tun? Wissen wir noch, was im Moment der heiligen Wandlung wirklich geschieht? Wissen wir noch, wen wir bei der heiligen Kommunion wirklich empfangen? Wissen wir noch, wer auf uns in jedem Tabernakel unserer Kirchen wartet? Wissen wir, wie groß die Liebe ist, die sich uns ganz hingibt und sich heute sogar oft unwissenden oder gar beabsichtigten Sakrilegien ausgesetzt sieht?

Der heutige Gründonnerstag, an dem der Herr beim letzten Abendmahl die Sakramente der Eucharistie und des Priestertums eingesetzt hat, kann uns lehren, was im heiligen Messopfer wirklich geschieht. Dazu müssen wir aber zunächst eine Frage beantworten, die sich viele gar nicht mehr stellen und sicher nicht zu beantworten wissen: Was ist ein Sakrament?

Der Katechismus des hl. Papstes Pius X. antwortet darauf klar und eindeutig (Nr. 267 u. 268): „Die Sakramente sind die wirksamen Zeichen der von Jesus Christus zu unserer Heiligung eingesetzten Gnaden. Die Sakramente sind Zeichen der Gnade, weil sie in ihren sinnfälligen Teilen jene unsichtbaren Gnaden bedeuten oder auf sie hinweisen, die sie mitteilen. Sie sind deren wirksame Zeichen, weil sie nicht nur die Gnade bedeuten, sondern sie auch wirklich mitteilen.“

Ein Sakrament ist also nicht bloß „ein Zeichen der Nähe Gottes“. Schon gar nicht ist es ein leeres Symbol als Zeichen einer bloß persönlichen Glaubensüberzeugung. Es ist auch nicht nur ein äußerer Anlass für die Gnadengabe Gottes. Noch weniger ist es schließlich bloß ein Zeichen für die schon gegebene Gnade. Wir können es gar nicht deutlich genug sagen: Das Sakrament, also das von Christus eingesetzte äußere Zeichen, das die Kirche in ihrer Liturgie nach seinem Willen wiederholt, bewirkt innerlich die Ausschüttung der Gnade, die es bezeichnet. Das Sakrament ist das Instrument Gottes, das nach dessen ausdrücklich geäußertem Willen die Gnade wirkmächtig hervorruft, die wir erhalten.

Diese innerliche und wesentliche, daher unverzichtbare Wirkung der Sakramente zeigt ihren tiefen Zusammenhang mit dem Geheimnis der Menschwerdung. Die menschliche Natur Jesu Christi ist kein bloß äußerliches Zeichen für die Gegenwart Gottes in unserer Welt. Ohne die Tatsache, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich in tief innerlicher Verbindung seiner beiden Naturen ist, wäre das Erlösungswerk in dieser Heilsordnung gänzlich unmöglich gewesen. Daher hat uns Christus nicht „anlässlich“ seines Opfertodes erlöst, sondern durch sein Leiden, sein Kreuz und seine Auferstehung. Die Menschheit Christi ist, wie der heilige Thomas sich mit den griechischen Kirchenvätern ausdrückt, organon Divinitatis, instrumentum coniunctum, nämlich ein innerlich der Gottheit verbundenes Heilsinstrument, durch das die Erlösung bewirkt wird. Wie das Hochgebet der heiligen Messe sagt, sind wir tatsächlich „durch Ihn, mit Ihm und in Ihm“ erlöst worden.

Diese innerliche Verbindung von Gottheit und Menschheit wird von den sieben Sakramenten auf ähnliche Weise durch den Willen Gottes fortgesetzt. Das menschliche Zeichen wird Träger und Instrument des Heils, also wirkmächtiges Zeichen der Gnade. Es bleibt symbolisches Zeichen, aber es wird „Realsymbol“, wirkt also, was es bezeichnet. So bezeichnet die Taufe unsere Reinigung von der Erbschuld, bewirkt sie aber auch durch die Kraft Gottes, die das Zeichen des fließenden Wassers durch die trinitarische Taufformel geheimnisvoll enthält. Wer an der innerlichen Wirkkraft der Sakramente zweifelt, zweifelt im letzten an der Menschwerdung, an der Gottheit Christi und an Seinem Heilswillen. Wer aber die Worte des Herrn in der Offenbarung ernst nimmt, versteht, warum die Kirche unbedingt darauf achten muss, dass die Sakramente in jener grundsätzlichen Form gefeiert werden, die Christus ihnen gegeben und der Heilige Geist über Jahrtausende in der Liturgie bewahrt hat. Da die Sakramente unser Heil bewirken, ist jedes Wort und jeder Gestus bei ihrer Feier in abgestufter Weise heilsbedeutsam.

Das gilt vor allem für die heilige Eucharistie, Quelle und Höhepunkt des sakramentalen Lebens der Kirche. Es handelt sich nicht um ein bloßes Symbol, nicht um eine fromme Erinnerung, nicht um ein rein äußeres Zeichen der Gnade, die dann nur unser Glaube bewirken würde. Die Eucharistie ist vielmehr das Realsymbol schlechthin: Christus, Seine Person und Sein Opfer sind unter den Gestalten von Brot und Wein unter uns ganz gegenwärtig, wie er es selbst gesagt hat: „Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für Euch vergossen wird!“ (Lk 22, 19-20) Daher konnte der Herr auch offenbaren: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben…Denn mein Fleisch ist eine wahre Speise und mein Blut ein wahrer Trank.“ (Jo 6, 54-55) Die Identifizierung des geopferten Herrn mit den eucharistischen Gestalten ist so klar, dass die Kirche entgegen allem hohlen Symbolismus lehrt, dass „die Gestalten von Brot und Wein wahrhaft den Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus zur Nahrung der Seelen“ enthalten (Katechismus des hl. Pius X, 316; auch KKK 1413).

Im Moment der Wandlung reißt durch die göttliche Kraft in den Worten Christi der Schleier der Zeit. Die immer und zeitlos wirkmächtige Kraft Gottes versetzt uns, wie die Apostel beim letzten Abendmahl, mit der Kirche unter das Kreuz. Kreuzesopfer und Messopfer sind im letzten identisch. „Das heilige Messopfer ist das Kreuzesopfer selbst. Es besteht nur ein Unterschied in der Weise der Darbringung.“ (Kat. d. hl. Pius X, 349) Christus selbst bringt durch die Priester dieses Opfer dar (vgl. KKK, 1410).  Der Opfertod Christi wiederholt sich sakramental-geheimnisvoll auf unseren Altären, die in diesem Moment in die Ewigkeit hineinragen. Der Opferwille Christi ist für immer in der Gottheit gegenwärtig und diese Gegenwart senkt sich bei der Wandlung des eucharistischen Opfers hinein in die Zeit, um in ihr zu bleiben, solange die eucharistischen Gestalten bestehen. So wie Christus in alle Ewigkeit das geopferte Lamm bleiben wird, so bleibt er durch das Allerheiligste Altarsakrament in seiner Kirche gegenwärtig bis zum Ende der Zeit. Wenn der Glaube durch das Schauen abgelöst wird, werden wir ihn „sehen, wie er ist“ (1 Johannes 3, 2) und niederfallen, um anzubeten.

Weil aber „im Altarsakrament Christus selbst gegenwärtig ist, ist es in Anbetung zu verehren“, sagt der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK, 1418). Weil die Gottheit und Menschheit, der Leib und die Seele des geopferten und auferstandenen Herrn gegenwärtig sind, fallen wir bei der Wandlung auf die Knie, beugen wir die Knie, wenn wir eine Kirche betreten, knien wir anbetend, wenn der Herr auf dem Altar in der Monstranz feierlich verehrt wird. Der Herr ist nach der Wandlung der heiligen Messe „wirklich, tatsächlich und substantiell gegenwärtig“ (KKK, 1413). Die Wandlung nennen wir deshalb mit dem Konzil von Trient Transsubstantiation, also Wesensverwandlung. Wir sehen, fühlen und schmecken noch die äußeren Gestalten, doch die Allgewalt Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, hat durch den Vollzug des Sakramentes nach dem Willen Christi Seine Gegenwart an die Stelle des vorher Vorhandenen gesetzt. Das ist keine bloß symbolische Handlung, keine Erinnerung an Vergangenes, sondern Gegenwart, großartige, göttliche, verklärte Gegenwart des triumphierenden Erlösers!

Diese Gegenwart ist, was nur Gott uns schenken kann; sie ist, was die Kirche aufgrund eindeutiger Offenbarung Christi von Anbeginn glaubt; sie ist, was wir in der heiligen Messe feiern und in der Kommunion empfangen. Schon die frühesten Christen haben das gewusst, wie wir aus den mahnenden Worten des heiligen Paulus entnehmen können, die wir in der Messfeier des Gründonnerstags hören: „Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der versündigt sich am Leib und Blut des Herrn. Daher prüfe sich der Mensch, und so esse er von dem Brot und trinke aus diesem Kelch. Denn wer unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht, da er den Leib des Herrn nicht [von gewöhnlicher Speise] unterscheidet.“ (1 Korinther 11, 27-29). Deswegen gehen wir auch vor dem Osterfest zum Sakrament der Beichte, damit wir uns prüfen und unsere Schuld vergeben wird, bevor wir den Leib des Auferstandenen empfangen.

Deswegen auch scheiden sich am Altarssakrament die Geister. Das ist heute so, das war schon zu Zeiten des Lebens Jesu auf Erden so. „Viele von seinen Jüngern, die es hörten, sagten: ‚Hart ist diese Rede, wer kann sie hören?‘ […] Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.“ (Johannes 6, 60-66). Wir stehen vor einem Geheimnis des Glaubens, das zugleich Trost und Herausforderung bedeutet. Trost schöpfen wir aus dem festen Glauben an die bleibende Gegenwart des Herrn unter uns. So wie er nicht vom Kreuz herabgestiegen ist, so lässt er uns auch jetzt nicht allein, wenn Leiden kommen. Auf Ihn können wir immer zählen! Seine Gegenwart ist unverbrüchlich. Sie hängt nicht von unserem Glauben ab, weil sie objektiv und wirklich ist. Auch wenn wir zweifeln, bleibt Er da. Er entzieht dem Sakrament Seiner Gegenwart niemals seine Kraft. Es bleibt, wie alle Sakramente der Kirche, wirkmächtiges Zeichen seiner Erlösungsgnade. Er klopft an unsere Türe. Wir brauchen nur zu öffnen. Er ist da!

Darin liegt auch die Herausforderung. Weil Christus als Gottmensch in diese Welt gekommen ist und im Sakrament des Altares als Gottmensch Seiner Kirche gegenwärtig bleibt, stellt diese Präsenz Ansprüche. Viele aber „wissen nicht, was sie tun“. Sie wollen das Geheimnis verkleinern, denn Seine Gegenwart ist den Sündern unerträglich. Sie wollen sein Handeln leugnen: Was geschieht, „hat nichts mit Gott zu tun“. Sie hätten am liebsten den alten Weltbaumeister-Gott der Aufklärung zurück, der das Uhrwerk der Welt aufzieht und uns dann in Ruhe lässt. Aber wir können die Gegenwart Christi nicht abschaffen. Wir können den Erlöser nicht „zur Ruhe setzen“. Wir können Ihn nicht auf ein „Gottesdienst-Set“ reduzieren. Christus ist kein Symbol eines unverbindlichen „Seid-nett-zueinander“. Er ist keine ferne Erinnerung. Er ist da!

Heute, am Gründonnerstag, wie bei jeder heiligen Messe und in jedem Tabernakel, ist er wieder mitten unter seinen Jüngern. Er bricht mit uns das Brot des Lebens, dass Er selber ist. Er gibt sich uns ganz. Er wartet auf uns. Er weiß, wer ihn verraten wird. Trotzdem bleibt Er bei uns. Unsere Antwort auf die Herausforderung Seiner Gegenwart ist die der Kirche aller Zeiten: Bekenntnis, Anbetung, Liebe! Als der Herr die Jünger fragte: „Wollt nicht auch ihr weggehen?“, hat Petrus für uns alle die Antwort gegeben, die der göttlichen Gegenwart gebührt: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens!“ (Johannes 6, 67-68). Amen

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum Palmsonntag 2020

Wenn uns jemand wichtig ist, dann begrüßen wir ihn auf besondere Weise, wenn er eintrifft. Wir bringen zur Ankunft Blumen an Flughafen oder Bahnhof. Wir schmücken unser Zuhause, um die erwartete Person zu empfangen. Päpsten, Landesfürsten oder Bischöfen wurden Triumphbögen errichtet, um die Ehre und Freude ihres Besuches zum Ausdruck zu bringen. Wessen Amt wichtig ist, bekommt auch heute noch beim Anreisen „einen großen Bahnhof“. Auch jetzt noch werden vielerorts Elternhaus des Primizianten, Prozessionsweg und Kirche geschmückt, wenn ein junger Priester nach Hause kommt, um seine erste heilige Messe zu feiern. Ein hoher Besuch, eine besondere Heimkehr sind Grund zu Jubel und Feier.

Das geschah auch vor mehr als 2000 Jahren beim Einzug des Herrn in Jerusalem: „Die Kinder der Hebräer zogen mit Ölzweigen in den Händen dem Herrn entgegen und riefen: ‚Hosanna in excelsis‘!“ Mit diesen Worten besingt die Kirche in den Antiphonen des heutigen Tages die ergreifende Szene vom Einzug des Herrn in Jerusalem, die das Matthäusevangelium (Matthäus 21, 1-9) schildert: „Sehr viele vom Volke breiteten ihre Kleider über den Weg, andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Scharen, die vorausgingen und nachfolgten, riefen laut: ‚Hosanna dem Sohn Davids! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“

In einer Vorahnung begrüßte die Menge Christus als den wirklichen König, „der da kommt im Namen des Herrn“. Auch wenn viele später an ihm Irre werden sollten und die meisten wohl nur an ein irdisches Königtum dachten, hat das Geschehen prophetischen Charakter. Mit Recht heißt es in den ursprünglichen Segnungsgebeten der Palmzweige für die Prozession dieses feierlichen Tages: „Denn schon damals ahnte die beglückte Menge den vorbildlichen Sinn: unser Erlöser werde aus Erbarmen mit dem Elend der Menschen für das Leben der ganzen Welt mit dem Fürsten des Todes kämpfen und sterbend über ihn triumphieren. Und darum brachten sie zur Huldigung jene Zweige herbei, die Seinen glorreichen Sieg wie auch die Fülle Seiner Barmherzigkeit versinnbildlichen sollten.“

Wie schon seit Jahrtausenden, so trägt auch jetzt wieder die Kirche, das Neue Jerusalem, dem Herrn zu seiner besonderen Begrüßung geweihte Zweige entgegen. Auf dem ganzen Erdkreis geschieht Jahr für Jahr, was eine der Prozessionsantiphonen singt: „Sie huldigen dem Sieger auf seinem Triumphzug. Laut rühmet der Völker Mund den Gottessohn!“ Durch die universale Kirche, die sich durch die Heilstat Christi auf den ganzen Erdkreis ausdehnt, wird der Herr jedes Jahr mit dem feierlichen Hymnus begrüßt, der Seine Gottheit bekennt: „Gloria, laus et honor tibi sit, Rex Christe, Redemptor: Ruhm und Preis und Ehre Dir, Christ-König, Erlöser!“ Die Kirche preist heute den König des Erbarmens, der sich nicht gescheut hat, nach Jerusalem einzuziehen, wo sein Opferaltar am Kreuz bereitet war. Er ist das geschmückte Opferlamm, das sich schlachten lässt, um für uns zu sühnen. Darin liegt die einzigartige Hoheit Seines Priesterkönigtums, vom Vater gewollt zur Erlösung der Welt. Daher wird in der Liturgie des heutigen Tages die Passion gelesen, um zu zeigen, dass die Krone unseres Königs aus Dornen ist.

Die Menge in Jerusalem hat den Sieg Christi in ihrem Jubel vorausgeahnt. Die glaubende Kirche aber weiß, wie dieser Sieg erkämpft wurde. Ihr Jubel ist ein Jubel unter Tränen. Daher heißt es wieder in den alten Weihegebeten der Palmzweige: „Wir nun, die wir den vollen Glauben besitzen, erkennen klar die Vorbedeutung und ihre Erfüllung und bitten Dich flehentlich, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch Ihn, unsern Herrn Jesus Christus, daß wir in Ihm und durch Ihn, zu dessen Gliedern Du uns gemacht hast, den Sieg über die Herrschaft des Todes erringen und würdig werden, an Seiner glorreichen Auferstehung teilzunehmen.“ Christus hat den Kampf mit dem Tod gekämpft, um uns das Leben zu erstreiten. Wenn wir aber an Seinem Königtum in der Auferstehung des Fleisches teilhaben wollen, werden wir auch an seinem königlichen Kampf teilnehmen müssen.

Deswegen dürfen wir uns nicht wundern, dass vor dem endgültigen Jubel die Tränen kommen. Hier auf Erden ist aller Jubel, alle Freude, aller Triumph der Kirche und ihrer Kinder immer mit Tränen verbunden. Die Freude der katholischen Feste und die Größe und Schönheit der Kirche in diesen Momenten gibt die Kraft, uns vorzubereiten auf das noch Kommende. Wie Christus sich durch den festlichen Einzug nach Jerusalem auf seinen Opfertod vorbereitet hat, so führt die Kirche ihre Kinder durch dieses Tal der Tränen, indem sie uns lehrt, in der Dunkelheit den schon errungenen Sieg Christi nicht zu vergessen. Vor dem endgültigen Einzug in das himmlische Jerusalem liegen für uns alle Leiden und Kreuz. Jeder muss durch das dunkle Tor des Todes schreiten. Manchmal ist das Leben der Kirche selbst von Dunkelheit überschattet. Doch ihre Gesänge und ihr Jubel verstummen selbst unter Tränen nie, denn sie sieht durch das Dunkel des Todes das leuchtende Licht des himmlischen Jerusalem, das Licht des Lammes, das Christus ist (Apokalypse 21,23).

Viele von uns werden heute nicht wie gewohnt an den Feierlichkeiten des Palmsonntags teilnehmen können, weil die Kirche zum ersten Mal in ihrer Geschichte gezwungen ist, sie hinter verschlossenen Türen zu feiern.  Trotzdem werden die uralten Triumphgesänge erklingen und wird Christus als König von neuem in das Jerusalem der Kirche einziehen. Die Palmzweige, die in jedem Fall geweiht werden, sind uns dann ein Zeichen dafür, dass der Triumph Christi durch das Dunkel niemals ungeschehen gemacht werden kann. In unseren Häusern erinnern sie uns daran, dass unser geopferter König Christus Sieger ist und bleibt. Nichts fürchten die Mächte der Finsternis mehr als die Feiern der heiligen Geheimnisse des Erlösers durch die Kirche. Immer schon wurde alles getan, um die Braut Christi an der freien Ausübung ihrer von Christus stammenden Rechte zu hindern. Schon oft umzingelten die Feinde „das Lager der Heiligen und die geliebte Stadt“ (Apokalypse 20, 9). Doch immer blieb Christus Sieger und immer siegte das Licht über das Dunkel, so dicht es auch war. Auch heute können wir, die Palmen in den Händen, ohne Angst die Stimme erwarten, die uns mitten im Dunkel zuruft: „Seht, das Zelt Gottes unter den Menschen…Er selbst wird als Gott bei ihnen sein!“ (Apokalypse 21, 3). Der Herr ist in die Kirche als Sieger eingezogen und er wird sie niemals mehr verlassen! Amen.

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Daniel in der Löwengrube

Liebe Gläubige,

die heutige Lesung führt uns mit dem Propheten Daniel nach Babylon.

Dorthin hatte der babylonische König Nebukadnezar II. nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Jahre 597 v. Chr. die Bevölkerung Judeas verschleppt. Aufgrund ihres Unglaubens und ihrer Verstocktheit wurden die beiden verbliebenen Stämme Israels im Südreich, nämlich Juda und Benjamin, von Gott der Macht ihrer Feinde preisgegeben. 70 Jahre lang sollte dieses Exil fern der Heimat in heidnischen Landen andauern.

Daniel fand dort das Vertrauen des Königs. Eines Tages wurde er von Bewohnern Babylons beim König verklagt, denn Daniel hatte eine Statue des Götzen Marduk zerstört, des babylonischen Stadtgottes, der im Zuge der Ausbreitung des babylonischen Reiches zum Haupt des babylonischen Pantheons avanciert war. Im mesopotamischen Raum, wie auch in der Heiligen Schrift, wurde dieser Gott auch Bel, also Herr, genannt. Daniel hatte es jedoch nicht bei der Zerstörung des Bel belassen. Er tötete auch dessen Attribut, den Mardukdrachen, ein giftspritzendes Mischtier aus Schlange und Drachen, das in der Mythologie der Babylonier der Begleiter Marduks ist, des Herrn aller Götter, des Schöpfers von Himmel und Erde und auch der Menschen.

In der Heiligen Schrift begegnen uns vielfach eindringliche Warnungen vor den heidnischen Göttern, die besonders im 5. Buch des Mose (Dtn. 32,17) und in den Psalmen als Dämonen benannt werden. So heißt es etwa im Psalm 95,5 „Dii enim gentium daemonia sunt.“ „Die Götter der Heiden sind nämlich Dämonen.“ Psalm 113 lobsingt der Transzendenz und Allmacht des einen und wahren Gottes und rühmt seine zahllosen Großtaten. Im Kontrast hierzu verspottet der Psalmist die Götzenbilder der Heiden, die aus Silber oder Gold gefertigt sind, als das leblose Werk menschlicher Hände. An diese Psalmverse wird der Prophet Daniel wohl gedacht und sie in seinem Herzen auch gebetet haben, als er daran ging, die Statue des grausamen Marduk umzustürzen und zu zerstören, dem zur Besänftigung seines Zornes in einem Feuerofen Menschenopfer dargebracht wurden.

Nur nach heftigsten Morddrohungen hatte der König dem Sinnen der Götzendiener schließlich nachgegeben, und Daniel wurde von diesen in eine Löwengrube geworfen.

Gott gedachte jedoch seines treuen Dieners Daniel, bewahrte ihn vor den ausgehungerten Löwen und sandte sogar einen Engel mit dem Propheten Habakuk aus Judea, der Daniel ein Mahl brachte, sodass er bei Kräften bliebe. Der Prophet Daniel erhob nun seine Stimme zum Lobpreis Gottes und sprach: „Du hast meiner gedacht, o Gott, und die nicht verlassen, die Dich lieben!“ Daniel ist in dieser äußersten Gefahr des Todes ein Typus für Christus, der von seinen Feinden wie von blutrünstigen Löwen umringt war und den der himmlische Vater im Leidensgarten Getsemani durch einen Engel stärkte.

Als der König am siebten Tag zur Löwengrube kam, um über Daniel zu trauern, da war er vor lauter Freude ganz außer sich, Daniel heil wiederzufinden. Voller Staunen über Gottes Allmacht und Treue rief er aus: „Groß bist Du, Herr, Gott Daniels!“ Danach bekannte der König laut vor allen: “Alle Bewohner der ganzen Erde sollen den Gott Daniels fürchten, denn er ist der Retter, der Zeichen und Wunder wirkt auf Erden. Er hat Daniel aus der Löwengrube befreit.“

Daniel ist ein Typus für Christus, er weist durch sein Prophetenamt und Leben auf den Heiland hin, der im heutigen Evangelium nach Johannes (Joh. 7,1-13) gegenüber seiner ungläubigen Verwandtschaft ausruft: „Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, daß ihre Werke böse sind.“

Trifft nicht auch uns Christen, die wir in der Nachfolge Jesu Christi stehen, immer mehr der Hass der Welt; einer Welt, die uns nicht versteht, aber meist auch gar nicht verstehen will?

Werden nicht auch wir von blutrünstigen Löwen umkreist, wie der heilige Apostelfürst Petrus in seinem ersten Brief geschrieben hat (1 Petr 5,8-9): Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens! Wisset, dass eure Brüder in der ganzen Welt die gleichen Leiden zu ertragen haben!

Auch die Ungeordnetheit unserer Leidenschaften, die nach der Ursünde unserer Stammeltern machtvoll gegen die Vernunft nach Erfüllung streben, ist wie ein unermüdlicher Feind im eigenen Haus, dessen wir uns während unserer gesamten Lebenszeit fast unablässig zu erwehren haben.

Der Blick auf die Schwierigkeiten und Probleme dieses irdischen Lebens darf nicht den Blick der Seele auf den drei Mal heiligen und treuen Gott verstellen, in dessen gütiger und mächtiger Hand wir ruhen: Mit dem Propheten Daniel wollen wir besonders im Dunkel schwerer Kreuze unsere lebendige Hoffnung bekennen:

„Du hast meiner gedacht, o Gott, und die nicht verlassen, die Dich lieben!“

Diese Treue und Nähe Gottes zu uns Menschen zeigt sich in unüberbietbarer Fülle in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der zu unserem Heil Mensch geworden ist.

Im Glanze seiner Wahrheit wollen wir ihm nachfolgen. Christus ist das Licht der Welt. In seinem Lichte können wir Gut und Böse, wahr und falsch durch die Lehre der Kirche klar erkennen.

An Christus wollen wir uns halten, auch wenn wir dafür von der Welt gehasst werden. Mit der Opfergesinnung Christi vereint, wollen wir den Willen des himmlischen Vaters in allem erfüllen. Auch die schwierigsten Zeiten und Nöte können wir meistern, denn Gott wird uns niemals verlassen! Er bleibt stets bei uns als unsere Stärke und unser Trost. Gott ist bei uns, weil er uns liebt! Er steht uns in unverbrüchlicher Treue bei, damit wir in den Stürmen der Zeit gereinigt werden, in der Tugend uns bewähren und in der Liebe wachsen. Vertrauensvoll dürfen wir allzeit zu ihm in Hoffnung blicken und beten:

„Du hast meiner gedacht, o Gott, und die nicht verlassen, die Dich lieben!“

Kanonikus Richard von Menshengen

Noch vierzig Tage, und Ninive wird zerstört!

Liebe Gläubige,

die heutige Lesung am Montag nach dem Passionssonntag führt uns mit dem hl. Propheten Jonas in das achte Jahrhundert vor Christus.

Jonas entstammt dem israelitischen Stamme Zabulon und wirkte zur Zeit des Königs Jeroboam II., des letzten bedeutsamen Königs des Nordreiches Israel. Jonas ist die prophetische Stimme Gottes gegen Ende dieses Nordreiches. Im Jahr 722 v. Chr. wurde dieses schließlich vom assyrischen König Salmanasar V. und seinem Nachfolger Sargon II. gänzlich unterworfen, die Hauptstadt Samaria wurde zerstört und bis auf Juda und Benjamin wurden alle Stämme des alten Israel von den Assyrern in die Gefangenschaft nach Mesopotamien und Medien verschleppt. Die Glaubensmüdigkeit und -Unwilligkeit der zehn Stämme des Nordreiches war der Grund, weshalb Gott seine schützende Hand von ihnen schließlich hinwegzogen und sie der Macht ihrer Feinde überlassen hatte.

Jonas wurde von Gott erwählt, um den Bewohnern von Ninive, der Hauptstadt des Neuassyrischen Reiches, die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes zu verkünden. In seiner Berufung wird deutlich, wie auch an vielen Stellen in den Psalmen, daß sich Gottes Heilswillen auf alle Völker erstreckt und daß auch die Heiden zu Umkehr und zur Anbetung des einen und wahren Gottes berufen sind.

Der Prophet Jonas musste zuerst Gehorsam gegenüber seiner eigenen Berufung erlernen und Sühne leisten. Aus Furcht hatte er den Ruf Gottes, nach Ninive zu gehen, zurückgewiesen und wollte vor Gott über das Meer fliehen. Schließlich fügte er sich jedoch inmitten eines gewaltigen Sturmes dem Willen des Herrn. Wir kennen alle die im Buch Jonas enthaltene und von Jesus Christus in den Evangelien zitierte Überlieferung, dass sich Jonas von den Seeleuten ins Meer werfen ließ und von einem Seeungeheuer verschlungen wurde, das ihn nach drei Tagen wieder ausspie, und zwar auf trockenes Land.

Innerlich gereinigt fügte sich Jonas nun seiner prophetischen Aufgabe und ging auf Anordnung Gottes nach Ninive: Wie die Lesung aus dem Buch Jonas berichtet (Jon 3, 1-10), war Ninive eine wahre Metropole, gelegen am Oberlauf des Tigris, gegenüber der heutigen Stadt Mosul im Irak. Von dort aus herrschte der assyrische König über ein Gebiet, zu dem neben Mesopotamien auch Syrien sowie große Teile Kleinasiens und Ägyptens gehörten und das bedeutende Zentren wie Babylon und Memphis miteinschloss. Wie die Geschichtsschreiber berichteten, waren die kriegerischen und grausamen Assyrer damals zum Schrecken der Völker geworden.

Die politische, wirtschaftliche und militärische Bedeutung Ninives im 8. Jh. vor Christus können wir mit heutigen Machtzentren wie Washington, Brüssel, Moskau oder Peking vergleichen. Jonas begann in die Stadt hineinzugehen, eine Tagesreise weit, und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive wird zerstört! Und es geschah das Erstaunliche und schier Wunderbare: Die heidnischen Bewohner dieser Metropole, die so sehr im Götzendienst und in den verschiedensten Lastern verhaftet waren, glaubten an Gott, riefen ein Fasten aus und taten Buße in Sacktuch und Asche.

Auch die politische Hierarchie Ninives, der König und seine Fürsten, leisteten öffentlich Sühne für Ihre Missetaten und die ihres Volkes. Sie anerkannten die absolute Gerechtigkeit und Allmacht des einen und wahren Gottes, verabscheuten ihre Sünden in ernster Buße und drückten ihre Hoffnung aus, dass Gott ihnen Barmherzigkeit erzeigen würde. So sprachen sie:“ Wer weiß, ob sich Gott uns nicht zuwendet und vergibt und sich abwendet von seinem glühenden Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen?“ Der Bericht des Propheten Jonas beschließt mit den Worten: „Und Gott sah auf ihr Tun, dass sie sich von ihrem bösen Weg bekehrten, und es erbarmte sich seines Volkes der Herr, unser Gott.“

Geliebte im Herrn: Sind wir Christen – in dieser vom Säkularismus so schwer gezeichneten Welt – heute nicht in einer ähnlichen Situation wie damals Jonas im alten Ninive?

Ruft nicht Jesus Christus durch seine Kirche die Menschen und Völker unablässig zu Umkehr und Buße auf?

Hat nicht die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria bei ihrer Erscheinung in Fatima im Jahr 1917 eine umfassende Umkehr und das tägliche treue Gebet des hl. Rosenkranzes angemahnt?

Nehmen wir die heilige Fastenzeit ernst und leisten wir Wiedergutmachung vor Gottes Gerechtigkeit, die die Menschen nach ihren guten oder bösen Werken richten und ihnen vergelten wird!

Krankheiten, Seuchen, Hungersnot und Kriege haben seit jeher die Menschen geplagt, und diese haben sich gerade in solch schweren Zeiten besonders an Gott um Hilfe gewandt. Gott allein ist allmächtig! Er allein kann uns wirklich helfen, und er will uns auch beständig helfen. Aber wir sündhafte Menschen müssen seine Medizin, die er uns reicht, auch annehmen!

Um wieviel schlimmer als leibliche Übel sind die Krankheiten der Seele: Glaubenslosigkeit und religiöse Gleichgültigkeit, Atheismus, Aberglaube und Götzendienst? Aus diesen Übeln ist in den vergangenen 250 Jahren eine Kultur des Todes erwachsen, die historisch wohl keine Parallelen findet.

Beten und opfern wir im Geist der Sühne, der allmächtige Gott möge die Menschen vor den Folgen ihrer Sünden verschonen, er möge der Kirche und der Welt seine Barmherzigkeit erweisen, die in Sünden Verstockten bekehren und uns im Glaubensleben festigen und eifriger machen!

Das Versprechen Unseres Herrn Jesus Christus im heutigen Evangelium nach Johannes
(Joh. 7, 32-39) möge uns mit Hoffnung erfüllen: „Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Der hl. Johannes fügt erklärend an: „Das aber sagte er von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glauben.“

Christus ist die reinigende und heilende Medizin, auch für unsere schöne, neue und aufgeklärte Welt, die von der Last ihrer Sünden und deren Folgen immer mehr erdrückt wird:

Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben!

Glauben wir an ihn und nicht an die törichte Weisheit unseres Zeitalters!

Machen wir uns auf – und kehren wir um zum Herrn!

Kanonikus Richard von Menshengen

Predigt zum Passionssonntag 2020

Liebe Gläubige!

Viele von uns fühlen sich in diesen Tagen verlassen und allein. Unsere Kontakte zu anderen Menschen sind begrenzt. Unser Zugang zu den normalen Verläufen des Lebens ist oft erschwert. Selbst der Trost der Sakramente und die Teilnahme an der heiligen Messe ist für viele unmöglich gemacht. So fühlen wir uns ziemlich verlassen, manchmal sogar von den Vertretern der Kirche. Unsere Gesellschaft und der Einzelne in ihr scheinen nun auch sichtbar in einen Zustand einzutreten, den man als „gottverlassen“ beschreiben könnte.

Aber sind wir wirklich „gottverlassen“? Gerade als Er in seine Passion eintritt, ruft der Herr allen an ihm Zweifelnden zu: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ehe Abraham ward, bin ich!“ (Johannes 8,58) Angesichts der Glaubenslosigkeit und Zweifel seines Volkes unterstreicht Christus klar und eindeutig die Tatsache seiner Gottheit. „Ehe Abraham war, bin Ich!“ Aus der Ewigkeit tönen diese Worte in die Zeit hinein. Sie sind nicht nur für die Zeit des irdischen Lebens Jesu gesprochen. Sie ertönen heute wieder mitten in unserer Welt: „Ehe Abraham war, bin ich!“

Gott ist immer in unserer Welt gegenwärtig: „In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir!“, sagt der heilige Paulus schon den Griechen auf dem Areopag in Athen (Apostelgeschichte 17, 28). Gott ist überall! Er ist der Urgrund dieser Welt, schenkt ihr das Sein und erhält sie. Ohne Ihn ist nichts! Ohne ihn bleibt nichts! Er ist nicht mit der Welt eins, sondern Er ist ihr Herr. Alle Wesen, auch wir Menschen, haben unser Sein von ihm. Er kennt uns durch und durch. Er weiß um einen jeden von uns. Jedes Haar auf unserem Haupt ist gezählt (vgl. Lukas 17 ,7). Anfang und Ende jedes Geschöpfes liegen in Seiner Hand. Er verlässt uns nie!

Was Christus uns im heutigen Evangelium sagt, ist noch viel mehr. „Ehe Abraham war, bin Ich“! Diese Offenbarung Seines göttlichen Wesens ist ein Echo der Stimme aus dem brennenden Dornbusch: „Ich bin der Ich bin!“ (Exodus 3, 14). Der uralte Name Gottes, im griechischen Text ἐγώ εἰμί [ego eimi, Ich bin], erschließt die Mitte der göttlichen Natur in Christus: Er ist die Fülle allen Seins, der allmächtige Gott: Gott gleich dem Vater und dem Heiligen Geist, und er ist da, mit seiner Macht und Größe, überall und mitten unter uns. Das Wunder seiner Gegenwart wird uns offenbart: In der Menschheit Christi ist Gott sogar mitten in unsere Geschichte getreten, damit wir nie mehr alleine sind!

Das hat zunächst niemand verstanden außer Maria, der Jungfrau. In ihr und durch ihr Ja zum Wirken Gottes war dieses wunderbare Heilsgeschehen möglich geworden. Deswegen verehren wir sie vor allen Engeln und Heiligen als die unbefleckte Mutter Gottes. Die anderen haben nichts oder wenig verstanden. Das Volk hob Steine auf, „um sie nach ihm zu werfen.“ (Johannes 8, 59). Jesus hatte ihnen auf den Kopf zugesagt, warum sie nichts verstehen konnten und wollten: „Wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort; darum hört ihr nicht darauf, weil ihr nicht aus Gott seid.“ (Johannes 8, 47). Deswegen verbarg er sich vor ihnen und ging hinweg aus dem Tempel (vgl. Johannes 8, 59).

Wer nicht verstehen will, der ist aus eigener Schuld verlassen, denn vor ihm verbirgt sich Gott. Das passiert uns, wenn wir uns von Gott abwenden. Wir wollen nicht hören und Gott verbirgt sich vor uns. Er lässt uns nicht allein, aber der Sünder kann ihn weder hören noch sehen. Das kann dem Einzelnen geschehen, aber auch der ganzen Gesellschaft. Diese Gottferne ist sowohl für den Einzelnen wie für die Gesellschaft eine Folge der Verweltlichung. Wenn der Mensch sich zum Maß aller Dinge macht und das Gesetz Gottes vergisst, dann wird er blind und taub. Er hebt Steine auf, um sie nach Gott zu werfen. Gott lässt ihn selbst dann nicht allein, aber er verbirgt sich. Um uns an diese traurige Folge unserer Sündhaftigkeit zu erinnern, verhüllt die Kirche am heutigen Passionssonntag auch heute noch die Kreuze und Statuen.

Manchmal ist diese Gottabgewandtheit mitten in die Kirche eingedrungen. Jesus hat schon den Aposteln klagend vorgeworfen: „Versteht ihr denn immer noch nicht?“ (Markus 8, 21). Sie haben ihn alle verlassen, als es darauf angekommen wäre, ihm besonders treu zu sein. Sie haben an seiner Gottheit gezweifelt und nicht nur Judas, sondern auch Petrus hat ihn ausdrücklich verraten. Immer, wenn die Kirche die Mahnung des heiligen Paulus missachtet hat: „Nolite conformari huic saeculo – gleicht Euch nicht der Welt an!“ (Römer 12, 2), sind die Apostel blind und taub geworden.

Dann hat Gott sich verborgen, aber er hat Seine Kirche niemals allein gelassen. Er hat Petrus und den Aposteln ihre Hirtenaufgabe nicht entzogen. Er ist mit ihnen und uns, trotz unserer Sündhaftigkeit, in der Kirche geblieben. Die Epistel des Passionssonntags macht das völlig klar. Der Hebräerbrief tröstet uns mit dieser Wahrheit: „Christus erschien als Hohepriester der künftigen Güter. Er ging […] mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Allerheiligste, nachdem er die ewige Erlösung bewirkt hatte.“ (Hebräer 9, 11-12) Der neue Bund, dessen Mittler Christus ist, besteht weiter, auch wenn wir uns von Gott abwenden. Seine göttliche Gegenwart unter uns mag vielen, die Steine werfen, verborgen sein, aber sie hört niemals auf.

Die Kirche geht heute sehr sichtbar mit Christus in die Passionszeit hinein. Er ist verborgen, aber Er verlässt uns nicht. Im Sakrament der heiligen Eucharistie ist der göttliche Mittler gegenwärtig. Auch in diesen Zeiten können wir ihn dort anbeten, wenn nicht durch einen Besuch, dann doch wenigstens in unseren Herzen. Wir sind gerufen, die Gegenwart des Gottmenschen stellvertretend für die, die nicht sehen und hören wollen, in dieser Welt zu verkünden. Wir sind gerufen, wie die Gottesmutter, die Apostel durch Gebet und Beispiel zu ermutigen. Unser Glaube zählt! Jeder Akt der geistigen Anbetung Gottes in der Kirche oder zuhause ist ein wichtiges Bekenntnis, damit Gottverborgenheit nicht Gottverlassenheit wird. Das nahende Osterfest, an dem Gott aus der Verborgenheit heraustritt, schafft niemand ab. Aus der festen Glaubensgewissheit an seine bleibende österliche Gegenwart bekennen wir mit der heiligen Kirche vor dem Gottmenschen Christus, dem Hohepriester des Neuen und Ewigen Bundes: „Bevor Abraham war, bist DU!“

Msgr. Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz

Predigt zum vierten Fastensonntag „Laetare“

Liebe Gläubige,

“Freu Dich, Jerusalem: kommt alle zusammen, die ihr es liebt; froh überlasst Euch der Freude, die Ihr traurig wart…wir ziehen zum Hause des Herrn.“ (Isaias 66, 10-11) Der Introitus der Messe vom vierten Fastensonntag, die in der Vorfreude auf das kommende Osterfest in der liturgischen Farbe Rosa gefeiert wird, scheint mit unserer Situation gar nichts gemeinsam zu haben. Wir sind von einer Epidemie bedroht. Vorsichtsmaßnahmen sind zu ergreifen. Wir dürfen nicht zusammenkommen, wir dürfen gemeinsam nicht zum Haus des Herrn ziehen. Sogar die Möglichkeit der Teilnahme am Opfer Christi im Haus des Herrn ist den meisten von uns unmöglich geworden. Wir haben in diesen Tagen offensichtlich keinen Grund zur Freude, sondern zur besorgten Traurigkeit.

Doch stimmt das eigentlich? Haben wir keinen gar keinen Grund zur Freude? Der heilige Isaias, aus dessen letztem Kapitel der Prophetien dieser Aufruf zur Freude stammt, lebte in dunkler Epoche und hat schwere Zeiten und Strafgerichte angekündigt. So spricht er im selben Kapitel seiner Prophezeiungen kurz vorher vom Zorn des Herrn über diejenigen, die Ihm nicht folgen: „Darum wähle auch ich ihnen Strafen aus und das, wovor ihnen graut, bringe ich über sie; denn ich rief, doch niemand gab Antwort, ich redete, doch sie hörten nicht, sondern taten, was mir missfällt, und was ich missbillige, wählten sie sich.“ (Isaias 66, 4). Isaias Zeiten waren den unseren also zu vergleichen, wenn auch das Böse in immer neuen Formen erscheint, wenn die Menschen sich von Gott abwenden. Der Teufel ist erfinderisch!

Gott aber ist größer als der Feind der Menschheit und seine Machenschaften, die von dem Ungehorsam der Menschen gegenüber dem göttlichen Willen profitieren. Gott lässt uns Menschen selbst dann nicht allein, wenn wir uns von ihm abwenden. Trotz der Herrschaft der Mächte der Finsternis in der Welt, lässt er niemals von seinem Plan der Rettung und Erlösung ab. Prophetisch sagt dazu Isaias von der lärmumtosten Stadt Jerusalem, die hier Urbild für die Gottesmutter und die Kirche ist: „Noch ehe sie in Wehen kam, hat sie schon geboren, bevor ihre Schmerzen einsetzten, hat sie schon ein Knäblein zur Welt gebracht. Wer hat solches schon vernommen, wer je dergleichen gesehen?“ (Isaias 66, 7-8).

Diese geheimnisvolle Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen. Gott hat seinen Erlösungsplan erfüllt und uns seinen Sohn gesandt, geboren aus der Jungfrau Maria. Deswegen konnte schon mehr als 700 Jahre vor der Geburt das Herrn der große Prophet zur Freude aufrufen: „Gaudete cum laetitia, qui in tristitias fuistis – froh überlasst Euch der Freude, die ihr traurig wart!“ (Isaias 66, 10) Was auch immer geschieht, der Erlöser ist gekommen! Seine rettende Gnade kann der Kirche niemand nehmen, denn sie ist von unserem Erlöser dazu gestiftet worden, diesen Gnadenschatz zu bewahren und weiterzugeben. Durch die Taufe hat sie viele Kinder, wie uns Paulus in der Epistel des heutigen Tages sagt. Wir sind „Kinder der Verheißung!“ (Galater 4, 28), weil wir Kinder der Kirche sind. Deswegen vertrauen wir auf Gott und seine Ratschlüsse.

Um diese Freude des Glaubens nicht zu verlieren, wollen wir gerade jetzt die Fastenzeit ausnutzen, um das Gesetz Gottes besser zu kennen und nach ihm zu leben. Sicher wird uns unsere Schwäche und Sündhaftigkeit immer wieder in Versuchung bringen, vielleicht auch Angst uns ergreifen. Wenn wir aber das Gesetz Gottes in den zehn Geboten und vor allem in dem vom Herrn besonders offenbarten Gebot der Gottes- und Nächstenliebe ständig vor Augen haben, werden wir nicht in die endgültige Knechtschaft der Sünde fallen. In einer Zeit, in der das Gesetz Gottes oft ignoriert, belächelt oder gar verhöhnt wird, können wir ihm „auf Grund der Freiheit“ folgen, „die uns Christus geschenkt hat“ (Galater 4, 31f). Die Gnade macht uns frei, damit wir die Gebote Gottes halten können. Nur aus dieser Freiheit kommt die wahre Freude!

Zurzeit wird den meisten von uns verunmöglicht, die heilige Messe und vielen auch die Kirche zu besuchen. Wie es scheint, handelt es sich um eine so noch nicht erlebte geschichtliche Situation. Bisher geschahen ähnliche Dinge nur durch die verheerenden Folgen großer Katastrophen oder direkte Zwangsmaßnahmen gegen den katholischen Glauben. Der Herr bleibt trotzdem bei uns. Er ist in den Tabernakeln unserer Kirchen weiter anwesend und wir können uns wenigstens geistig mit ihm vereinigen. Wo es noch möglich ist, können wir seinen heiligen Leib in der Kommunion empfangen. Das heutige Evangelium sagt uns, wie er auf Erden das Brot zum Leben vermehrt hat. So bleibt er im Brot des Lebens, das er selber ist, wirklich und wahrhaftig, mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit, weiter mitten unter uns. Seine Verheißung ist uns wahrer Grund zur Freude: „Ich bleibe bei Euch alle Tage, bis zum Ende der Welt!“ (Matthäus 28, 20)

Noch eine weitere Gnade aus der Erfüllung der Verheißung gibt uns trotz allem Grund zur Freude: Im Sakrament Seiner großen Barmherzigkeit, der heiligen Beichte, vergibt Christus uns weiter Schuld und Sünde. Gerade in der Fastenzeit sind wir alle gerufen, das Sakrament der Vergebung zu empfangen, damit wir von aller Schuld gereinigt werden. Die Osterfreude kommt aus der Erlösung, Rettung und Vergebung durch Christus. Er ist und bleibt Sieger über Sünde, Tod und Teufel! Wenn wir gut vorbereitet die heilige Beichte empfangen, haben wir jedes Mal Anteil an diesem Sieg. Dort, wo der Beichtempfang ebenfalls erschwert ist, können wir einen Akt der vollkommenen Reue setzen und uns vornehmen, so bald als möglich das Bußsakrament zu empfangen. Die Vergebung Gottes wird uns so nicht entzogen werden. Lassen wir uns diese Quelle der Freude, die nie versiegt, von niemandem nehmen!

Es ist wahr, wir haben Grund zur Sorge und wir müssen die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Doch noch viel mehr haben wir als Christen Grund zur Freude! Bleiben wir nahe beim Herrn durch die Befolgung seines Gesetzes, die Anbetung seiner Gegenwart und den Empfang seiner Vergebung. Wenn wir das tun, können wir trotz allem freudig und von Herzen mitbeten, was die Kirche heute im Graduale der Messe bekennt: „Wer auf Gott vertraut, steht da, fest wie der Sionsberg!“ (Psalm 124, 1). Amen.

Monsignore Prof. DDr. Rudolf Michael Schmitz